Die EZB folgt der Politik der Deutschen Reichsbank

20. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Situation, in der sich die Europäische Zentralbank (EZB) befindet, ist der Situation, in der sich die Deutsche Reichsbank zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts befunden hat, durchaus ähnlich…

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat das Produktionszwangsmonopol für den Euro. Nur sie darf ungestraft neue Euro in Umlauf bringen. Die Euro-Geschäftsbanken dürfen zwar auch Euro ausgeben, sie dürfen das aber nur mit ausdrücklicher Genehmigung der EZB; sie sind sozusagen von der EZB lizensiert, Euro zu produzieren. In letzter Konsequenz ist es jedoch stets die EZB, die für die Entwicklung der Euro-Geldmenge verantwortlich ist. Denn die Geschäftsbanken brauchen, damit sie Euro schaffen können, das sogenannte „Euro-Basisgeld“, das nur von der EZB her- und bereitgestellt wird.

Solch ein Geldproduktionsmonopol ist, wie jedes Zwangsmonopol, natürlich eine heikle Sache: Diejenigen, die über das Monopol verfügen, haben einen großen Anreiz es zu missbrauchen, es für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. (Stellen Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, nur einmal vor, Sie hätten das Euro-Geldmonopol. Sie könnten dann alle ihre Rechnungen mit Geld bezahlen, dass sie jederzeit in jeder beliebigen Menge produzieren können! Welch ungeahnte Handlungsmöglichkeiten sich auf einmal auftun!) Dass das Geldproduktionszwangsmonopol eine durchaus gefährliche Sache ist, das hat die Erfahrung immer wieder gezeigt: Geldwertzerstörung und Inflation sind seine Folge.

Gestern

Die Lehre, die die „Moderne“ aus der Erfahrung gezogen hat, lautet: Die Zentralbank muss politisch unabhängig sein, und ihr muss ein klarer Auftrag gegeben werden, den Geldwert zu sichern. Auf diese Weise lässt sich, so die herrschende Meinung, der Monopol-Missbrauch mit der elektronischen Notenpresse verhindern. Mit Blick auf die Geschehnisse in der Weimarer Republik lässt sich diese Auffassung jedoch nicht gerade bestätigen. Selbst als die Inflation zu Beginn der 1920er Jahre zu galoppieren begann, konnte sich die Führung der Deutschen Reichsmark nicht durchringen, dem Übel der Währungszerstörung, für das sie sorgte, ein Ende zu setzen. Die Erklärung dafür gibt Hjalmar Schacht, ehemaliger Reichsbankpräsident (1923 – 1930 und 1933 – 1939), der in seinem Buch „Magie des Geldes“ (1966) das Folgende schrieb (S. 88):

„In seiner Festrede zum fünfzigjährigen Bestehen der Reichsbank am 2. Januar 1926 führte das Mitglied des Direktoriums Geheimrat v. Grimm zu diesem Punkt aus: ‚In immer wachsendem Maße musste das Reich auf die Reichsbank zurückgreifen, um seine Existenz zu fristen, und weil es sich um die Existenz des Reiches handelte, glaubte die Reichsbank sich auch dann nicht versagen zu können, als ihr durch die Gesetzgebung von 1922 die formelle Autonomie zuteil geworden war.‘ Die Absicht des Gesetzes von 1922, die Reichsbank von den Ansprüchen des Staates freizumachen, scheiterte gerade im entscheidenden Moment, weil das Reich keine andere Lösung fand, sich finanziell über Wasser zu halten, als den inflationistischen Rückgriff auf die Notenpresse.“

Obwohl also die Führung der Deutschen Reichsbank ausdrücklich politisch unabhängig gemacht worden war, stellte sie die Interessen der Tagespolitik über die Bewahrung des Geldwertes: Die politische Unabhängigkeit der Reichsbankführung erwies sich, als sie wirklich gebraucht wurde, als Illusion. Die Reichsbank füllte die Löcher im Staatshaushalt und hielt mit ihrer Geldpolitik eine politische und wirtschaftliche Scheinblüte am Leben, die sich ohne die Inflationspolitik der Reichsbank rasch entzaubert hätte und die bei offener Darlegung der Tatsachen vermutlich keine Zustimmung der breiten Bevölkerung erfahren hätte. Die Inflationspolitik – die mit der Ruhrbesetzung Ende 1922 zu einer Hyperinflationspolitik ausgeweitet wurde – war eine Politik von Lug und Trug. Nur wenige haben von ihr profitiert, und zwar auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung, die verarmte.

