Des Kaisers neue Kleider

24. März 2014 | Kategorie: Gäste, RottMeyer

von Ronald Gehrt

Guck mal, der Mann hat ja gar nichts an … rief ein kleiner Junge im Märchen „des Kaisers neue Kleider“. Er war der einzige, der sich nicht vom Anschein blenden ließ, von festgefahrenen Gedanken und Wahrnehmungen, die es den Menschen ermöglichen, nicht zu sehen, was sie nicht sehen wollen…

Was sie nicht sehen wollen, ist beispielsweise, dass der Wind rauer wird … und an dem rüttelt, was sie so sorgsam an Geld und Gut zusammengetragen haben. Nein, nicht schon wieder. Schließlich hatten wir das doch gerade 2008/2009. Und es im am Ende gutgegangen. Zumindest für die meisten. Und die anderen, deren Vermögen, Häuser, Arbeitsplätze unter die Räder kamen, na ja. Das sind eben „andere“.

Dass es immer Phasen gab, in denen es bergab ging, blendet man nur zu gerne aus. Es ist dieselbe „Denke“ wie bei tiefgreifenden Reformen. Alle sind dafür, aber Einbußen hinnehmen sollen gefälligst die anderen. Die Denkweise, die Unbill immer mit „anderen“ verbindet, geht so lange gut, wie man nicht auf einmal selbst zu ihnen gehört. Könnte statistisch gesehen passieren, sagt sich ein Teil des Verstandes. Aber es ist doch bis jetzt auch immer gutgegangen. Das ist einer der entscheidenden Gründe, warum Trendwenden an den Börsen fast immer weit nach dem Eintreten negativer Veränderungen der Rahmenbedingungen stattfinden, egal, welcher Natur diese sind. Die Menschen sehen nur, was sie sehen wollen. Und immerhin lebt es sich so recht gemütlich. Und wenn’s einen dann halt doch trifft … bleibt immer noch die in der Regel weit größere Gruppe derer, die es nicht erwischt hat, die weitermacht wie bisher.

Bis sich die allgemeine Wahrnehmung mal darauf eingestellt hat, dass irgendetwas verdammt schiefläuft, dauert es daher länger, als wollte man einen Supertanker in voller Fahrt wenden lassen. Allgemeines Desinteresse an negativen Veränderungen zum Schutz eigenen Wohlbefindens hat einen noch längeren Bremsweg.

Wer so selbstzufrieden und im Gefühl völliger Sicherheit vor sich hindöst, neigt natürlich dazu, beim Aufschrecken aufgrund überraschender Irritationen wie beim Sekundenschlaf im Auto das Lenkrad zu verreißen. So geschehen am Mittwoch, als kurz nach 20 Uhr eine Aussage der neuen US-Notenbankchefin Yellen missverstanden wurde. Man interpretierte eine ihrer Antworten auf Journalistenfragen, als sei eine Leitzinserhöhung im nächsten Frühjahr schon beschlossene Sache. Und das, obwohl ihre ganzen Kommentare zuvor klar hätten machen müssen, dass die US-Notenbank keinesfalls so stupide vorgehen will und wird. Aber wann man halt nicht aufpasst und plötzlich vom Wort „Leitzinserhöhung“ aufgeschreckt wird, das von ebenso schläfrigen Medienvertretern als einzige wirklich hervorgehobene Schlagzeile über die Nachrichtenticker gejagt wurde, kann man auch mal aus Versehen den Dow Jones um 150 Punkte in wenigen Minuten in den Keller schicken und dann am nächsten Tag verblüfft zusehen, dass die ganzen Verluste mir nichts, dir nichts wieder aufgeholt werden.

