Die fabelhaften Geld-Verleiher

20. Dezember 2013 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Mit jedem Quartal wird deutlich, wie wenig Macht die vermeintlich allmächtigen Notenbanken wirklich haben. Ein Zinsfeuerwerk nach dem anderen wird abgebrannt. Eine Erfolgsbekundung jagt die vorangegangene und dennoch wurde nichts erreicht…

Mangels anderer Rezepte experimentiert man in Europa munter weiter und denkt sich: Jetzt müssen die Banken aber endlich mal mehr Kredite vergeben.

Der Versuch über künstlich niedrig gehaltene Zinsen einen Investitions- und Konsumaufschwung in Europa zu entfachen ist wenig überraschend gescheitert. Abseits der verbalen Erfolgsbekundungen lässt sich keine strukturelle Verbesserung oder auch nur positive Veränderung der Lage feststellen. Die gern zitierte abnehmende Abwärtsdynamik ist in der Tat besser als eine Beschleunigung. Wenn jedoch jemand fünf Tage in Folge jeweils zwei Zähne verliert und am Folgetag nur einen, würde die Lage der abnehmenden Dynamik zum Trotz nicht besser. Sie würde legidlich weniger schnell schlimmer.

Temporär lässt sich für einige aus dem Anstieg der Assetpreise Honig saugen, der im Umkehrschluss gesunkene Fremd- und Eigenkapitalkosten bedeutet. Dennoch sollte man sich davon nicht in die Irre führen lassen. Ein Land wie Irland verlässt den Euro-Rettungsschirm nicht etwa, weil die fundamentale Lage sich gebessert hat, sondern weil die Refinanzierung günstiger geworden ist. Es finden sich also wieder genügend Interessenten, die irische Schuldtitel kaufen. Da die Jagd nach Rendite die Gemeinde der Sorglosen wieder deutlich hat anwachsen lassen, und selbst die schlechtesten Ramschanleihen auf eine frohlockende Abnehmerschar treffen, sollte man diesen wohl eher temporären Erfolg nicht überbewerten. Was man wem abkauft spielt für viele Anleger offensichtlich keine Rolle mehr.

Aus dieser Anleihen-Kaufsucht schließen viele Politiker und Beamte der Zentralbanken dennoch auf eine ökonomische Gesundung. Das ist leider ebenso falsch, wie aus der Kursbewegung eines Aktienindex direkt auf die BIP-Entwicklung eines Landes zu schließen. Auf den Unterschied zwischen Makroökonomie und Mikroökonomie hinzuweisen ist in der anhaltenden Phase der „Mikro-Ökonomisierung“ der Volkswirtschaft aber nicht en vogue.

Selbst die nur noch schwer erträgliche „robuste Erholung“ macht wieder die Runde. Es fehle nur noch eine dynamische Ausweitung der Kreditvergabe und alles sei wieder paletti. Das muss man sich in der Tat auf der Zunge zergehen lassen. Die Verschuldung von Staaten, Firmen und Haushalten ist je nach europäischem Land in der Nähe oder sogar auf einem Rekordstand. Die Banken sind unterkapitalisiert und setzten ihre Hoffnunge auf neue, völlig intransparente Instrumente wie CoCos, die faulen Kredite steigen bereinigt um die Auslagerung in steuerbesicherte Bad Banks munter weiter an und gleichzeitig bröselt die Entwicklung in vielen Abnehmerländern der Emerging Markets vor sich hin. Zudem gibt es enorme Überkapazitäten, angefangen beim Finanzsektor und dem darin herumschwirrenden Rechts- und Beratungsplankton. Auch in der produzierenden Industrie, bei den Automobilen, Zementherstellern oder Stahlwerken gibt nicht eben wenige Werke, die absurd gering ausgelastet sind. Die Tendenzen zu Kostensenkung und Deleveraging sind daher nicht überraschend sondern vielmehr folgerichtig. Man muss sie deshalb nicht freudestrahlend bejubeln, sie zu leugnen bringt jedoch ebenfalls nichts.

Während viele Konzerne der Realwirtschaft bereits seit einigen Quartalen schwache Zahlen und noch schwächere Ausblicke präsentieren und teils, wie im Falle Unilever, sehr offen vor einer gerade erst beginnenden und lang anhaltenden Absatzkrise in vielen Schwellenländern warnen, hofft man im Kreise der Eurokraten bei Kaffee und Keksen weiterhin auf einen Investitions- und Konsumboom. Die einzige Basis dieser Hoffnung ist das „billige Geld“.

Stellvertretend für die fehlgeleiteten Denkweisen zahlreicher so genannter Entscheider sei hier eine Stellungnahme von Herrn Yves Mersch erwähnt, seines Zeichens Mitglied des EZB-Rates.

