Die Annahme der „unsichtbaren Hand“

11. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bill Bonner) Die ursprüngliche Idee des amerikanischen Kapitalismus beruhte auf einer Annahme, die von Adam Smith im 18. Jahrhundert eingeführt worden war; der Annahme, dass die Individuen beim Verfolgen ihrer eigenen Interessen durch eine unsichtbare Hand“ so geleitet würden, dass das Ergebnis für alle gut sei…

Nach Ansicht von Smith war diese unsichtbare Hand die Hand Gottes. Die Märkte und Volkswirtschaften waren demnach natürliche Phänomene, wie Wälder oder Bienenstöcke. Sie richteten sich nach Gesetzen, die Gott für sie vorgeschrieben hatte. Smith wird oft als der erste große Volkswirt der Welt beschrieben. Er hielt sich selbst für einen moralischen Philosophen“, dessen Bemühungen darauf hinausliefen, zu entdecken, nach welchen Gesetzen das Universum Gottes funktioniert.

Diese Sichtweise unterschied sich sehr von der Sichtweise der zeitgenössischen Volkswirte, die japanischen Volkswirte eingeschlossen. Statt herauszufinden, wie die Welt funktioniert, bevorzugen es die modernen Volkswirte, die Rolle Gottes zu übernehmen – sie versuchen, die Welt nach ihrer Vorstellung funktionieren zu lassen. Da sie mit reiner Beobachtung nicht zufrieden waren, beschäftigten sich die amerikanischen und japanischen Volkswirte damit, welche Knöpfe man bei der großen Maschine Volkswirtschaft drücken müsse, damit sie wie gewünscht arbeitet.

Japans Beitrag zur Geschichte des Kapitalismus könnte mit den einzigartigen Begleitumständen begründet werden, unter denen er entstand. Im Nachkriegsjapan wurde der Kapitalismus einem fast feudal-industrialisiertem“ System übergestülpt. Aber Mitte der 1990er konnten sich die japanischen Volkswirte, Manager und Politiker immer noch keine unsichtbare Hand vorstellen. In ihrer Religion gab es keinen zentralen Gott, und ihre Wirtschaft hatte sich erst vor kurzem vom Feudalismus weiterentwickelt.

Die japanische Gesellschaft funktionierte nicht als Mischung von Individuen, die alle ihre eigenen Ziele verfolgen, sondern eher wie eine Ameisenkolonie, in der jede kleine Arbeitsameise genau ihren Platz kennt und sich für das Allgemeinwohl abrackert. Es war eine Form von kooperativem, einigem, zentralisiertem und postfeudalem Kapitalismus… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Die Annahme der „unsichtbaren Hand“"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Sehr geehrter Herr Bonner,

    haben Sie einmal darüber nachgedacht, ob die Allmachtsphantasien unserer Globalsteuerer und in vermeintliche Zukunftsindustieen investierenden Politiker nicht ganz einfach psychoanalytisch erkärt werden können?

    Handelt es sich nicht um eine klassische Regression in die Allmachtsphantasien des Kleinkinds bzw. Säuglings, die dadurch hervorgerufen wird, dass man die Zumutungen des Erwachsenseins nicht aushält, die Zumutung nämlich, dass man erkennen muss, dass die menschliche Macht über die Realität und das menschliche Wissen gering sind? Da macht man sich doch lieber wie Pippi Langstrumpf die Welt, wie sie einem gefällt.

    Und das Schöne, wenn Politiker der6lgeichen tun, ist ja, dass sie dabei nicht ihr eigenes Geld riskieren, sondern das der Steuerzahler.

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