Der Versuch, der Niedrigzinsfalle zu entkommen

18. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Zusammenfassung

► Die amerikanische Zentralbank hebt die Zinsen weiter an, und das hat Auswirkungen auf die weltweiten Zinsmärkte.

► Allerdings ist es recht wahrscheinlich, dass die nominalen Zinsen auch künftig auf recht niedrigen Niveaus verharren, …

► … und dass Anleger auch künftig mit Zinspapieren keine Verzinsung erzielen werden, die nach Abzug der Inflation positiv ist.

► Die weltweite Verschuldungssituation macht nämlich die Rückkehr zu „gesunden Zinsen“ unwahrscheinlich.

► Vor allem Anleger aus dem Euroraum sollten in diesem Umfeld weiterhin auf Gold und auch auf Aktien setzen.

► Gold ist nicht nur eine Währung. Das gelbe Metall ist vor allem auch eine Versicherung gegen Kredit- und Zahlungsausfallrisiken.

Wenn es einen Faktor gibt, der die Finanzmärkte und Konjunkturen weltweit wie kein anderer beeinflusst, dann sind es die US-Zinsen, beziehungsweise dann ist es die Zinspolitik der US-Zentralbank (Fed). Bekanntlich ist der Zins eine zentrale volkswirtschaftliche Größe. Er nimmt unmittelbar Einfluss auf Sparen, Konsumieren und Investieren. Er verbindet sozusagen die Gegenwart mit der Zukunft. Der Zins beeinflusst vor allem aber auch die Preise auf den Finanz- und Rohstoffmärkten. Dazu zählen nicht nur die Kurse von Anleihen, sondern auch Preise von Aktien, Derivaten und Rohstoffen.

Da die Fed gewissermaßen auch die Weltzentralbank ist, sind ihre Zinsmanöver weltweit zu spüren. Die US-Zentralbank, die die Weltwährung US-Dollar produziert, bestimmt ganz wesentlich die Liquiditäts- und Kreditkosten im gesamten Weltfinanzsystem. Seit dem Dezember 2015 ist die Fed jedoch dabei, ihren Leitzins anzuheben. Auf ihrer Sitzung am 15. März wurde nun eine weitere Zinserhöhung von 0,25 Prozent beschlossen, so dass der Leitzins jetzt bei 0,75 bis 1,0 Prozent liegt. Der Zinsmarkt hat bereits reagiert: Mittlerweile hat die Rendite der 10- jährigen US-Staatsanleihen die Marke von 2,5 Prozent erreicht.

Einflussfaktoren auf den Goldpreis

Der Goldpreis wird bekanntlich durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Zudem scheint es keine im Zeitablauf konstante Beziehung zwischen dem Goldpreis und seinen preisbestimmenden Faktoren zu geben. Dennoch lassen sich aus ökonomischer Sicht einige grundsätzliche (wenn auch nicht abschließende) Einflussgrößen identifizieren und ihre prinzipielle Wirkung abschätzen.

Der Zins (genauer: der Realzins) spielt sicherlich eine ganz wichtige Rolle für den Goldpreis.

Erstens: Höhere Zinsen wirken in der Regel inflationären Entwicklungen entgegen – und wirken damit unmittelbar auch auf den Goldpreis ein.

Zweitens: Wer Gold hält, dem entgehen Erträge, die er andernfalls mit dem Halten von festverzinslichen Papieren erzielen kann. Folglich wird die Goldnachfrage abnehmen (steigen), wenn der Zins steigt (fällt). In den Vereinigten Staaten von Amerika ist der kurzfristige Realzins (das heißt Nominalzins abzüglich der laufenden Inflation) mehr oder weniger negativ seit 2007/2008. Folglich ist es von großer Bedeutung für Edelmetallinvestoren, was künftig mit den US-Zinsen geschieht – in nominaler, vor
allem aber in realer Rechnung.

