Die Büchse der Pandora

24. Oktober 2010 | Kategorie: RottMeyer


von Ronald Gehrt. Eines der größten Probleme, das an den Börsen immer wieder zu sehr großen Verlusten führt, ist Verbissenheit. Und zwar im Sinne einer einmal gebildeten Meinung, die stur aufrecht erhalten wird, während sich der Rest der Welt weiterdreht und die Gesamtsituation mittlerweile eine andere ist als in dem Moment, als sich der Investor seine Meinung gebildet hat. Ich stelle fest, dass es gerade jetzt einer Unmenge von Anlegern so geht. Die Börsen sollten fallen, meinen sie. Aber die tun das Gegenteil, während Investoren verbissen an ihren Puts festhalten und so herbe Verluste einfahren. Dabei sind diese steigenden Kurse durchaus erklärbar, dazu gleich.

Was Verbissenheit angeht, spreche ich durchaus aus jahrelanger eigener, höchst kostenintensiver Erfahrung. Und eben deswegen hatte ich vor Jahren entscheiden: Wenn schon einen Börsenbrief herausgeben, dann nur einen, der von einem mittelfristig orientierten Handelssystem geführt wird und so Emotionen vor der Tür lässt. Eine Zeitlang hatte ich dieses System in 2009 ausgesetzt … und es erwies sich als – wieder kostenintensiver – Fehler. Nie wieder. Sicher, die dämliche Parole „der Markt hat immer recht“ ist Blödsinn. Aber etwas abgewandelt wird durchaus ein Schuh draus: „Der Markt bekommt immer recht“. Wenn es steigt, steigt’s halt – und dann sollte man tunlichst keine Puts haben. Dass die Argumentation der Mehrheit des Kapitals dabei falsch sein kann, ist wieder etwas anderes. Aber … ist sie das auch heute?

Eines vorweg: Die Mehrheit – oder zumindest sehr viele – der Investoren glaubt nicht daran, dass die momentane Aufwärtsbewegung gut gehen kann. Ich schließe mich da auch durchaus an. Nur nicht in Bezug auf den Zeitpunkt. Ich lese aus Zuschriften ebenso wie aus anderen Kolumnen heraus, dass viele der Ansicht sind, dass die US-Regierung, die US- Notenbank (oder beide) die Kurse bewusst nach oben treiben, um vor den in vier Wochen anstehenden, entscheidenden Zwischenwahlen in den USA noch Punkte für die angeschlagene Regierung zu sammeln … und so doch noch zu verhindern, dass durch die Übernahme der Mehrheit in Senat und Kongress durch die Republikaner eine handlungsunfähige Regierung entsteht. Das würde bedeuten, dass es in wenigen Wochen umso steiler bergab geht und die Kurse dorthin fallen, wo sie angesichts der maroden Lage in den USA, die Asien und Europa mit nach unten zieht, hingehören. Daher halten viele an ihren Puts fest, weil sie davon ausgehen, dass sie nur noch ein wenig Nerven und Geduld brauchen, um dann belohnt zu werden. Ich glaube, dass diese Argumentation falsch ist.

Es gab durchaus Zeiten, in denen man politisch Punkte sammeln konnte, wenn die Börsen schön brav stiegen und so die Bürger immer reicher machten (zumindest auf dem Papier). Aber heute? Die Stimmen, die den Demokraten fehlen werden, sind die der Enttäuschten. Der 17% Arbeitslosen, derer, deren Häuser jetzt weniger wert sind als die Hypothek, die sie noch abzahlen müssen … wenn sie es überhaupt noch können. Die Stimmen der kleinen Selbständigen und Freiberufler, die mit ansehen, wie die Riesenkonzerne ihre Gewinne selbst bei der aktuellen Stagnation immer höher schrauben, während sie selbst nicht einmal die nötigen Kredite bekommen. Obama hat vieles, wenn nicht alles versucht. Aber wie seit langem betont: Wir hatten (bzw. haben) hier keine normale Rezession. Und noch nie war der Widerstand der Lobbyisten so stark und erfolgreich wie diesmal.

