Der „Wert“ des Edelmetallgeldes

28. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Edelmetalle, allen voran Gold und Silber, sind quasi perfektes Geld. Anders als „Fiat“-Geld können sie nicht zum Totalverlust werden. Wer sich für Goldgeld ausspricht, bekommt häufig die Aussage „Gold hat doch keinen wirklichen Wert“ zu hören. Hinter ihr verbirgt sich entweder Unwissenheit oder ideologische Feindschaft gegenüber dem Goldgeld…

Um das zu offenbaren, bietet es sich an, zunächst zu klären, was Geld ist. Also: Was ist Geld? Die Antwort auf diese Frage kann kurz und bündig ausfallen, sie findet sich in jedem ökonomischen Lehrbuch: Geld ist das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Geld kann man jederzeit und überall in andere Güter eintauschen.

Natürlich lassen sich auch viele andere Güter zum Tauschen verwenden: Zigaretten, Salz, Muscheln etc. Doch nur wenige Güter können Geld-Status erreichen. Warum? Damit etwas zu Geld wird, muss es bestimmte physische Eigenschaften haben. Es muss beispielsweise knapp, haltbar und lagerbar, transportabel, teilbar, prägbar sein, und es muss allgemein wertgeschätzt sein; vorzugsweise hat es auch eine lange Historie als Tauschmittel vorzuweisen.

Blickt man in die Währungsgeschichte, haben Menschen immer, wenn es ihnen freistand, Edelmetalle als Geld gewählt, allen voran das Gold, Silber und, für kleinteilige Zahlungen, auch Kupfer.

Die Sache mit dem Wert

Grundsätzlich gilt: Der Wert einer Sache liegt immer und überall „im Auge des Betrachters“: Er leitet sich aus dem persönlich empfundenen Nutzen ab, den die Sache einer Person stiftet. Für Menschen haben Konsumgüter einen Wert, weil ihr Verzehr das Wohlbefinden verbessert; und Produktionsgüter werden wertgeschätzt, weil sie helfen, Konsumgüter zu produzieren.

Der Nutzen ist dabei für unterschiedliche Menschen unterschiedlich. Beispielsweise hat für mich ein Apfel einen anderen Wert als für meinen Nachbarn (weil er bereits mehr Äpfel hat, als er verzehren kann, oder weil er keine Äpfel mag). Geld ist weder ein Konsumgut noch ist es ein Produktionsgut. Geld ist ein Gut eigener Art („sui generis“): Es ist das Tauschgut. Der Wert des Geldes leitet sich aus dem Nutzen der Güter ab, die man für Geld kaufen kann.

Das lässt sich wie folgt erklären. (1) Menschen halten Geld, weil es Kaufkraft hat. Die Kaufkraft, die sich auch als objektiver Tauschwert bezeichnen lässt, wird durch die Anzahl der Güter bestimmt, die man für eine Geldeinheit erhält. (2) Das Geld hat für den, der Geld hält, jedoch einen subjektiven Wert. Das ist der Wert, der sich aus dem Nutzen der Güter erklärt, die man gegen Hingabe einer Geldeinheit erhält. Der Wert des Geldes ist folglich ein abgeleiteter Wert.

Nur dann also, wenn das Geld Kaufkraft hat (wenn es also einen objektiven Tauschwert hat), kann das Geld auch einen subjektiven Wert haben. Die Kaufkraft ist folglich die Voraussetzung für den subjektiven Wert des Geldes.

Edelmetall- versus „Fiat“-Geld

Edelmetallgeld ist gewissermaßen „natürliches“ Geld: Es ist spontan durch die Freiwilligkeit der Handelnden entstanden. Nicht so das „Fiat“-Geld, das heutige staatliche Zwangsgeld, das überall vorzufinden ist. Das Fiat-Geld wurde auf den Weg gebracht, indem man dem umlaufenden Geld seine Waren- beziehungsweise Golddeckung entzogen hat – wie im August 1971 geschehen. Für viele Geldverwender war die Maßnahme zunächst nicht „sichtbar“. Schließlich waren im Tagesgeschäft schon lange US-Dollar-Banknoten und Giroguthaben die gängigen Zahlungsmittel.

Es herrschte schließlich seit dem 5. April 1933 ein Goldhalteverbot für Private in den Vereinigten Staaten, das erst 1975 von US-Präsident Gerald Ford aufgehoben wurde; Gold war aus dem Zahlungsverkehr verbannt. Doch die Folgen des nunmehr ungedeckten US-Dollar wurde bald „sichtbar“, und zwar in zunehmender Inflation: Die steigenden Preise ließen die Kaufkraft des US-Dollar absinken.

Anders als Edelmetallgeld ist Fiat-Geld politisches Geld. Das Edelmetallgeld wurde ja gerade deshalb durch das Fiat-Geld ersetzt, weil man den Geldwert nach politischem Kalkül entwerten wollte. Argumente, wie zum Beispiel die Aussage, Edelmetallgeld sei unpraktikabel, es schränke den Spielraum der Geldpolitik unnötig ein oder es sei zu wenig Edelmetall vorhanden, halten einem kritischen Nachdenken nicht stand.

