Die „Fiskalklippe“: No way out!

19. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Das Jahr 2013 wird für die USA ein ziemlich ruppiges Jahr werden. Aber 2014 könnte noch schlimmer werden. Schuld ist vordergründig diese ominöse „Fiscal Cliff“, oder, in nicht viel besserem Deutsch, die „Fiskalklippe“. In Wahrheit sind all diejenigen schuld, die in den vergangenen knapp 30 Jahren versuchten, Rezessionen mit der Brechstange zu verhindern und so das normale Auf und Ab der Konjunktur zum eigenen Vorteil zu beugen…

Diese Politiker und Notenbanker der Vergangenheit sitzen mittlerweile, sofern noch unter uns, gemütlich im Lehnstuhl. Ausbaden müssen ihre Borniertheit und ihren Leichtsinn die normalen US-Bürger und zweifellos auch die nachfolgenden Generationen. Also irgendwie alles wie in Europa.

Der Grund, weshalb diese „Fiscal Cliff“ ein ebenso ernsthaftes wie unlösbares Problem ist, ist der selbe, der zu ihrer Entstehung geführt hat: Ignoranz gegenüber der Realität. Man hat diese Bedrohung in den vergangenen Monaten, ob an den Börsen oder als Bürger an sich, ebenso erfolgreich verdrängt wie die Konsequenzen aus den Handlungen, die die USA an diesen Punkt geführt haben. Es begann schon in den 80ern damit, dass man auf die scheinbar überaus gewitzte Idee verfiel, Rezessionen entweder im Vorfeld zu verhindern oder wenigstens zu mildern, indem man aktiv an der Zinsschraube drehte und die Steuern reichlich absenkte, sobald das Rückgrat der Wirtschaft, der Konsument, drohte, Konditionsschwäche zu offenbaren.

Zuerst war man dabei noch relativ behutsam, musste aber mit der Zeit immer und immer wieder einen Gang höher schalten. Warum?

Weil niedrige Zinsen und niedrige Steuern bedeuten, dass die Konsumenten in ein Schlaraffenland gesetzt werden. Aber niemand durfte und darf darauf setzen, dass sie dessen Früchte mit Bedacht ernten. Anders formuliert: Das Volk konsumierte, dass die Schwarte kracht – und verschuldete sich dabei fleißig. Weil dieser Konsumrausch – Pool im Garten, Marmor-Arbeitsplatten in der Küche und der Drittwagen für den Weg zum Briefkasten – sich so lange selbst trug, wie es immer neue Innovationen gab, die es zu kaufen galt, von Computern über Mobiltelefone, Autos und zuletzt jedem sein eigen Häuschen, funktionierte das Spielchen.

Rezessionen waren milde, weil immer rechtzeitig die Zinsen gesenkt wurden, und die Schulden der Privathaushalte ebenso wie die des Staates stiegen zwar, aber solange man sich das nötige Geld über Bonds bei den Bürgern zurückholen konnte, glaubte man, das perpetuum mobile erschaffen zu haben. Aber dann …

… übertrieb man es. Es kamen keine wirklich innovativen Dinge mehr auf. Und alleine damit, alle sechs Monate eine neue Spielekonsole und ein neues Handy zu kaufen, konnte man den Moloch US-Konjunktur nicht hinreichend füttern. Zunächst sprangen noch die aufstrebenden BRIC-Staaten wie China und Indien in die Bresche. Denen konnte man zunächst schlicht alles verkaufen … aber nach und nach nahm der Bedarf ab, umso mehr, je autarker diese stark wachsenden Volkswirtschaften wurden. Zuletzt musste man versuchen, Wachstum dadurch zu erzeugen, indem man Menschen Dinge verkaufte, die sie sich nicht leisten konnten – vor allem Eigenheime. Und ab diesem Zeitpunkt brach das Kartenhaus zusammen, die Subprime-Krise begann.

