Der Weg ist das Ziel

29. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Märchen für Kinder kennt jeder. Für Erwachsene gibt es Analysten und Berichterstatter, denen kein Thema heilig genug ist um es nicht mit einem Mythos zu verschandeln. Wussten Sie schon, dass neuerdings steigende Zinsen gut für Banken sind? Das haben die heutigen Verwandten der Gebrüder Grimm herausgefunden. Dummerweise haben sie es vor der Veröffentlichung nicht geprüft…

Herausfinden bedeutet im Finanzwesen nicht mehr, sich eines Sachverhalts sorgfältig anzunehmen und ihn auszuwerten. Vielmehr ist unter vielen Analysten der Begriff „Herausfinden“ wie ein zweiteiliges Puzzle zu verstehen. Man schaut was in einem nicht aussagekräftigen Zeitraum ein bestimmtes Atom der Volkswirtschaft macht und schaut dann was im gleichen Zeitraum ein Segment des Aktienmarktes macht. Fertig ist die Auswertung. Dagegen ist selbst „Maggi fix für Salzkartoffeln“ – zum Beutelinhalt nur Wasser und Kartoffeln hinzufügen, 20 Minuten kochen lassen, fertig – eine Gourmetspeise.

Vor allem die Zinskurve hat es den Brüdern, und den Schwestern natürlich auch, derzeit angetan. Eine bedeutsame Facette des Geschäftsmodells des Geldverleihens ist schnell erklärt. Man gibt jemanden einen Kredit mit einer gewissen Laufzeit und refinanziert sich mit einer kürzeren Laufzeit günstiger. Je höher der langfristige Zins über dem kurzfristigen liegt, desto höher ist die Marge. Das ist der Grund, warum viele Analysten derzeit einen Zinsanstieg feiern und ein neues goldenes Zeitalter für die Banken ausrufen.

Nun ist die Hoffnung angesichts des desolaten Zustands der Branche und der gerade erst so richtig in Gang kommenden Massenentlassungen im Sektor menschlich nachvollziehbar. Für einige Bankaktien mag zwischen Entlassungen und der Suche nach einem Geschäftsmodell Platz für einen schnellen Anstieg sein. Für die hinter den Aktien stehenden Firmen gibt es jedoch keinen Grund für Optimismus. Eine steile Zinskurve ist natürlich für Banken attraktiver als eine flache oder gar inverse Kurve. Das Problem ist allerdings, dass dies nicht für den Weg von der flachen zur steilen Zinskurve gilt, sprich den Zinsanstieg am langen Ende, den wir gerade beobachten dürfen.

Folgende Punkte sind nur einige, die von den Hoffnungsträgern ignoriert werden:

Steigende Zinsen bedeuten für viele Kreditnehmer Stress bei der Refinanzierung, die Ausfallraten ziehen an. Die höhere Marge gilt für das Neugeschäft, das sich allerdings auf Grund des altbekannten Kapitalmangels in engen Grenzen bewegt. Für bereits bestehende Kredite mit fixem und oft extrem niedrigem Zinssatz wird ein Zinsanstieg schnell zum Problem. Steigen die Zinsen auch am kurzen Ende so schrumpft die Marge auf bestehende kurz finanzierte Geschäfte rasch zusammen. Bei Dollaranlagen haben viele Banken diese Erfahrung bereits im Zuge der deutlich angestiegenen Libor-Sätze zu spüren bekommen. Es ist halt blöd, wenn man 1% bekommt, selber 1% zahlt und dafür noch das Ausfallrisiko in den Büchern hat.

Wenig erstaunlich ist daher das Ergebnis einer Auswertung von Wells Fargo zum Thema Sektorperfomance in einem Umfeld steigender Zinsen. Am übelsten schneiden die Versorger ab, darauf folgen bereits die Finanztitel. Diese Auswertung bezieht sich auf den Zeitraum zwischen 1960 bis 2016 und hat daher zumindest ein stärkeres Fundament als das Prinzip Hoffnung manches Börseninterpreten.

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Bei den dargestellten Renditen im Vergleich zur Benchmark handelt es sich um monatliche Renditen, die Entwicklungen sind also kein Pappenstiel.

Ob es dieses Mal auch so läuft? Wer weiß das schon, allerdings ist es sinnvoller sich damit anzufreunden als davon auszugehen, dass dieses Mal alles anders läuft. Doch das Argument, warum alles anders sein wird, steckt sicher schon in den Startlöchern. Die 2010er Jahre sind eben nicht die 60er, 70er, 80er, … Analyst müsste man sein.

Möglicherweise verhält es sich mit den Zinsen und den Banken ja auch wie mit dem Ölpreis. Morgens ist es gut für die Aktienmärkte wenn der Ölpreis fünf Prozent steigt. Abends ist es gut, wenn er fünf Prozent fällt. Morgen ist es dann umgekehrt. Vielleicht aber auch erst übermorgen.

Aber auch die Damen und Herren der politischen Kaste fordern ja weiterhin die Banken zur Kreditvergabe auf, als wäre es unerheblich, wer einen Kredit nimmt und wofür dieser genutzt wird. Immerhin hatten viele Banken gar nicht das nötige Eigenkapital um die Kreditvergabe allzu sehr hochzufahren, was angesichts der trostlosen Kreditnachfrage zu einem zwar merkwürdigen aber immerhin halbwegs stabilen Gleichgewicht des Desinteresses führte. So fiel der Herdentrieb zum nächsten Kredit in vielen Regionen ins Wasser.

