Der Weg nach Null: (2)

25. Dezember 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Egon Wolfgang Kreutzer

Es wird dann in Deutschland für rund 50 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter vielleicht noch 15 Millionen Arbeitsplätze geben. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass die Exportquote am Brutto-Inlandsprodukt weiter so hoch bleibt wie heute, nämlich rund 40 Prozent…

Ein solches Szenario ist nahezu unvorstellbar und wird vermutlich auch nie eintreten, weil die Gesellschaft schon vorher am Fortschritt zerbrechen wird. Die spannende Frage ist: Wie weit können wir diesen Weg noch gehen, bevor es so nicht mehr weitergeht?

Die nachstehende grafische Darstellung der Entwicklung der Bevölkerung und der Arbeitnehmerentgelte soll helfen, die Problematik anschaulich und begreifbar zu machen.

tabelle-3

Wir sehen hier eine Entwicklung, wie sie bei einer jährlichen Kostensenkung von 6 Prozent zu erwarten ist. Die Gesamtbevölkerung ist – unabhängig von der realen Entwicklung – mit 100 % gleichbleibend angesetzt, d.h. ob am Ende der Zeitreihe 70, 80 oder 90 Millionen Einwohner gezählt werden, bleibt für die Verhältnisse zwischen den hier gebildeten Gruppen weitgehend bedeutungslos.

Die dicke, gepunktete Linie zeigt die Entwicklung der Lohnsumme, die der Bevölkerung zur Verfügung steht. Das IST von heute ist dabei wieder als 100% gesetzt. Es wird, bei diesem Beschäftigungsverlauf auf unter 50% fallen, das heißt, jedem einzelnen Bürger wird in 16 Jahren nur noch die Hälfte der derzeitigen realen Kaufkraft zur Verfügung stehen.

Verlässt man die immer noch beschönigende Durchschnittsbetrachtung und wendet sich den konkreten Zahlen und Fallkonstellationen zu, dann darf zunächst davon ausgegangen werden, dass die verbleibenden Beschäftigten sich weiterhin und noch deutlicher als bisher in prekär Beschäftigte und gut Verdienende unterscheiden lassen werden.

Während die Arbeitsentgelte der prekär Beschäftigten sich weiterhin unterhalb der Armutsgrenze bewegen (die übrigens – kaufkraftbezogen – stark sinken wird, weil auch der Median(1) massiv sinken wird), werden die verbleibenden, zumeist hochqualifizierten Fachkräfte und deren Manager – ebenfalls kaufkraftbezogen – eher Einkommenszuwächse zu verzeichnen haben, weil sich die Restbelegschaften immer stärker als „Kampftruppen“ verstehen, die einen erheblichen Anteil der Beute für sich beanspruchen, bevor sie die Interessen der Kapitalgeber und Anteilseigner bedienen.

(1) Der Median einer Auflistung von Zahlenwerten ist der Wert, der an der mittleren (zentralen) Stelle steht, wenn man die Werte der Größe nach sortiert. Die Armutsgrenze ist bei einem Einkommen das nur 60 Prozent dieses Wertes ausmacht, erreicht. Je höher der Anteil der Geringverdienenden, desto niedriger der Median, auch wenn sich der Durchschnittswert durch Erhöhungen bei den Spitzeneinkommen nicht verändert.

Während heute, im Jahr 2015, rund 35 Prozent der Bevölkerung ein Arbeitseinkommen erzielen, das ausreicht, 100 Prozent der Bevölkerung direkt (innerhalb der Familie) und indirekt (über staatliche Transferleistungen) zu versorgen, wird der Anteil der Bezieher von Arbeitseinkommen in Zukunft kontinuierlich weiter schrumpfen, wobei die individuellen Einkommenssteigerungen der verbleibenden Beschäftigten den Rückgang der Lohnsumme nur mäßig bremsen.

Bei fortgesetzter Rationalisierung werden um das Jahr 2030 nur noch 10 bis 12 Prozent der Bevölkerung ein ausreichendes Arbeits-Einkommen erzielen können. Bei gleichbleibender Besteuerung und gleichbleibenden Sozialabgaben würde dies bedeuten, dass von diesen noch etwa weitere 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung auf heutigem Niveau mitversorgt werden könnten. Der große Rest – und wir sprechen jetzt explizit von mehr als 40 Millionen Menschen – ginge vollkommen leer aus.

