Die fetten Jahre sind vorbei

8. Februar 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Vielleicht ist es ein glücklicher Umstand, dass heute nur noch so wenige Leute Zeitung lesen. Sonst hätten sie von der Prognose unseres Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz gehört, wonach die fetten Jahre vorbei wären. Welche fetten Jahre bitte?

Das mit der Prognose von Herrn Franz hätte wirklich nicht sein müssen, wäre es nach Peter Struck (SPD) gegangen. 2008 hat er den damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gebeten, die Wirtschaftsweisen abzuschaffen, denn…

Ich glaube denen kein Wort. Wenn man frühere Prognosen mit der eingetretenen Realität vergleicht, merkt man recht schnell, dass diese so genannten Weisen vor allem viel heiße Luft produzieren“ (Super-Illu)

Dazu sollte es aber und zum Glück von Herrn Franz nicht kommen. Von daher kam jetzt seine etwas zynisch klingenden Meldung aus einem Elfenbeinturm an, wonach die fetten Jahre vorbei wären. Franz at it`s best.

Ach, man mag zu Struck eine geteilte Meinung haben, aber Wirtschaftsweise zeichnete sich in der Vergangenheit dadurch aus, dass die den lieben langen Tag ihre Prognosen hin und her korrigierten und das Flackern in der Stromleitung die medialer Schlagzeilen stören. Die Frage stellt sich angesichts der Veränderung im Arbeitsmarkt, welches Universum Herr Franz diesmal wieder meint. Fette Jahre gab es, soweit man beobachten konnte bei Finanzindustriellen, Politikern und vielleicht auch bei den Wirtschaftsweisen.

Die Reallöhne sind nach offizieller Statistik im letzten Jahr um ein ganzes erstaunliches Prozent gestiegen. Sollte sich in die Statistik ein nur kleiner Rechenfehler in der Erstellung der Teuerung eingeschlichen haben, sagen wir mal zwei Prozent, so wäre vom Aufschwung in den Geldbeuteln nichts übrig geblieben. Und es blieb nichts übrig. Das wüssten die Experten, wenn sie sich unters Volk mischen würden. Für die Leser der warnenden Schlagzeile mit den fetten Jahren muss dies wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen. Aber wer von ihnen liest schon noch Zeitung?

Steffen Bogs weist in seinem Querschuss vom 6. Februar auf Folgendes hinsichtlich der Berechnung der Reallöhne hin:

Nicht einbezogen bei der Verdiensterhebung werden alle Teilzeitbeschäftigten, geringfügig Beschäftigen, Auszubildende, Praktikanten, Personen, die keinen Verdienst für ihre Leistung erhalten, tätige Inhaber, Mitinhaber und Familienangehörige ohne Arbeitsvertrag, ausschließlich auf Honorarbasis bezahlte Personen und Personen in so genannten 1-Euro-Jobs. (Quelle)

Wie wäre es hiermit? Das Statistische Bundesamt hatte kürzlich mitgeteilt, die Preise wären zwischen Januar 2002 bis November 2011 um 17 Prozent gestiegen, die Löhne und Gehälter um 11,2 Prozent. Soweit zu den fetten Jahren. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber anzunehmen wäre, dass Inflation und Arbeitsmarkt zu den beliebtesten Marketingkampagnen jeder Regierung gehören, nicht nur in Deutschland.

Herr Franz besticht in seinen Worten durch eine beachtliche Stringenz. So warnt er in Aufschwungphasen davor, bescheiden in den Lohnforderungen zu sein, um das gerade wachsende Pflänzchen der Konjunktur nicht zu gefährden. In Abschwungphasen aber mahnt er Bescheidenheit an, um keine Arbeitsplätze zu gefährden. Einen Aufschwung von einem Abschwung zu unterscheiden ist dabei oft die größte Herausforderung für Experten. Wir nehmen an, Herr Franz ist Empfänger von einem festen Einkommen und später einer gesicherten Pension…

910.000 Leiharbeiter werden von den Franz`schen Empfehlungen nichts lesen. 75 Prozent der neuen Arbeitsplätze gehen inzwischen auf „atypische Beschäftigungsverhältnisse“ zurück. A-typisch ist es heute, wenn Rentner Ware bei Supermärkten verräumen, Frauen mit zwei Kindern zu Billigjobs aus wirtschaftlichen, aber arbeitsmarktbezogenen Gründen keine Anstellung finden und Gleiches tun, wie eine meiner Nachbarinnen.

