Deutschland und der IWF. Das Konjunkturwunder, das keines ist

19. Juli 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

Oder: Wie auch der IWF Deutschland bearbeitet, damit sich das Land immer tiefer in die aussichtslose Euro-„Rettung“ verstrickt… (vom Smart Investor)

Deutscher Michel im „Konjunkturglück“

Es ist nicht mehr zu übersehen, seit Monaten trüben sich weltweit die Konjunkturaussichten ein. Auch Deutschland, das lange Zeit konjunkturell auf der sprichwörtlichen „Insel der Glückseeligen“ lebte, ist betroffen. So erreichte der vom Markit-Institut veröffentlichte Einkaufsmanagerindex für Deutschland im Juni mit 48,5 Punkten (-0,8 Punkte) ein Drei-Jahres-Tief und der ZEW-Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ist um weitere 2,7 Punkte auf nunmehr minus 19,6 Punkte gefallen. Das ist zwar eine Verlangsamung gegenüber dem Vormonat, aber noch immer eine abwärts gerichtete Tendenz.

Die deutschen Exporte sind ins Stocken geraten und das kann angesichts der krisenhaften Entwicklungen in unseren wichtigsten Absatzmärkten auch nicht weiter verwundern. Dass die Exporte in die Eurozonen-Krisenländer mittels des EZB-Verrechnungssystems Target2 ohnehin zu einem guten Teil faktisch von Deutschland selbst bezahlt werden, steht auf einem anderen Blatt. Da scheint es eine gute Nachricht zu sein, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) trotz dieser insgesamt düsteren Entwicklung, die Wachstumsprognosen für Deutschland jüngst sogar um 0,4% auf +1,0% erhöht hat. Der Deutsche Michel also im „Konjunkturglück“?!

Die Verwundbarkeit Deutschlands

Zweifel erscheinen angebracht. Nur nebenbei sei bemerkt, dass Handelsblatt.de die Nachricht von der „deutlichen“ Anhebung der Wachstumsprognose am 16.7. noch einmal unter der Überschrift „IWF-Prognose: Deutschlands Konjunktur ist 2012 im Aufwind“ unter das Volk streute, obwohl die eigentliche Nachricht vom 3.7. stammt, also knapp zwei Wochen alt war. Wer sagt, nichts sei älter als die Nachricht von gestern?

Konjunkturoptimismus kann offenbar gar nicht oft genug verbreitet werden. Dabei ist die Argumentationslinie der IWF-Studie eine ganz andere: Es werden nämlich durchaus düstere Szenarien für die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft gezeichnet, wobei man nicht müde wird, sowohl die „Verwundbarkeit“ Deutschlands aufgrund seiner Exportabhängigkeit als auch dessen „Schlüsselrolle“ bei der Sicherung der Stabilität und der Erhöhung des Wachstums zu betonen.

Die einigermaßen offenen Drohungen und die kaum verklausulierten Aufforderungen, lassen sich kurz auch so übersetzen: Deutschland solle gefälligst den Karren aus dem Dreck ziehen, wenn es denn die „traumhafte“ Wachstumsrate von einem ganzen stolzen Prozentpunkt erzielen will. Da sind sich die beim IWF tonangebenden USA und die „große Bewunderin“ deutscher Exporterfolge, die geschäftsführende IWF-Direktorin Christine Lagarde einmal vollkommen einig.

Aber nicht nur auf diesem globalen Spielfeld zeigt sich damit eine Tendenz, die wir schon zwischen den einzelnen Eurozonen-Ländern und immer deutlicher auch in den Wahlkämpfen der Krisenländer – und dazu werden bei dieser Politik wohl bald alle gehören – beobachten können: Es gibt so etwas wie einen breiten Konsens, dass die ins Visier zu nehmen sind, bei denen noch Rücklagen vermutet werden, wobei die Vermutung für diesen populistischen Reflex vollkommen ausreicht. Wenn es mir schlecht, dem anderen aber gut geht, dann, so die etwas einfältige Betrachtungsweise, die sich jedem Zukurzgekommenen so leicht verkaufen lässt, geht es mir schlecht, weil es dem anderen gut geht. Die Umverteilung ist dann nicht nur „zum Wohle des Ganzen“ geboten, sondern auch legitim und „gerecht“… (Seite 2)

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