(FAZ, 26.11.2013) EZB-Direktor Yves Mersch hat die Banken der Eurozone aufgefordert, die Kreditvergabe zu beleben. „Es ist nun an den Banken, die vorteilhaften Finanzierungsbedingungen zu nutzen und Kredite an Haushalte und Unternehmen zu vergeben“, sagte Mersch laut vorab verbreitetem Manuskript bei einer Wirtschaftskonferenz in Frankfurt.

Nur weil etwas laut gesagt wird, ist es nicht richtig. Sollte die Aussage ernst gemeint sein, dann dürfte man Mersch wohl als ein Paradebeispiel für einen eurokratischen Planwirtschaftler bezeichnen. Vor allem die implizite Kausalkette ist von beeindruckender Schlichtheit. Jetzt hat man das Geld für die Banken billiger gemacht, jetzt müssen diese es nur noch ausleihen. Andere Parameter, wie etwa die dünne Eigenkapitalausstattung der Banken, die bereits vorhandenen Rekordvolumina fauler Kredite in deren Bilanzen oder die massive Verschuldung von Staaten, Firmen und privaten Haushalten hält man offenbar für akademische Feinheiten. So einfach funktioniert die Wirtschaft also im Kopfe eines Direktoriumsmitglieds der EZB. Eine Volkswirtschaft sind zwei Geraden, die sich schneiden. Herrlich.

Dummerweise gehören zwei Seiten zu einem Kredit.

Die eine Seite muss den Kredit vergeben, die andere muss ihn erstens wollen und zweitens bekommen. Wenn es für eine Seite nicht passt, kommt kein Geschäft zustande. Eine Senkung der Zinsbelastung allein genügt vielen aus nachvollziebaren Gründen nicht zur Ausweitung ihrer Verschuldung. Warum auch, die Kreditsumme muss ja trotz niedriger Zinsbelastung irgendwann getilgt werden. Bei sinkenden Realeinkommen und wachsender Unsicherheit ist eine Ausweitung der Verschuldung für viele Menschen nicht sonderlich reizvoll. Für Unternehmen stellt sich die Frage, ob man Gelegenheiten sieht, mit dem geliehenen Geld mindestens mehr zu verdienen, als es kostet. Wenn dies bei Abwägung der Risiken nicht der Fall ist, warum sollte man sich das Geld dann leihen? (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Die fabelhaften Geld-Verleiher"

  1. Lickneeson sagt:

    So langsam kommt das System an seine Grenzen. Wenn man den Menschen über Minizins, Lohnzuwächsen unter Inflationsniveau sowie Kapitalertragssteuer auf Investments(demnächst noch Börsensteuer) jede Möglichkeit nimmt Kapital aufzubauen und dann hofft, aus Alternativlosigkeit würden alle nun ihr Restgeld(oder Kredite) in die (Binnen-) Wirtschaft pumpen, so ist das zu kurz gesprungen.

    Kredite werden meist für grössere Anschaffungen, sprich „langfristige Wirtschaftsgüter“ beantragt. Der europäische Autosektor singt seit Jahren beim Absatz den Fado, Besserung nicht in Sicht.Bei den Immobilien haben natürlich kleine und grosse Investoren zugegriffen, die meisten Kleinen werden wohl ein finanzielles Pompeji erleben.
    Ansonsten aber halten die Menschen,wohl auch aufgrund der EZB – Finanzpolitik, inclusive aller Risiken, ihre Restmünzen zusammen.

    Auch wegen politischer Wendehalspolitik der letzten Jahre scheint der Bürger meist nur bis zum Ende der Woche zu planen. Wer weiss, ob er morgen noch zur Arbeit fahren muss (darf), bzw. welche Steuer oder besser finanzielle Taschenspielertricks die jeweilige Regierung aus dem Hut zaubert, um meist fragwürdige Projekte oder Geschenke zu finanzieren. Wir durften in den letzten Wochen ja wieder Zeuge werden, das aus politischen Basisforderungen vor der Wahl oft faule Kompromisse werden, die vor allem eines mit sich bringen – höhere Abgaben vom Bürger an den Staat, welchen Namen man ihnen auch geben mag.

    Im Gegensatz zur Politik scheinen die (meisten) Menschen viel langfristiger zu denken und behutsamer mit ihrem Geld umzugehen. In diesem Sinne ist Europa also auf dem Weg der Besserung.

    MfG + Schönen Jahreswechsel

  2. wolfswurt sagt:

    Da der Mersch den Unterschied zwischen einer Staatsverschuldung und einer Firmen/Privatverschuldung nicht erfassen kann, kommt es zwangsläufig zur Offenbarung eines gestörten Geistes.

