Die eigene Nase: Wenn sich wieder mal alle einig sind…

10. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Die Logik des Marktes ist grausam und einfach zugleich. Was plausibel klingt, ist es meistens nicht. Was allgemein erwartet wird, tritt selten ein und wenn sich alle wieder einmal einig sind, dann sollten die Alarmglocken schrillen. Tun sie aber in der Regel nicht.

Wir Menschen sind halt als soziale Wesen konstruiert, was bedeutet, dass selbst den eingefleischtesten Individualisten die Gruppe irgendwie als Referenz dient – und sei es auch nur, um sich von dieser abzuheben. Im Allgemeinen schaffen wir es aber ohnehin nicht, uns aus dem Spinnennetz der geteilten Ansichten und Werte so weit zu befreien, dass wir wirklich unabhängig ticken und die Dinge aus einer neutralen Perspektive beurteilen können.

Die sogenannten Contrarians haben das erkannt und versuchen daher einfach das Gegenteil der Masse zu tun. An der Börse ist das grundsätzlich schon ein erfolgversprechender Ansatz und entspricht in etwa der Denkweise des oben erwähnten „Individualisten“, der es zwar anders als die anderen machen will, aber doch eben diese Anderen benötigt, um überhaupt herauszufinden, was er „anders“ machen will. In der Praxis gibt es natürlich auch für die Contrarians ein paar Haken und Ösen:

Oft ist die Meinung der anderen gar nicht so eindeutig, dass man sich dagegen positionieren könnte. Und falls sie es doch einmal ist, sind die Argumente so überzeugend, ja zwingend, dass es besonders schwer fällt, dagegen zu halten. Die Grundidee dieses Ansatzes ist dennoch richtig. Denn wenn die Argumente für eine Position „zwingend“ sind, dann haben viele Marktteilnehmer eben genau entsprechend dieser Argumentation disponiert, fallen also als künftige Unterstützer der Argumentation durch tatkräftige Käufe bzw. Verkäufe weitgehend aus. Lediglich, wenn die Anhänger dieser Argumente auf dem falschen Fuß erwischt werden, geraten sie unter Leidens- und Handlungsdruck, von dem sie sich dann durch eine entgegengesetzte Disposition entlasten.

Der Unberechenbare

Bei einem vorherrschenden Meinungsbild, überwiegt also das Risiko, dass Marktteilnehmer aus der großen Gruppe der Überzeugten dynamisch abspringen, bei weitem die Chance, dass aus dem kleinen Lager der Zweifler noch der eine oder andere durch die ach so guten Argumente überzeugt werden kann.

Aktuell gab es zwei Börsenthemen auf deren weitere positive Wirkung sich die Anleger verließen: Erstens werde Mario Draghi, Chef der stets freigiebigen EZB, auch diesmal liefern. Zweitens befinden wir uns im Anlauf zur Jahresendrally und da ist bekanntlich die einzige „Aufgabe“ für Anleger sich gemütlich auf ihre Aktien zu hocken, Plätzchen zu futtern und die hereinkommenden Gewinne bei einem Glas Glühwein zu genießen.

Das ist zwar überspitzt ausgedrückt, aber vom Grundsatz her erwarteten auch wir aus beiden Bereichen Rückenwind – durchaus auch einmal Zeit sich an die eigene Nase zu fassen. Draghi, der bis dahin verlässliche Lieferant frischen Geldes, erwies sich diesmal als unberechenbar. Gemessen an den hohen Erwartungen, die er selbst im Vorfeld schürte, enttäuschten seine Ankündigungen. Dennoch geben wir die Jahresendrally noch nicht ganz verloren, auch wenn der Markt nach der Breitseite aus Frankfurt derzeit angeschlagen ist.

Medien und Börse

In diesem Zusammenhang erscheint uns erwähnenswert, dass einige Finanzpublikationen inzwischen eine Zielgröße von 14.000 Punkten für den DAX ausgegeben haben – sogar auf der Titelseite. Nun gut, Medien buhlen um die Aufmerksamkeit der Leser und die Sensation ist fester Bestandteil dieses Geschäfts. Da kann es dann schon zu einem regelrechten Wettbewerb um das höchste Kursziel kommen. Dabei ist die eigentliche Zahl ohnehin eher unwichtig. Entscheidend ist die Tendenz.

Und je spektakulärer das Kursziel ausfällt, desto handfester muss die Tendenz begründet werden – ähnlich einem Schüler, der deutlich zu spät zum Unterricht erscheint und dafür gleich mehrere „gute Gründe“ anführen kann. Die Vielzahl der Pro-Argumente gibt dem Leser zwar die gefühlte Sicherheit, das Richtige zu tun, ist aber tatsächlich kontraproduktiv. Die Logik der Börse entspricht eben nicht der Alltagslogik, wo die Waschmaschine mit den meisten Pro-Argumenten tendenziell die Beste ist.

Besser gesagt, weil es das Wesen der Börse ist, künftige Entwicklungen zu antizipieren, spricht eine „zwingend“ logische Argumentation für eine Richtung eher dafür, dass sich genau diese Richtung nicht wie angekündigt realisieren wird – eben weil bereits ein Gutteil der Bewegung antizipiert sein dürfte.

Zu den Märkten

Buchstäblich auf dem falschen Fuß erwischte Mario Draghi am vergangenen Donnerstag die Anleger. Die heftigen Reaktionen quer über alle Märkte – DAX runter, Renten runter, Euro rauf – zeigten, wie sehr sich der Markt inzwischen an billiges Geld aus Frankfurt gewöhnt hat bzw. wie wenig er damit umgehen kann, wenn der Hahn einmal etwas weniger weit aufgedreht wird als erwartet. Auch wenn wir weiter davon ausgehen, dass der EZB-Chef weiter Geld in die Märkte pumpen wird, sobald Not am Mann ist, so wird er damit nicht primär die Renditen der Trittbrettfahrer seiner Politik im Auge haben. Für den DAX hat sich das Chartbild nun erst einmal deutlich eingetrübt:

2015-12-09_DAX

Das Gap (Vgl. Abb., graue Zone) wurde geschlossen und übt daher keine Sogwirkung mehr auf den Kurs aus. Der Index liegt wieder unter der 11.000-Punkte Marke, unter dem 200-Tage Durschnitt und ist auch wieder unter den Abwärtstrend (rote Linie) zurückgefallen. Zudem ist er aus der blauen Keilformation nach unten ausgebrochen, was ebenfalls ein bearishes Signal ist. Allerdings ging es so rasch nach unten, dass inzwischen schon der Unterstützungsbereich bei rund 10.500 Punkten in greifbarer Nähe ist. Auch hier ist wieder ein Gap zu schließen.

Fazit

Erwarteten wir in der letzten Woche noch Rückenwind aus Frankfurt, blies uns am Donnerstag eine steife Brise ins Gesicht. Vom Grundsatz her wird die EZB die Politik des ultrabilligen Geldes zwar fortsetzen, aber dennoch nicht bei jeder Sitzung die Erwartungen der Marktteilnehmer erfüllen. Die Logik der Börse ist mit dem Alltagsverstand in der Regel nicht zu fassen.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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