In grobe, konkrete Zahlen umgebrochen heißt das:

Wenn heute etwa 30 Millionen Beschäftigte mit durchschnittlich 45.000 Euro Jahreseinkommen sich selbst, ihre Kinder, die Rentner, die übrigen Sozialsysteme und die Staatsausgaben fast vollständig finanzieren, was pro Bürger einen Wert von durchschnittlich 15.000 Euro ergibt, dann sind bei 11 Millionen Beschäftigten mit durchschnittlich 60.000 Euro Jahreseinkommen pro Bürger nur noch 8.250 Euro pro Jahr verfügbar.

Das ist weniger als Hartz IV + Miete + Heizung!

Selbst bei einer 100 %igen Besteuerung aller Arbeitseinkommen und vollständiger Umverteilung im Sinne eines bedingungslosen Grundeinkommens, würde ein BGE -Satz von nur knapp 700 Euro pro Monat gezahlt werden können.

Dies allerdings setzt immer noch voraus, dass die Produktion in vollem Umfang aufrechterhalten bleibt und alles, was im Inland nicht abgenommen werden kann, Abnehmer im Export findet.

Dies muss jedoch bezweifelt werden. Nicht nur, weil die Weltwirtschaft aktuell Anzeichen von Schwäche zeigt, sondern vor allem, weil der Trend zur fortschreitenden Automatisierung auf der ganzen Welt zu beobachten ist, also auch rings um uns herum die Massenkaufkraft schwindet, so dass in einem realistischeren Szenario ein neues, zusätzliches Problem auftaucht, nämlich die sinkende Kapazitätsauslastung.

Fixkosten-Degression

Fixkosten sind Kosten, die unabhängig von den Produktionsmengen anfallen. Einen Schwerpunkt bilden dabei die Abschreibungen auf Maschinen und Anlagen. Je höher die Auslastung einer Fertigung, desto niedriger (Degression) sind die auf das einzelne erzeugte Produkt entfallenden Fixkosten.

Die höchste Rendite lässt sich in einem Unternehmen erzielen, das rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche produziert und diese Produktion zu guten Preisen absetzen kann. Dies lässt sich so erklären:

10 Millionen Tafeln Schokolade pro Woche, rund 500 Millionen Tafeln pro Jahr, ergeben bei Materialkosten (Zucker, Kakao, etc.) von 15 Cent pro Tafel, Personalkosten von 10 Cent pro Tafel, Energie und sonstige mengenabhängige Kosten von 5 Cent pro Tafel und Kapitalkosten (Abschreibungen/Zinsen) von 200 Millionen Euro pro Jahr einen Jahresgewinn von 150 Millionen Euro.

Werden mit der gleichen Fabrik und über die gleichen Vertriebswege bis hin zum Einzelhandel nur 250 Millionen Tafeln jährlich produziert und verkauft, wird statt einem Gewinn von 150 Millionen Euro ein Verlust von 25 Millionen Euro in den Büchern stehen.

Denn: Während man Menschen bei Bedarf einstellen und auch relativ einfach wieder entlassen, die Lohnkosten also den produzierten Mengen anpassen kann, müssen Maschinen über ihre geplante Lebensdauer durchgängig die Mengen produzieren, für die sie angeschafft wurden, damit sie nicht nur die Investitionsausgaben wieder einspielen (Amortisation), sondern darüber hinaus den gewünschten Gewinn hervorbringen.

Gelingt es nicht, die notwendigen Mengen abzusetzen, wird eine vollautomatische Produktion sehr viel schneller den Gang zum Insolvenzgericht auslösen als eine mehr auf menschliche Arbeit gestützte.

Diese Problematik wird zwei Effekte auslösen:

Erstens: Der Konzentrationsprozess in der industriellen Produktion und selbstverständlich auch im Handel wird beschleunigt. Anbieter mit Überkapazitäten werden aus dem Markt gedrängt, ihre bisherigen Marktanteile werden von den verbleibenden Anbietern mühelos aufgenommen. Es bilden sich marktbeherrschende Oligopole und Monopole heraus, die – wenn die marktbeherrschende Stellung erreicht ist – ihre Gewinne auch wieder durch das Drehen an der Preisschraube sichern können, falls ihre Produkte lebensnotwendig sind oder von den Verbrauchern (noch) dafür gehalten werden. So werden die Lebensmittelproduzenten mit der Zeit die Genussmittelproduzenten verdrängen, die Erzeuger von Gebrauchsartikeln werden die Hersteller der Luxusartikel des kleinen Mannes verdrängen, und so weiter.

