Schrott auf Schienen

28. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

„Senk you with treffeling wiss Deutsche Bahn“ ist Gott sei Dank aus der Mode gekommen. Heute heisst es „Tschoosing“, wobei der Werbeslogan „Leistung aus Leidenschaft“ bzw. auch „Leiden aus Leidenschaft!“ wieder frei wäre für die Deutsche Bahn. Eine Geschichte über Schrott auf Schienen…

Mein Leidenskonto bei der Deutschen Bahn ist prall gefüllt, ohne Anspruch auf Einlösung. Neulich ging es nach Paris. Mein Plan war, von Gernsheim nach Mannheim zu fahren, um dort in den Zug nach Paris zu steigen. Wenn man einen Plan hat, haben Bahn-Götter besonders viel zu lachen. Über meine Erfahrungen zwischen Gernsheim nach Frankfurt könnte ich ein dickes Buch schreiben. Und ein weiteres noch dickeres Buch über die Rückfahrt. Wer nicht?

Normalerweise ist an einem Samstagmorgen nicht viel los. Meint man. Das sagte auch die Bahn-App. 23 Minuten Umstiegszeit nach einer Strecke von 40 Kilometern sollten reichen – nicht aber, wenn man sieben kurzfristige, spontane, überraschende, wichtige und unumgängliche Zugüberholungen vor sich hat. Dann macht der Bummelzug das, was er am besten kann: Bummeln. Kurzum: Die Verspätung stieg, die Umstiegszeit schmolz ins Negative. Der Zug nach Paris war weg. Klar, denn der durfte uns vor Mannheim noch überholen. Mit ihm fuhr meine Fahrkarte. Die hatte ein Freund, zu dem ich in Mannheim zusteigen wollte. Nun ist es ja nicht so, dass nur wenige Züge nach Paris fahren. Eine Stunde später sollte es über Karlsruhe nach Paris gehen. Doch mit welcher Fahrkarte? Kurzum, die Schaffner waren sehr großzügig. Was blieb ihnen schon übrig bei meinem Dackelblick.

Auf der Rückfahrt strandete ich dann, na raten Sie mal, in Mannheim. Sämtliche Züge nach Gernsheim fielen kurz vor ihrer Abfahrt aus. Sie verschwanden einfach. Senk you! Bei uns auf der Ried-Strecke geht derzeit ohnehin nichts mehr, denn eine andere Strecke in den Süden ist wegen des Aufschwungs bzw. nötiger Bauarbeiten „zu“ for better Reising wiss Deutsche Bahn. So wird jetzt jeder Zug über „unsere“ Strecke gefahren. Viel zu viel, sagen Schaffner. Und gebaut wird überall. Nur was? Dann steckt man schon mal stundenlang in Mannheim fest mit der tiefen Überzeugung, hier zu verenden. Die Friedhöfe in Mannheim sollen größer sein als anderswo, sagen die Bahner. Ansonsten ist Mannheim ja eine wirklich schöne und großzügige Stadt, wenn man es wieder verlassen hat, selbst mit dem schmutzigsten Regionalzug, den die Bahn irgendwo in einem Museum hat auftreiben können.

Die Riedstrecke ist wirklich eine Reise oder Erfahrung wert. Aus dem Fenster betrachtet, genießt man über sehr lange Zeit die blühenden Landschaften, bis es einem zu bunt wird. Wer ganz großes Glück hat, kann sogar die Fenster im Abteil öffnen. Das Dumme aber nur, dass solche Züge so selten geworden sind. Diese Waggons sind mindestens 40 Jahre alt – Sitze und Toiletten ebenso. Man kann eben nicht alles auf einmal haben. Ich frage mich, warum sich die Fenster nicht mehr öffnen lassen. Vielleicht sind zu viele Leute während der Fahrt über diese aus – oder eingestiegen? Oder werfen böswillige Menschen von draußen Dinge in die Zugabteile hinein? Vielleicht liegt es aber daran, dass Klimaanlage bei offenen Fenstern nutzlos arbeiteten, wenn sie überhaupt arbeitet. Wir werden es nicht erfahren, erleben es aber ständig. Eines ist gewiss: Der Anschluss ist immer weg.

Bahnfahren und Zynismus gehören einfach untrennbar zusammen wie Blitz und Donner – vor allem, wenn die Züge neuerdings mit „Herzlich willkommen bei der Deutschen Bahn.“ beschriftet sind. Dabei wurde doch das Herz oder die Mehrzahl davon irgendwo auf den überlasteten Strecken, im Bordrestaurant der ICE’s oder am InfoPoint ermordet. Gerüchten zufolge wird die nächste Werbeaktion heißen: „Wir bringen Sie auf die Palme!“ Spätestens mit der nächsten Fahrpreiserhöhung im Herbst.

Apropos, von Frankfurt nach Mannheim kostet eine Fahrt 29,90 Euro. Dafür kann man heute auch nach Spanien fliegen. Im Preis inbegriffen sind ja auch Verspätungen und andere Unannehmlichkeiten, die eben extra kosten. Aber die Leute wollen wie auf den Autobahnen immer rasen statt zu reisen. Dabei ist doch der Weg das Ziel, vor allem bei der Bahn.