Heute

Die Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Aber die Situation, in der die Europäische Zentralbank (EZB) sich heute befindet, ist der Situation der Deutschen Reichsbank zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durchaus ähnlich. Auch die EZB macht von ihrer politischen Unabhängigkeit keinen Gebrauch, sondern stellt sich vielmehr in den Dienst der Politik, die das Euro-Projekt um jeden Preis „retten“ will – auch zum Preis, dass dafür die Kaufkraft des Euro durch eine Inflationspolitik entwertet wird. Damals wollte die Reichsbank die Weimarer Republik „retten“, indem sie offene Rechnungen mit der neu geschaffenen Reichsmark beglich, heute will die EZB das Euro-Projekt „retten“, indem sie offene Rechnungen mit neu geschaffenen Euro begleicht.

Die EZB geht heute natürlich anders vor als damals die Reichsbank. Sie hat zunächst die kurz- und langfristigen Kapitalmarktzinsen unter Kontrolle gebracht. Der Zinsmarkt ist damit längst kein freier Markt mehr, er ist ein „gehemmter“ Markt. Dadurch, dass sie die Zinsen künstlich niedrig hält, erreicht die EZB folgendes:

(1) Schuldner können fällige Kredite durch neue Kredite ablösen, die ei- nen tieferen Zins tragen, und zudem können sie günstig neue Kredite aufnehmen. Die Verschuldung kann weitergehen.

(2) Die künstlich gesenkten Zinsen sorgen für einen konjunkturellen „Scheinaufschwung“, der jedoch früher oder später in sich zusammenfallen muss, weil er auf Kapitalfehllenkung aufbaut.

(3) Die Finanzmarktpreise – ob nun Aktien oder Anleihen – steigen dank der tiefen Zinsen stark an, und die Kursgewinne erwecken den Eindruck in der Öffent- lichkeit, nun ginge es wieder voran mit der Wirtschaft.

Das alles lässt sich erreichen, indem die EZB nicht nur die Kurzfristzinsen absenkt, sondern den Finanzmarktakteuren auch verspricht, die Zinsen für lang laufende Anleihen niedrig zu halten, beziehungsweise weiter abzusenken. Aber den Worten werden früher oder später auch Taten folgen müssen. Sprich: Die Zentralbank wird ihre Bereitschaft unter Beweis stellen müssen, dass sie auch tatsächlich willens und in der Lage ist, Anleihen aufzukaufen und deren Renditen abzusenken. Die EZB hat sich in Zugzwang gesetzt: Würde die Kaufbereitschaft der EZB in Zweifel gezogen, käme es zu einem Ausverkauf an den Kreditmärkten, die Zinsen würden stark steigen, und der Euro-Schuldenturm würde zusammenbrechen. Damit eben das nicht geschieht, hat die EZB begonnen, An- leihen aufzukaufen (und dadurch werden pro Monat 60 Mrd. neue Euro in Umlauf gebracht, um bis Herbst 2016 die Euro-Basisgeldmenge um insgesamt 1,14 Billionen Euro auszuweiten).

Morgen

Nun könnte man auf die Idee kommen, dass diese EZB-Politik „Heilung“ bringt: Die EZB hält für eine gewisse Zeit die Zinsen künstlich tief, und das verschafft den Euro-Volkswirtschaften die nötige Zeit, wieder auf Wachstumskurs zu ge-langen. Sobald sich die Produktions- und Beschäftigungslage im Euroraum „normalisiert“ hat, wird die EZB ihre Politik ganz einfach wieder „rückabwickeln“: Sie wird die Zinsen wieder auf ein normales Niveau anheben und das „überschüssige Geld“ einsammeln. So wird die „Rettungspolitik“ der EZB dann doch noch ein gutes Ende nehmen! Dass das so nicht kommen wird, lässt sich schon heute sagen.

Zwei Beispiele mögen das illustrieren.

(1) Das Herabmanipulieren der Zinsen hin- terlässt Spuren in der Ausrichtung der volkswirtschaftlichen Produktion und Beschäftigung. Fortan werden Güter produziert und Arbeitsplätze geschaffen, die nur bei den künstlich tiefen Zinsen profitabel beziehungsweise bezahlbar sind. Die Zinsen lassen sich nicht anheben, ohne dass die Produktion und die Arbeits- plätze, die in der Tiefzinspolitik entstanden sind, wieder zerstört werden.

