Die „Aufreger“ von heute und die Probleme von gestern…

1. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor – Homepage

Wenn es dieser Tage so etwas wie zwei vorherrschende Tendenzen gibt, dann sind das zum einen die Beschleunigung der Ereignisse und zum anderen die schnellen, oft ansatzlosen Richtungswechsel. Diese Beschleunigung der Ereignisse führt dazu, dass die „Aufreger“-Themen von gestern schon heute aus dem Fokus verschwunden sind…

In einer nicht gekannten Geschwindigkeit lösten sich zuletzt Griechenland, China, unkontrollierte Masseneinwanderung und der VW-Skandal ab. Der Irrtum des unreflektierten Medienkonsumenten besteht darin, dass er schwindende öffentliche Aufmerksamkeit für ein Thema mit einer schwindenden Bedeutung gleichsetzt. Nichts könnte ferner der Realität sein.

Die Probleme der unkontrollierten Masseneinwanderung sind durch den VW-Skandal eben nicht auf wundersame Weise gelöst worden. Ebenso wie schon zuvor die Gefahr einer Weltwirtschaftskrise als Folge des chinesischen Börsencrashs nicht durch die Masseneinwanderung nach Deutschland gebannt wurde. All diese Entwicklungslinien laufen unter der Oberfläche der öffentlichen Aufmerksamkeit weiter. Nebenbei bemerkt können die großen Medien mit gelenkter Aufmerksamkeit vor allem auch ablenken.

Der zweite Effekt sind die abrupten Richtungswechsel, die die Verhältnisse ansatzlos auf den Kopf stellen. Eine unüberlegte Äußerung der Bundeskanzlerin stürzt die südöstlichen EU-Partner bis hinauf nach Österreich und vor allem Deutschland selbst in chaotische Zustände.

Ein einzelner Skandal macht innerhalb einer Woche aus dem vor Kraft strotzenden, größten Autobauer der Welt – zumindest gefühlt – einen Patienten auf dem Sterbebett. Nie drehte sich die Erde schneller und da ist vor allem Flexibilität gefragt. Der US-Autor Nassim Taleb prägte das Bild des „Schwarzen Schwans“, womit ein Ereignis gemeint ist, das potenziell gigantische Auswirkungen hat, aber so unwahrscheinlich ist, dass es niemand im Vorfeld auf der Rechnung hat. VW wurde in voller Fahrt von einem solchen Schwarzen Schwan gerammt, wodurch Firmenboss Winterkorn gleich direkt aus dem Cockpit katapultiert wurde. Auch das „freundliche Gesicht“ Angela Merkels entpuppt sich bei näherem Hinsehen als das eines Schwarzen Schwans – unkalkulierbar und ohne Vorwarnung.

Dunkelgrauer Schwan

Eine Kategorie darunter haben wir den „Dunkelgrauen Schwan“ eingeführt. Zwar sind alle Schwäne erst einmal grau, aber unter einem ausgewachsenen Grauen soll ein naher Verwandter des Schwarzen Schwans verstanden werden – tendenziell ebenfalls mit gewaltigen, meist negativen Auswirkungen, aber nicht ganz so überraschend. Mehr dazu finden Sie in der aktuellen Printausgabe Smart Investor 10/2015, die zum Wochenende erschienen ist. Und wie man sich vor den Auswirkungen solcher unliebsamer Schwan-Ereignisse schützen kann, das erfahren Sie dort im großen Kapitalschutzreport 2015 und in unserer 36seitigen Beilage „Gold 2015“.

Volkswagen pleite?

Einen ganz traditionellen Schwarzen Schwan, den niemand auf dem Schirm haben konnte, mussten dagegen die Aktionäre von Volkswagen (WKN 766403, akt. Kurs 96,47) hinnehmen. Mehr als 40% haben die Vorzugsaktien des (noch) größten Automobilherstellers der Welt in den vergangenen eineinhalb Wochen verloren. Mehr als 30 Mrd. EUR Börsenwert wurden vernichtet, seit der Skandal um die manipulierten Abgaswerte bekannt wurde.