Totalverlust nicht möglich

Edelmetallgeld hat neben dem Wert, den es aus seiner Geldfunktion schöpft, immer noch einen nicht-monetären Wert, der aus seiner Verwendung für nicht-monetäre Zwecke rührt (Industrie- und Schmuckanwendung).

Selbst wenn das Edelmetallgeld also nicht mehr als Geld verwendet wird, seine Kaufkraft also nicht mehr gefragt ist, wird es immer noch einen (Tausch-)Wert haben, der sich aus seiner nicht-monetären Verwendung speist.

Anders der Tauschwert des Fiat-Geldes. Er kann auch auf Null fallen – weil der Wert des Fiat-Geldes sich eben nur aus einer, und auch nur aus einer Quelle speist: der Akzeptanz, als Tauschmittel verwendet zu werden. Verflüchtigt sich diese Akzeptanz des Fiat-Geldes, kann es für seinen Besitzer im Extremfall zum Totalverlust werden – und in der Währungsgeschichte ist das schon sehr häufig geschehen.

Dem Edelmetallgeld kann das nicht widerfahren. Sein Wert, sein Tauschwert, kann nicht auf Null fallen. Es hat neben seinem monetären auch immer noch einen nicht-monetären Nutzen, der ihm Wert verleiht.

Über Wert und Preis. Oder: So etwas wie wertstabiles Geld gibt es nicht

„Wert“ und „Preis“ sind nicht dasselbe, obwohl sie häufig im „Tagesgespräch“ gleichermaßen gebraucht werden. Ein Beispiel soll das verdeutlichen.

Herr X kauft im Obstladen einen Apfel für 1 Euro. Was ist ihm der Apfel Wert?

Die Antwort lautet: Er ist ihm mehr Wert als 1 Euro, also der Preis, den er für den Apfel zu zahlen hat. Ansonsten hätte er ihn nicht gekauft. Herr X hat das im Tausch gegeben (1 Euro), was er weniger wertschätzt und hat dafür etwas bekommen (einen Apfel), den er höher wertschätzt. Beim Obsthändler verhält es sich genau umgekehrt: Für ihn ist 1 Euro mehr Wert als der Apfel.

Wert und Preis sind folglich nicht deckungsgleich! Dass sie verschieden sind, ist vielmehr die Voraussetzung dafür, dass Menschen miteinander tauschen. Die Ökonomen sprechen von einer „subjektiven Wertlehre“:

Das heißt, der Wert, den ein Gut für jemanden hat, ist stets personenabhängig, ist individuell, ist subjektiv. Der Wert einer Sache liegt stets gewissermaßen im Auge des Betrachters. So etwas wie einen objektiven Wert (dass also der Marktpreis eines Stuhls den bezahlten Arbeitsstunden, die für seine Fertigung erforderlich sind,entspricht) gibt es nicht.

Die subjektiven Werte, die die Menschen den Gütern zuweisen, ändern sich fortwährend – weil sich beispielsweise die Wünsche und Vorlieben der Menschen ändern, weil immer wieder neue und bessere Produkte auf dem Markt angeboten werden.

Folglich kann es so etwas wie ein wertstabiles Geld gar nicht geben. Denn Geld ist ein Gut wie jedes andere Gut auch – mit der Besonderheit, dass es das marktfähigste, das liquideste Gut ist: Es lässt sich besonders einfach gegen andere Güter eintauschen.

Wenn sich jedoch die Wertschätzung, die die Menschen dem Geld und anderen Gütern zuweisen, fortwährend verschiebt, wird es auch stets Veränderungen in der Kaufkraft des Geldes geben.



Mausefallenwährung

Als Nation kommt man durchaus in den Einheitswährungsraum hinein. Man kommt aber nicht mehr hinaus, selbst wenn man will.

Der Begriff „Mausefallenwährung“ wird dem deutschen Ökonom Wilhelm Röpke (1899 – 1966) zugeschrieben. Gemeint ist damit eine Währung, in die man hinein-, aber nicht mehr hinauskommt. Beispielsweise erwiesen sich einige lateinamerikanische Währungen in den 1980er Jahren als derartige Mausefallen: Sparer und Investoren konnten sie zwar kaufen, aber nachfolgend nicht mehr in andere Währungen tauschen, weil die Regierungen ihre Konvertibilität beendeten, den freien Kapitalverkehr aufhoben. Ende der 1970er Jahre sperrte beispielsweise die US-amerikanische Regierung die US-Dollar-Guthaben der Iraner. Nicht nur der arabischen Welt dämmerte es daraufhin, dass selbst die Weltreservewährung für Sparer und Investoren zu einer Mausefalle werden kann.