(2) Das Ausweiten der Basisgeldmenge hat eine Preiswirkung. Entweder besteht sie darin, dass die Preise (beispielsweise von Aktien und Anleihen) sichtbar ansteigen; oder die Preiswirkung besteht darin, dass die Preise nicht fallen (was sie tun würden, wenn die Basisgeldmenge nicht ausgeweitet worden wäre). Das heißt: Die Geldmengenausweitung lässt sich nicht wieder zurückführen, ohne dass die Preisstruktur in der Volkswirtschaft verändert, beziehungsweise abgesenkt wird. Beginnen die Preise (für zum Beispiel Häuser und Grundstücke) jedoch aufgrund einer Geldmengenreduktion zu fallen, gerät die Konjunktur und so mancher Schuldner in Schieflage – und die „Krise“ ist wieder da.

Schluss

Die EZB wird ihre Politik der Zinssenkung und Geldmengenausweitung also vermutlich gar nicht mehr rückgängig machen können: Den politischen Begehrlichkeiten und Zwängen, die daraus erwachsen, wird man wohl kaum mehr Herr werden. Schon jetzt erblicken die Nationen (sowie natürlich auch die Sonderinteressengruppen) in der EZB das Politikinstrument, welches sich vortrefflich einsetzen lässt, um die eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen. Diese außerparlamentarische Zwangsumverteilung durch die EZB-Politik – die sowohl innerhalb der Nationen, aber auch zwischen ihnen erfolgt und die die einen reicher macht auf Kosten der anderen – wird die Menschen gegeneinander aufbringen. Der Euro wird nicht Frieden, sondern Zwietracht bringen.

Solange die Volkswirtschaften im Euroraum noch wachsen, wird der Protest gegen den Euro und die EZB-Politik mehr oder weniger in Grenzen gehalten. Er wird jedoch dann unaufhaltsam an Fahrt gewinnen, wenn Rezession, Arbeitslosigkeit und Einkommensverluste um sich greifen – und vor allem auch die „großen“ Euro-Länder erfassen.

Folglich wird eine politisierte EZB ihr Heil darin suchen, mit einer inflationären Geldpolitik den Schein von Wohlstand und Stabilität im Euroraum aufrecht zu erhalten, solange es eben geht. Dazu bedarf es jedoch dauerhaft künstlich gesenkter Zinsen, und die Geldmenge wird auch immer stärker ausgeweitet werden müssen, um die Illusion von Wohlstand und Stabilität im Euroraum aufrecht zu erhalten. Das aber läuft auf eine Inflationspolitik hinaus, von der man heute noch nichts wissen will, und die man heute noch nicht sehen kann. Wie gesagt: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber der Kurs, den die EZB verfolgt, ist der Kurs, dem die Deutsche Reichsbank gefolgt ist, und derjenige, der zur Zerstörung des Geldes geführt hat.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH




 

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7 Kommentare auf "Die EZB folgt der Politik der Deutschen Reichsbank"

  1. blub sagt:

    Eine Zentralbank kann nie wirklich unabhaengig sein solange sie von Menschen gefuehrt wird. Wenn die Zentralbanklenker mit klarem Auftrag gewaehlt worden sind, besteht zumindest die Hoffnung, dass sie etwas fuer die Allgemeinheit tun. Bei einer sogenannten „unabhaengigen“ Zentralbank stellt sich aber die berechtigte Frage welche Interessen hinter ihr stehen.

  2. Reiner Vogels sagt:

    Ich empfehle jedem dringend die Lektüre des Buches von Adam Fergusson „When Money dies“.

    Es beschreibt auf der Basis von vielen Augenzeugenberichten und authentischen Zeitzeugen die absolut furchtbaren Folgen der Geldentwertung zu Beginn der 20er Jahre in Deutschland. Die Inflationspolitik der Reichsbank hat damals im Verbund mit den Wahnsinnsreparationszahlungen an die Siegermächte und dem Ruhrkampf im Jahre 1923 ein unglaubliches Horrorszenario in Deutschland entstehen lassen.

    Wer das Buch gelesen hat, kann die aktuelle Politik der EZB nur mit der allergrößten Sorge betrachten. Vestigia terrent – Die Spuren schrecken.

    Das Buch ist mit ein paar Mausklicks für wenig Geld auch als Ebook erhältlich. Lesen!

  3. Michael sagt:

    Heilsversprechen vs. Heilung. Kollektivismus vs. aktive Gestaltung.

