Die Deutsche Reichsbank im Jahr 1923: Ein Lehrstück über eine politisch unabhängige Zentralbank.

15. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Thorsten Polleit) Die Deutsche Reichsbank, obwohl sie politisch unabhängig war, wählte 1923 den Weg in die Hyperinflation, um den Staat vor der Pleite zu bewahren – eine währungspolitische Lehre für alle, die meinen, eine politisch unabhängige Zentralbank sei ein „Inflationsschutz“…

In der öffentlichen Meinung gilt die politische Unabhängigkeit der Zentralbank als Schutz gegen Inflation… …denn hat der Zentralbank-Rat nicht den Weisungen der Politiker Folge zu leisten, so die Überlegung, kann er sich darauf konzentrieren, die Kaufkraft des Geldes zu wahren. Doch diese Auffassung ist trügerisch…

Die politische Unabhängigkeit einer Zentralbank mag bei „Schönwetter“ funktionieren, nicht aber notwendigerweise auch dann, wenn es stürmisch wird. Denn wird es wirklich ernst, wenn es also um „existenzielle Fragen“ geht, in denen etwa Staaten und Banken Pleite zu gehen drohen, ist selbst eine (auf dem Papier stehende) politische Unabhängigkeit der Zentralbank kein wirksamer Schutz gegen Inflation. Die Zentralbank kann dann sogar zur Inflationsmaschine mutieren.

Dies zeigt zum Beispiel die deutsche Erfahrung in den frühen 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schmerzlich. Die Deutsche Reichsbank, die Zentralbank des Deutschen Kaiserreiches und nachfolgend der Weimarer Republik, wurde per Gesetz im Jahr 1922 – übrigens auf Drängen der Alliierten, als Gegenleistung für eine vorübergehende Aussetzung der Reparationszahlungen – politisch unabhängig gemacht. Und dennoch wählte die Reichsbankführung den Weg in die Hyperinflation, durch die die Kaufkraft der Reichsmark im November 1923 nicht nur entwertet, sondern auch gänzlich zerstörte wurde.

Als die Geldpolitiker der Reichsbank sahen, dass die junge Republik in den frühen 20er Jahren immer stärker auf Reichsbankkredite zurückgreifen musste, um nicht Pleite zu gehen, gab sie, weil es sich aus Sicht der Zentralbankführung um eine Existenzfrage Deutschlands handelte, immer mehr Geld aus, um die unstillbaren Finanzansprüche der Politiker zu erfüllen. Das Ergebnis war Hyperinflation.

H. G Hjalmar Schacht, ehemaliger Reichsbankpräsident (1923 – 1930 und 1933 – 1939) in „Magie des Geldes“ aus dem Jahr 1966, S. 88:

„In seiner Festrede zum fünfzigjährigen Bestehen der Reichsbank am 2. Januar 1926 führte das Mitglied des Direktoriums Geheimrat v. Grimm zu diesem Punkt aus: „In immer wachsendem Maße musste das Reich auf die Reichsbank zurückgreifen, um seine Existenz zu fristen, und weil es sich um die Existenz des Reiches handelte, glaubte die Reichsbank sich auch dann nicht versagen zu können, als ihr durch die Gesetzgebung von 1922 die formelle Auto-nomie zuteil geworden war.“ Die Absicht des Gesetzes von 1922, die Reichsbank von den Ansprüchen des Staates freizumachen, scheiterte gerade im entscheidenden Moment, weil das Reich keine andere Lösung fand, sich finanziell über Wasser zu halten, als den inflationistischen Rückgriff auf die Notenpresse.“

Die Situation, in die der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) sich hineinbewegt, ist der Situation der Deutschen Reichsbank zu Beginn der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gar nicht so unähnlich. Auch aktuell ist die Entscheidung über den Fortbestand eines politischen Projektes – nämlich der Euro-Währungsunion – in die Hände der Zentralbank gelegt – genauso wie damals in Deutschland, als es galt, die junge Weimarer Republik liquide zu halten, selbst zum Preis, dass die Deutsche Reichsbank immer mehr Geld per Kreditausweitung in Umlauf brachte. Auch heute sollen überbordende Staatsschulden und unrentable Banken von der Zentralbank durch finanziert werden, eine Pleitewelle soll um jeden Preis verhindert werden; und zudem sollen immer mehr neue Kredite, bereitgestellt zu Tiefstzinsen, die Konjunktur- und Beschäftigungslage in Gang halten.

Eine offene Inflationspolitik wird (noch) gescheut, solange in Maßnahmen wie zum Beispiel der Einführung des (im März 2012 von den Euro-Regierungschefs beschlossenen) „Fiskalpaktes“ ein geeignetes Mittel gesehen wird, um die Überschuldungskrise in den Griff zu bekommen. Allerdings ist der Fiskalpakt nur eine verschärfte Version des bestehenden Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes – der gescheitert ist, aber nicht weil er unzureichend ausgestaltet gewesen wäre, sondern weil es an der grundsätzlichen Bereitschaft der Regierenden und Regierten mangelte, ihn einzuhalten. Hat die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise Regierende und Regierte nun geläutert, und wird ein strafferes Fiskalkorsett Abhilfe schaffen? (Seite 2)

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