Der Zehnte kehrt zurück. Zahlbürger ohne Wahl

19. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt – Je mehr ich Zeit finde, darüber nachzudenken, desto kälter läuft es mit den Rücken herunter. Was die EU hinsichtlich Zypern beschlossen hat, deutet auf eine Entwicklung hin, die weit abseits dessen ist, was ich als legal ansehen würde. Und ich fürchte, das Ganze betrifft keineswegs nur Zypern…

Die Fakten sind scheinbar klar, sie prangen mittlerweile auf jeder Titelseite. Die zyprische Bevölkerung bzw. jeder, der dort ein Konto unterhält, wird verpflichtet, aktiv an der Sanierung der maroden Banken und der wackligen Staatsfinanzen mitzuhelfen. Damit auch ja keiner entkommen kann, wurden die Banken umgehend geschlossen und die Geldautomaten sicherheitshalber außer Betrieb genommen. Jeder Euro, der in Zypern liegt, sitzt in der Falle.

Zunächst dachte ich, wie unendlich peinlich es doch ist, ja wie tief es hinsichtlich der Bodenhaftung derer, die uns regieren, blicken lässt, dass man am Montag sofort anfing zurückzurudern, als die Börsen auf diesen Beschluss massiv negativ reagierten. Erstens, weil die nun eher wahrscheinliche, „sozialverträgliche“ Variante, die kleinere Guthaben unter 20.000 Euro aus der Enteignung ausnimmt, von vornherein der bessere Weg gewesen wäre und man sich fragen muss, warum man das nicht vorher realisiert hat. Zweitens, weil man scheinbar vor der Lobby und den Mächtigen außerhalb der EU wie z.B. vor dem ungehaltenen Wladimir Putin einknickt. Erst einen auf dicken Maxe machen und dann sofort den Schwanz einziehen, wenn jemand bellt, der nicht zum „Volk“ gehört? Peinlich. Oder was das Absicht?

Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass das alles durchaus einkalkuliert war. Langsam habe ich das Gefühl, dass hier etwas „ausprobiert“ wird, was an Dreistigkeit nicht zu überbieten wäre. Sehen Sie, Zypern wurde, um die Ängste der Menschen respektive die Reaktionen der Börsen zu dämpfen, hurtig als „Sonderfall“ bezeichnet. Immerhin wurden die Einlagen der Sparer allerorten in Europa als „sicher“ und „garantiert“ propagiert. In Zypern sei das aber anders, weil … ja, weil?

Die dortigen Banken hätten in garstiger Weise Geldwäsche betrieben, hieß es. So what? Was können die Bürger dafür, die sich dort mühsam über Jahrzehnte ein kleines Guthaben angespart haben, von dem ihnen jetzt einfach mal so, über Nacht, ein nicht unwesentlicher Teil gestohlen werden soll? Zypern würde sonst in die Staatspleite gehen, weil die Banken vom Staat nicht gerettet werden könnten, hieß es. Ach ja? Und dafür sollen nun die Menschen zahlen, die von den miesen Geschäften und Fehlspekulationen eben dieser Banken nichts hatten außer lächerliche Haben- und gigantische Sollzinsen? Was soll das?

Man fragt sich doch, welchen tieferen Sinn diese Maßnahme haben könnte. Außer: Hey, ihr seid alle selber Schuld, ihr Zyprer, dass ihr euch für eure Geburt ein Land ausgesucht habt, in dem die Banken marode sind! Da stimmt doch was nicht. Kann es sein, dass man bei der Eurogruppe lustige Pilze zum Frühstück hatte? Oder steckt dahinter eiskalte Berechnung? Ich fürchte ja.

Zum einen demonstriert die EU, der man ja noch vor nicht allzu langer Zeit nur die Fähigkeit zubilligte, den Krümmungswinkel von Salatgurken amtlich vorzuschreiben, damit ihre Macht. Es geht hier ja um 15-16 Milliarden Euro. Okay, da bleibt einem schon der Mund offen stehen, wie ein solches Mini-Land solche Summen brauchen kann. Vor allem, wenn man an die Größe des ESM und dann an Spanien und Italien denkt. Aber diese Größenordnung war ja bekannt. Und der ESM hätte locker auch die komplette, nötige Summe übrig gehabt. So jedoch zeigt die EU, dass sie all diejenigen, die in Not geraten, völlig in der Hand hat:

Entweder, ihr bringt knapp sechs Milliarden selber auf – und zwar auf dem Weg, den wir euch diktieren – oder ihr bekommt die anderen zehn Milliarden aus unserem Topf nicht. Und wie erwähnte unser Herr Schäuble heute noch nebenbei: Bei einer Staatspleite ist nationaler Einlagenschutz nicht möglich, dann verlieren Anleger Geld. Anders formuliert: Entweder, ihr rückt den Zehnten raus wie einst im Mittelalter, oder ihr verliert alles. Ihr habt ja die Wahl … (Seite 2)

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