Die destruktive Kraft der „Moralischen Wagnisse“

9. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

„Moralische Wagnisse“ (englisch: „Moral Hazard“) ist ein häufig gebrauchter Begriff in den Wirtschaftswissenschaften. Ein Beispiel soll zeigen, was unter Moralischen Wagnissen zu verstehen ist…

Versicherungsnehmer, die eine Auto-Schadensversicherung abgeschlossen haben, parken in der Regel unvorsichtiger („schwungvoller“) in eine Parklücke ein als Autofahrer, ohne eine solche Versicherung. Der Grund: Die Versicherten werden für eigenes „Fehlverhalten“ (teil-)entschädigt. Sie gehen daher (wissentlich) höhere Risiken ein gegenüber einer Situation, in der sie nicht versichert wären.

Moralische Wagnisse bedeuten folglich, dass die negativen Konsequenzen (oder: Kosten), die das eigene Handeln hat, nicht vollends vom Handelnden selbst getragen werden, sondern (bewusst oder unbewusst) auf Dritte abgewälzt werden – während hingegen die Gewinne des eigenen Handelns ausschließlich vom Handelnden vereinnahmt werden.

Während die „Problematik“ der Moralischen Wagnisse durch entsprechende Vertrags- und Prämiengestaltung im freien Markt für Versicherungsleistungen in den Griff zu bekommen ist, zeigt sich ein ganz anderes Bild in Finanzmärkten, in denen die Zentralbanken eine „aktive Rolle“ spielen.

II. Können Investoren zum Beispiel versichert sein, dass die Zentralbank strauchelnde Staats- und Bankenschuldner durch das Ausweiten der Geldmenge zahlungsfähig hält (also vor der Pleite schützt), so hat das Auswirkungen auf die Preisbildung der Schuldtitel beziehungsweise das Risikoverhalten der Investoren.

In der Erwartung, dass die Zentralbank zum Beispiel die Pleite eines Staatsschuldners in jedem Falle abwenden wird durch Zinssenkungen und/oder ein Ausweiten der Geldmenge, werden Investoren (ohne weiteres Nachdenken) bereit sein, die Schuldtitel des strauchelnden Kreditnehmers zu kaufen. Als Halter von Anleihen des Pleitestaates profitieren sie in besonderer Weise.

Erstens erhalten sie einen mehr oder weniger sicheren Zinsertrag (weil der Staat ja zahlungsfähig gehalten wird). Zweitens kommen sie durch das Halten von Staatsanleihen in den Genuss, zu der Gruppe in der Gemeinschaft zu zählen, die in einem relativ frühen Stadium etwas von der neu geschaffenen Geldmenge (die die Zentralbank zur Finanzierung des Staates neu geschaffen hat) erhält. Auf diese Weise können sie zu noch relativ unveränderten Preisen Güter kaufen – im Vergleich zu denjenigen, die die neue Geldmenge erst später erhalten oder gar nichts von ihr abbekommen.

III. Doch es gibt auch noch weiterführende Effekte. Versichert die Zentralbank den Staat und die Banken vor Zahlungsausfall, so werden Investoren, im Bestreben hohe Renditen zu erzielen, zusehends Risiken eingehen, die sie ohne eine solche Zentralbank-Versicherung nicht eingehen würden. Die Folgen dieses „rücksichtslosen“ Investierens sind zum Beispiel Spekulations-Blasen.

Spekulations-Blasen führen zu Fehlinvestitionen. Zu denken ist hier zum Beispiel an die Entwicklung der Investitionen und der Beschäftigten in der Bauwirtschaft in den Ländern, die jüngst einen künstlichen Häuserpreis-Boom erlebt haben. Platzen die Spekulations-Blasen, kommt es meist zu Finanz- und Wirtschaftskrisen – die dann wiederum durch die Zentralbank bekämpft werden, indem die Geldmenge (noch weiter) ausgedehnt wird.

Bei einer Zentralbankpolitik, die darauf ausgerichtet ist, Pleiten von Staaten und Banken zu verhindern, steigt natürlich auch der Anreiz für Privatschuldner, sich ebenfalls zu verschulden. Sie erkennen rasch die Vorzüge, ihren Konsum verstärkt durch Kredit zu finanzieren, weil sie davon ausgehen können, dass die Zinslandschaft durch die Zentralbankpolitik so günstig gestaltet wird, dass sie ihre Verschuldungslasten tragen können… (Seite 2)

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