Der Boom der Irrenärzte – Kampfsprüche für die Zukunft

2. Februar 2009 | Kategorie: Kommentare

Auf der Tagung eines großen Einzelhandelsunternehmens wurde mal wieder ein neues Motto erfunden, das es in sich hat: „Weil wir multitasking sind, sind wir im Flow“. Sie lachen? Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat, ahne aber, dass es dumm sein könnte. Ich habe den Kopf geschüttelt, dachte zuerst an eine Sekte. Wie innovativ…

Wenn Führungskräfte zusammenkommen, werden vorher oft sorgsam die Zutaten für eine Beweihräucherung zurechtgelegt. Es sind meist Tage der geistigen Umweltverschmutzung. Die Worthülsen liegen in den Gehirnbahnen bereit, um alsbald abgefeuert zu werden, auch auf Menschen, denen das Denken noch nicht abhanden gekommen ist, die aber auf ein monatliches Salär angewiesen sind und deshalb ihre Klappe halten oder einschlafen. Der Chef braucht seine Auftritte, bei denen die Synapsen nach rechts und links feuern. Die armen Chefs müssen irgendwie immer die erlangte Position verteidigen und rechtfertigen. Manchmal brüllen sie sogar – in der Hoffnung, etwas Angst zu verbreiten.

Werfen Sie mal ein Stück „Unrat“ nach oben. Es schlägt neben Ihnen wieder auf. „Unrat“ von oben hat das gleiche Ergebnis zur Folge. Deshalb ist der Posten des Chefs recht komfortabel.

Unternehmen kann man in drei Kategorien einordnen, sagt mir ein Freund beim Abendessen. Die einen haben eine Idee, setzen sie um, schreiben Gewinne oder gehen unter. Der Markt entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.

Die zweite Art von Unternehmen sind diejenigen, die schon Jahre am Markt und aus sich heraus gewachsen sind. Das Wort Tradition bestimmt das Tagesgeschehen und die auch die Werbeauftritte.

Daneben gibt es noch die Selbständigen. Lieber selbst und ständig – als einen Idioten als Chef. Und wenn, dann ist man sein eigener Idiot und landet notfalls auf dem Hosenboden. Das ist dann zumindest gerecht.

Die dritte Art von Unternehmen sind meist Big Player, die Global Brands – mit zwei Abteilungen: In einer Abteilung findet das eigentliche Geschäft statt. Daran angeschlossen ist die andere Division – der Wasserkopf. Dort gehen Mitarbeiter statistisch gesehen häufiger zum Psychologen, als die Leute am Werkband. Wer im Dunstkreis der Administration arbeitet, befindet sich nicht nur in Gefahr, sondern oft auch in einer Parallelwelt, in der alle Uhren anders ticken.

Wer das täglich durchsteht, wird oft ver-rückt. Dort mutieren Worte zu englischen Begriffen ohne Sinn, geraten zu geistigen Ausdünstungen ohne Bezug zur Realtität, die versuchen, die Welt besser zu machen. Doch sie machen die Welt schlimmer. Für den Laien ist der Sinn dieser oft lächerlichen Phrasen kaum mehr erschließbar. Das muss es auch nicht, denn die Parallelwelten arbeiten meist sinn-frei. Es lässt sich selbst in Jahreskonferenzen nicht feststellen, wer etwas anhat oder nackt dasitzt.

Man hat sein „to do“ abzuarbeiten, kümmert sich zwölf Stunden am Tag darum, Mails zu produzieren, (wer schreibt – der bleibt) präsentiert den High Professionals neue Solutions mit Power Point Präsentationen aus dem Network, strapaziert die Overhead-Projektoren und hat irgendwann im Jahr ein Review, in dem man vielleicht auch um Boni ringt. Zwischendurch gibt es die täglichen Briefings, die Jour-Fixes, Conference Calls und Wortgeburten, die mit dem Sinn einer Unternehmung kaum etwas mehr zu tun haben, außer das Humankapital auf Trab zu halten.

Zeigt mir Eure Alltagssprache und ich sage euch, wie das Geschäft läuft oder die eure Aktie steht.

Doch dann schlafen manche Mitarbeiter auf Meetings oder Teamsitzungen ein. Wie tröstlich, dass die menschlichen Gene noch funktionieren. Viele Dinge sind oft nur noch durch eine Art Selbstkonditionierung zu ertragen, deren Ergebnisse nach einer gewissen Zeit dem Irrenarzt vorgelegt werden. Irrenarzt ist vielleicht nicht politisch korrekt ausgedrückt, doch Wasserköpfe sind es auch nicht und spucken Ver-rückte mit irren Gedanken aus. Und der arme Doktor muss dann versuchen, den Schmutz aus Kopf und Seele zu bekommen.

Da wir zum großen Teil die Dinge woanders produzieren lassen, was soll man schon tun, außer immer mehr dumme Dinge auszudenken, die Welt zu verkomplizieren, um dann im Irrgarten stundenlang nach dem Ausgang zu suchen. Unpraktische, unsinnige und auch unmenschliche Ideen – aus einer Welt der Wasserköpfe.

Und abends versucht man dann, die zähen Dinge mit Nordic Walking, Power-Yoga oder bunten Fersehshows aus dem Kopf zu spülen – die Synapsen zu reinigen, um dann Stunden später wieder multitask unterwegs sein zu können, um im Flow dumme Dinge zu tun, die einem am Ende des Monats Miete, Strom und Essen finanzieren.

Möge die Rezession die Dinge bereinigen, die die Welt nicht braucht.

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