Zu dieser Gruppe gehören, ganz nebenbei bemerkt, inzwischen mehr als acht Millionen Bundes-Bürgen. A-typisch erweist sich in der Konversation mit anderen als ein Hort des Staunens, als ob man von einer Spionagetätigkeit berichten würde…

A: Was machst Du beruflich?

B: Ich bin a-typisch beschäftigt.

A: Oh wie interessant!

Die Politik hat in Sachen Arbeitsmarkt Makel als Erfolg zu verkaufen. Frau von der Leyen ist in dieser Hinsicht der Hort von Stabilität in der Interpretation verbogener Statistiken. Kein Wunder, dass „Extra3“ einen Schlager von früher in „Uschi sag kein Quatsch“ umgewidmet hat.

Die meisten haben für wirtschaftliche Belange entweder keine Zeit oder sie erleben in der täglichen Praxis, dass die Theorie Mumpitz ist oder gelebter Alltag. Was Franz fordert, ist eine weitere Subventionierung der Arbeitskosten, die im Vergleich zu anderen Ländern in Deutschland am wenigsten gewachsen sind. Nur die Preise haben im europäischen Standard Schritt halten können. Vom Erfolg des Exports blieb im Portemonnaie nicht viel hängen – zumindest nicht bei denen, die ihn zu verantworten haben. Von welchem Erfolg reden wir eigentlich?

Vielleicht sollte man auch bei den Experten dazu über gehen, sie erfolgsbezogen zu bezahlen. Dann gäbe es sie ganz schnell nicht mehr und sie müssten aus der Theorie ihres Elfenbeinturms in die Praxis wechseln. Keine guten Aussichten. Vielleicht hat Herr Franz doch recht, wen es später heißen wird, die Jahre zwischen 2007 und 2012 waren noch richtig fette Jahre, in dem Vergleich dazu, was danach kam.


 

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7 Kommentare auf "Die fetten Jahre sind vorbei"

  1. Beobachter sagt:

    Mitte der 90er Jahre gab es noch fette Jahre.

    Zu dieser Zeit habe ich als ungelernte Aushilfskraft in den Sommerferien so viel verdient wie ein Festangestellter bei Daimler in Untertürkheim.

  2. Bummbumm sagt:

    Hallo Frank, ich finde den Artikel zu kritisch. Herr Franz hat tatsächlich recht. Die fetten Jahre für die Bevölkerung, in denen nicht zu viel Wohlstand auf eimal eingezogen wurde, sind vorbei. Moderates Schrumpfen des Wohlstands wird und in Bälde „fett“ vorkommen. Alles nur eine Frage des Standpunkts.

  3. DukeNukem sagt:

    Also ich find der Frank hat da schon recht. Wenn man mal nen Leiharbeiter als Beispiel nimmt, dann denke ich nicht dass für ihn die fetten Jahre grade vorbei sind, sondern dass er diese nie gehabt hat.

    Ich war auch mal kurzzeitig als Leihi unterwegs und das war vor zig Jahren (auf gut deutsch) schon scheisse und das wirds jetzt wohl erst recht sein!

    Der Punkt ist doch dass die Anzugträger immer vom Aufschwung schwärmen und in der breiten Masse der Bevölkerung nix ankommt!

  4. Orson sagt:

    Hallo Frank,

    dazu gibt es hier ein paar schöne Tabellen.

    Bierpreis
    http://www.was-war-wann.de/historische_werte/bierpreise.html

    Benzinpreis
    http://www.was-war-wann.de/historische_werte/benzinpreise.html

    man beachte die Preise im Jahr 1999 und heute.

  5. EuroTanic sagt:

    Ich habe ganz interessante Zahlen der Inflation für Grundnahrungsmittel. Ich kaufe seit Jahren immer die gleichen Lebensmittel, zwecks Vorratshaltung.
    – Mehl 29Cent, Zucker 24Cent, Reis 79Cent, Salz 19Cent, Bohnen 99Cent, Linsen 89Cent, Öl 79Cent. 2011 Preise
    – Mehl 49Cent, Zucker 35Cent, Reis 99Cent, Salz 16Cent, Bohnen 1,99Cent, Linsen 1,49Cent, Öl 1,19Cent. 2012 Preise

    Das sind bis auf das Salz Preissteigerungen von ca. 10-50%
    Jahrelang vorher waren diese Preise immer stabil.

  6. Zeitung: Claudia-Maria Buch wird neue Wirtschaftsweise sagt:

    […] IN ERITREA Jahresgutachten 2011/12 des Sachverständigenrates In Blogs gefunden: Die fetten Jahre sind vorbei Rott & Meyervon Frank Meyer Vielleicht ist es ein glücklicher Umstand dass heute nur noch so wenige Leute […]

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