Vor Gott und dem Fahrplan sind alle Menschen gleich. Das erlebt man vor allem bei Verspätungen. Dann drehen in aller Regel einige Leute durch und sorgen für die skurrilsten Erlebnisse. Dicke schwitzende Frauen oder Herren mit Bierdose wuchten sich dann durch die Gänge im Eiltempo – auf der Suche nach dem Schaffner. Der hat sich dann in aller Regel schon vor den Fahrgästen versteckt, was durchaus verständlich ist. Ändern an der Lage kann er ohnehin nichts, wenn beispielsweise der Anschlusszug nicht wartet. Frauen und Männer mit Adrenalin-Überschuss und Stress haben dann zudem leider den Nachteil, dass sie nach wenigen Minuten beginnen, unangenehm zu riechen und zu klingen. Eine solche Frau brüllte neulich den Schaffner im tiefsten Mezzosopran nieder, weil sie ihre S-Bahn nicht mehr erreichen würde. Mit zehn Metern Abstand doch sehr unterhaltsam – der anderer Leute Stress.

Die einen wollen nach Paris, die anderen nach Hause. Beides geht nicht gleichzeitig. Doch setzen Sie sich doch mal zum Vergnügen in Paris in die Metro. Dort erlebt man heute schon wie es später hier bei uns aussieht. Oder nehmen Sie mal eine Pariser Regionalbahn. Darin erkennt man das wahre BIP eines Landes bzw. die Stärke des Abschwungs. Die Sitzgelegenheiten sind wohl deshalb so ungemütlich, dass die Leute dort nicht heimisch werden.

An keinem Ort auf der Welt, außer in Kläranlagen, leben so viele Bakterien wie in den Metros und Regionalbahnen. Schichtweise Hautpartikel haben sich über die Jahre hinweg auf den Armlehnen verbacken. In den Sitzen ist die Notdurft von zwei Generationen. aufgesogen. Die Scheiben sind meistens milchig, ohne dass ich wissen möchte, was da dran klebt. Eine moderne Metro ist heute so etwas wie der Vorhof zur Hölle und die Zeitgenossen dort nicht erquicklich. Die meisten Leute schauen ohnehin auf ihr mit der Hand verwachsenes Smartphone. Das Tragen eines Kopfhörers ist nicht nur hip, sondern äußerst praktisch, um zumindest das Akustische ausblenden zu können.

Ein Reisetipp: Wenn in Paris vorzugsweise am Wochenende ganz überraschend die Hauptstrecke aus dem Pariser Zentrum nach Versailles gebaut wird, und man dann die Metro nehmen muss, inklusive viermal Umsteigen, kommt besonders bei 35 Grad richtig Freude auf – vor allem, weil man später die gleiche Strecke wieder zurückfahren muss.

Zum Glück haben wir hier in Gernsheim einen rauchfreien Bahnhof. Manchmal kommt die Bahnpolizei vorbei und ermahnt die Raucher. Da fühlt man sich gleich sicherer, umgeben von verschmutzten Gleisanlagen und einer Unterführung, auf der WC stehen sollte – die demolierten Müllbehälter im Flair der 50er Jahre sind Kunstwerke für sich – wo man nur im Freien rauchen kann. Nun ja, es sind eben die Kleinigkeiten die den Fortschritt so spürbar machen.

Neulich hat die Deutsche Bahn die neue Generation Zug vorgestellt, der natürlich niemals in Gernsheim hält. Der neue ICE ist beeindruckend, wenn er fährt. Wenn ich mir die Beine vertreten will, schaue ich doch gerne mal im Bordrestaurant vorbei auf der Suche nach neu komponierten Köstlichkeiten aus der Küche der Plastikschläuche, zusammengestellt von den angeblich besten Köche der Welt. Toll, was diese Experten alles zaubern – auf der Speisekarte sieht der Füllstoff immer anders aus als auf dem Teller.

In der 1. Klasse wird man ja am Platz bedient. Manchmal sind die Fahrkarten dort billiger als in der Holzklasse. Dafür schläft auch niemand aus Versehen auf meiner Schulter ein. Wahrscheinlich gibt es die 1. Klasse nur, weil man dort mit den Leuten in der 2. Klasse nichts zu tun haben möchte. Das wird offiziell so nicht gesagt. Meistens sitzen dort ja nur Manager mit ihren Laptops und hauen fleißig den Aufschwung in die Tastaturen.

Und wenn die Bahn dann wirklich fährt und man hoffend auf den nächsten Anschlusszug aus dem Fenster schaut, meint man, den Zustand eines Landes besten an seinem Schienennetz erkennen zu können – und auch den Zustand einer Gesellschaft, die es benutzen. Und am Ende meiner Odyssee stand das überwältigende Gefühl, endlich wieder zu Hause zu sein bei einem noch besser gefüllten Leidenskonto, welches ich nicht mal in einen schlecht gebrühten Instant-Kaffee im Bord-Bistro eintauschen werde können. Übrigens, Verspätungen in der Schweiz werden meistens von den Zügen aus dem Ausland verursacht.

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