Die Angst der Quasi-Optimisten

25. Februar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Nein, diese Kolumne stammt nicht aus irgendeiner Baisse und ich habe mich mit dieser Überschrift auch nicht vertan. In meinen Augen sind es in der Tat die angeblich so sehr von der ewigen Hausse überzeugten Akteure, die Hand in Hand mit Politikern und Notenbankern keine ruhigen Nächte mehr haben, sofern sie über ausreichend Grips verfügen, um zu erkennen, in welcher Situation sich Börse und Wirtschaft befinden…

Die Bären, die jetzt noch übrig sind, kann hingegen nichts mehr erschüttern. Die haben in den vergangenen Monaten zu viel Bizarres erlebt, um noch nervös zu werden. Was wiederum die Unruhe manch eines Krisen-Leugners noch steigert.

Ich frage mich, wen es in den Reihen der relevanten, weil wirklich kapitalstarken Anleger beeindruckt haben mag, dass man den Dow Jones am Freitag punktgenau (welch ein Zufall…) wieder an die runde Marke von 14.000 Punkten gezogen hat. Genau entlang der kurzfristigen Trading-Linien (ein Zufall) und mit einem Schlusskurs genau auf Tageshoch (ei, noch ein Zufall).

War es der deutsche ifo-Index, bei dem vor allem das Element Hoffnung in Form der Erwartungskomponente zu einem über den Prognosen liegenden Anstieg führte, der die US-Anleger so elektrisiert hatte, dass sie, ebenso wie die europäischen Aktionäre, allesamt zu begeistert waren um zu erkennen, dass die Beurteilung der aktuellen Lage im Abwärtstrend verharrt … und die EU-Kommission ihre Wachstumsprognosen 2013 für fast alle Eurozone-Länder deutlich senkte? Oder war es die vermeintlich unverrückbare Tatsache, dass Aktien momentan billig sind wie nie (wie sie es scheinbar immer auf Mehrjahreshochs sind, an Tiefs einer Baisse sind sie nämlich zu teuer …), das Scharen von Anlegern dazu brachte, ausgerechnet an diesem Freitag entscheidende Unterstützungslinien entweder zu verteidigen (Nikkei, Nasdaq 100) oder zurückzuerobern (DAX, EuroStoxx 50, CAC40, Dow Jones, S&P 500) … und dabei zufällig genau entlang der vorgenannten Trading-Linien zu handeln, die normalerweise nur von Daytradern benutzt werden? Vielleicht!

Dass es sich bei diesen Käufen ohne taugliche positive Nachrichten um Käufe aus Überzeugung, getragen von allen Gruppen von Anlegern, gehandelt hat, ist nicht ausgeschlossen. Gut, es ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Eisberg im Bodensee, aber hey, glauben die bullishen Akteure, Hand in Hand mit den Regierungen und Notenbanken, nicht schließlich ganz fest an Wunder?

Angeblich glauben diese Leute ja auch an stabiles, starkes Wachstum aus dem Nichts, daran, dass Sparen und Wachstum gleichzeitig funktionieren kann oder dass die künstliche Stützung der Anleihemärkte irgendwas bringt. Wer so etwas glaubt, obwohl er sich eigentlich auskennen müsste, kennt sich entweder doch nicht aus oder belügt sich selbst und andere. Oder … man tut nur so und weiß genau, in welch fataler Situation wir alle uns in Wahrheit befinden. Und genau das ist der Punkt!

Ich kann mir gut vorstellen, dass diejenigen, die am Freitag den Auftrag hatten, den Bruch kurzfristig entscheidender Unterstützungen an den Aktienmärkten zu verhindern, sich ob der Punktlandung des Dow Jones auf der 14.000 lachend auf die Schulter geklopft haben. Ja, da fühlt man sich stark und unbezwingbar. Diejenigen aber, die den unteren Chargen eben dies auftrugen, dürften da weniger gelacht haben. Denn die wissen ganz genau, ebenso wie diejenigen unter den Politikern und Notenbankern, die ab und an noch Kontakt mit dem Mutterplaneten haben, dass sie sich wieder mal nur ein bisschen Zeit erkauft haben. Und sie wissen auch, dass es jedes Mal weniger Zeit ist, die ihnen derartige Aktionen einbringen.

Diese Menschen wissen sehr wohl, dass nicht nur nichts klappt, was man bislang als Rettungsmaßnahme vorgenommen hat. Sie wissen auch, dass sie außerstande sind, die wahren Probleme der Krisen ernsthaft anzugehen. Zum einen, weil sie die Lobby nicht lässt, zum anderen, weil die Lage ausweglos ist. Entweder man flutet die Welt weiter mit Gratisgeld, das wieder einmal nicht bei den Bürgern ankommt und stützt so die Börsen, während zugleich kein Wachstum mehr existiert bzw. sich laufende Rezessionen verschärfen. Oder man flutet auch die Steuerzahler mit Geld, was zu künstlichem Wachstum führen würde, das aber dann auch plötzlich zu Inflation führen würde, die in einer solchen Lage nicht mehr kontrollierbar wäre, weil man es sich nicht leisten kann, die Zinsen anzuheben, weil dies das Wachstum ja wieder ausbremsen würde. Oder man setzt sich über die grauen Eminenzen aus den Lobbys hinweg, saniert in einem jahrelangen, harten Marsch die Staatsfinanzen und nimmt damit eine Depression der Weltwirtschaft in Kauf. Tja. Und so von ganz alleine löst sich diese Zwickmühle nicht auf. Was tut man also?

Man versucht, die Stimmung des Volkes (zumindest dort, wo die Arbeitslosigkeit nicht über 20 Prozent liegt) auf dem Status desinformierter Sorglosigkeit zu halten, indem man nonstop von durchschrittenen Tälern faselt (klappt), auf die Ignoranz derer baut, die noch nicht in der Tinte sitzen (funktioniert) und versucht, nennenswerte Abwärtsbewegungen an den Börsen zu verhindern, um so zu suggerieren: Wenn die Börsen steigen, muss doch alles in Ordnung sein. Und dieses Bild muss man aufrecht erhalten. Denn wenn die Bürger aufhören, sich weiter zu verschulden, wenn sie auf die Konsumbremse treten, würde die Auswirkung noch schneller und brutaler auf die Wirtschaft durchschlagen als 2008. Und dann brennt der Baum, dann ist die Kontrolle über das Geschehen weg… (Seite 2)

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