Die buchen, wir fluchen: Die EZB will unser Bestes (?)

26. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Prognosen sind Käse. Eigentlich in allen Lebenslagen. Denken Sie nur an den Wetterbericht. Momentan kann man nur noch einen Spontan-Grillabend einlegen, denn wird Sonne geweissagt, kommt hinterrücks ein Gewitter. Wird Letzteres angekündigt, bleibt’s schön. Die Börse ist da nicht anders…

Und das aus denselben Gründen: Zu viele Unbekannte in der Gleichung…

Von den üblichen Verdächtigen wie Konjunkturdaten, Quartalsbilanzen, politischen Veränderungen, Fiskalpolitik und bisweilen Naturkatastrophen abgesehen, die gerne und regelmäßig Wahrscheinlichkeiten über den Haufen werfen abgesehen, haben wir es aktuell mit den beiden härtesten Nüssen im Reigen der unberechenbaren Faktoren zu tun: Mit der Marktstimmung – vor allem seitens der großen Adressen – und den Notenbanken. Wobei beides eng miteinander verbunden sein kann … aber nicht muss.

Zunächst mal zur Stimmung…

Seit nunmehr sechs Monaten eiern die großen Indizes wie DAX und Dow Jones in Seitwärtstrends herum. Warum? Jedes Mal, wenn diese Indizes an die zur Jahreswende erreichten Hochs heranlaufen, nimmt der Verkaufsdruck zu und bremst die Notierungen ab.

Doch da tauchen dann keine überraschend negativen Nachrichten auf, welche diese Zunahme an Verkäufen auslösen, es passiert „einfach so“. Und dass dann meist zugleich die Kurse am Anleihemarkt steigen, lässt vermuten: Hier wird umgeschichtet. Und das in Größenordnungen, die auf große Adressen hindeuten. Man traut den Aktienmärkten auf diesem Niveau einfach nicht mehr allzu viel zu und sieht zu, dass man dort „oben“ seine Bestände an die verkauft, die bei jedem neuen Anlauf darauf setzen, dass jetzt der Befreiungsschlag nach oben kommt. Das zeigt eine ziemlich negative Grundstimmung dort an, wo die großen Summen verwaltet werden – nicht gut. Dazu hatte ich mich ja in der Kolumne der Vorwoche ausführlich ausgelassen.

Nun kann man daraus ableiten, dass die Zahl derer, die beim x-ten Anlauf auf den Ausbruch nach oben setzen, angesichts der vielen Enttäuschungen sukzessive kleiner wird und damit das Risiko steigt, dass immer mehr Akteure „oben“ rauswollen und immer weniger dagegenhalten. Sprich: Es wird immer wahrscheinlicher, dass diese Seitwärtsspanne nach unten verlassen wird. Denn mit jedem Fehlversuch wird die Grundstimmung schlechter und der Drang, sich in Sicherheit zu bringen, größer. Klingt plausibel, aber:

Da wären wir halt wieder beim Problem von Prognosen: Es gibt einfach zu viele nicht vorhersehbare Einflüsse, die diese Vermutung über den Haufen werfen können. Und einer der mächtigsten Einflussfaktoren ist das Treiben der Notenbanken. Nun hat zwar die US-Notenbank zuletzt nur allgemeines Gähnen hervorgerufen. Aber die EZB, die scheint gerade an einer „Big Bazooka“ zu tüfteln. Andeutungen in der letzten Pressekonferenz lassen die große Mehrheit der Anlegerschaft vermuten, dass da Anfang Juni bei der nächsten Sitzung „was kommt“.

Da es dabei um (vordergründig) Deflationsbekämpfung und (nicht offen ausgesprochen, weil nicht offizielle Aufgabe der EZB) Wachstumsförderung geht, hofft man auf noch mehr billiges Geld. Anleihekäufe, negative Einlagezinsen, eine letzte Leitzinssenkung … vielleicht sogar alles auf einmal. Billiges Geld treibt die Kurse, denn jeder (auch die EZB) weiß, dass die Wirkung all dieser Klimmzüge bislang vor allem am Aktienmarkt zu sehen war und nicht dort, wo sie wirken sollten, in der Konjunktur. Kann also eine solche „Big Bazooka“ DAX & Co. endlich aus seiner Handelsspanne befreien?