Zweitens: Es werden sehr viele kleine Anbieter neu antreten, die mit einfachen Mitteln und Methoden und sehr viel Handarbeit jene Produkte erzeugen, die von den Unternehmen der Massenproduktion aufgegeben wurden. Diese Produkte können – weil weder teure Maschinen finanziert noch ein teures Management bezahlt werden muss und auch keine Werbe-Aufwendungen anfallen – zu durchaus marktfähigen Preisen regional angeboten werden. Alle diese Neugründungen werden zunächst der Schattenwirtschaft zugerechnet werden müssen und der Großteil wird versuchen, dort so lange zu bleiben, wie irgend möglich, weil nämlich die bürokratischen Anforderungen und die steuerlichen Belastungen den spärlichen Ertrag sofort wieder zunichtemachen würden.

Im Interesse der Versorgung der Bevölkerung sollte jede Regierung dieses Tun nicht nur tolerieren, sondern sogar zu fördern versuchen.

Aus beiden Effekten entsteht eine neue Herausforderung. Da die Monopolisten der Massenproduktion den Großteil der Löhne und Gehälter, die sie auszahlen, auch sofort wieder aufsaugen, fehlt dem aufkeimenden neuen Markt kleiner Unternehmen der Schattenwirtschaft an allen Ecken und Enden die notwendige Liquidität. Die Herausforderung, die sich hier abzeichnet, ist die Schaffung einer Parallelwährung, die in diesen hauptsächlich regional orientierten Wirtschaftszonen umläuft und die möglichen Transaktionen unterstützt.

Beispiele dafür gibt es auf der ganzen Welt und auch in Deutschland hinreichend viele, doch während deren Akzeptanz bei weiten Teilen der Bevölkerung heute noch zu wünschen übrig lässt, wird sie sich zwangsläufig einstellen, wenn die „Not“ zur Erkenntnis verhilft, dass es besser ist, sich auf eine Regionalwährung einzulassen als gar kein Geld zu haben.

Wo jedoch die Selbsthilfe in Organisationsformen der Schattenwirtschaft bekämpft und damit erfolgreich unterdrückt wird, wo vielleicht auch noch ein striktes Bargeldverbot erlassen wird, das sich auch auf Komplementärwährungen erstreckt, sollte der Staat mit Arbeitsbeschaffungsprogrammen und neuer Staatsverschuldung die Organisation sinnvoller Beschäftigungsverhältnisse in die Hand nehmen und damit für Einkünfte sorgen. Damit sichert er – indirekt – natürlich auch den Absatz und den Profit der Monopolisten, macht ihnen auf der anderen Seite allerdings auch auf den Märkten mit den Produkten aus den Beschäftigungsprogrammen Konkurrenz.

Letzteres zu vermeiden, wurde in der Anfangsphase der Umsetzung der Hartz-Gesetze erfolgreich praktiziert, indem man Unternehmen erlaubte, Ein-Euro-Jobber mit vollkommen sinnlosen Tätigkeiten zu beschäftigen, wobei die Unternehmen für diese „Leistung“ für jeden Euro, den ein Ein-Euro-Jobber verdiente, ungefähr drei bis vier Euro als Entschädigung erhielten, also als die eigentlichen Gewinner aus dem Rennen gingen.

Als gut 70 Jahre vorher in Deutschland der „Reichsarbeitsdienst“ eingeführt wurde, war das übrigens schon einmal ähnlich. Es wurden da ja nicht nur Autobahnen gebaut. Es wurde auch viel Sand von einem Haufen auf den anderen geschaufelt – und dann wieder zurück, bis der zum Arbeitsdienst Verpflichtete seine Pfennige verdient hatte.

Ein Blick in die Welt zeigt allerdings, dass es Beispiele für Staaten gerade genug gibt, in denen die Regierung untätig zusieht, wie in den Zentren der Metropolen der Luxus hunderte Stockwerke in die Höhe schießt, während wenige hundert Meter daneben hungrige, kranke, ausgemergelte Menschen in elenden Hütten, ohne fließendes Wasser, ohne medizinische Versorgung, allein von dem leben, was sie auf den Müllhalden finden. Und das auch nur so lange, bis die großen Bagger anrücken und den Bauplatz für den nächsten Wolkenkratzer oder für ein Weltmeisterschaftsstadion planieren.

