Die Besiedlung des Mars: Wer Visionen hat, geht an die Börse, nicht zum Arzt!

20. April 2017 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Typischerweise hat jede Blase an der Börse ihre Kinder: Unternehmen, die sinnbildlich für die Auswüchse stehen, die es zu bestimmten Börsenphasen gibt. Waren dies im Jahr 2000 die gehypten Internetunternehmen mit einem .com im Namen oder im Jahr 2007 die Finanztitel, die von der Blase am US-Immobilienmarkt profitierten, ist es aktuell wohl vor allem ein Unternehmen, das für die Unvernunft der Börse steht: Tesla.

Und dessen Aktie hat erst in der letzten Woche ein neues All-Time-High markiert. Der Hersteller von Elektroautos ist damit aktuell knapp 50 Mrd. USD wert – fast so viel wie General Motors (51 Mrd. USD). Wobei dieser Konzern eben auch einen Umsatz von 166,4 Mrd. USD und ein Nettoergebnis von 9,4 Mrd. USD erzielt. Bei Tesla sieht dies bislang noch eher mager aus: Auf 5,6 Mrd. Umsatz kommt 2016 ein Verlust von knapp 0,8 Mrd. USD. Natürlich, wir vergleichen hierbei Äpfel mit Birnen.

Das eine ist ein antiquierter Hersteller von Verbrennungsmotoren und mit diversen Altlasten, das andere ein junges dynamisches Unternehmen, das gerade drauf und dran ist, die Mobilität zu revolutionieren. Genau daran dürfen jedoch ernste Zweifel angebracht werden. Denn Tesla benötigt womöglich weitaus mehr Geld, um diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen, als dies der Markt aktuell vermutet.

Geld-Verbrennungsmaschine

Darauf deuten sowohl die Zahlen für 2016 als auch der Ausblick auf 2017 hin. So erzielte Tesla 2016 erneut einen negativen freien Cashflow von mehr als 1 Mrd. USD. Und dies, obwohl die Investitionen im vierten Quartal deutlich hinter der eigenen Planung zurückfielen. 2017 wird das Unternehmen in jedem Quartal schätzungsweise einen operativen Verlust von 150 Mio. USD erzielen.

Dazu kommen obendrauf die Investitionen in die Fertigung des neuen „Model 3“. Insgesamt möchte Tesla dafür 2 bis 2,5 Mrd. USD in die Hand nehmen. Mit den bisherigen Finanzierungsrunden in diesem Jahr konnten allerdings lediglich rund 1,2 Mrd. USD aufgetrieben werden. Aktuell hat Tesla also schlicht und ergreifend zu wenig Geld, um seine Pläne umzusetzen. Und während die Aktionäre Tesla feiern, scheinen Anleiheinvestoren bereits erste Zweifel zu beschleichen.

Musste Tesla CEO Elon Musk auf seine 2014 begebene Wandelanleihe lediglich 0,25% Zinsen zahlen, wird für das im März 2017 begebene Papier bereits ein Coupon von 2,375% fällig. 2014 hatten die Anleihegläubiger noch eine Prämie von 42,5% auf den Aktienkurs akzeptiert, 2017 sind dies nur noch 23%.

Überhaupt könnte sich der Tesla-Mittelklassewagen für die etablierten Hersteller als weit weniger gefährlich als geglaubt herausstellen. Denn wie der US-Hedgefonds-Manager Mark Spiegel vorrechnet, ist es rein mathematisch kaum möglich, diesen mit Gewinn zu verkaufen. So erziele Tesla mit seinem im Durchschnitt rund 104.000 USD teuren „Model S“ lediglich eine Rohertragsmarge von 23%. Kaum vorstellbar, dass sich der neue Wagen angesichts solcher Kosten für lediglich 35.000 USD herstellen lässt.

Wer Visionen hat, geht an die Börse, nicht zum Arzt

Es dürfte auf massive Verluste für jedes einzelne vom Band rollende Auto hinauslaufen. Statt Benzin dürfte Tesla daher also auch mit seinem Hoffnungsbringer massiv Geld verbrennen. Und genau auf dieses Auto und seinen Erfolg am Massenmarkt setzt aktuell die Börse. Denn die Absatzzahlen der bestehenden Modelle waren zuletzt sogar leicht rückläufig. Doch wer blickt schon auf Zahlen, wenn es so wunderschöne Visionen zu bestaunen gibt – und diese auch noch doch die Meldung eines neuen Großinvestors untermalt werden.

So scheint ein Großteil des jüngsten Kursanstieges auf die Meldung der chinesischen Tencent zurückzugehen, die den Besitz von 5% der Tesla-Anteile meldete. Allerdings ist deren Paket komplett auf Pump finanziert und vermutlich lediglich eine kurzfristige Spekulation.

Mark Spiegel fasst den Hype um Tesla und dessen Gründer Musk prägnant zusammen: Es sei schon beachtlich, dass der CEO eines milliardenschweren börsennotierten Unternehmens öffentlich über die Besiedlung des Mars fabulieren darf, ohne dass seine Aktionäre ernsthafte Zweifel beschleichen. Da kommt es einem fast schon bodenständig vor, dass Musk mit der „Gigafactory“ lediglich die Speichertechnologie revolutionieren möchte.

