Deutschland, einig Schwellen-Land

16. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der Börsengang der Bahn. Waren das noch Zeiten voller Träume und Fantasie! Der Flughafen in Berlin war im Bau, in Stuttgart ging die Bahn in den Untergrund und an der Börse warteten alle auf den Short des Jahrhunderts. Dabei ist die Bahn nur ein Symbol für unser Land. Wir sind auf dem besten Wege, die Grenze zum Schwellen-Land zu überschreiten. Leider in die falsche Richtung.

Ein Brand in einem Stellwerk verknotet derzeit das Verkehrsnetz im und durchs Ruhrgebiet. Während viele Züge erwartungsgemäß nicht ins Ziel kommen, macht sich die Kommunikation nicht einmal an den Start. Selbst auf der Internetseite des Konzerns darf man so manche Information vergeblich suchen. Aber was soll man über einen Zug der ausfällt auch großartig schreiben? Wer nicht losfährt, kommt nicht zu spät an.

Wer nicht so oft mit der Bahn fährt und nur die regelmäßigen Hochglanzberichte über die „schnellste Fahrt“ oder ähnliches sieht, den mag man in die Irre führen. Im Großen und Ganzen taugt die Bahn derzeit vor allem als Mahnmal für (a) die Tücken der Investitionsrechnung und (b) die Kosten und Folgen einer zerbröselnden Infrastruktur.

Besonders gut gefällt uns bei Beschwerden über Bahn der Konter, auf der Autobahn stehe man schließlich auch im Stau. Das stimmt sogar des Öfteren. Sollte aber diese Einstellung nicht nur bei Bahn-Fans sondern auch im Management vorherrschen, was wir nicht hoffen, dann würde dies freilich einiges erklären. Falls Sie HSV-Fan sind und ihr Verein mal wieder gegen die Bayern eins auf die Mütze bekommt, sagen Sie einfach: „Na und? Augsburg hat auch in Hoffenheim verloren!“. Eine wunderbare Sache, denn so wie in der Bundesliga meistens jemand verliert, so ist auch auf den deutschen Autobahnen meistens irgendwo Stau. Allerdings sind gute Navigationssysteme über die Lage auf den Autobahnen wesentlich besser informiert als die Deutsche Bahn über ihre Züge. Dafür kann man im Auto nicht bei Tempo 280 pinkeln oder aufgewärmte Klopse à la Kaliningrad verspeisen. Wenn der Zug denn da ist.

Niemand wird vermutlich die Komplexität des Bahnnetzes und dessen Steuerung klein reden. Aber Verspätungen sind ja nur eines von vielen Problemen. Ärgerlich sind die stetigen Fehlinformation bzw. fehlenden Informationen. Man steigt in einen Zug mit Zielort B und innen prangt auf allen Anzeigen Zielort Z. Hat jemand vergessen das Laufband umzustellen? Oder fährt der Zug nach Z und man hat es nicht bekanntgegeben? Alles ist möglich. Spricht man mit Bahnmitarbeitern, deren Frust dem der Fahrgäste oft nicht nachsteht, so keimt der Gedanke, die Komplexität könnte nicht im Bahnnetz sondern vielmehr in einem bürokratisierten Beamtenapparat mit verschiedenen regionalen Clans liegen. Ähnlichkeiten mit Versorgern, die sich im komatösen Höhenrausch auf dem Weg zum Global Player so manch finanzielle Überdosis gegönnt haben, die wohl auch ohne Energiewende schlussendlich zum Exitus geführt hätte, sind rein zufälliger Natur. Aber solange die Ausschüttungen an die überforderten Eigner flossen und der Dienstwagen für den Genossen Wurst aus der mittleren Führungsebene drin war, wer wollte da schon von Problemen sprechen.

