Der verflixte Psychofaktor

26. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

In diesen Tagen diskutieren Börsianer auffallend oft darüber, ob dem Dax jetzt die Puste ausgeht. Wie immer, wenn Aktienkurse im Spiel sind, wechseln sich Pro- und Kontra-Argumente ab, um dann irgendwo in der Nähe von fifty-fifty zu landen…

Diesem Unsinn sollte endlich Einhalt geboten werden. Denn allein schon die Fragestellung ist aus Anlegersicht irreführend – als wenn den durchschnittlichen deutschen Sparer mit anscheinend angeborener Aktienphobie interessieren würde, was aus Aktien wird, die er nicht besitzt.

Dieser Sparer hat in der Regel Geld auf dem Konto, einen Anspruch auf die gesetzliche Rente, eine Lebensversicherung, manchmal auch irgendwas mit Fonds, zum Beispiel über eine Riester-Rente. Und falls er sich neben all diesen Geldwerten noch einen Sachwert gönnt, dann ein Haus. Das vermittelt ihm ein Gefühl von Sicherheit. Oder wenigstens eine Wohnung. Aktien als Kreuzung von Geld- und Sachwerten? Nein, danke, sagt er sich im Zweifel! Dann eher ein paar Unzen Gold, um das Sicherheitsgefühl zu steigern – Wladimir Putin wird ja schon wissen, warum er seinen Goldschatz zuletzt wieder tonnenweise aufgestockt hat.

Geld auf dem Konto, Immobilien, Aktien, Gold: Diese aus Geld- und Sachwerten bestehende ideale Kombination erscheint den meisten Sparern zwar plausibel, aber sie scheitert in der Realität. Woran liegt das? Ganz einfach: Auf dem Konto darf es – sicher ist sicher – im Zweifel etwas mehr Geld sein, man kann ja nie wissen. Immobilien bilden ein Klumpenrisiko, weil sie in der Vierer-Kombination für eine finanzielle Schlagseite sorgen, jedenfalls bei den meisten Sparern.

Aktien gelten in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung spätestens nach den Crashs von 2000 bis 2003 und von 2008 als volatiles Teufelszeug, ungeachtet ihres rasanten Kursaufschwungs seit 2012. Und an Gold traut man sich nur zögerlich heran, zumal die meisten Banken und Sparkassen es nicht empfehlen, weil sie mit dem Goldhandel kaum Geld verdienen können.

Außer beim Geld auf dem Konto ist der Kauf- und Verkaufszeitpunkt, das Timing, der für den Erfolg der Geldanlage entscheidende Faktor. Das gilt entgegen der gängigen Maklerprosa übrigens auch für deutsche Wohnimmobilien, deren Preise sich gerade in Gipfelnähe befinden, und Gipfelluft ist bekanntlich dünn. Zwischen der Feststellung, das Timing sei erfolgsentscheidend, und seiner Umsetzung in eine lukrative Geldanlage bestehen leider Welten. Denn niemand kann die Zukunft vorhersagen. Was also ist zu tun?

Über viele Jahre betrachtet, gilt die Vierer-Kombination auf jeden Fall. Allerdings ist es sinnvoll, ihre Bestandteile im Zeitverlauf unterschiedlich zu gewichten. Also zum Beispiel derzeit nicht den zum Teil weit überzogenen Immobilienpreisen hinterherlaufen, sondern besser eine Wohnung nur mieten. Oder lieber einen Teil der Aktiengewinne mitnehmen, statt voll investiert zu bleiben. Und immer daran denken: Langfristig betrachtet, lässt Sie erst die Verteilung des Geldes über die vier Anlageklassen ruhig schlafen.

Warum ist das so? Ganz einfach, weil neben dem Risikoausgleich auch der Psychofaktor eine wesentliche Rolle spielt: Falls Sie alles auf eine Karte setzen, und die Sache geht schief, bringen Sie sich – womöglich sogar jahrelang – um den Schlaf oder sogar um noch mehr. Das wird erst dann einigermaßen erträglich, wenn Sie nur die Hälfte oder sogar bloß ein Viertel Ihres Geldes fehlinvestiert haben. Und weil die Erträge aus den vier Anlageklassen meistens in gegenläufigen Zyklen daherkommen, können Sie sich wahrscheinlich immer über eine von ihnen freuen – und schon werden Sie nicht mehr um Ihren Schlaf gebracht.

So viel zu den unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten – wenn es da nicht noch einen Haken gäbe, eben jenen Psychofaktor, Teil zwei. Stellen Sie sich dazu einfach mal vor, Sie hätten nach umfangreicher Recherche viel Geld in die E-Mobility-Aktie Aumann oder in die Aktie des Edelmetallkonzerns Silver Wheaton investiert. Beide Aktien verheißen derzeit offenbar hohe Kursgewinne auf zwei bis drei Jahre Sicht oder noch länger, allerdings unter starken zwischenzeitlichen Schwankungen. Steigen sie, sind Sie himmelhoch jauchzend gestimmt; fallen sie dagegen, ist Ihre Stimmung dahin. Wie lange hält ein Anleger mit noch nicht ausreichender Börsenerfahrung so etwas nervlich aus? Bestenfalls ein paar Mal, dann wird er nervös und verkauft die Aktien, möglicherweise zur Unzeit.

Was hilft dagegen? Häufig schon eine beruhigende Mini-Risikostreuung, in diesem Fall der Kauf beider Aktien unter Beibehaltung von genug Geld auf dem Konto für spätere Käufe auch anderer Aktien. Im Lauf der Jahre heißt es, zur Maxi-Risikostreuung unter Einschluss aller vier Anlageklassen überzugehen und dabei immer flexibel zu bleiben. Das ist dann wahrlich eine hohe Kunst. Nach jahrelanger Übung kann man sie erlernen.
© Manfred Gburek – Homepage

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