Steigende Börsen würden der Regierung also nicht helfen. Diejenigen, deren Stimmen sie braucht, haben keine Aktien. Und steigende Rohstoffpreise sind genau das Gegenteil, um beim normalen US-Bürger für gute Laune zu sorgen! Also muss man die Gründe für die steigenden Kurse woanders suchen. Erster Schritt:

Mögliche Quellen finden. Auffällig ist ja, dass alles steigt. Gold und Euro, Aktien und Industrierohstoffe … und Anleihen ebenfalls. Wobei letztere zuletzt zumindest stabil blieben. Es ist also nicht erkennbar, dass aus einem Bereich Geld ab- und in einen anderen hineinfließt. Also muss neues Geld von außen in die Börsen fließen. Woher? Normalerweise ist das nie sicher feststellbar. Im ersten Moment würde man auf Asien schließen, denn die haben’s ja. Heißt es. Aber so dick sind die Kartoffeln dort auch nicht mehr. Als Hauptquelle des neuen Geldes würde mich das wundern, denn es ist viel Geld, was zufließen muss, um solche marktbreiten Kurssteigerungen wie seit Anfang September hervorzurufen. Doch ein anderer Gedanke erscheint plausibel:

Das Geld kommt doch aus dem Anleihemarkt. Immerhin haben zahllose Investoren hier in den letzten Monaten und Jahren (für Anleihen höchst ungewöhnliche) satte Kursgewinne erzielt. Also – warum nicht Gewinne mitnehmen und in andere Assets umschichten? Und ein Neuinvestment ist zwar bei Anleihen weniger riskant als bei Aktien und Rohstoffen – aber momentan eben traurig niedrig verzinst. Normalerweise müssten die Anleihen dadurch fallen – und zwar so lange, bis wieder ein hinreichend attraktives Zinsniveau erreicht wäre. Tun sie aber nicht … weil die US-Notenbank, die Bank of Japan, die EZB etc. allesamt Anleihen aufkaufen, um das niedrige Zinsniveau zu erhalten. Nicht weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Denn die Erholung geht ja auch so schon gar nicht (USA) oder mäßig (Europa) voran. Wäre das Zinsniveau höher, ginge gar nichts mehr.

Und da die Lage letztlich keine Chance hat, sich entscheidend und vor allem nachhaltig zu bessern, solange die Banken sich zu nahezu null Zinsen Refinanzieren, aber auf der Gegenseite kräftig Zinsen abkassieren oder gar viele Kredite verweigern (weil man sich bei der Zinsdifferenz auch mit weniger Krediten eine goldene Nase verdient) und die Lobby so stark ist, dass dagegen nichts unternommen wird … wird die Stützung der Bondmärkte weitergehen und somit auch die Umschichtung von Kapital in andere Assetklassen möglich sein.

Was bedeutet, dass diese Aufwärtstrends durchaus über die US-Wahl im November hinausgehen kann. Wie lange? Nicht absehbar. Das können Wochen sein … aber auch mehrere Monate oder noch länger. Wir werden es sehen – wenn die Trends brechen. Aber … diese Situation hat, davon abgesehen, dass steigende Kurse den meisten Investoren eigentlich Freude bereiten, nichts Positives. Börse und Wirtschaft müssen nicht parallel laufen – und tun es oft genug ja auch nicht. So wie jetzt. Aber immer entsteht daraus eine riskante Spannung, die sich meistens plötzlich und unvermutet entlädt. Wie bei einer Schraube, an der man zu lange dreht: nach „zu“ kommt „ab“.

