Die europäische Perspektive: Chaos und Finanzdiktatur…

18. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Andreas Hoose

Was sich in Griechenland in dieser Woche abgespielt hat, das lässt erahnen, wohin unsere Reise führen wird. Doch vielleicht muss das alles so sein…

Ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, dass der Begriff „Chaos“ (χάος cháos) ausgerechnet aus dem Griechischen kommt? Der Begriff beschreibt einen Zustand vollständiger Unordnung oder Verwirrung. Der Gegenpol lautet übrigens „Kosmos“. Es ist das griechische Wort für Ordnung oder Universum…

Bezeichnenderweise sind die Griechen nun das erste Volk in Europa, das im Zuge der weltweiten Staatsschuldenkrise am eigenen Leib erfahren wird, was es bedeutet, von einer Finanzdiktatur in vollständiges Chaos gestürzt zu werden. Denn man sollte sich da nichts vormachen: Was dort in dieser Woche geschehen ist, das wird Griechenland nachhaltig verändern – und damit ganz Europa.

Was sich in Griechenland jetzt abzeichnet, das kann als Blaupause für den gesamten Kontinent dienen: Die Finanzindustrie übernimmt die Macht, die Demokratie wird zur reinen Lachnummer degradiert. Wer das für übertrieben hält, der möge sich in einer ruhigen Minute einmal folgende Sachverhalte vor Augen führen:

Erstens:

Die Forderungen der Geldgeber, die den Griechen in dieser Woche zur Abstimmung vorgelegt wurden, gehen weit über alles hinaus, was als „Kompromiss“ bezeichnet werden könnte. Das zeigt, worum es hier in Wahrheit geht: Ziel ist nicht etwa der Wiederaufbau der griechischen Wirtschaft oder die Wiederherstellung der Zahlungsfähigkeit des geschundenen Landes.

Wie seit Beginn der weltweiten Schuldenkrise im Jahr 2007 geht es auch diesmal einzig und allein um die Rettung internationaler Großbanken. Man spricht jetzt auffallend häufig von „Geldgebern“, vielleicht, weil das etwas netter klingt. Garniert wird diese „Rettung“ diesmal jedoch, und das ist neu, mit der rücksichtslosen Plünderung eines Landes:

Wenn das euphemistisch „Privatisierungsfonds“ genannte Finanzmonstrum, mit dessen „Unterstützung“ die Griechen jetzt ihr Volksvermögen verkaufen sollen, sein Werk vollendet hat, dann wird das Land endgültig zusammenbrechen. Wie immer in solchen Fällen, wird das Prozedere auf dem Rücken der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft ausgetragen.

Zweitens:

Was sich in dieser Woche im griechischen Parlament abgespielt hat, das hat mit Demokratie nicht das Geringste zu tun. In der Nacht zum Donnerstag, 16. Juli 2015, haben die griechischen Abgeordneten ein Gesetz verabschiedet, das exakt jenen Weg fortführen wird, der Griechenland in den vergangenen fünf Jahren in einen einzigen Scherbenhaufen verwandelt hat.

Mit dem Traktat wird den Griechen, und damit uns allen, noch viel größerer Schaden zugefügt als bislang, weil die Summen um die es inzwischen geht, systembedingt immer größer werden und weil die Forderungen der Gläubiger nichts anderes sind, als die Fortsetzung des gescheiterten Rettungsprogramms.

Wohin diese „Rettung“ geführt hat, das sehen wir gerade.

Der Vorgang hat fatale Ähnlichkeit mit der „Abstimmung“ zum „Europäischen Stabilitätsmechanismus“ (ESM) im Deutschen Bundestag vor drei Jahren. Hier wie dort haben demokratisch gewählte Abgeordnete Gesetze unterzeichnet, die ihnen von außen auferlegt wurden. Dabei kann jeder schon heute erkennen, dass beide Vorgänge immensen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten werden. Parlamente, die solche Beschlüsse fassen sind keine Volksvertretungen sondern Vollzugsorgane.

Und wenn alle in das griechische Parlament eingebrachten Gesetzesentwürfe künftig Wort für Wort mit der Troika abzusprechen sind, dann zeigt das nur, wer in Griechenland in Wahrheit regiert.

Drittens:

Die Härte und Unerbittlichkeit mit der die Griechen jetzt international vorgeführt und gedemütigt werden, nährt den Verdacht, dass hier ein Exempel statuiert werden soll. Mögliche Nachahmer werden es sich künftig gut überlegen, eine eigene Meinung zu haben oder gar, sich mit den „Geldgebern“ anzulegen.

Mit anderen Worten: Was sich hier gerade vor unser aller Augen abspielt, das ist nicht Demokratie sondern Diktatur!

Im Übrigen wäre Griechenland gut beraten, nicht nur aus dem Euro auszusteigen. Dass diese Option schon bald wieder auf der Tagesordnung stehen wird, das zeigen nicht nur die Äußerungen von Finanzminister Wolfgang Schäuble, der trotz des jüngsten Votums aus Athen einen „Grexit“ weiterhin für eine gute Idee hält.