Ja. Sie kann. Aber man sollte sich lieber nicht darauf verlassen, dass dieser Befreiungsschlag nach oben erfolgt. Denn das, was die EZB da treibt, war seit Jahren eher brotlose Kunst, weil solche Maßnahmen alleine ohne entsprechende politische Aktionen zur Lösung der grundlegenden Probleme der EU nicht weit kommen. Und die Politik hat nun einmal die Füße hochgelegt. Dass das der Wahlbürger auch weiß, dürfte in der Wahlbeteiligung zur EU-Wahl wohl wieder deutlich werden – während ich diesen Artikel schreibe, läuft die Auszählung noch…


So gesehen ist es allemal nicht sicher, dass die Börsianer auf diese Aktivitäten der EZB auch wirklich begeistert reagieren. Im Gegenteil. Denn von den fruchtlosen Erfahrungen der bisherigen Aktionen abgesehen ist immer mehr Anlegern bewusst, dass die EZB tendenziell zusieht, dass die Finanzmärkte stabil bleiben. Ob da unsereiner wirklich davon profitiert oder nicht, ist belanglos, es geht um das große allgemeine Zahlenwerk. Und immerhin hat man ja eine gewisse „Transparenz“, indem man anstehende Maßnahmen durch vage Andeutungen ankündigt. Wo ist die Vorfreude, wo sind die massiven Käufe im Vorfeld „beglückender Maßnahmen“? Schon bei den letzten Maßnahmen der Notenbanken fiel auf, dass die Größenordnung dieser Vorkäufe immer weiter zurückging, dafür aber immer öfter sofort danach kräftig verkauft wurde.

Es sind noch zehn Tage bis zur EZB-Sitzung. Es kann sein, dass der DAX vorher den Ausbruch nach oben schafft. Es kann sogar gut sein, dass heute, am Montag, der Grundstein dafür gelegt wird, denn immerhin ist in den USA Feiertag, dort bleiben die Börsen geschlossen. Oft versuchen die Trader bei den dann geringeren Umsätzen, Trendimpulse zu setzen, in der Hoffnung, dass die dann vor vollendete Tatsachen gestellten US-Akteure diese am Dienstag nachvollziehen und die eingeschlagene Richtung so zementieren. Nur …

… es könnte theoretisch auch ein Impuls nach unten sein, der uns blüht. Einfach vorauszusetzen, dass der x-te Ausbruchsversuch nach oben diesmal hinhaut, wäre gewagt. Ob da ein paar große Adressen einen „Feiertags-Coup“ im Sinn haben, wohin dieser führen wird und ob es dann auch klappt, die US-Trader ins Boot zu ziehen – es ist genauso wenig sicher prognostizierbar wie die Reaktion auf die letztlich trotz allem im Dunkeln liegenden Maßnahmen der EZB.

Und man sollte auch einen anderen Aspekt im Hinterkopf behalten: Was, wenn die EZB gar nichts tut? Dort spielt man gerne seine Spielchen. Und so mancher Börsianer hat in den letzten Jahren geflucht wie ein Rohrspatz, weil er sich zu sehr darauf verlassen hat, dass Andeutungen der Fed oder der EZB auch wirklich so in die Tat umgesetzt würden, wie das die Mehrheit der Anleger dachte … oder denken sollte. Ich würde besser nicht einfach ausschließen wollen, dass es dann Anfang Juni plötzlich heißt: „Wir haben viele Maßnahmen diskutiert, sind aber zum Schluss gekommen, dass die aktuellen Aktivitäten und Zinslevels der Situation noch angemessen sind … behalten und aber selbstredend vor, umgehend …“ und so weiter und so weiter.

Denn wir sprechen hier nicht nur von einer möglichen „Big Bazooka“ … wir sprechen hier auch über das allerletzte Aufgebot möglicher Maßnahmen. Und ein solcher möglicher Endpunkt, gesetzt, weil es sein muss, nicht einfach, weil grad Zeit ist, ist nüchtern betrachtet wahrlich keine perfekte Basis für Goldgräberstimmung am Aktienmarkt. Vor allem nicht, weil uns die Erfahrung lehrt, dass die Maßnahmen zuvor für die Katz waren. Gut, man könnte behaupten, dass es ohne die aktiven Maßnahmen der EZB noch schlimmer aussähe. Aber kein taugliches Wachstum ist trotzdem lausig. Und ich würde nicht ausschließen, dass die EZB versucht – nicht das erste Mal – den Anlegern den Mund wässrig zu machen und eine gewisse positive Spannung zu erhalten, indem man solche Maßnahmen dann einfach weiter in die Zukunft verschiebt … womöglich sogar in die Zeit nach der Sommerpause.

Nicht, weil Maßnahmen noch nicht nötig wären, wie man es in diesem Fall kommunizieren könnte, sondern um die Finanzmärkte so lange wie möglich oben zu halten um, falls die Reaktion nach vollzogenen Schritten negativ wäre, ein wenig mehr Luft nach unten zu haben. Aber wir wissen es nicht. Es ist daher schlicht angeraten, alle möglichen Szenarien im Hinterkopf zu haben, denn wie gesagt: Prognosen sind da zwar immer verlockend … aber dennoch Unsinn.

Mit besten Grüßen
Ronald Gehrt –  (www.baden-boerse.de)

 

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