Da wie in der Bildungspolitik die Ausrede auch für jeglichen betriebswirtschaftlichen Trümmerhaufen ein Mangel an Geld ist, fragt sich der geneigte Reisende auf der Holzbank am Gleis 9 neben dem undichten, vor Rost starrenden Fallrohr der Bahnsteigüberdachung, ob Projekte wie die Selbst-Eingrabung in Stuttgart einer Reduktion der Komplexität oder doch anderen Zwecken dienen. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang der Vorwurf an die zugegebenermaßen in diesem Fall etwas spät aufgewachten Demonstranten, unter solchen Umständen könne man in Deutschland keine Infrastrukturprojekte mehr durchführen. Manchmal mag der Unmut der Bevölkerung einer schnellen Umsetzung im Wege stehen. Viel mehr zum schwindenden Ruf Deutschlands, größere Projekte stemmen zu können, tragen aber wohl irrsinnige Fehlkalkulationen wie beim Bau der EZB (Faktor zwei, sicher wegen der hohen Betonpreise) oder auch die Mutter der Unfähigkeiten am Berliner Flughafen bei. Eine Geschichte bei der sich Peinlichkeit und Unfähigkeit auf Augenhöhe begegnen.

So, jetzt schnell zum Zug, er könnte ja noch kommen. Passen Sie übrigens auf Ihren Koffer auf, der Arme könnte unbeaufsichtigt sein. Nicht, dass wir ihn prophylaktisch sprengen müssen im Interesse der Allgemeinheit. So oder ähnlich klingend wird der auf die Reise wartende Bahnhofsgast uf dem Bahnsteig penetrant an irgendeinen Terrorblödsinn erinnert. Mancher dürfte schon Angst vor der eigenen Brotdose bekommen, wenn er sie zwei Minuten „unbeaufsichtigt“ gelassen hat. Eine Prise milzbrandverseuchtes Pulver, eine heimtückische Panzermine oder auch eine gebastelte schmutzige Bombe, wer weiß was dem Arglosen Warter da binnen Sekunden untergeschoben werden konnte.

Über Anschlusszüge hört man nicht immer etwas. Man könnte es an den großen Hauptbahnhöfen natürlich auch auf den elektronischen Anzeigen lesen, allerdings sind die Informationen die man hört und die, die man lesen kann, nicht immer deckungsgleich. Fährt der ICE nun nur in „umgekehrter Wagenreihung“ oder fährt er „abweichend aus Gleis 9“. Oder gar beides, eine geradezu monströse Vorstellung. Selbst die schlichte binäre Wette, ob die erste Klasse vorne oder hinten ist, wird offenbar mit einem beeindruckend unberechenbar agierenden Zufallsgenerator ausgewürfelt. Chapeau! Schluss mit der Langeweile zwischen den Bahnsteigwechseln!

Angesichts aktueller gottgesandter Überbelegung zahlreicher Züge bei gleichzeitigem chronischem Logistik-Schluckauf stellen sich drängende Fragen. Möglicherweise steckt hinter den aktuellen Problemen ja nur die brillant getarnte Dreifaltigkeit der neuen deutschen Willkommenskultur. Wer zu Hause gar keine Bahn hat, ist beeindruckt. Wer eine halbwegs funktionierende Bahn kennt, der fühlt sich wie zu Hause und alle anderen drehen gleich wieder um. Deshalb kommen vermutlich so wenige Japaner nach Deutschland. Nach drei Stunden am Hauptbahnhof und Hinweisen auf das Rauchverbot und die Aufsichtspflicht gegenüber dem eigenen Gepäck fährt die Familie aus Tokio vermutlich rasch mit dem Taxi wieder zurück zum Flughafen. Vor dem Ingenieur ist in weiten Teilen der mechanischen und elektronischen Infrastruktur der Deutschen Bahn ein Abrissunternehmer gefragt.

So, und jetzt bitte einmal die Klopse! Ach, leider heute nur kalte Küche. Störungen im Betriebsablauf. Aber bitte nicht meckern, in anderen Ländern gibt es gar nichts zu essen.

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