Medial wird der Betrug nun massiv ausgeschlachtet, ein ganzes Heer an Experten und Analysten darf nun seine Meinung zur Zukunft des Wolfsburger Autobauers kundtun. Mitunter ist dabei auch immer wieder die Rede von einer möglichen Insolvenz von Volkswagen, da sowohl der entstandene Imageschaden als auch die zu erwartenden Strafzahlungen den Konzern in den Ruin treiben könnten. Grund genug, sich einmal nüchtern mit den möglichen Folgen des Skandals und der Bilanz von Volkswagen zu beschäftigen:

Dabei muss mangels gesicherter Zahlen jedoch massiv im Nebel gestochert werden, ungefähre Schätzungen sind dennoch relativ einfach anzustellen. Zunächst kommt die von den US-Behörden in Aussicht gestellte Strafe von bis zu 18 Mrd. USD auf VW zu. Dies ist jedoch ein Maximalwert, der vermutlich bei weitem nicht erreicht werden wird. Schließlich zeigt sich VW kooperativ und arbeitet aktiv an der Aufklärung.

Doch selbst für den Fall, dass diese Summe in Gänze fällig wäre, würde es dabei vermutlich nicht bleiben: Denn schließlich hat VW in den USA rund 480.000 Autos unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verkauft, weltweit in Summe rund 11 Mio. Fahrzeuge. Ein Nachrüsten dieser Autos dürfte daher wohl lediglich das geringste Übel sein. Deutlich teurer würde es, müssten die Wolfsburger teilweise mehrere Jahre alte Autos zum damaligen Verkaufspreis zurücknehmen. Dies ist wohl primär eine Frage der jeweiligen Verbraucherschutzgesetze in den verschiedenen Absatzmärkten.

Geld, das fehlen wird

In den USA ist hier jedoch durchaus mit dem Schlimmsten zu rechnen. Der durchschnittliche Verkaufswert eines in den USA verkauften VWs lag 2014 bei etwas über 30.000 EUR, im Fall eines Totalverlustes aus der Rücknahmeaktion würde dort also ein Schaden von rund 15 Mrd. EUR entstehen. Laut einer Meldung geht VW weltweit von notwendigen Nachrüstungen bei 5 Mio. Fahrzeugen aus, die mit dem EA 189 EU5-Motor ausgerüstet sind. Nachdem der eingesparte Filter rund 600 EUR kosten soll, dürften 2.000 EUR Nachrüstkosten je Fahrzeug nicht aus der Welt gegriffen sein. Insgesamt also bis zu 10 Mrd. EUR an Kosten.

Erheblich ungemütlich könnte es für VW zudem werden, sollten einzelne Modelle ein Zulassungsverbot auferlegt bekommen. Grob geschätzt dürfte also Strafen, Rückholungen und Nachrüstaktionen in Summe bis zu 43 Mrd. EUR kosten – im schlimmsten aller angenommenen Fälle wohlgemerkt. Nicht berücksichtigt in solch einer Schätzung ist natürlich der mögliche Absatzrückgang durch den entstandenen Imageschaden und mögliche Schadenersatzklagen – ob dies allerdings tatsächlich existenzgefährdend wird, darf zumindest bezweifelt werden. Gleichzeitig hat

Volkswagen jedoch knapp 18 Mrd. EUR Cash auf der Bilanz, das Eigenkapital des Konzerns beträgt rund 96 Mrd. EUR. Die Verschuldung beträgt rund 139 Mrd. EUR, überwiegend jedoch aus der Finanzierungssparte. Lediglich rund 7 Mrd. EUR beträgt die Verschuldung im Automobilbereich – Spielraum für weitere Kredite ist also mehr als genug da, zur Not wohl auch in Höhe des möglichen Gesamtschadens.