Die meisten dieser Staaten sind übrigens durchaus Demokratien, halten Wahlen ab und die westlichen Werte hoch, haben ihren Sitz bei den Vereinten Nationen und die Menschenrechtsdeklaration unterschrieben.

Selbst in Europa ist bereits zu erkennen, dass die Annäherung an südamerikanische und zentralafrikanische Verhältnisse kaum mehr aufzuhalten ist, dass selbst Näherinnen aus Bangladesch, würden sie denn nach Griechenland auswandern können, dort – mitten in der EU – keinen nennenswerten Unterschied zu ihren heimischen Lebensverhältnissen feststellen würden.

Auch wir Deutschen sitzen als Frösche im Kochtopf. Doch weil die Krise so allmählich und schleichend daherkommt, weil das Wasser jedes Jahr nur um wenige Grad Celsius heißer wird, bemerken wir nicht, wie sich unsere Lebensverhältnisse Jahr für Jahr verschlechtern.

Schauen wir uns doch einfach mal unsere Bekleidung an:

Man erzählt uns, wir dürften uns leger kleiden. Also an den Beinen, „Herren“ und „Damen“ gleichermaßen, billige grobe Baumwolle, die wir „Jeans“ nennen. Drüber ein Baumwollfetzen einfachster Machart, den wir „T-Shirt“ nennen. An den Füßen ein Mix aus Kunststoffschaum, Kunststoffgewebe und Werbung. Auf dem Kopf ein Tuch mit Gummizug und Schild, „Baseball-Kappe“ genannt…

Wo früher selbst an den einfachen Hemden neben den Knopflöchern für den Manschettenknopf noch verschämt ein Knopf für den Notfall angebracht war, ist für den Manschettenknopf heute schon gar kein zweites Knopfloch mehr vorgesehen. Wer in der Öffentlichkeit ohne einen gewichtigen Anlass eine Krawatte trägt, wird nicht geachtet, sondern belächelt.

Unsere Bekleidung ist armselig geworden. Wir hängen uns bunte Fähnchen an den Körper, zahlen teuer dafür, wenn ein teures Etikett eingenäht ist, und zahlen weniger, aber für diese Qualität immer noch zu viel dafür, wenn die gleiche Massenware ohne Nobeletikett im Wühltisch liegt.

Meine Überzeugung, aus eigener Anschauung: Die Mehrzahl der Deutschen war 1955 in jeder Hinsicht (Qualität und Aussehen) weitaus besser gekleidet als heute. Viele Menschen konnten es sich leisten, gut angezogen zu sein, und diejenigen, die es sich nicht leisten konnten, waren fast alle zumindest „ordentlich“ angezogen – und niemand konnte sich vorstellen, in der Öffentlichkeit jemals so herumzulaufen, wie heute die Mehrzahl der Deutschen zu jeder Tages- und Nachtzeit und beinahe bei jedem Anlass herumläuft.

Was für die Bekleidung gilt, gilt gleichermaßen auch für Lebensmittel, es gilt für Möbel und Teppiche, für Uhren und Feuerzeuge, für Bücher und Zeitschriften. Es gab damals weniger, richtig! Aber was es gab, war deutlich besser und dennoch für fast alle erschwinglich. Haben wir das alles aufgegeben, um Fernseher, Computer, Handys und Smart-phones besitzen zu können? Und war es das wert? (Fortsetzung Teil 3 folgt..)

© Egon Wolfgang Kreutzer – Homepage

 

 

5 Kommentare auf "Der Weg nach Null: (2)"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Sehr geehrter Herr Kreutzer,
    ich konnte es nie so genau nachrechnen wie Sie, aber ich habe es gefühlt, wie den Deutschen von Jahr zu Jahr, seit Jahrzehnten immer mehr die Kehle abgeschnürt wurde/wird.
    Als selbständiger Handwerksmeister konnte ich mich aber zumindest mit etwa 30 Jahren aus den Klauen der gesetzlichen Rentenversicherung befreien.
    Deshalb erhalte ich auch nur jetzt im Alter eine Minirente.
    Aber das habe ich ja auch so gewollt.
    Meine Goldanlagen, die seit 1970 um über 8% steuerfreie Kurssteigerung erlebt haben, erlauben mir nun ein ruhiges Rentnerleben in Andalusien.
    Dabei habe ich nur die Hälfte des Beitrages investiert, den ich bei der LVA als Pflichtbeitrag hätte zahlen müssen.
    Auch erlaubte mir die Möglichkeit, Gold bis 15.000 Euro anonym zu kaufen, das Geld in meine Altersversorgung zu stecken, von denen das Finanzamt nichts wissen sollte.
    So zahle ich heute legal auch nur noch etwa 9% von meiner Minirente als Krankenkassenbeiträge.
    Insgesamt konnte ich als Selbständiger so der Altersarmut entgehen.
    Aber ich sehe wie es meinen Berufskollegen geht, die auch heute noch als Rentner unter der Abgabenlast in Deutschland stöhnen.

