Der heimliche Kaufkraftverlust

7. Juli 2009 | Kategorie: Kommentare

Technisch gesehen dominieren an den meisten Aktienmärkten die Bären. Solch ein Markt ist dadurch gekennzeichnet, dass ein neues Hoch immer unter dem alten liegt. Heftige technische Gegenreaktionen nach oben gehören dazu. Erst bei über 7.200 Zähler im DAX würden die Bullen wieder das Zepter übernehmen. Doch selbst dann bleibt eine entscheidende Frage: Sind die aktuellen 7.000 Punkte mit den 7.000 Zählern von 1999 vergleichbar?

Mein einfacher Taschenrechner ist inzwischen unfähig, mir die Stellenzahl der weltweiten Schulden anzuzeigen; er meint, ich sollte Äpfel nicht mit Birnen vergleichen, verabschiedet sich beleidigt und fällt in den ERROR-Modus. Auch zahlenmäßig hat derjenige Investor, der seit 1999 durchgehalten hat, nichts gewonnen, aber mit seinen Anlagen Unmengen an Kaufkraft verloren. Fondsparer und Langfristanleger sind gekniffen. Sie schauen zu, wie Ihre Gewinne dahinschmelzen oder ein reales Minuszeichen die Performance dominiert. Wer sagt eigentlich, dass die Börse immer steigen wird? Und warum? Ist der DAX „billig“ oder sind es die Argumente der Anlageverkäufer?

Zur Kunst an der Börse gehört es, einen Trends frühzeitig zu erkennen, und ihn dann bis zu seinem Bruch diszipliniert umzusetzen. Börse war noch nie ein Ort des Streichelzoos. Hier gibt es kein kostenloses Mittagessen, dafür aber Gier und Angst. Auch Bären sind nach ihrem Winterschlaf gierig. Fünf Jahre lang wurden ihnen harte Lektionen erteilt. Nun schlagen sie erbarmungslos zurück. Mit Short-Positionen konnte man in den letzten Wochen kräftige Gewinne einfahren. Man mußte sich nur im Spätsommer eine eigene Meinung zum Thema Hypothekenkrise und deren Folgen bilden und sich dabei nicht auf die Expertisen der Gurus verlassen. Gurus gehören in der Regel auch zu den statistischen Zufällen. Man erkennt diese Spezies immer erst dann, wenn sie wie Sternschnuppen am Himmel verglühen.

Die Zeiten werden härter. Unternehmen werden ihre Kosten wieder senken müssen, um ihre Gewinnziele zu erreichen. Erste Massenentlassungen deuten an, dass die Jahresziele längst auf wackeligen Beinen stehen. Nicht umsonst nennt Josef Ackermann seine Prognose auch „Vision“. Vielleicht ahnt auch er, dass noch viele tote Katzen aus dem Sack fallen werden, darunter auch räudige Biester. Solange kein Wunder geschieht, geht aktuell die Fahrt vorerst abwärts. Ich frage mich, wo dieses Wunder auch herkommen soll. Steuerschecks und Sonntagsreden waren selten hilfreich. Muss nun die EZB auch noch ihren Pfad der Geldwertstabilität verlassen, um die Wirtschaft vor dem Abgrund zu retten? Diverse Hilfsaktionen aus dem Lager der Hochfinanz zeigen, dass viel Irrsinn unterwegs war und ist. Die Geschichte lehrt aber, dass ein im Boom entstandener Wildwuchs erst durch Rezession beseitigt wurde. Erst danach geht es wieder aufwärts, auch mit den Kursen. Gab es eine wirkliche Bereinigung in den letzten Jahrzehnten? Aus politischen und wirtschaftlichen Zwängen hat man das nicht zulassen wollen. Deswegen treibt der Wildwuchs giftige Blüten. Man beachte die Diskussionen um Managergehälter und „Steuer-verkürzer“, vor allem den ausufernden ethischen und moralischen Wildwuchs. Wodurch konnte unser Steuerrecht so ins Kraut schießen und auch unsere Staatsverschuldung? Auch wenn sich unser Finanzminister über zusätzliche Steuermillionen freut, so muss er gleichzeitig Milliarden Steuergelder in marode Banken versenken. Und ist es nicht auch makaber, dass sich unfähige Manager mit ihren Millionenabfindungen und Pensionsansprüchen nie wieder Sorgen um ihre Zukunft machen müssen? Dagegen wissen Millionen Menschen mit 4 EUR Stundenlohn nicht wie sie über den Monat kommen, ohne den Staat zu beanspruchen.

Vielleicht ist das, was wir gerade an den Märkten beobachten nur der Beginn einer Korrektur von Dingen, die nicht mehr an ihrem Platz stehen, sondern ver-rückt (ge)worden sind. Wie lange so etwas dauert oder wie das ausgeht, das weiss ich nicht. Aber ich ahne, dass einiges oder auch etliches über die Wupper gehen könnte. Schon jetzt ist die Zeit des billigen Kredits vorbei. Es wird die Realwirtschaft treffen. Eine der ganz großen Fragen wird zudem sein, ob die Notenbanken rechtzeitig und genügend frisches Geld drucken, um japanische Verhältnisse verhindern zu können. Was wird die Folge sein? Wie wird sich das viele neue Geld auswirken? Inflation? Deflation? Oder beides? Das wissen die Götter, und die streiten sich gerade.

Um noch einmal die Charttechnik zu bemühen: Eine letzte finale Welle im DAX steht eigentlich noch aus. Nach Elliot Wave befindet sich der deutsche Leitindex in einer scharfen Welle VIER, nachdem er den Aufwärtstrend verlassen hat. Dem müsste sich eine letzte und finale Welle FÜNF anschließen. 10.000 Punkte und mehr wären dann das Ziel. DAX 10.000! Sollte das passieren, gehen Sie mit dieser Vorgabe mal einkaufen. Sie werden feststellen, dass selbst 15.000 DAX-Punkte weniger wert sind als die DAX-Höhe in den irren Zeiten der Internetblase. Zahlen sind schön – Kaufkraft ist besser. Sollte sich diese finale Welle ausbilden, befürchte ich, dass sie durch die Inflation getrieben sein könnte. Gold und Silber „ahnen“ das offenbar. Sie erhalten tatkräftige Unterstützung durch das Wirken der Notenbanken. Ihre Gelddruckmaschinen schieben gerade Überstunden. Fälschlicherweise verwechseln aber die meisten Inflation mit der Teuerung. Inflation bedeutet ein Aufblähen der Geldmengen, die Teuerung ist aber die Folge davon. Das ist so, als ob man in einen Teller Suppe einen Liter Wasser kippt. Schmecken wird das Gebräu nicht, aber zumindest ist der Teller noch nicht explodiert.

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