Als erstmal jeder, der wollte, im (vermeintlich) eigenen Häuschen saß und China und Indien großenteils bequem alleine zurecht kamen, alle ihre Pools und Drittwagen hatten und keine neue Branche aus dem Hut gezaubert werden konnte, die den Konsum noch einmal hätte beleben können, war Sense. Das Wachstum versiegte. Zügig senkte man die Zinsen auf Null – aber das half nichts mehr. Die Bürger waren eh überschuldet, vielen wurden die nicht mehr bezahlbaren Häuser weggenommen und niemand hatte noch wirklich Bedarf nach „noch mehr“. Und da die Banken gerade zusahen, wie zahllose Kredite auf einmal uneinbringlich wurden, weil man sie Menschen gab, die sie sich gar nicht hatten leisten können, wurde die Kreditvergabe deutlich restriktiver. Kredit bekam, wer nachweisen konnte, dass er ihn eigentlich nicht nötig hat, während die Banken ihre Gewinne aus den Börsen zogen, da sie das Geld immer noch billig genug von den Notenbanken bekamen – und noch bekommen – um selbst an den jämmerlichsten Anleiherenditen noch zu verdienen.

Tja, hätte man nicht gedacht, schlau zu sein und der Konjunktur ihre Natur gelassen, sprich Rezessionen als reinigende Gewitter erkannt und zugelassen, wir stünden in den alten Industrienationen jetzt nicht vor einer unlösbaren Aufgabe. Ob Europa, Japan oder USA: Die Zinsen sind nahezu bei Null, Staaten und Privathaushalte per saldo überschuldet – und Wachstum kann man nicht durch wildes rudern mit den Armen erzwingen. Denn wie gesagt: Woher soll es kommen? Jetzt befinden sich die großen Wirtschaftsräume in einer Abwärtsspirale

Kein Wachstum = keine steigenden Löhne und immense Sockel-Arbeitslosigkeit = noch weniger Wachstum = noch mehr Arbeitslose, damit noch weniger Konsum = noch weniger Wachstum und so fort. Und nebenher läuft Spirale Nummer 2: Hohe Arbeitslosigkeit bedeutet weniger Steuereinnahmen bei zugleich steigenden Staatsaugaben für den Sozialbereich. Sprich: Die Staatsschulden steigen, das Wachstum ist futsch, die Pulverkammern der Notenbanken leer. Und das, was sie an Geschützen aufgefahren haben, zieht nicht die Bohne. Denn…

Die Zinsen künstlich niedrig zu halten, fördert Investitionen nicht, wenn die Unternehmen nicht sehen, wofür sie investieren sollten – die Umsätze steigen ja nicht mehr. Und die Basis dafür fehlt, da die Kaufkraft der Bürger stagniert bzw. meist sogar zügig sinkt. Und jetzt ist es schon so weit, dass die Staaten sich zwar so billig wie nie über Niedrigzinsanleihen refinanzieren können … aber die Verschuldung steigt trotzdem immer weiter!

So, und jetzt kommt die Schlumpfparade der US-Politiker an und löst das ganze mal eben bis Weihnachten. Behaupten sie zumindest. Vielleicht – ich würde mich nicht wundern – haben diese Damen und Herren vorstehende Problematik noch nicht verstanden? Aber irgendwas müssen sie tun, denn… 

Als man vor einem Jahr wieder einmal einen faulen Kompromiss schloss und die gesetzlich festgelegte Schuldenobergrenze der USA einfach anhob, um im Vorwahlkampf ja nicht zu sehr in Problemen zu wühlen, von denen die meisten Konsumbürger nichts ahnten, erließ man – wie konsequent! – aber zugleich Gesetze, die eine erneute Anhebung der Schuldengrenze verboten. Bis 1. Januar 2013 muss jetzt ein Konzept zum Schuldenabbau her, sonst enden seit Jahren geltende Steuererleichterungen und Konjunkturförderungen und treten zugleich Budgetkürzungen in Kraft, die einen Umfang von insgesamt gut 600 Milliarden Dollar hätten. Käme es so weit, würden die USA sofort mitten in der Rezession stehen. Dass sie es momentan nicht tun, ist zwar vor allem das Ergebnis kreativer Statistik, aber das sei mal außen vor. Also … und Obacht, jetzt wird’s lustig:

Wenn sich Demokraten und Republikaner bis Jahresende nicht einigen, wird die US-Wirtschaft abgewürgt. Dabei muss das Ganze über ein gemeinsames Handeln laufen, denn die Demokraten dominieren den Senat, die Republikaner aber das Repräsentantenhaus – und beide Kammern müssen die Maßnahmen absegnen. Aber wenn sie sich einigen, landen die USA auch in der Rezession! Warum? Na, ganz einfach:

Schaut euch Europa an, die machen es doch gerade vor. Da können bornierte US-Politiker lange erklären, dass man das viel besser könne – ich habe das Problem oben ja gerade skizziert: Schon jetzt sinken die Staatseinnahmen und die Ausgaben ufern immer weiter aus. Wenn man jetzt die Staatsschulden auch noch abbauen will, bedeutet das höhere Steuern und/oder weniger Ausgaben. Aber das bedeutet ja logischerweise noch weniger Kaufkraft für die Bürger = noch weniger Konsum = noch weniger Wachstum bzw. noch mehr Schrumpfung = noch geringere Staatseinnahmen bei zeitgleichem Anstieg der Sozialausgaben! Spart man, wird es also noch schneller schlimmer als würde man es sein lassen!

