Die Dramatisierung des Banalen

26. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer

Ja, es ist ärgerlich, wenn der Parkplatz vor deinem Haus, den du schon als dein Privateigentum angesehen hattest, plötzlich vom Nachbarn besetzt wird. „Warum tut er das?“, fragst du dich – und kommst einfach nicht auf die richtige Antwort. Er tut das, weil er’s kann, weil er’s darf – und natürlich, weil er dich ärgern will.

Mit Tschinderassabumm haben US-Militäreinheiten an einer Truppenparade in der estnischen Stadt Narva teilgenommen. Ein paar hundert Meter von der russischen Grenze entfernt. Warum tut der Ami das? Weil er’s kann, weil er’s darf – und natürlich weil er den Russen ärgern will.

In der Westukraine haben britische Soldaten begonnen, ukrainische Soldaten zu trainieren, mitten in den mühsam beginnenden Waffenstillstand und den Abzug schwerer Waffen hinein. Warum tut der Tommy das? Weil er’s kann, weil er’s darf – und natürlich weil auch er den Russen ärgern will.

Warum leckt sich der Hund den Schwanz? Weil er’s kann.

Warum hat Putin eigene Truppen in Russland stationiert, warum an der Grenze zur Ukraine? Weil er’s kann, weil er’s darf – und er das, nämlich dass er es kann und darf, den anderen zeigen will.

Warum sind in letzter Zeit so viele russische Militärflugzeuge im internationalen Luftraum beobachtet worden, manche dicht an der Grenze zu nationalen Lufträumen unfreundlicher Staaten?

Weil sie es können und weil sie es dürfen.

Das Zurschaustellen militärischer Präsenz und Potenz, die Kraftmeierei vor dem Gartenzaun des Nachbarn, das alles gehört in das Handbuch der Psychotherapie unter dem Stichwort: Exhibitionistische Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen. Wo der Blitzer blankzieht, indem er den Mantel plötzlich aufreißt, lässt der Feldherr seine Truppen antreten und ihre hochglanzpolierten Mordwaffen präsentieren. Seht her, wir haben die Größten.

Natürlich wissen beide Seiten, dass solche Gesten den Gegner nicht erschrecken. Selbst die sogenannte neue Speerspitze der NATO, mit Deutschland als Spitze der Spitze, wird ebensowenig in der Lage sein, einen Krieg anzuzetteln, wie sie in der Lage ist, irgendeinen Einfluss auf seinen Verlauf zu nehmen. Das ist wie ein bisschen Extra-Lametta an der Brust des Helden – was zwar schön leuchtet, aber eben halt nicht kugelfest macht.

Wenn das Gehabe den Gegner nicht beeindrucken kann, wen soll es dann beeindrucken?

Nun, es eigentlich ganz simpel. Alles zielt auf Tom und Jerry in den USA, auf Peter und Rose im Rest des Empires, sowie auf Hinz und Kunz in good old Germany – sowie auf Igor und Petrownaja in den Hügeln hinter Moskau.

Das Signal soll die Menschen hinter ihren Anführern versammeln und den Glauben an ihre Kraft und Kühnheit stärken, damit sie weiterhin bereit sind, ihre Zeit, ihr Geld und – wenn es verlangt wird – auch ihr Leben einzusetzen, wenn es wieder einmal heißt: Wir alle müssen Opfer bringen für die große Sache.

053057866062Zugleich wird jede Kraftmeierei des Gegners genutzt, um aus seinen vollkommen legalen Aktivitäten ein Feindbild zu zimmern, dass wiederum allen, von Tom und Jerry bis Igor eingehämmert wird, damit sie nicht nur überzeugt sind, dass der eigene Boss der größte ist, sondern auch davon, dass der Feind schon zum Sprung ansetzt, wenn nicht gar schon gesprungen ist.

Was sich tatsächlich abspielt, sind Banalitäten. Zum Teil aus der Sphäre des absolut Normalen mit dem grellen Scheinwerfer der Propaganda herausgestochen, zum Teil provokantes Protzgehabe, jedoch ohne jegliche Grenzverletzung.

Ja, es gibt russische Truppen in Russland – und es darf NATO-Truppen in jedem Land geben, dass diese hereingebeten hat.

Nicht diese „Nicht-Ereignisse“ sind es, die uns Sorgen machen müssen, sondern ihre neuerdings wieder Mode gewordene Dramatisierung, die zur Beeinflussung der Massen gebraucht wird.

Daher sollte jeder, bevor er sich von hochdramatischen Meldungen emotionalisieren lässt, von denen sowieso ein Teil nur auf Gerüchten beruht (unbestätigte Meldungen, nicht genannte Regierungsvertreter, im allgemeinen zuverlässige Quelle, youtube-video), einfach nur die nackten Fakten betrachten und sich fragen, ob da nun „in China ein Sack Reis umgefallen“ oder irgendwo auf der Welt wirklich Schlimmes geschehen ist.

©Egon Wolfgang Kreutzer  – Homepage     /  Mein letztes Interview mit W.E. Kreutzer



 

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7 Kommentare auf "Die Dramatisierung des Banalen"

  1. FDominicus sagt:

    Das ist für mich einer der besten Einträge. Zeitlos und quasi immer aktuell.