    Viele Grüße aus Andalusien
    H. J. Weber

    • Hallo Herr Weber,

      sind sie eigentlich Egozentriker?

      Oder was veranlasst Sie, bei jeden passenden oder auch unpassenden Gelegenheit völlig sinnfrei zum gerade veröffentlichten Thema Ihre Erfolgsstory des einfachen Handwerkers, der dank Gold zu einer wunderbaren Altersvorsorge gekommen ist, zu propagieren?

      Viele Grüße nach Andalusien

  2. Avantgarde sagt:

    Es gab damals weniger, richtig! Aber was es gab, war deutlich besser und dennoch für fast alle erschwinglich.
    ————————–

    Ja – stimmt. Das war schon so.
    Der Anschein überwiegt immer mehr das Sein – Ende nicht absehbar.

  3. astroman sagt:

    Vielen Dank für den inhaltlichen sehr schönen Beitrag; hab den Rest dann gleich auf Ihrer Website gelesen.

    Ja, gefühlt war der materielle aber auch Stimmungs-Peak für mich irgendwie Mitte bis Ende der 90er. Danach hörte ich auch zum ersten Mal „ist nicht mehr so einfach ´nen Job zu finden“. In unserer Branche ist faktisch seit 15 Jahren Stagnation bei Einstiegsgehältern. Also real von Jahr zu Jahr weniger. Das liegt aber nicht an gierigen Managern in der Branche, sondern dass die Aufträge nicht mehr hergeben. Ich hab auch schon seit Jahren nicht mitbekommen, dass einer unserer Auftraggeber gesagt hätte „cool, unser Budget wurde größer“ oder „wir haben hier einen neuen zusätzlichen Kollegen“.

    Insofern denke ich auch, dass wir schon seid einiger Zeit im stetigen Sinkflug sind.

    Ich denke mit Gesetzen alleine kommt man da nicht raus. Zumindest müssten sich die Werte wandeln. Wer selber „gnadenlos“ shoppt und den billigsten Anbieter bevorzugt, sollte sich nicht wundern, wenn er auf der Arbeit auch knallhart im Lohn verhandelt wird. Und natürlich darf sich der Produzent nicht wundern, dass die Konsumenten kniepig sind, wenn er seine Mitarbeiter klein hält. Das ist ja alles ein großer Kreis.

    Seltsam finde ich auch manch eine „Normalität“ in der BWL. Zum Beispiel kontinuierliche Gewinnsteigerungen, wenn doch der Umsatz stagniert oder unendliches Wachstum in der VWL??? #WERT würde Excel sagen. Hier hilft vielleicht auch schon etwas mehr Common Sense oder überhaupt Sense? Ich weiß es nicht… vielleicht mal in der Schule schon beibringen oder zumindest diskutieren?

    Ungelöst bleibt selbst bei Wertewandel, wie wir mit dem aktuellen Wirtschaftssystem eine fortschreitende Automatisierung in Wohlstand für die breite Masse (also inkl. uns, die wir hier tippen) umsetzen wollen. Letztlich basiert das System ja auf Tauschgeschäften. Aber wenn die Arbeit nix mehr wert ist, weil sie schlicht nicht benötigt wird, hat der Arbeitnehmer auch nix mehr zum tauschen und ist raus aus dem System. Man hat das doch sehr schön an der DDR gesehen. Da waren auf einmal so viele neue Arbeitnehmer… hatten aber nicht automatisch auch neue Jobs, weil einfach die bereits damals schon sehr leistungsfähige Produktion hochgedreht wurde und schwups für alle Autos und Lebensmittel da waren.