Die EU hat es nicht kapiert und sieht jetzt die Konsequenzen. Und die USA stehen vor der selben Wahl, wild entschlossen, die selben Fehler zu machen. Wobei: Wäre es denn besser, zuzulassen, dass die Schulden permanent weiter steigen? Nein, natürlich auch nicht!

Was also ist die Lösung? ES GIBT KEINE! Das ist es doch! Dieses Erbe haben uns die Schlaumeier und Wachstumszauberer der letzten 30 Jahre ins Nest gelegt! Wir bräuchten Wachstum, aber das kann man nicht anschieben, ohne Impulse zu setzen (was Geld kostet), die Zinsen zu senken (die aber schon unten sind) und neue Wachstumsmärkte zu kreieren (die nicht ins Sicht sind). Nur so könnte man die Staatseinnahmen steigern und die Ausgaben senken, weil mehr Menschen in Arbeit kommen und so Steuereinnahmen steigen und Sozialausgaben sinken. Mit sparen jedoch wird der fatale Prozess, den wir jetzt sehen, noch beschleunigt.

Ich habe keine Ahnung, wie das endet. Es gibt keinen Ausweg – no way out. Und aus Sackgassen kommt man nicht so leicht heraus. Aber ich stelle fest, dass die großen Adressen in den USA die Gefahr offenbar schon erkennen, angesichts der dort seit Wochen fallenden Kurse. In Europa ringt man derweil immer noch darum, den unverdient hohen Kursanstieg der dortigen Aktienmärkte ins Jahresende zu retten … aber was wird sein, wenn man dort kapiert, dass wir in Europa den Schirm zuklappen können, wenn die USA den selben Wahnwitz betreiben wie die EU in Spanien, Portugal, Griechenland & Co.? Wenn uns der US-Markt noch mehr wegbricht, dann gute Nacht Eurozone, gute Nacht Euro Stoxx!

Und ich fürchte, die typische „Wir-sind-schlauer-als-alle-anderen“-Haltung der USA führt dazu, dass sie wirklich hingehen und ihre Wirtschaft erdrosseln. Gut, vielleicht ist das der einzige Weg, um in ein paar Jahren hinreichend gesund geschrumpft zu sein, um eine Basis für einen Neuanfang zu bekommen. Irgendwann muss es ja getan werden – und selbst Währungsreformen und Schuldensschnitte bringen nicht mehr viel, denn die träfen erneut die Bürger und damit das Rückgrat jeder Wirtschaft. Aber eines sollte klar sein:

Wenn man erst einmal versteht, wie ausweglos diese momentane Situation ist, wenn die Gewinne der Unternehmen in sich zusammenfallen und die Arbeitslosigkeit rapide steigt, wird der Aktienmarkt kein Hort der Sicherheit, sondern eine Stätte der Panik sein. Dann wäre es höchst hilfreich, selbst nicht zu viele Schulden und ein eigenes Dach über dem Kopf nebst ein wenig Gold unter dem Kopfkissen zu haben. Und wir haben gesehen, dass das Erkennen unangenehmer Wahrheiten zwar sehr lange dauert, aber nie ausbleibt. Sicher, die Börsen können mal wieder blitzartige Freudenrallyes vollziehen, wenn angeblich frohe Kunde aus den US-Verhandlungsräumen dringt. Aber das sind, ebenso wie die Kaufwellen bei Ankündigung und Start der kaum wirksamen neuen Anleihekaufprogramme, kurzfristige Reaktionen. Die Folgen dieser Maßnahmen jedoch werden Jahre wirken, wenn man sie denn beschließen sollte. Und daher sehe ich zumindest für den Moment jede Rallye als Gelegenheit an, bestehende Long-Positionen abzubauen und – wenngleich immer mit der dafür immer dringend erforderlichen Vorsicht – Short zu gehen!

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt
(www.system22.de)


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