Dennoch muss man den Herdentrieb nicht vermissen, kann man ihn doch bekanntlich auch im Alltag beobachten. Im Fußballstadium beschwert sich auch der Fan lautstark über einen vermeintlich unberechtigten Elfmeter für den Gegner, obwohl er die Szene gar nicht oder nur undeutlich gesehen hat. Wenn ein paar tausend Leute „Foul“ rufen, dann wird’s schon stimmen. In der Politik konnte man das Spektakel bei der US-Wahl oder beim britischen Referendum beobachten. Medial wiedergekäute Phrasen wurden im Alltag von vielen wiederholt, die bei genauem Nachfragen nicht die geringste Ahnung hatten, warum sie eine bestimmte Position vertreten. Am Finanzmarkt lässt sich das Prinzip immer und immer wieder beobachten, so dass der niedliche kleine Lemming nicht zu Unrecht als Sinnbild für die breite Masse der Finanzmarkt herhalten muss. Die Bereitschaft bestimmte Dinge zu kaufen, seien es Anleihen, Gold oder Aktien, ist immer dann am größten, wenn die entsprechende Anlageklasse sehr lange sehr positiv abgeschnitten hat. Am Top des Aktien-Bullenmarktes sind sowohl das Risiko als auch die Bereitschaft Papiere zu kaufen am höchsten. Eine unselige Kombination, dessen Resultat man in den letzten 20 Jahren des Öfteren beobachten durfte.

Wenn jemand nicht mehr darauf achtet, was er selber tun sollte sondern schaut, was sein Nachbar oder Kollege macht, dann ist dies nicht mehr als Herdenverhalten. Das ganze Geschwafel von der so genannten Schwarmintelligenz darf man dabei ruhig vergessen. Auch am Finanzmarkt liegt die Masse zwischenzeitlich sogar gar nicht so selten richtig. In langen Bullenmärkten kann dieser für viele angenehme Zustand sogar so lange anhalten, bis sich ein Gefühl einstellt, man wisse was man tue. Mit dem Einstieg ist es jedoch nicht getan. Der Gewinn liegt zwar im Einkauf, aber wenn man günstig einkauft seine Ware jedoch nicht verkaufen kann hat man nichts verdient. Jeder kennt vermutlich die Anekdote vom Kleinanleger der seinerzeit mit der seligen EM.TV Aktie aus ein paar tausend Mark mehr als eine Million machte, nur um aus dieser Million dann wieder ein paar tausend Mark zu machen. Mit kaufen und zuschauen ist es eben nicht immer getan.

Kopf an, Fernseher aus und statt dem Wirtschaftsteil der Presse lieber gleich zum Wissenschafts- oder Sportteil blättern. Das alles kostet nichts und kann sie im Fall der Fälle aus dem gröbsten heraushalten. Wer meint er könne nicht auf die tägliche Zeitungslektüre verzichten, der kann mit einer einfachen Übung herausfinden, wie relevant dieses Medium wirklich ist. Einfach einen Monat lang die Zeitung des Vortags lesen. Was gestern wichtig schien ist heute obsolet, was gestern niemanden interessierte, fliegt den Leuten heute um die Ohren.

 

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2 Kommentare auf "Der Weg ist das Ziel"

  1. Insasse sagt:

    „Wer meint er könne nicht auf die tägliche Zeitungslektüre verzichten, der kann mit einer einfachen Übung herausfinden, wie relevant dieses Medium wirklich ist. Einfach einen Monat lang die Zeitung des Vortags lesen.“

    Noch besser: Gar keine Zeitung mehr lesen. Das mache ich seit gut 20 Jahren. So habe ich nicht nur kein Geld durch völlig sinnfreie „Experten“-Tipps verloren, sondern grob geschätzt so um die 5.000 Euro gespart (derzeit mindestens 30 Euro je Monat). Mal abgesehen davon, dass die Mainstream-Blätter ohnehin nur noch holzschnittartige, politisch korrekte Meinungsmache und eine Anhäufung ungeprüft übernommener Pressemitteilungen von der Deutschen Propaganda Agentur (DPA) sind. Was soll ich mit diesem Unfug nach dem Muster „Und täglich grüßt das Murmeltier“? Das ist reine Zeitverschwendung. Dagegen ist der Blick auf etliche „alternative Medienangebote“ die reinste Wahrheitsfindung.

    Zeitunglesen ist heutzutage nichts anderes mehr als eine überkommene Gewohnheit. Der Bruch damit, bringt in jeder Hinsicht echte Rendite.

  2. FDominicus sagt:

    Oh ich habe eine Zeitlang auch Zeitungen gelesen. Als dann eine Preiserhöhung um „schlappe“ 10 % kam habe ich es sein gelassen. Meine Frau hat noch ein Abo und das liefert mir zumindest Stoff für zahlreiche Blog Einträge. Wer sich mal über dort abgedruckte Kommentare ein Bild machen will kann gerne diesen Eintrag als Beispiel nehmen: http://www.juergenwermser.de/maas-auf-dem-holzweg/

    Weil es gerade paßt:
    Gegen Ende schreibt er:
    „Das Grundgesetz setzt deshalb vernünftigerweise auf die repräsentative Demokratie, in der frei gewählte Abgeordneten unabhängig aber im steten Dialog mit den Bürgern über Gesetze entscheiden. Das hat sich in Jahrzehnten bewährt. Ein Bundesjustizminister sollte dieses historische Erfolgsmodell verteidigen statt durch theoretische Gedankenspiele leichtfertig aufs Spiel setzen.“

    Mein Kommentar, daß es wirkich ein Zumutung sein könnte, wenn der Wähler etwaige Ermächtigungsgesetze zu Fall bringen könnte, wird wohl mit gutem Grund nicht veröffentlicht.

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