  2. PaulC sagt:

    Kommentar zur Fortsetzung und Vertiefung der Dramatisierung des Banalen!
    Petrownaja ist kein russischer Vorname. Im Sinne der Ausgewogenheit und um dem Vorwurf der Ignoranz und konsekutiv der Arroganz gegenüber russischen kulturellen Identitäten (Sitten und Gebräuche zu Olims Zeiten genannt) nicht aufkommen zu lassen, sollten also statt
    ‚Igor und Petrownaja‘ besser ‚Igor und Anna‘ verwendet werden. Diese Anspielung auf Borodins ‚Fürst Igor‘ würde zugleich als diskreter Hinweis auf Ihre Kenntnis der russischen Seele zu verstehen sein – ‚hinter den Hügeln von Moskau‘.
    Noch besser wäre allerdings die kommentarlose elegante Umstellung von ‚Igor und Anna‘ auf ‚Anna und Igor‘. Weiterhin sind in der Ära des hohen Wertes der Gleichstellung Tom (Mask.) und Jerry (Mask.) und auch Hinz (Mask.) und Kunz (Mask.) – als Personifizierung der USA bzw. Deutschlands – enorm anfechtbar. Wie wäre es mit ‚Hillary und Bill‘ bzw. ‚Thusnelda und Hermann‘ ? Und wer, zum Teufel, sind ‚Peter und Rose‘?

  3. MH sagt:

    Herzlichen Dank Herr Kreutzer für den sehr guten Beitrag.

    Schade nur, das Tom und Jerry, Hinz und Kunz, Igor und die vielen vielen Anderen
    1. hier und anderswo nicht lesen,
    2. wenn doch, es leider nicht begreifen und deshalb
    3. immer wieder an die Front laufen, wenn ihnen einer sagt, dass das so richtig ist.

    Seit Menschen denken, bzw. nicht denken können, läuft es nach dem immer selben Schema: Die mehr oder weniger verblödete Masse, ich schätze sie vorsichtig bei ca. 85 % ein, durchschnittlicher IQ irgendwo zwischen Erdbeemarmelade und Milky Way Riegel, läuft den wenigen Drahtziehern immer wieder hinterher. Lerneffekt über mehr als 2000 Jahre gleich Null. Am Ende kommt dann das böse Erwachen: Das haben wir ja gar nicht gewollt. Da jammern die amerikanischen, deutschen und viele andere Mütter der gefallenen Söhne dann rum, …… aber die Uniform war ja doch ganz schick und die Karriereaussichten ja auch ….

    A. Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich: das Universum und die menschliche Dummheit; aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

    Tut mir leid, ich bin im „Dauerkotzmodus“ und frage mich, wann dieser endet … aber die Hoffnung stirbt bekanntlich ja zum Schluss

    • Skyfall sagt:

      Liebe(r) MH,

      wenn es nach mir geht, besteht kein Grund, sich angesichts der wunderbar treffend herausgearbeiteten Situationsbeschreibung für einen „Dauerkotzmodus“ zu entschuldigen.
      Im Gegenteil ist es eine Wohltat, anhand weniger Zeilen einen Bruder im Geiste zu erkennen.

      Die Hoffnung stirbt zuletzt und immerhin steht der Frühling vor der Türe…

    • MH sagt:

      Hallo MH,
      dieses Kürzel wird hier schon seit langer Zeit von mir benutzt.

      Ich bitte um eine zusätzliche Kennzeichnung oder Änderung deines Kürzels zur Unterscheidbarkeit unserer Beiträge.

      Danke, MH

  4. Charlie Osten sagt:

    Danke, Herr Kreutzer. Mir geht’s ähnlich wie MH. Immer öfter fällt mir das Wort „sinnlos“ ein, die Trauer wird Lethargie, dann depresssives Fallenlassen; so wollen ’sie‘ es schließlich haben. Diese verrückten Muster – warum ist das so? Der Einzelne ist doch gar nicht sooo blöd, aber offensichtlich findet sich die ‚Masse‘ unter dem kleinsten gemeinsamen Nenner – man nennt’s wohl Mob (Beispiel: Fußballstadion). Freilich hat die Angelegenheit noch eine zweite Seite, die nicht minder Angst macht: Der Mob braucht keine Parteien, keine umfangreiche Selbstorganisation, nur wenig Eigenstruktur. Woran das liegt? Der Mob benötigt ausschließlich diesen kleinsten gemeinsamen Nenner, dies ist sein einziges Gesetz. Die Frage steht: Wer oder was ist der kleinste Nenner? Meine Antwort, zugleich meine Überzeugung: Der kleinste gemeinsame Nenner des Mobs ist seine Übereinkunft über den gemeinsamen Feind. In einer Familie mag das Onkel Volker, der elende Säufer, sein, im Fußballstadion die Gastmannschaft, im Volk von Rechts nach Links die Linken und die Rechten. Und in der Regierung? Putin zum Beispiel. Oder wechselnde Schurkenstaaten. Einschließlich Schurken. Wer ernennt nun den gemeinsamen Feind zum gemeinsamen Feind? In der Familie Tante Minna zum Beispiel, die intrigante Quatschsuse. Und dann? Erkenntnis: Je größer der Mob, erkennbar als abzählbare Masse – auch ein Volk kann gezählt werden – desto stärker rückt eine unglaubliche Macht in den Vordergrund, die den Mob lenkt und die Unbestimmtheit des gemeinsamen kleinsten Nenners regulativ strukturiert und sogar erweitert; es ist der allseits bekannte Dreierbund, der die für den Mob jeweils geeignetste Feinddefinition arrangiert: Ideologie (u.a. Philosophie, Ökonomie) – Propaganda (u.a. Regierung, Parteien, Stiftungen) – Medien (u.a Zeitungen, TV/Radio/Internet, Kunst). Wenngleich der Mob eigentlich nur eine einzige Sprache versteht: „Je suis Boulevard“.

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