Die Griechen selbst werden das auch bald erkennen.

Noch viel wichtiger wäre aber, wenn Athen auch den Kriegstreibern in Washington konsequent den Rücken kehren würden. Ein Austritt aus der Nato etwa wäre ein Schritt, mit dem das Land erneut Weltgeschichte schreiben könnte. Damit würde sich auf mittlere Sicht auch jenes Flüchtlingsproblem in Wohlgefallen auflösen, das uns vermutlich in Kürze, und zwar direkt vor unserer Haustür, noch sehr viel stärker beschäftigen wird als die Causa Griechenland.

Denn wo kein Krieg, da keine Flüchtlinge…

Bei Licht besehen wird uns für den Moment jedoch nichts anderes übrig bleiben, als Chaos und Finanzdiktatur eine Zeitlang zu ertragen. Was es bedeutet, wenn sich ein sterbendes System noch einmal aufbäumt, das werden jetzt zunächst die Griechen erfahren. Doch dieser Prozess wird gewaltige Kräfte freisetzen, denn die Entwicklungen
werden schon bald ganz Europa erfassen. Spätestens dann ist die Zeit gekommen, die Weichen in eine andere Richtung zu stellen…
Andreas Hoose – Antizyklischer Börsenbrief


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4 Kommentare auf "Die europäische Perspektive: Chaos und Finanzdiktatur…"

  1. waltomax sagt:

    Das Welt-Finanz-System ist nur noch ein ganz billiges Ponzi-Schema, bei dem der gewinnt, der die meisten Schuldversprechen gemacht und gebrochen hat, sich am meisten reale Werte dafür einsackt und am meisten betrügt. Das sind die USA. Größter Verlierer: Der Exportweltmeister…

  2. toter_esel sagt:

    Ich möchte dem Autor, ebenso wie Prof. Polleit mit seinem Beitrag über den Pyrrhussieg, nicht zu nahe treten, aber ich glaube, Sie verkennen „etwas“:

    Heutzutage gilt : LIEBER EIN SCHRECKEN OHNE ENDE, ALS EIN ENDE MIT SCHRECKEN.
    Als irgendein Ende überhaupt, denn dann müssten etliche politische Nullen das Feld räumen.
    Das konnte man gut am Verhalten der Brüsseler Hampelmänner erkennen, die sich erst auf der Nase rumtanzen lassen, um dann GR ein Paket aufzubürden, wovon die EU-Sesselpupser dachten, es werde seitens der gr. Regierung abgelehnt werden müssen….

    Dumm gelaufen. Aber egal.

    Fakt ist: die Zinsen werden in diesem Finanzsystem nie wieder steigen, insofern ist es wurscht, wieviele Schulden man vor sich herschiebt, solange man neue Gläubiger (er)findet.

    Den Weg des Zeitgewinns hat man 2009 eingeschlagen und den point-of-no-return längst überschritten. Insofern ist die Lage zwar hoffnungslos, aber nicht ernst: Wer die Geschenke durch die Comex-Scheingeschäfte ausnutzt, kann Silber (und auch Gold) gemessen an der Geldmenge, die mal pulverisiert wird, zu einem Spottpreis erwerben.

  3. bluestar sagt:

    Die Überschrift beschreibt exakt den Zustand.
    Diktaturen und totalitäre Regimes gab es schon genügend in der Geschichte und alle wurden abgeschüttelt von Menschen mit Stolz, Ehre, Heimatliebe und Freiheitsdrang.
    Die Unterschiede der heutigen Diktatur sind jedoch:
    1. Der Diktator agiert global
    2. Der Diktator beherrscht die wichtigste Waffe, die öffentliche Meinung
    3. Der Diktator ist selbst personell unsichtbar und damit unangreifbar.
    4. Der Diktator verfügt über unbegrenzte finanzielle Mittel zur Finanzierung ganzer
    Heerscharen von Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten, Armeen, Geheimdiensten usw.
    5. Der Diktator kontrolliert alle Bereiche des öffentlichen Lebens
    6. Der Diktator ist keine Person oder Klasse, sondern eine kleine Gruppe, deren Namen zu
    nennen allein schon lebensgefährlich ist.

  4. Argonautiker sagt:

    Klasse Artikel.

    Man gebe mit das Monopol auf Kaugummi, und mache es zum Gesetz, das niemand der kein Kaugummi kaut, per Strafe etwas kaufen, oder verkaufen darf. Ich versichere Allen hier hoch und heilig, daß ich ohne große Mühe sehr reich und mächtig werden kann, wenn ich will. Und zwar selbst wenn ich strohdoof, ungebildet, und pädophil wäre.

    Das wäre dann das Kaugummi Diktat. Selbiges ginge natürlich auch mit Wäscheklammern, Hosenträgern, oder Schokoladeneis. Es muß lediglich diktiert sein, und unter hoher Strafe stehen. Es ist schon perfide WIE einfach das ist.

    Schönen Grüße

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