Die ausgeschaltete Marktwirtschaft

17. Mai 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Marktwirtschaft ist nicht nur die produktivste, sondern auch die humanste Organisationsform eines Gemeinwesens. Ludwig von Mises (1881 – 1973) hob die gegenseitig nutzbringende Wirkung von Markttransaktionen hervor: „Jeder handelt für sich, doch jedermanns Handeln ist mittelbar auch auf die Erfüllung der Zwecke der anderen Handelnden gerichtet…

… Jedes Handeln wird dadurch zu einem Mithandeln, jedermann dient handelnd seinen mithandelnden Genossen. Jeder gibt, um zu empfangen; jeder dient, um bedient und bedankt zu werden.“

I.

Der freie Markt lenkt die Handlungen der Einzelnen also dorthin, wo sie den Zwecken der Mitbürger am nützlichsten sind. Marxisten sprechen jedoch an dieser Stelle meist von der „Anarchie der Produktion“. Und richtig: In einer Marktwirtschaft gibt es keine Zwangsherrschaft, die den Einzelnen unter die Knute eines anderen bringt. Der Einzelne ist frei. Und doch ist er am Wohle aller anderen interessiert: Denn der freie Markt sorgt dafür, dass der Einzelne sein Wohl nur verbessern kann, wenn er die Wünsche der anderen bestmöglich bedient.

Ein zentrales Prinzip der Marktwirtschaft ist das Haftungsprinzip: Jedem steht nicht nur der Erfolg seines Handelns zu, sondern er hat auch die Kosten seines Handelns zu tragen. Wenn etwa der Unternehmer Produkte anbietet, die von den Kunden als am besten angesehen werden, so wird er dafür mit Gewinn belohnt. Trifft er schlechte Entscheidungen, verliert er Kunden, sein Gewinn schwindet, möglicherweise muss er sogar aus dem Markt ausscheiden. Bessere Unternehmer treten an seine Stelle. Der Markt stellt so sicher, dass knappe Ressourcen zum besten Wirt geleitet werden.

II.

In einer Marktwirtschaft müssen Sparer und Investoren auf den Finanzmärkten sorgsam wirtschaften. Kaufen sie zum Beispiel Aktien von Unternehmen, die die Kundenbedürfnisse besser als andere befriedigen, werden sie mit Gewinnen (in Form von Kurssteigerungen und/oder Dividendenzahlungen) belohnt. Andernfalls erleiden sie Verluste.

Gleiches gilt für den Kauf von Schuldpapieren. Kaufen Sparer und Investoren Anleihen von guten Schuldnern, erhalten sie nicht nur Zinszahlungen, sondern am Ende der Laufzeit auch ihr Geld zurück. Erwerben sie hingegen Papiere schlechter Schuldner, kann das den Totalverlust des eingesetzten Kapitals bedeuten.

In einer Marktwirtschaft erhalten gute Unternehmen die notwendigen Mittel, um ihre Produktion, die den Kundenwünschen dient, ausbauen und weiter verbessern zu können. Der Markt stellt auch hier wieder einmal sicher, dass Unternehmen, Sparer und Investoren ihr Handeln in den Dienst der Produktion stellen, durch die die dringlichsten Wünsche der Verbraucher befriedigt werden.

Im Zuge ihrer „Rettungspolitiken“ haben die Zentralbanken nun jedoch das Haftungsprinzip de facto ausgeschaltet. Denn sie halten Staaten und Banken, die unter „normalen“ Marktbedingungen längst zahlungsunfähig wären, künstlich am Leben. Die Zentralbanken haben die Zinsen auf künstlich tiefe Niveaus gesenkt, und sie haben zudem in Aussicht gestellt, dass strauchelnde Schuldner bei Bedarf jede gewünschte Geldmenge erhalten.