    Vielleicht ist es wirklich irgendwann – wenn es gut läuft – wie in Science Fiction aus den ca. 70ern, wo man das schon durchspielte. Da gingen dann nur noch die arbeiten, die sich Extras leisten wollten, die nicht in der Grundsicherung angeboten wurden.

    So glatt kommen wir da aber anscheinend nicht hin. Vorher werden sich nämlich die, die noch ´nen Job haben und noch im freien Markt unterwegs sind, mehr und mehr abarbeiten, weil der Wettbewerbsdruck immer weiter steigt. Erlebe ich zumindest in meinem kleinen Kosmos so. Und da ist dann – menschlich hoffentlich nachvollziehbar – auch keine große Lust da, noch mehr und mehr via Steuern abzugeben. Aber da man aus dem Hamsterrad nicht rauskommt… rennen die meisten weiter. (Ich renn auch und geb’ nur acht, dass ich nicht auch noch das Rad schneller dreh, als unbedingt nötig, damit man noch Aufträge bekommt und Kunden zufriedenstellt.)

    Aktuell wahrscheinlicher – und das schreiben Sie ja auch – ist sicherlich die Entwicklung, was wir in der „2. Welt“ beobachten und was auch hier sukzessive kommen wird: Eine krasse Aufspaltung in Mittellose und Bemittelte. Die aktuelle Politik beschleunigt das freilich noch fleißig, weil ihr der Common Sense und Mumm fehlt. (Ich persönlich glaube nicht an nationenumspannende Verschwörungen, sondern nur an Deals, Eitelkeiten und/oder die Dummheit in oberen Etagen, wenn’s krude Aktionen gibt.)

    Die Gefahren sind plausibel, wenn man sich damit mal ein bisschen beschäftigt, aber das tun nur ein paar Rufer in der Wüste und ein paar Blogbesucher. Ich tippe mal auf <5% in der Bevölkerung. Daher rechne ich auch nicht mit einer initiativen Wahlbewegung von unten. Wir bräuchten mal ne ordentliche politische Bewegung so wie damals die Grünen, die authentisch ist, die Gefahren klar macht und Lösungen anbietet. Aber bitte nicht so komplett links; das macht's auch nicht besser. Sozialismus wurde schon oft genug durchgespielt. Die Macht muss auf möglichst viele Schultern verteilt werden, damit es fair zugehen kann. Derzeit konzentriert sich diese zunehmend mehr, ist immer weiter weg vom "kleinen Mann" und entsprechend unmenschlicher wird das Handeln der Mächtigen.

    Aber vielleicht geht das auch nicht mit Vernunft und Plan, sondern nur aus der Asche heraus. Wundern würd’ es mich nicht.

    PS: Ich schreib das hier gerade nicht im weihnachtlichen Blues, sondern rein reflektiv. Bauch ist voll und Tannenbaum leuchtet schön. Hier und Jetzt: Alles okay.

    PPS: Ja, die Klamotten waren auch schon mal besser gewebt; aber Baggy Pants und T-Shirt sind wirklich bequemer als manch feiner Zwirn 😉

  4. ZeroCool sagt:

    Als Antwort auf die Fragen der Automatisierung und übrigens auch des Outsourcings an billige Arbeitskräfte gibt es m.E. eine einfache Lösung.

    Voraussetzungen:
    * Lobbyarbeit – öffentlich oder verdeckt – wird unter hohe Strafen gestellt
    * Nebenamtliche Tätigkeiten werden bis zu 5 Jahre nach politischer Tätigkeit ebenso unter hohe Strafen gestellt.
    * Unternehmen/Kanzleien etc. im Privatbesitz von Politikern müssen Ihren Kundenstamm mit Umsatzanteil detailliert veröffentlichen.

    Die alberne Besteuerung der Geschäftstätigkeit und der Arbeitskraft muss danach mit folgenden Punkten gestoppt werden.