Die drängenden Fragen für Anleger und vor allem auch Edelmetallinvestoren sind: Wie weit wird die Fed im aktuellen Zinssteigerungszyklus gehen? Und nicht weniger wichtig: Wie rasch wird die Fed dabei vorgehen? Zunächst ist festzustellen, dass der derzeitige US-Leitzins angesichts der aktuellen Konjunktur- und Inflationslage zu niedrig ist. Welche „Daumenregel“ man auch zu Rate zieht: Der US-Leitzins müsste eigentlich deutlich über der 3-Prozentmarke liegen. Dass der Weg zu höheren Zinsen von der Fed jedoch nur sehr widerwillig beschritten wird, haben die vergangenen Jahre nur allzu deutlich gezeigt.

Nun könnte man versucht sein zu vermuten, dass die relativ niedrige Konsumentenpreisinflation es erlaubt, dass die US-Zinsen in den letzten Jahren nicht nennenswert angehoben wurden. Doch wirklich überzeugen kann diese Überlegung nicht. Vor allem deshalb nicht, weil es triftige politische Gründe gibt, warum die Fed bislang an den extrem niedrigen US-Zinsen festgehalten hat. Dazu zählen (1) die Verschuldungssituation und (2) die Abhängigkeit der US-Wirtschaft von der Fortführung der Politik der niedrigen Zinsen. Beide Gründe sollen nachfolgend etwas eingehender betrachtet werden.

Gründe für den Zinsniedergang

Ad (1): Die Verschuldungssituation. – Seit den frühen 1980er Jahren sinkt der Langfristzins in den Vereinigten Staaten von Amerika – quasi wie mit dem Lineal gezogen. Das dürfte insbesondere zwei Gründe haben. Erstens: Seit den frühen 1980er Jahren fällt im Trend die (offiziell gemessene) Inflation der Konsumgüterpreise. Damit einhergehend haben sich die Inflationserwartungen – die eine Element des Marktzinses sind – zurückgebildet und die Nominalzinsen absinken lassen.

Zweitens: Die amerikanische Geldpolitik hat die Leitzinsen im Laufe der Jahre aus politischen Motiven immer weiter abgesenkt. Denn die Staatsschulden sind immer weiter gestiegen: Sie sind von etwa 30 Prozent des Bruttosozialproduktes im Jahr 1980 auf nunmehr 105 Prozent angeschwollen. Die sinkenden Zinsen haben es dabei ermöglicht, dass die Zinszahlungen (im Verhältnis zur US-Wirtschaftsleistung) nicht angestiegen, sondern auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau geblieben sind.

Mit anderen Worten: Die Politik der Zinssenkungen hat die Schuldenwirtschaft überhaupt erst möglich gemacht. Und hat eine Volkswirtschaft sich erst einmal auf das Verschuldungskarussell begeben, wird die Zentralbank den Zins im Zeitablauf immer weiter absenken (müssen)..


In der Zinsfalle

Diese Einsicht soll anhand der nachstehenden Tabelle noch einmal verdeutlicht werden. Die Tabelle zeigt für verschiedene Verschuldungsstände und Zinssätze die jeweils resultierende Zinsbelastung. Beträgt die Verschuldung zum Beispiel 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), und liegt der Zins bei 4 Prozent, so beläuft sich die Zinslast auf 4 Prozent des BIP. Zinskosten in Abhängigkeit von Schuldenlast und Kreditzins in Prozent des Bruttoinlandsproduktes

Was passiert, wenn Staaten sich immer weiter verschulden, ist absehbar: Sie sorgen dafür, dass ihre Zentralbank den Zins absenkt, immer weiter absenkt, damit die Zinszahlungen pro BIP (die ja den Haushalt der jeweiligen Regierung belasten) möglich niedrig bleiben beziehungsweise abgesenkt werden. In der Tabelle „wandert“ das „Schulden-Zins-Menü“ von Nordwest nach Südost…. (Seite 2)

 

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