Der Euro ist so eine Mausefallenwährung, allerdings in einem weitreichenderen Sinn: Eine Nation kommt hinein, indem sie ihre eigene Währung gegen die Einheitswährung aufgibt. Doch dann kommt sie nicht mehr heraus, selbst wenn sie es denn wollte. Nein, am Fall Griechenlands lässt sich diese Wahrheit nicht ablesen. Die Griechen können und wollen ihre Staatsschulden nicht zurückzahlen, scheuen Reformen ihres korrupten Staatsgebildes, haben aber prinzipiell nicht das Verlangen, den Einheitswährungsraum zu verlassen. Wie und wo aber zeigt sich denn, dass man dem Euro, hat man ihn erst einmal angenommen, nicht mehr entkommen kann? Antwort: Es zeigt sich in den Euroländern.

Viele Bürger sind vermutlich davon überzeugt, dass der Euro für sie netto-positiv sei, verglichen etwa mit der Alternative, eine eigene Währung zu haben. Sie haben verinnerlicht, dass eine Einheitswährung Vorteile bringt – wie zum Beispiel weniger Transaktionskosten, ein Ende der Wechselkursschwankungen und verbesserte Preistransparenz. Nachdem der Euro nun eingeführt ist (und die Dinge nun einmal so sind, wie sie sind), sind vermutlich auch viele der Meinung (und das nicht zu Unrecht), dass seine Abschaffung die Euro-Volkswirtschaften ins Trudeln bringen könnte; nicht zuletzt deswegen, weil der Zustrom aus dem staatlichen Füllhorn, von dem so viele wirtschaftlich abhängig geworden sind, versiegen würde.

Gleichzeitig sind diejenigen, die die Zwangsumverteilerei im Euroraum zahlen müssen, zur Überzeugung gelangt, dass es sich auch für sie lohne, den Euro zu retten. Obwohl der Euro für sie netto-negativ ist, sind sie nicht willens, Widerstand zu formieren, um dem Spuk ein Ende zu machen. Schon gar nicht die Deutschen. Sie geben weiterhin den politischen Kräften, die sie mit großen Ver-sprechungen in den Euro hineingetrieben haben, brav ihre Zustimmung.

Nun hat das, was sich aktuell abspielt, eine lange Vorgeschichte. Das Bestreben, ein europäisches Einheitszentralstaatsgebilde mit dem Namen die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu schaffen, gibt es schon lange. Bereits in den römischen Verträgen aus dem Jahr 1957 findet sich das Ziel, eine immer stärkere Zusam-menarbeit voranzubringen („an ever closer union“). Die Vision, eine Einheits-währung in Europa zu schaffen, reicht ebenfalls weit zurück; es sei hier bei-spielhaft auf den deutschen Vorstoß zur Schaffung einer „Wirtschafts- und Währungsunion“ aus dem Jahr 1969 verwiesen. Der politische Wunsch nach einer Einheitswährung ist verständlich: Es ist die denkbar wirksamste Kraft, um zum Ziel eines Einheitszentralstaatsgebildes zu gelangen. Sie ist eine Umklam-merung, aus der sich im Grunde niemand mehr herauswinden kann.

Die Euro-Einheitswährung ist nicht zufällig ungedeckt und politisch monopolisiert. Mit einem solchen „Fiat“-Einheitsgeld lässt sich nämlich das Großstaatsprojekt besonders gut antreiben. Die Schuldenwirtschaft, die es antreibt, und die Krisen, für die es sorgt, verschieben die Macht aus den nationalen Par-lamenten hin zur Einheitszentralbank, die Europäische Zentralbank (EZB), die de facto dem Zugriff der Euro-Bürger entzogen ist. Die oberste Geldbehörde, nicht die nationalen Parlamente, bestimmt, wo es lang geht: Welche Staaten und Banken über Wasser gehalten werden und welche nicht, und welche Industrien Kredit bekommen und welche nicht. Die EZB macht damit nicht nur Geld-, sondern auch Industrie-, Struktur- und damit Lenkungspolitik.

Wer aus verschiedenen Staaten einen und diesen einen richtig groß machen will, dem sind natürlich viele Währungen ein Dorn im Auge. Währungsvielfalt erschwert es nun einmal, die elektronische Notenpresse in den politischen Dienst zu stellen. Im Euroraum wurde durch die Euro-Einführung der lästige Währungswettbewerb nun aber nach einem langwierigen Verfahren endgültig erfolgreich ausgeschaltet. Diesen Erfolg wird man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen – etwa indem man ein Land – beispielsweise sei Griechenland genannt – aus dem Euroraum entlässt.

Was sich in Europa machen lässt, lässt sich auch über Ozeane und Kontinente hinweg weitertreiben: Währungskoordination, Wechselkursabkommen und, als Krönung dieser Anstrengungen, eine Einheitsweltwährung mit Einheitsweltzent-ralbank. Es ist zu hoffen, dass das Ziel der Reise, auf der sich die Völker befin-den, nicht erreicht wird – denn sonst gibt es irgendwann die Mausefallenwelt-währung und, passend dazu, den Mausefallenweltstaat.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH


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