Die gewollte Inflation

4. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die EZB scheint die Inflation weiter in die Höhe treiben zu wollen – und vergrößert damit die Probleme für die Sparer im Euroraum. Die Inflation kommt weder über Nacht, noch fällt sie wie ein Naturereignis vom Himmel…

Sie bahnt sich an, hat eine Vorgeschichte. Und sie ist stets menschgemacht. – Wenn man über Inflation spricht, ist es sinnvoll, genau zu sagen, über was man spricht. Die meisten Menschen verstehen unter Inflation einen fortgesetzten Anstieg der Konsumentenpreise. Das jedoch ist zu kurz gegriffen.

Denn das fortgesetzte Ansteigen der Preise ist nur das Symptom einer Ursache – und diese Ursache ist das Wachstum der Geldmenge. Vereinfacht gesprochen: Steigt die Geldmenge, so fallen auch die Preise höher aus (im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge konstant geblieben wäre). So gesehen ist es sinnvoller, die Inflation als eine Geldmengenausweitung zu verstehen.

Hinzu kommt, dass das Ausweiten der Geldmenge sich nicht nur in den Preisen der Konsumgüter zeigt. Sie erfasst auch die Preise der sogenannten Bestandsgüter. Hierzu zählen zum Beispiel Häuser, Grundstücke, Aktien und Anleihen. Eine „Vermögenspreisinflation“ (englisch: „Asset Price Inflation“) zerstört die Kaufkraft des Geldes natürlich genauso wie eine Preisinflation der Konsumgüter.

Steigende Preise – als Folge einer (übermäßig) stark steigenden Geldmenge – ruinieren jedoch nicht nur die Kaufkraft des Geldes. Sie verursachen auch eine nichtmarktkonforme Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Diejenigen, die die neu geschaffene Geldmenge zuerst erhalten, sind die Gewinner. Sie können zusätzliche Güter zu unveränderten Preisen kaufen.

Wenn die Geldmenge von Hand zu Hand geht und für Käufe eingesetzt wird, steigen die Güterpreise. Diejenigen, die die neu geschaffene Geldmenge erst später erhalten (oder die gar nichts von ihr abbekommen), sind daher die Verlierer. Sie können zusätzliche Güter nur noch zu erhöhten Preisen kaufen. Das Geldmengenvermehren begünstigt damit die einen
auf Kosten der anderen.

Realzins bleibt negativ

Im Euroraum sorgt die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) für steigende Preise – und damit für die oben beschriebenen Umverteilungseffekte. Zudem hat die EZB in den Anfangsjahren des Euro einen Kreditboom in Gang gesetzt, der mittlerweile geplatzt ist, und der eine Reihe von Euro-Volkswirtschaften in eine schwere Schulden- und Wachstumskrise geführt hat.

Mit ihrer Null- beziehungsweise Negativzinspolitik versucht die EZB nun die Euro-Schuldenpyramide vor dem Einsturz zu bewahren. Das ist bislang gelungen. Die Wirtschaften in vielen Euro-Ländern haben sich wieder gefangen, und eine erneute „konjunkturelle Scheinblüte“ ist in Gang gekommen. Die Preise im Euroraum haben begonnen, auf breiter Front zu steigen.

Und genau das ist es vermutlich auch, was die EZB letztlich beabsichtigt: Die Inflation in die Höhe zu treiben. Der Grund für diese Einschätzung ist der Folgende: Die Null- beziehungsweise Negativzinspolitik der EZB lässt sich nicht dauerhaft durchführen. Der Euro-Bankenapparat verliert ansonsten sein Geschäftsmodell. Die Rückkehr zu (etwas) höheren Nominalzinsen ist unausweichlich.

Damit die Schuldner dann jedoch nicht in Bedrängnis geraten, muss die EZB dafür sorgen, dass die Nominalzinsen nach Abzug der Inflation negativ bleiben. Ein plausibles Szenario sieht wie folgt aus: Die EZB lässt die nominalen Langfristzinsen für Staatsanleihen langsam auf etwa ein bis zwei Prozent steigen. Gleichzeitig pumpt sie so viel neues Geld in Umlauf, dass die Inflation auf vier Prozent steigt. Der Euro-Realzins fällt dann auf minus drei beziehungsweise minus zwei Prozent.

Zudem sorgt die EZB dafür, dass der Langfristzins über dem Kurzfristzins bleibt. Die Euro-Banken werden dadurch gesundet: Sie refinanzieren die Vergabe von langfristigen Krediten mit kürzerlaufenden Mitteln und machen dadurch Gewinn. Auch dürfte die Marge im Kreditgeschäft wieder ansteigen, und auch das hilft den Gewinnen der Banken. Bei all dem ist der Euro-Geldhalter natürlich der Dumme. Seine Ersparnisse schmelzen dahin.