Sollten alle diese Maßnahmen nicht greifen, bliebe wohl als letzte Option auch noch der Verkauf einzelner Töchter und Beteiligungen: Alleine Porsche wird auf knapp 40 Mrd. EUR geschätzt, Audi (die allerdings selbst betroffen ist) auf 30 Mrd. EUR. Weiterer Spielraum, den die Wolfsburger aller Voraussicht jedoch gar nicht benötigen werden. Pleite gehen wird VW also nicht, einfach werden die kommenden Jahre jedoch dennoch nicht werden. Am meisten fehlen wird das nun benötigte Geld wohl dort, wo sich die automobile Zukunft entscheidet, in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung!

Zu den Märkten

In den vergangenen Handelstagen stand der DAX unter dem Einfluss der VW-Aktie. Zwar gehört VW inzwischen nicht mehr zu den Indexschwergewichten, aus Sympathie sind aber auch gleich noch BMW und die deutlich höher gewichtete Daimler-Aktie erst einmal mit auf Tauchstation gegangen. Während sich bei VW der Skandal zum GAU entwickelte, war nicht klar, inwieweit auch andere Hersteller die dortige „best practice“ der Abgasmessung übernommen hatten. Auch wenn sich solche Befürchtungen letztlich als übertrieben herausstellen, ist der Imageschaden für die bis zuletzt hoch angesehene deutsche Autoindustrie als Ganzes schwer abzuschätzen.

Allerdings zeigt der DAX-Index nach dem Kursgewitter nun erste Stabilisierungstendenzen. Am Dienstag wurde das Paniktief vom 24. August (grüne Waagrechte) zwar minimal unterboten, der Index schloss jedoch darüber. Ein solches Fehlsignal ist charttechnisch ein gutes Zeichen, denn die Marktteilnehmer haben das Angebot zu einem Durchbruch nach unten nicht angenommen. Dies gilt besonders, wenn unmittelbar darauf ein so starker Tag der Mittwoch folgt.

Falls es in die eine Richtung (nach unten) nicht weiter geht, dann testet der Markt die Gegenrichtung (nach oben). Wie lange eine solche, rein technische Bewegung allerdings tragen wird, ist offen. Immerhin bekommt der DAX auch durch die schlechte Stimmung Rückenwind. Das aktuelle Cover von Focus Money empfiehlt sogar alle(!) Aktien zu verkaufen, was nach dem Titelblattindikator positiv zu interpretieren ist. Genau sollte man das Kurverhalten in der Widerstandszone zwischen 10.000 und 10.500 DAX-Punkten beobachten.

2015-09-30_DAX1

Schlechter sieht dagegen der hier ebenfalls eingezeichnete Bund-Future (blaue Chartkurve) aus. Vom Einsturz im April hat sich der Future auf die synthetische Bundesanleihe bis heute nicht überzeugend erholen können. Vielmehr verläuft er in einer Keilformation (rote Linien), an deren oberer Begrenzung er aktuell entlang kratzt. Solche aufwärtsgerichteten Keilformationen sind negativ zu interpretieren, besonders wenn Sie einem starken Kursrückgang folgen. Die Standarderwartung besteht an dieser Stelle in einer Wiederaufnahme des Abwärtstrends. Ein solcher bearisher Keil ist also eine Ruhephase zwischen zwei Stürmen – das Auge des Anleihen-Orkans, wenn man so will.

Fazit

Wenn ein Skandal medial so „gehypt“ wird wie der von Volkswagen lohnt sich der nüchterne Blick auf die Zahlen. Zwar hatten wir bereits im letzten Smart Investor (9/2015) den Verkauf der Vorzüge von VW empfohlen, eine nun in den Raum gestellte Pleite ist bei genauerer Betrachtung dann jedoch auch wieder etwas abwegig. Eines bringt der Abgasskandal dagegen auf alle Fälle mit sich: Er lenkt die Aufmerksamkeit ab von so manchem anderen „grauen Schwan“, der uns früher oder später wieder einholen wird.

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