Deutschland, deine Aktienmuffel

12. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Aktien werden von Börsenkommentatoren gern als alternativlos angepriesen, und das schon seit Jahren, auch zuletzt wieder. Der Grund: Ihre Dividendenrendite ist höher als die Verzinsung von Anleihen, Tages- und Festgeld. Doch abgesehen davon, dass unter anderem Mietrenditen von Immobilien es mit Dividendenrenditen scheinbar alternativloser Aktien aufnehmen können, dass die Alternativlosigkeit also gar nicht gegeben ist, stört an der Argumentation vor allem noch eines:

Die Tatsache, dass Erträge aus Aktien zwei Quellen haben, neben Dividenden auch Kursgewinne, und dass diese in schlechten Börsenzeiten zusammenschmelzen, bis sie schließlich von Kursverlusten abgelöst werden.

Nun mag man meinen, die Dividendenrendite von Aktien wie Telekom, Siemens oder BASF sei trotzdem ein ordentliches Ertragspolster, mithin eine Daueranlage wert. Aber auch dieses Argument ist nicht stichhaltig. Denn Dividenden können schwanken und im Extremfall sogar ausbleiben. Außerdem: Steigen die Aktienkurse, sinken die Dividendenrenditen, und umgekehrt. Im Übrigen nicht zu vergessen: Dividenden werden aus Anlass ihrer Auszahlung von den Kursen abgeschlagen, und sie unterliegen – ebenso wie Kursgewinne – der Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent zuzüglich Soli.

Ergibt sich allein schon aus diesen Zusammenhängen, dass es mit der Alternativlosigkeit nicht allzu weit her ist, kommt noch eine gravierende Überlegung hinzu: Von den oben genannten Anlagen sind lediglich Tages- und Festgeld konstant. Dagegen schwanken die Kurse von Anleihen und Aktien sowie die Preise von Immobilien, Letztere allerdings erst erkennbar, nachdem ein Haus oder eine Wohnung den Eigentümer gewechselt hat. Mangelnde Konstanz bedeutet: Anleger sind gut beraten, sie erstens bewusst zur Kenntnis zu nehmen und zweitens das Timing zu beachten; dieses gilt besonders für Aktien.

Langfristig sind Aktien erfahrungsgemäß eine lukrative Geldanlage, vorausgesetzt, ihre Besitzer haben Sitzfleisch für mehr als ein Jahrzehnt; dann egalisieren sich nämlich sogar gravierende Timingfehler. Es gibt allerdings noch eine zweite Voraussetzung: Anleger müssen in der Lage sein, die zum Teil heftigen Kursschwankungen, die im Lauf der Jahre immer wieder auftreten, psychisch zu verkraften. Das fällt besonders solchen Anlegern schwer, die den Umgang mit Aktien nicht gewohnt sind – und das ist in Deutschland, ganz anders als an angelsächsisch geprägten Börsen, die Mehrheit der Bevölkerung.

Es gibt zwar viele Versuche, Aktien den Deutschen schmackhaft zu machen – auch die scheinbare Alternativlosigkeit gehört dazu –, aber sie können allesamt als gescheitert betrachtet werden. Heute teilt sich das Lager der deutschen Aktionäre etwa wie folgt auf: Besitzer von Aktienfonds, Daueranleger und Trader. Bezogen auf den Börsenwert, die sogenannte Marktkapitalisierung, gehört das Gros deutscher Aktien ausländischen Investoren unter Führung von BlackRock, der größten Vermögensverwaltung der Welt. Ausländer waren, beginnend in den ausgehenden 50er Jahren, am deutschen Aktienmarkt immer schon besonders aktiv. Daran dürfte sich bis auf Weiteres nur wenig ändern.

Warum sind die Deutschen Aktienmuffel? Dafür wird immer wieder die Begründung herumgereicht, sie seien risikoscheu. Doch diese Scheu orientiert sich einseitig daran, dass die Aktienkurse schwanken, dass sie neben Kursgewinnen vorübergehend auch Kursverluste mit sich bringen. Und da sind wir bei einer ganz gravierenden Ursache angekommen. Sie lässt sich auf zwei Begriffe zuspitzen: Telekom-Aktie und Neuer Markt. In beiden Fällen folgte einem rasanten Kursanstieg zum Ende der 90er Jahre ein nicht minder starker Kursrückgang – am Neuen Markt vielfach verbunden mit Totalverlusten – in den Jahren von 2000 bis 2003. Das sitzt bis heute.

Die Versuche, deutsche Durchschnittsbürger mit Aktien vertraut zu machen, finden überwiegend in Börsendiensten und sonstigen Finanzmedien statt, die üblicherweise zur Spekulation raten. Na klar, mit Anleitungen, wie man langfristig erfolgreich in Aktien investiert, könnten sie wohl kaum neue Leser oder Zuhörer für sich gewinnen. Und so werden Ausländer auch weiterhin die größte Anlegergruppe am deutschen Aktienmarkt stellen.

Manfred Gburek – Homepage

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