    * Es darf nur noch eine Steuer geben, die wie aktuell bereits bei Mineralölprodukten einen relativ hohen Anteil am Umsatz hat: Die Verbrauchssteuer. Diese ist für Konsumenten ebenso wie für Unternehmen entsprechend der aktuellen USt gleichermaßen zu entrichten. Nur Rohstoffe, die das Unternehmen wieder verlassen können die Steuer mindern. Ausschließlich Lebensmittel, Strom, Wasser und Kommunikation (im Grundgesetz verankert) erhalten einen reduzierten Satz für Verbraucher UND Unternehmer.
    * Damit: Abschaffung der Finanzämter und Finanzberater.
    * Einstellung sämtlicher staatlichen Zahlungen und Zuschüsse an Unternehmen und Privatpersonen zum Zwecke der Bereitstellung zusätzlicher Mittel.
    * Damit Abschaffung aller Sozialämter und der nun nicht mehr benötigten Zombieunternehmen.
    * Verankerung eines BGE anhand eines fest vorgegebenen wissenschaftlichen Berechnungsschlüssels und vorgegebenen Warenkorb im Grundgesetz an JEDE lebende Person in Bedarfshöhe vom Baby bis zum Greis. Damit wird auch das Kindergeld unnötig.
    * Damit Abschaffung der Rentenversicherung und allen angeschlossenen Ämtern
    * Anreiz der Erwerbstätigkeit als steuerfreies „Zubrot“ muss erhalten bleiben. Entsprechend darf das BGE nur das Überleben sichern. Wie die Empfänger dies umsetzen (z.B. höhere Mieten in Städten) ist irrelevant -> Weiterer Anreiz zur Arbeit.
    * Ersparnisse in offizieller Währung müssen offiziell mit einem negativen Zins belegt werden. Evtl. Einführung einer Dualwährung für Konsum und Investitionen. Der Wechsel von Investitionswährung zu Konsumwährung müsste hohe Hürden aufweisen und ist mit einer Verbrauchssteuer belegt. Umgekehrt soll der Wechsel einfach sein. Der Missbrauch der Dualwährung durch Gesetzesänderungen müsste eingeschränkt werden. Geerbte Investitionswährung erhält Sperrfristen und unterliegt den o.g. Hürden.
    * Investitionen im Inland erfolgen steuerfrei. Die Auszahlung von Gewinnen darf nur in Investitionswährung erfolgen. Investitionsgewinne sind steuerfrei.
    * Wandel von Investitionswährung in eine Fremdwährung wird mit einer höheren Verbrauchssteuer zur Gewinnabschöpfung belegt.
    * Keine Zinsen auf Investitionswährung.
    * Die Geldmenge der Investitionswährung wird NICHT durch Banken/Zentralbanken gesteuert. Die Geldmenge erhöht sich durch Überführung von Konsumguthaben und reduziert sich durch Wandlung in andere Währungen. Bei Inflation des Konsumguthabens wäre der schlechteste Effekt ein Überangebot von Finanzmitteln für Investitionen und würde als Nebeneffekt die Inflation der Konsumwährung mindern.
    * Währungsgeschäfte, Verbrauchsgüter sowie Geschäft mit Endverbrauchern ausschließlich mit Konsumwährung.
    * Inländische privatwirtschaftliche oder staatliche Investitionen ausschließlich mit Investitionswährung.

    Ergebnis:
    * Deutlich schlankerer Staat, zusätzlich schrumpft dessen Einfluss (Regelung im Grundgesetz)
    * Steuermodell erheblich vereinfacht.
    * Arbeitskraft wird erheblich günstiger während der Wohlstand nicht sinken muss -> Fördert Export, reduziert schnelle Automatisierung, erhöht Beschäftigungsquote.
    * Die globale Ausbeutung der Arbeitskraft wird direkt in Deutschland ohne die direkte Bestrafung von Importen besteuert. Der Preisvorteil bleibt zwar grundsätzlich erhalten, allerdings relativiert sich der Vorteil durch den hohen Steueranteil.
    * Das Problem der „Steuerungerechtigkeit“ ist Vergangenheit. Wer weniger hat zahlt automatisch weniger Steuern, wer viel hat und konsumiert zahlt entsprechend mehr.
    * Wer weniger konsumiert kann bewusst und legal steuern sparen, entlastet die Umwelt und lebt nachhaltiger.
    * Langfristige Investitionen und auch Reinvestitionen rechnen sich. Gewinne werden bei Abschöpfung fair besteuert. Illegaler Übertrag von Gewinnen ins Ausland zur Steuerreduktion ist durch die nichtkonvertible Investitionswährung nicht möglich.

    Diese Idee müsste nochmals detailliert werden. Aus meiner Sicht führt aber zumindest an einem anderen Steuersystem kein Weg vorbei. Arbeit kann künftig nicht mehr die Besteuerungsgrundlage des Staates sein.

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.