Es ist unwahrscheinlich, dass die EZB öffentlich verkünden wird, sie werde von ihrem bisherigen Inflationsversprechen abweichen. Sie wird vielmehr bestrebt sein, eine steigende Inflation – vor allem eine, die über die 2-Prozentmarke steigt – durch „Sonderfaktoren“ zu erklären wie zum Beispiel stark gestiegene Energiepreise, die Abwertung des Euro-Außenwertes und anderes mehr.

Denn wenn die Menschen erkennen, dass die steigende Inflation gewollt ist, und dass die erhöhte Inflation von, sagen wir, 3 oder 4 Prozent nicht vorübergehend, sondern dauerhaft ist, ändern sich auch die Inflationserwartungen. Die Marktakteure werden dann ihre Verträge (Löhne, Mieten etc.) anpassen. Sie werden nicht mehr mit einer Inflation von 2, sondern von 3 oder 4 Prozent kalkulieren.

Dann aber ist es vorbei mit der politisch erhofften heimlichen Umverteilungswirkung der Inflation. Die EZB muss zu immer höherer Inflation greifen, um die politisch gewünschte Entwertung des Euro und der in ihm ausgewiesenen Schulden zu erreichen. Und das ist, wie die Währungsgeschichte zeigt, eine gefährliche Abwärtsspirale, die im Extremfall den Währungswert völlig ruinieren kann.

Anders also als vielfach zu hören ist, kehrt im Euroraum die Inflation nicht zurück – weil sie nie weg war. Die Entwertung des Euro ist vielmehr chronisch. Seit die Realzinsen negativ sind, erfasst sie auch zusehends die Ersparnisse. Dass die EZB jetzt auch noch mit einer „etwas höheren Inflation“ flirtet, dramatisiert die Lage für die Sparer.

Gold als Versicherung gegen Euro-Verfall

Für Sparer aus dem Euroraum gibt es gute Gründe, um Gold zu halten: Es versichert gegen Euro-Wertverfall und Zahlungsausfälle. Wer seit Beginn der Euro-Einführung im Januar 1999 auf Gold gesetzt hat, kann sich bis heute über einen Wertzuwachs von etwa 385 Prozent freuen. Der Anstieg des Goldpreise war dabei deutlich stärker als zum Beispiel der Anstieg des Deut-schen Aktienmarkt-Indexes (DAX): Er konnte einen Wertzuwachs von nur 136 Prozent (ohne Dividenden: 46 Prozent) verbuchen.

Aus dieser vergangenen Entwicklung lässt sich zwar nicht ableiten, dass das Gold in Zukunft ebenfalls stärker steigen wird als die Aktienkurse. Aber sie sollte etwas in Erinnerung rufen: Gold ist eine Währung. Es ist das ultimative Zahlungsmittel, ist die „härteste Währung der Welt“. Anders als das ungedeckte Papiergeld lässt sich das Gold nicht durch politische Willkürakte entwerten.

Zudem trägt Gold kein Kredit- beziehungsweise Zahlungsausfallrisiko. Die Halter von Staatsanleihen, Bankeinlagen und Bankschuldverschreibungen können Zahlungsausfälle erleiden – wenn die Schuldner beschließen, ihrem Schuldendienst nicht nachzukommen. Das Gold unterliegt dieser Gefahr nicht. Gold ist daher nicht nur Inflationsschutz, sondern auch eine Versicherung gegen Zahlungsausfälle.

Angesichts anhaltender Null- beziehungsweise Negativzinsen ist Gold zu einem ernsten Konkurrenten für mittel- bis langfristig gehaltene Euro-Bankeinlagen und kurzlaufende Euro-Schuldpapiere geworden. Denn letztere werfen keinen Zins mehr ab. Schlimmer noch: Sie verlieren unwiederbringlich an Kaufkraft. Mit dem Halten von Gold hat der Anleger die Chance, sicheren Verlusten zu entgehen.