Bei Sparern und Investoren ist die „Botschaft“ angekommen. Sie setzen darauf, dass es keine politisch ungewollten Zahlungsausfälle mehr geben wird. Für sie lohnt es sich, Anleihen von strauchelnden Staaten und unwirtschaftlichen Banken zu kaufen. Sparer und Investoren haben damit geradezu den Anreiz, ihr Geld „schlechten Wirten“ zu leihen, weil sie dafür einen attraktiven (risikolosen) Zins erhalten. Weil aber schlechte Wirte bekanntlich das Geld für unkluge und unproduktive Verwendungen einsetzen, wird das Abwenden von Zahlungsausfällen erkauft durch geringere Wachstums- und Beschäftigungszuwächse in der Zukunft.


III.

Vermutlich wird vielen dieser „Preis“ gerechtfertigt erscheinen: Ist es nicht besser, geringere Wachstums- und Beschäftigungszuwächse in der Zukunft hinzunehmen als Zahlungsausfälle und Rezession und Massenarbeitslosigkeit in der Gegenwart zu akzeptieren? Doch das ist ein Abwägen von Alternativen, die so nicht existieren. Denn künstlich niedrig gehaltene Zinsen und das Vertreiben der Kreditausfallsorgen aus den Finanzmärkten „gesunden“ nicht etwa die Volkswirtschaften, sondern sie setzen vielmehr neuerliche Fehlentwicklungen in Gang, die sich in Krisen entladen werden.

Die Auffassung, man könne durch politisch motivierte Veränderungen des Zinses und der Geldmenge Wachstum und Beschäftigung schaffen, entspringt dem Keynesianischen Denken, und damit einer Irrlehre. Denn der „Boom“, für den das Zinssenken und das Ausgeben von ungedecktem Papiergeld sorgen, muss im „Bust“ enden. Und um dem Bust zu entkommen, muss mehr gespart und weniger konsumiert werden: Knappe Ressourcen müssen verstärkt zum Aufbau des Kapitalstocks eingesetzt werden. Nur ein wachsender Kapitalstock erlaubt ein Ansteigen der Produktivität, die höhere reale Einkommen möglich macht.

Vermehrtes Sparen heißt nun aber nicht, dass Nachfrage ausfällt. Es bedeutet, dass knappe Ressourcen nicht verkonsumiert, sondern für produktive Zwecke eingesetzt werden. Insgesamt bleibt die Nachfrage dadurch unverändert! Nur durch vermehrtes Sparen und Investieren lassen sich die Produktions- und Beschäftigungsverluste, für die der vorangegangene Boom gesorgt hat, aufholen.

Damit aber „richtig“ gespart und investiert werden kann, ist eine funktionierende Marktwirtschaft erforderlich. Nur wenn Preise und Zinsen sich im Markt frei bilden können, kann die Volkswirtschaft die notwendigen Anpassungen vollziehen. Sind die Zinsen künstlich gedrückt, und sind die Kreditausfallrisiken verfälscht, weil die Zentralbanken ein (nur scheinbar kostenloses) Garantienetz aufspannen, werden sich die Hoffnungen auf ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum nicht erfüllen.

Die Marktwirtschaft ist unverzichtbar für produktive friedvolle Kooperation der Menschen, national und international. Das, was sich entwickelt, wenn die Marktwirtschaft ausgeschaltet wird, und sei es „nur“ in Teilbereichen, ist nichts Gutes, kann nichts Gutes sein – so sehr man diese Erkenntnis auch bestreiten mag. Es ist daher wichtig, dass die ausgeschaltete Marktwirtschaft in Europa und auch anderswo wieder eingeschaltet wird.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH



Die ausgeschaltete Marktwirtschaft

 

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3 Kommentare auf "Die ausgeschaltete Marktwirtschaft"

  1. 4fairconomy sagt:

    „…werden sich die Hoffnungen auf ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum nicht erfüllen.“ Ist hier von einem nachhaltig prozentualem, d.h. exponentiellem Wachstum die Rede? Wie soll das gehen auf einem endlichen Planeten, wenn z.B. bei 2% Wachstum sich Produktion und Konsum alle 35 Jahren verdoppeln können müssen? Ist dies ein erstrebenswertes Ziel?