Kritiker vermuten jedoch vielmehr, dass die wahren Gigafactories in Kürze in Asien zu finden sein werden. Am Ende des Tages dürfte die Speichertechnologie ohnehin zu einem Commodity werden, auf den jeder Hersteller Zugriff hat. Aber erinnern wir uns an den Beginn der 2000er Jahre: Wenn die Visionen die Realität verdrängen, sind alle Gegenargumente zwecklos. Fragt sich lediglich wie lange es dauert, bis die Fakten wieder die Oberhand gewinnen…

Zu den Märkten

Nachdem wir in der Vorwoche noch die beachtliche Stabilität des DAX angesichts der „Schrecksekunde“ (SIW 15/2017) rund um die aufflackernden Konflikte der USA mit Syrien und Nordkorea thematisiert hatten, zeigte der deutsche Leitindex deutlichere Schwächesignale. In einer reifen, möglicherweise überreifen Aufwärtsbewegung ist man gut beraten, auch auf kleine Hinweise zu achten, die auf das mögliche Ende eines Trends hindeuten könnten.

Der gestrige Handelstag brachte in dieser Hinsicht gleich mehrere, technisch negativ zu bewertende Signale in nur einer einzigen Börsensitzung (vgl. Abb.): Der DAX verlor knapp 0,9%. Das klingt zunächst nicht wirklich spektakulär, allerdings handelte es sich bei dieser Bewegung um einen der größten Kursverluste der letzten Wochen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die Volatilität im zurückliegenden Zeitraum ungewöhnlich niedrig war. Da aber auf solche Phasen regelmäßig Phasen mit höherer oder gar hoher Volatilität folgen, wäre es nicht überraschend, falls die Kurse in der näheren Zukunft deutlich beweglicher werden als zuletzt. Negativ ist besonders die Kombination aus per Saldo (noch) leicht steigenden Kursen und einschlafender Aktivität. Aus solchen Konstellationen ist es schon häufiger zu einem bösen Erwachen für jene Anleger gekommen, die sich von dem Mangel an Aktivität einlullen ließen und unbeschwert auf ein „Weiter so!“ gesetzt hatten.

Auf der Zeitebene der vergangenen Monate sticht die charttechnische Formation eines aufwärtsgerichteten Keils ins Auge (blaue Linien). Eine solche Formation wird auch Baisse-Keil genannt und ist prinzipiell negativ zu interpretieren, auch wenn dieser keine dramatische Zuspitzung oder Steilheit zeigt. An dieser Stelle darf noch einmal betont werden, dass nicht jede Linie, die sich durch zwei Punkte zeichnen lässt – dies ist ja nur die definitorische Mindestanforderung –, gleichzeitig auch eine charttechnisch relevante Linie ist.

Je mehr Auflage- bzw. Berührungspunkte eine solche aus Linien zusammengesetzte Formation aber hat, desto wahrscheinlicher ist es, dass diese von charttechnisch orientierten Anlegern und Analysten beachtet wird. Der Keil ist in dieser Hinsicht gut bestätigt (gelbe Markierungen). Bemerkenswert ist ein schwaches Signal, das am 3. April zu sehen war (türkise Markierung): Der Versuch, den Keil nach oben zu verlassen, scheiterte mit einem per Saldo negativen Handelstag. Allerdings noch unter rückläufigen Umsätzen. Nicht schön, aber eben auch noch nicht dramatisch.

Der am Dienstag erfolgte Durchbruch (graue Markierung) stellt dagegen ein klassisches Verkaufssignal dar – zumindest im Kontext der betrachteten Zeitebene. Bestätigt wurde dieses bislang durch die anziehenden Umsätze während des Ausbruchstages und durch einen Schlusskurs nahe dem Tagestief. Eine weitere Bestätigung wäre es, wenn in der Folge eine sogenannte Pull-Back-Bewegung an das Ausbruchsniveau erfolgt, die idealerweise unter geringeren Umsätzen und mit weniger vertikaler Dynamik einhergeht. Bleibt es bei einem reinen Pull-Back, sollte es danach erneut nach unten gehen.

Es gibt im Übrigen noch weitere negative Aspekte, über die wir ausführlich im kommenden Smart Investor 5/2017 berichten werden. Allerdings muss an dieser Stelle auch davor gewarnt werden, Charts mit einer bereits vorgefassten Meinung zu „analysieren“. Da kommt zwar dann stets das gewünschte Ergebnis heraus, ist allerdings ohne praktischen Nährwert.

Tatsächlich lassen sich der aktuellen DAX-Situation aber kaum positive Aspekte abgewinnen. Dass sich der Index gestern noch haarscharf über die Marke von 12.000 Punkten gerettet hatte, zählt jedenfalls nicht dazu. Diese Marke ist – wie hier mehrfach beschrieben – bislang ohne praktische Relevanz für die Marktteilnehmer gewesen. Hinfällig wird das beschriebene Negativszenario übrigens, falls der DAX die untere Keilbegrenzung zügig und(!) überzeugend zurückerobern kann. Ansonsten könnten tiefer liegende Aufwärtstrendlinien wie der Aufwärtstrend seit Juni 2016 (Unterstützung derzeit bei ca. 11.500 Punkten) und der Aufwärtstrend seit 2009 (Unterstützung aktuell bei ca. 10.200 Punkten) in den Fokus geraten bzw. getestet werden.

Fazit

Nicht nur die Aktie von Tesla zeigt Anzeichen einer Übertreibung, auch beim DAX mehren sich die negativen Vorzeichen. Möglicherweise wird daher auch beim deutschen Blue-Chip-Barometer in Kürze „der Stecker gezogen“.

© Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor

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