Das Dumme an diesem Ereignis ist aber, dass genau dieses Aufholen der Verluste die dösende Masse der Anleger darin bestärkt, sich wieder hinzulegen. Entweder, weil man glaubt, dass es halt falscher Alarm war. Oder, weil man dadurch in seiner gegen jedwede störende Fakten resistenten Ansicht bestärkt wird, dass die Aktienmärkte „unfallbar“ sind, solange die Notenbanken der Finanzindustrie die nötigen Mittel quasi gratis zur Verfügung stellt, um die Aktienmärkte in ihrem Sinne immer weiter hoch zu zocken. Denn dass so ein DAX trotzdem mal eben trocken 2.000 Punkte wegsacken kann, wird nur zu gerne vergessen. Weil es nicht ins gewünschte Bild der Realität passt. Real ist, was man für real halten will. Und dass „uns DAX“ beispielsweise im Sommer 2011 durch die Attacken auf Eurozone-Bonds trotz billigen Geldes in sich zusammenfiel, ist längst verdrängt. Kann ja auch nicht wieder passieren, wir haben ja den ESM, kontert der Bulle. Amüsante Antwort, kontert irgendeine Stimme im Hinterstübchen … aber wer hört da schon hin?

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Wir haben nämlich jetzt eine vergleichbare Sch… schwierige Situation an der Backe. Und dass die Notenbanken ähnlich wie anno 2011 wieder erstmal so tun, als wäre nichts, lässt mich schaudern. Die Verhärtung der Beziehungen zu Russland sind ein Aspekt, der nicht an der Weltwirtschaft vorbeigehen wird. Aber diese Entwicklung ist eben nicht das Kernproblem. Das liegt im Abstieg der Emerging Markets-Währungen zum Dollar … und vor allem zum Euro! Denn die Wirkung ist im Endeffekt für die Umsätze und Gewinne dieselbe, als würden in der Eurozone die Zinsen steigen: Druck vom Feinsten!

Noch wähnt aber die große Mehrheit der Marktteilnehmer den „Kaiser Hausse“ in vollem Gewand. Wenn ein Unternehmen plötzlich wegen der „Wechselkursproblematik“ einen deutlich schwächer als erwartet ausfallenden Ausblick auf das laufende Jahr gibt, haut man die Aktie einfach raus und kauft was anderes. Am besten Aktien, die genau wegen dieser Problematik schon abgestraft wurden, die sind dann ja so schön billig …

Das fiese an dieser Zockerei gegen Währungen wie die türkische Lira, die indische Rupie, den südafrikanischen Rand, den brasilianischen Real oder den Rubel ist ja, dass sich das Ganze wie ein Eisberg präsentiert. Und bislang hat man nicht einmal auf das kleine Ende wirklich reagiert, das aus dem Wasser ragt.

Man reagiert ein wenig unerfreut darauf, dass durch die wechselkursbedingte Verteuerung europäischer und US-amerikanischer Waren die Umsatzperspektiven vieler Exporteure getrübt sind, weil man dadurch dort teurer wird. Also muss man entweder die Preise senken und so Gewinneinbußen hinnehmen, um nicht alle Marktanteile an dort heimische Unternehmen zu verlieren. Oder man muss mit geringeren Umsätzen leben. Beides schlecht für die Gewinnsituation. Bislang haben nur einige Unternehmen in dieser Hinsicht gewarnt … aber kein Wunder: Die Zahl der Firmen, die außerhalb der Saison der Quartalsbilanzen meldet, weil sie verschobene Geschäftsquartale haben, ist klein. Und es ist kein auf ein paar Einzelschicksale reduzierbares Problem…. —> (Seite 2)

 

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Ein Kommentar auf "Des Kaisers neue Kleider"

  1. Michael sagt:

    Kein Unternehmen kann in Ewigkeit Gewinne machen… Bis jetzt kehrten die Gewinnzuwächse auf das Realwirtschaftsniveau zurück und prallten wieder ab um in luftiger Höhe im gleißenden Sonnenlicht zu strahlen. Nach 30 Jahren ist aus dem Ball halt auch mal die Luft draußen und er bleibt mal liegen oder rollt den Tennisbällen gleich vom Rouletttisch. Da fliegen ein paar Jetons gleich mit…

    Wenn der Markt zurückkommt, wird die 2k Blase korrigiert … Welcher Ball wo runterfällt, ist schwer zu beurteilen. Eines schein doch gewiss, am Ende bleiben alle liegen.

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