    „Damit aber “richtig” gespart und investiert werden kann, ist eine funktionierende Marktwirtschaft erforderlich. Nur wenn Preise und Zinsen sich im Markt frei bilden können, kann die Volkswirtschaft die notwendigen Anpassungen vollziehen.“ Und dies soll bei einem garantierten Mindestzins von 0% fürs Geldhorten funktionieren? Ist Geldhorten etwa „richtiges Sparen“, in dem „knappe Ressourcen nicht verkonsumiert, sondern für produktive Zwecke eingesetzt werden. „?

    Mit den obigen Ausführungen hat Prof. Thorsten Polleit eindrücklich abgeleitet, wie eine nachhaltig funktionierende Marktwirtschaft sich mehr nach den Ideen Silvio Gesell zu orientieren haben wird als nach den Vorstellungen der österreichischen Schule. Denn genau das wollte Silvio Gesell auch: dass dank freier Bildung der Zinsen „richtig“ investiert wird, d.h. in langfristigen, produktiven Anlagen. Nur erkannte Silvio Gesell, dass diese freie Bildung der Zinsen nicht funktionieren könne, wenn die Liquiditätshaltung zu garantiert mindestens 0% ZInsen möglich sei. Eigentlich eine einfach zu erkennende logische Tatsache.

  2. FDominicus sagt:

    „Eigentlich eine einfach zu erkennende logische Tatsache.“
    Daran ist gar nichts logisch und wenn Sie sich mindestens die Mühe machten die heutige Geldentwertung einzubeziehen, aber das haben Sie noch nie und werden es wohl auch nicht.

    Ihre „freie“ Bildung des Zinses ist eine Lüge ohne gleichen, denn Sie wollen festlegen was langfrsitig produktiv ist. Das ist genauso arrogant und verlogen wie unser derzeitiges System. Und auch Ihre Schwundgeld bring keinerlei Neuigkeit außer einer Welt in der man lieber heute als morgen nicht mehr spart.

    Sie haben das Geldsystem durch und durch nicht verstanden sondern im Gegenteil eine unglaubliche Ignoranz gegenüber Eigentum und einfachen Wahrheiten.

    • 4fairconomy sagt:

      Genau so wie Sie, bin ich gegen die Geldentwertung und die wilde Expansionspolitik der Notenbanken. Aber im heutigen System muss so das Geldmengenwachstum hervorgebracht werden, welches notwendig ist, um eine Deflation zu vermeiden und die konjunkturell gesehen zu hohen Zinsen bzw. Renditeforderungn zahlen zu können.
      Es geht überhaupt nicht darum festzulegen, was produktiv ist und was nicht. Das sollen die Akteure frei entscheiden. Es geht nur darum, dass der Anreiz zum Investieren nicht immer nur darin besteht, dass sich dabei das Vermögen nach dem Zinseszinsprinzip vermehrt. Je nach Konjunktur muss der Anreiz genügen, dass Investieren weniger Verluste verursacht, als Geld zu horten. So sollen sich die Zinsen der Konjunktur anpassen und nicht umgekehrt. Im heutigen System muss die Wirtschaft genügend wachsen, damit die Gewinne finanziert werden können, welche als Anreiz nötig sind, dass investiert wird. Dies ist abstrus und ein Zwang ohne Gleichen. Wird eine Liquiditätsabgabe eingeführt, kann nicht mehr auf das Geldhorten ausgewichen werden. Eine Inflation wirkt 1. auf alle Nominalbeträge und ist nicht steuerbar, siehe Japan. Eine Abgabe von 5% auf Liquidität wirkt sich da schon ganz anders aus auf das Verhalten der Geldbesitzer und Sparer aus, als eine schwache Inflation bzw. eine expansive Geldmengenpolitik mit schwacher Inflationswirkung (nochmals: siehe Japan). Sie können es drehen und wenden wie Sie es wollen: eine Abgabe auf Liquidität hat nicht die gleiche Wirkung wie eine Inflation und ist damit nicht gleich zu setzen. Eine solche Abgabe wirkt unmittelbar dort, wo sie wirken muss und nur dort und lässt die Kaufkraft der übrigen Preise in Ruhe.

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