Gold unterliegt zwar Marktpreisschwankungen,aber es besteht die berechtigte Hoffnung, dass der Goldpreis mittel- bis langfristig steigt, vor allem in Euro gerechnet. Denn um die Zukunft des Euro steht es nicht gut: Entweder der Währungsraum bricht auseinander, oder er wird zusammengehalten, indem die Euro-Geldmengen weiter inflationiert wird. In beiden Fällen erleiden die Euro-Sparer Verluste. Das Halten von Gold ist ein vernünftiger Versuch, ihnen zu entkommen.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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3 Kommentare auf "Die gewollte Inflation"

  1. Argonautiker sagt:

    Wenn es Jahre des Gelderzeugens gebraucht hat, um Inflation in Wirkung zu bringen, wird man die auch nicht auf den Punkt stoppen können, wenn man meint, daß es nun genug Inflation sei, zumal eben auch die Marktteilnehmer darauf reagieren werden und sich die Wirkung dadurch Potenzieren könnte. Ein Grundsätzliches Problem der planwirtschaftlich regulierenden Stellschräubchendreherei.

    Das dann die eventuell irgendwann für notwendig gehaltene gegenläufige Justierung Wirkung zeigt, in dem man dann Deflation fördert, dürfte auch dauern. Und so schaukelt man das System, welches eigentlich schon in den 70ern fertig hatte, und die Lehman Pleite den roten Alarmknopf dann vollends zum Schrillen brachte, mit den Eingriffen eigentlich nur immer weiter auf.

    Ein Psychopharmaka mit Psychopharmaka Regulieren hat eingesetzt.

    Und weil die Märkte wirklich so angelegt sind, daß man dann auf Psychopharmaka setzen kann, um trotzdem weiter zu gewinnen, wird man das dann auch tun, denn das Gewinnen ist nun mal die oberste Maxime dieses Marktes geworden. Und wenn man mit dem Zerstören des Lebens Gewinn machen kann, dann wird man das halt auch tun, weil Gewinn nun mal die oberste Maxime ist.

    Warum hört der menschliche Organismus mit Einsetzen der Pubertät, so langsam auf physisch zu wachsen? Weil man ihm keine Psychopharmaka verabreicht, die ihm erzählen, er müsse unbedingt noch weiter wachsen. Das sollte man vielleicht schleunigst ändern. Man könnte zum Beispiel Gesetze erlassen, die es für jeden pubertierenden zur Pflicht machen Psychopharmaka einzunehmen, damit das System gerettet werden kann. Don’t ask, what your country can do for you, ask what you can do for your country.

    Nicht daß ich nun auf Ideen gebracht habe, verrückt genug sind sie ja unsere Führungskräfte.

  2. Skyjumper sagt:

    „Das jedoch ist zu kurz gegriffen.

    Denn das fortgesetzte Ansteigen der Preise ist nur das Symptom einer Ursache – und diese Ursache ist das Wachstum der Geldmenge. Vereinfacht gesprochen: Steigt die Geldmenge, so fallen auch die Preise höher aus (im Vergleich zu einer Situation, in der die Geldmenge konstant geblieben wäre). So gesehen ist es sinnvoller, die Inflation als eine Geldmengenausweitung zu verstehen.“

    Wenn man schon weiter springen möchte, sollte man es auch richtig tun. Das Wachstum der Geldmenge wird nämlich erst dann schädlich für die Geldwertstabilität wenn das Wachtstum der Geldmenge größer wird/ist, als das Wachstum der produzierten Güter und Dienstleistungen.

    Ein System in dem 100,- Phantasietaler und 5 Äpfel vorhanden sind rechtfertigt nachhaltig einen Preis von 20,- PT je Apfel. Erhöht man die Geldmenge um dramatische 100 % auf 200,- PT, und es erhöht sich aber gleichzeitig die Anzahl der Äpfel auf 10 Stück ist das vollkommen unbedenklich. Der nachhaltige Preis für einen Apfel bleibt bei 20,- PT. Das System gerät erst dann ins Wanken und verliert seine Stabilität wenn sich das Verhältnis zueinander ändert.

    Da allerdings hat Polleit vollkommen Recht: Das Verhältnis ändert sich gerade dramatisch. Und die ärmsten der Armen werden wieder mal die Dummen sein und den höchsten „Preis“ bezahlen.

  3. DonSarkasmo sagt:

    Von Goldmünzen und -barren würde ich derzeit dringendst abraten. Man kann sie nicht essen und sie werfen keine Zinsen (!!!) ab. Von der extrem schwierigen und teueren Lagerhaltung ganz zu schweigen. Und dann die riesige Gefahr eines Goldverbotes. Oder die Diebstahlsgefahr. Falls jemand das Zeug loswerden will, ich bin Restmüllverwerter und nehme Ihnen gerne diesen Metallschrott zum einmaligen Preis von 100.- Euro die Unze ab. Bitte nicht drängeln !!!!

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