    Der Staat rollt die Bedienung der alten Schulden durch erhöhte Neuverschuldung in die Zukunft.
    Nun wäre es in der Tat mal ein lustiger Versuch mit selbigen Vorschlag als Firma/Privatmann ein Überrollen der Altschulden durch erhöhte Neuverschuldung
    vom Bankberater seines Vertrauens eine wohlwollende Antwort einzufordern.

  3. MFK sagt:

    Ich denke, man muss auch zwischen investiver und komsumtiver Verschuldung unterscheiden. Konsumtive Verschuldung ist im Grunde genommen nur vorgezogener Konsum, fällt also früher oder später aus. Auch das Grundgesetz hatte einmal diese Unterscheidung hinsichtlich der Schuldenaufnahme des Staates gemacht, was allerdings die Politik jahrzehntelang ignorierte (Art. 115 GG alt).

  4. Michael sagt:

    In Hongkong ging glatt eine Bad Bank an die Börse. War lt. ZIB2 (das ist so etwas wie Tagesschau aber unterhaltsam) 160fach so ich mich erinnere überzeichnet das Papier. Treiber sei die Freude viele Faule Kredite billigst zu erwerben und lukrativ zu verwerten. Die Kunden Investmentbanken vermutlich Pensionsfonds genauso … und die werden schon wissen worauf sie sich freuen. Höchst erstaunlich. Aber gut.

    Alles wird gut.

    Schauen sie die Aktienmärkte an. Preisniveaus als wären die Aktien selbst physisch verfügbar, in Edelmetall graviert und in Seide verpackt. Begründet werden diese hohen Kurse mit historisch hohen aber auch sehr volatilen Gewinnen. Es ist einfach nicht redlich anzunehmen, dass solche Profite ewig währen (das tun die auch nicht) oder über längere Zeiträume ähnlich steigen. Am Anfang war das eigene Geschäft der Treiber und nachher die vielen Zukäufe von profitablen und profitabel werdenden Unternehmen … dann schauen wir mal wie groß die Ernüchterung wird. Diese reflektiert ein Korrektur um 50% nicht mehr. Commerzbank wäre so mal das Vorbild aber on global scale.

    Was in der Finanzwelt los ist weiß ich nicht wirklich. Als ungewöhnlich kann man die Vorgänge an sich ansehen. Sie sind dann verständlich, wenn man große globale EDV Projekte kennt die hinten hinken, allein die Inszenierung deutet auf massive Schadensbegrenzung und systematischen Ablenken von einer unangenehmen Wahrheit hin. Letztere wäre interessant.

    Im EURO Raum ist mir schon klar, man will Ruhe und Frieden und hofft auf das Pflänzchen Wachstum, aber ehrlich irgendwo ist der Wurm drinnen. Entweder wir schwingen wirklich mit dem Kreditzyklus ab, das wäre eine Erklärung, dann wären wir im Anfang oder meine bescheidene Beobachtung dass das Wachstum in Industrieländeren an 1 / Exponentalfunktion erinnert mit Wendepunkt nach 30 Jahren und konstantem Realwirtschaftswachstum nach so 60 Jahren, das sich aber noch nicht mal eingestellt hat, bewahrheitet sich. In .de schaut das aus wie im Bilderbuch meiner Ansicht nach mit Wendepunkt in ca. 1980. Schauen wir in 10 Jahren.

    Wäre das so ca. die Idee, dann wäre der Einstieg in den EURO als Versuch zu deuten gewesen der Mathematik ein Schnippchen zu schlagen, obwohl die ursprüngliche Idee zu sein scheint den Zugriff auf Ressourcen mit Fortdauer der Zeit auf durchaus hohen Niveau zu begrenzen. Wenn ich für .de die Funktion interpretiere wäre das max. Realwachstum 2%. Das sind widersprüchliche Ziele und decken sich an sich nicht mit den Handlungen der Krisenbewältiger. Gebe recht das Realwachstum in den U.S. schaut anders aus – aber leider habe ich keine Zahl für die Zeit nach dem Federal Reserve act 1913, naja plus 30 Jahre, Japan hat eine Ähnlichkeit. Indien ist anders …

    Wir sehen mit viel Glück nominal. Etwaige Stukturprobleme mit nominalen Wachstum zu glauben planend und steuernd in den Griff zu bekommen… Wirtschaft wächst nicht entlang von Geld – Geld begrenzt allein Wirtschaft und den damit verbundenen Ressourcenverbrauch. Das wäre ja der Sinn. Ich denke dann muss man den Preis mal sauber interpretieren. Ein hoher Preis heißt eher weniger verbrauchen und nicht mehr fördern.

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