  4. hagendd sagt:

    … oder um es im Merkel-Duktus zu sagen: „Scheitert der Eurp- überlebt Europa“

  5. bluestar sagt:

    „Aber der Kurs, den die EZB verfolgt, ist der Kurs, dem die Deutsche Reichsbank gefolgt ist, und derjenige, der zur Zerstörung des Geldes geführt hat.“ In Folge wurde die bürgerliche Gesellschaft zerstört, so wie heute auch. Die Eliten, Profiteure und Schmarotzer wissen genauestens kommt und bereiten die Zukunft zwecks Machterhalt bestens vor.
    1. Gleichschaltung aller MSM zur Hofberichterstattung und Systempropaganda
    2. Zentralismus, Kommissariate, Planwirtschaft,
    3. Aufbau eines äußeren Feindbildes als Sündenbock und Dämon
    4. Schaffung einer Atmosphäre der Bedrohung und Angst
    5. Nebelkerzen, Desinformation, Rechtsbrüche, rosarote Brillen
    6. Zunahme von Überwachung und Kontrolle durch den Staat
    7. Ausgrenzung, Diffamierung, Stigmatisierung Andersdenkender
    8. Aufrüstung von Polizei und Militär vor allem im Kampf gegen den „Terror“
    9. Abbau demokratischer Entscheidungsmöglichkeiten
    10. Zerstörung des bürgerlichen Mittelstandes als intellektuelles Potential der Vernunft und
    des Widerstandes
    11. ununterbrochene Beschäftigung der trägen Massen mit unwichtigen Dingen
    12. Aufspaltung der Gesellschaft in möglichst viele Gruppierungen- Teilen und Herrschen
    13. Bündelung der eigenen Interessen und knallharte Verteidigung dieser
    14. Schaffung von Chaos und Verwirrung – dann Präsentation als „Retter“

    So geht es froh und munter in den Sozialfaschismus. Wichtig dabei fürs Wahlvolk: Die Bundesliga, DSDS, GZSZ, Dschungelcamp und Dämon Putin bleiben uns erhalten. Also durchatmen und weiterhin ganz klug GROKO wählen…

  6. Argonautiker sagt:

    Es ist schon blöd, wenn man die finanzielle Substanz eines Staaten Konstruktes auf etwas Substanzlosem aufgebaut hat. Hat man erst mal auf Sand gebaut, hilft im Kippen auch kein Sand hinzu schippen mehr.

    Und was, wenn es noch nicht einmal Sand, sondern Vertrauen gestärktes Papier war, auf das man gebaut hat,- und oh Gott o Gott, noch viel schlimmer, sich die Herren des Vertrauens, auf einmal, als gar nicht so vertrauenswürdig herausstellen, sondern doch nur als Menschen?

    Ohwei ohwei. Der Kaiser hat keine Kleider an!

    Guter Artikel, es bleibt also nichts anderes, als wach abzuwarten, und zu schauen, nach welcher Seite es kippen wird, um nicht von den einstürzenden Neubauten erschlagen zu werden. Gar nicht so leicht, denn es herrscht wie immer, ein großes Gezerre um die wackelnde Torte.

    Machen wir doch Krieg, dann stürzt zwar auch alles zusammen, aber es fällt nicht so auf, wer es eigentlich verbockt hat. Der war’s, nein Du, nein Du, nein Du,…, oder ist es Die da, mit dem dicken Pulli an,…, genau, ich verabschiede mich dann mal kurz in den temporären Wahnsinn, das entspannt so schön.

    Schönen Gruß

  7. Urs Gygli sagt:

    Man könnte noch mehr Literatur zum Thema empfehlen, z. B. „America’s Great Depression“ von Murray Rothbard. So wie ich das Buch verstanden habe, wäre die EZB eher mit der amerikanischen Fed, also der damals neuen Nationalbank quasi zu vergleichen: ein neuer „lender of last resort“ der voll auf seine Aufgabe fixiert den Markt mit Geld überschwemmt. Im Schlepptau der Fed die deutsche und die englische Nationalbank. Die Parallelen sähen dann etwa so aus:
    1. in den 20er Jahren: Nach einer Depression 1921/2 überschwemmt die Fed den Markt mit Geld, um weitere Depressionen zu verhindern. Die Fed ist ein neuer Player (gegründet kurz vor dem 1. Weltkrieg) und kann sich jetzt das erste Mal so richtig entfalten.
    2. In der Gegenwart: Nach der Bankenkrise überschwemmt die EZB – auch als relativ neuer Player – den Markt mit Geld, um die Folgen der Bankenkrise abzumildern.

    Das tertium comparationis wäre die Tatsache, dass ein neuer Lender of Last Resort – der ja seine neue Aufgabe wahrnehmen will und soll, automatisch den Markt mit Geld überschwemmt und damit die Voraussetzungen schafft für die üblichen Folgen, die seit den Tagen der alten Griechen eine Bankenkrise nun mal hat.

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