Die Geister, die ich rief …

22. Dezember 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Es ist eine bewährte Strategie der Politik: Wenn man Bürger haben will, die einem nicht dauernd zwischen den Beinen herumlaufen und womöglich dorthin blicken, wohin sie nicht blicken sollen, bietet es sich an, irgendwo außerhalb der Landesgrenzen einen „Bösen“ zu haben, der die Aufmerksamkeit des Wahl- und Zahlvolks auf sich zieht…

Und ob Europa oder die USA, während die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, das soziale Gefüge auf dem letzten Loch pfeift und das Wachstum wackelt, gelingt es mit der Kombination aus dem hervorheben externer Buhmänner und der Förderung der Egozentrik und Gleichgültigkeit der Masse hervorragend, genau davon abzulenken.

Das soll nun nicht heißen, dass Russlands Präsident Putin in Wahrheit in die Gruppe der Gutmenschen einzuordnen wäre, keineswegs. Aber nichtsdestotrotz kommt er den Politikern eigentlich gerade recht. Und man hat sehr den Verdacht, dass das Schicksal der Menschen in der Ukraine der politischen Führung des Westens weit weniger am Herzen liegt als eine hervorragende Gelegenheit, nicht nur mit den Fingern auf diesen Buhmann zu zeigen, sondern bei der Gelegenheit auch gleich noch ein Umfeld allgemeiner Zufriedenheit in wirtschaftlicher Hinsicht zu erzeugen. Dachte man sich wohl zumindest.

Dass Goethe auch in den Bücherregalen der Entscheidungsträger zumeist verstaubt, deuten die Ereignisse der vergangenen Wochen an. Das Zitat aus dem Zauberlehrling „Die Geister, die ich rief, wird‘ ich nun nicht mehr los“ hat, was die Versuche, mit ungeschickten Wurstfingern in die Abläufe der Börsen und der Wirtschaft einzugreifen, eigentlich Tradition. Dass man sich alle Mühe gibt, aus den jeweiligen Katastrophen nichts zu lernen, auch. Die Sache mit der Subprime-Krise und die gelassene Untätigkeit angesichts des weltweit schrumpfenden Wachstums, das doch bitte sehr die Notenbanken in den Griff kriegen sollen, sind beste Beispiele. Und jetzt spielen die Wurstfinger mit Russland, dem Rubel und Rohöl herum.

Nun könnte man behaupten, dass die Börse durch die Politik in keiner Weise beeinflusst wird. Man könnte ebenfalls behaupten, dass die Fotos von der Mondlandung in Wanne-Eickel aufgenommen wurden oder der Mount Everest von Außerirdischen als Landemarke gebaut wurde.

Die enge Verbindung zwischen Politik und den Giganten der Finanzindustrie ist insbesondere in den USA wieder ein Geheimnis noch neu. Und nur dort, bei den Giganten im Börsengeschäft, ist man imstande, extreme Kursimpulse loszutreten. Und natürlich wird das im Interesse des eigenen Reibachs auch immer wieder getan. Denn solange alles und jeder dann auf den fahrenden Zug aufspringt und denjenigen, die mit der monetären Brechstange an neuralgischen Punkten Impulse schaffen, eine goldene Nase beschert (weil sie dann ihre Positionen mit großem Gewinn an die Trittbrettfahrer abgeben und sich damit auch noch jeden Risikos entledigen), gäbe es für diese besonders großen unter den großen Adressen keinen Grund, mit derartigen Faxen aufzuhören. Das Dumme ist nur:

Je mehr große und kleine Investoren willenlos solchen Bewegungen hinterher laufen, desto schwieriger und gegebenenfalls kostenintensiver wird es, den Geist wieder zurück in die Flasche zu bekommen. Manchmal gelingt es, mit den Märkten Haschmich zu spielen, wie beispielsweise, als die Aktienmärkte vor zwei Wochen plötzlich aus scheinbar heiterem Himmel immer schneller in die Knie gingen, um dann zur vergangenen Wochenmitte aus dem Nichts wie eine Rakete wieder zu steigen und pünktlich zum Verfalltermin wieder auf dem für die großen Spieler an den Terminbörsen perfekten Niveau im Bereich der bisherigen Allzeithochs zu notieren. Manchmal geht es aber auch daneben. Oder doch nicht?

Der Grund für die plötzlich fallenden Kurse war angeblich, dass der fallende Ölpreise zeigen würde, dass das Wachstum der Weltwirtschaft kollabiert, denn wenn die Nachfrage so einbricht, dass sich der Ölpreis nunmehr seit dem Sommer halbiert, dann muss ja etwas ganz Schreckliches im Gange sein. Darüber hinaus schien man pünktlich zum Beginn der vorvergangenen Woche zu bemerken, dass dieser Einbruch des Ölpreises einen Zusammenbruch der russischen Wirtschaft und damit auch des Rubels verursacht, der wiederum deutliche Auswirkungen auf Europa haben würde, zumal die dadurch ausgelöste extreme Inflation zu einer politischen Instabilität und damit einer unkontrollierbaren Gefahr führen kann. Sieh an.

Wenn man sich den nachfolgenden Kursverlauf von Rohöl brennt ansieht, stellt man fest, dass der Kursrutsch von 120 auf etwa 70 US-Dollar niemanden gestört hat. Allgemein wurde bejubelt, wie positiv sich das doch auf die Unternehmensgewinne und den Konsum auswirken würde. Und jetzt auf einmal, als die Marke von 70 Dollar unterschritten wurde, soll das alles ganz schrecklich sein?

Russland braucht im Schnitt 100 US-Dollar pro Barrel, um profitabel zu produzieren. Das hätte man alles also schon viel früher merken können. Der russische Aktienmarkt begann seinen freien Fall bereits Ende November, während DAX und Dow Jones noch bis Anfang Dezember fröhlich von einem Allzeithoch zum nächsten stiegen. Der Rubel zerfiel ebenfalls schon seit Ende November sehr deutlich. Niemand störte sich daran. Warum nicht?

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Weil das alles perfekt genauso lief, wie es seitens der großen Spieler an den Finanzmärkten und der Politik laufen sollte. Auf diese Weise setzte man Russland über die Börse unter Druck, ohne mit komplizierten und letzten Endes wirkungsarmen Sanktionen herumhantieren zu müssen. In Russland war man sich dessen bewusst, in den USA und Europa einfach nur zufrieden, weil die Energiekosten immer weiter fielen… (Seite 2)


 

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4 Kommentare auf "Die Geister, die ich rief …"

  1. Brasil sagt:

    „Russland braucht rd. 100 $/Barrel“?
    Ach so, dann hat Russland wohl jahrelang seine Oelfoerderung ordentlich subventioniert und beim Export drastisch Geld verloren? Wenn ja, dann kann das ja auch in Zukunft noch einige Jahre so sein, oder nicht?
    Ich glaube, da sollte der Autor doch nochmals recherchieren nd korrigieren!

  2. Argonautiker sagt:

    Aber hat Börse nicht genau so schon immer funktioniert?

    Sicherlich die big player werden größer, entsprechend also auch das, was sie durch ihr Bewegen von Geld, bewegen. Aber daß dabei mittlerweile auch ganze Nationen bewegt werden, ist ja nicht so ganz neu.

  3. Michael sagt:

    In der Tat ein wahrlich schauriges Schauspiel …
    https://www.youtube.com/watch?v=sWN78z5gZOk

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