Die Notenbanken können nicht anders, als die Anleihemärkte zu stützen. Obwohl sie die Risiken kennen … denn sie haben dadurch die Büchse der Pandora neu erschaffen und füllen sie Tag um Tag mit mehr Giftmüll. Dabei haben sie zwar den Vorsatz, aber nicht die Möglichkeit, diese Billionen wieder zurück in den Markt zu geben. Das war zwar vorgesehen. Dieser Vorsatz wurde aber schnell und unauffällig wieder unter den Teppich gekehrt, als klar wurde, dass das Wachstum in den USA nach Auslaufen der meisten monetären Stützungen für die Wirtschaft sofort in sich zusammensackte. Aber wenn jemand auf die Idee kommt, Pandoras Box zu öffnen und diese aufgehäuften Anleihen – zumeist ja nur Schrott – wieder in den Markt zu geben, um die Bilanzsummen der Notenbanken wieder zu normalisieren, werden die Kapitalmärkte in allen Bereichen zusammenbrechen. Da hofft man jedoch auf die Zeit. Irgendwann, irgendwie wird sich da schon was ergeben (kennen wir von der Sackgasse, in die man sich 2007 hineinlaviert hatte). Bis dahin wird man sich hüten, hier etwas zu ändern. Möglicherweise jahrelang. Nur …

… es gibt dummerweise noch eine zweite Büchse der Pandora. Momentan zeichnet sich ab, was ich seit vielen Monaten vermutet hatte: Das kurzzeitige Sonderwachstum einiger europäischer Länder flaut ab, andere wie Portugal oder Griechenland sind in eine rezessive Phase eingetreten. In Asien geht es langsamer voran, in den USA sogar in manchen

Wirtschaftsbereichen wieder rückwärts. Gleichzeitig glauben manche Investoren an einen neuen Goldrausch bei Aktien und Rohstoffen und treiben die Kurse immer höher. Und das in dem Glauben, dass ihnen kaum etwas passieren könne, weil die Regierungen gezwungen seien, einen erneuten Kurseinbruch zu verhindern. Mag sein, dass sie das versuchen würden. Aber diese jetzt erneut entstehende Schere zwischen Realwirtschaft und Börse wird – wie jede blasenartige Entwicklung – in sich zusammenfallen, wenn sich die Lage weiter verschärft und die Anleger langsam unruhig werden.
Würde man neues Geld drucken, um dann auch noch Aktien und Rohstoffe auf erträglichem Level zu halten, würde das Währungssystem komplett pulverisiert. Jede Regel, jede Struktur würde dann zu einer Lachnummer. Das würde alles zusammenbrechen lassen … da, so denke ich, wird man lieber die Aktienmärkte aufgeben, denn das träfe mit Masse nur die, die noch genug Geld haben (und dann „hatten“). Und ich glaube kaum, dass dann ein Strom von Kapital in die dann wieder geliebten Anleihen ausreichen würde, um die Notenbanken in die Lage zu versetzen, dort dann freiwerdendes Kapital umzuschichten und ab dann eben die Aktien zu stützen. Denn neben der Gier ist die wichtigste Gefühlsregung für Investoren Vertrauen. Und das wäre, bei erneut in die Rezession kippender Weltwirtschaft, endgültig dahin. Gold, Immobilien (eigene) und das Bare unter dem Kopfkissen wären dann die Alternativen, die Börsen kein Thema mehr … und Pandoras Box erneut geöffnet.

Aus heutiger Sicht sehe ich keine Chance, diesem Szenario zu entkommen. Aber es ist nun einmal nicht terminierbar. Es können Jahre vergehen, bis die hilflos zugepflasterten Wunden der jahrelangen Dummheit und Ruchlosigkeit der letzten Jahre wieder aufplatzen. Daher halte ich es für unklug, verbissen an Puts festzuhalten, solange die Trends in die Gegenrichtung weisen. Wach zu bleiben und dann zügig zu reagieren, wenn das Unheil seinen Lauf nimmt, ist zwingend. Stur schon jetzt darauf zu warten, jedoch nicht gewinnbringend!
Mit den besten Grüßen

Ihr Ronald Gehrt

(www.system22.de)


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