Der „Trump-Effekt“ auf Zinsen und Gold

26. November 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Dr. Thorsten Polleit

Die internationalen Finanzmärkte haben die Wahl von Donald J. Trump zum 45. amerikanischen Präsidenten – nach einer nur ganz kurzen „Schockphase“ – einhellig begrüßt. Die Aktienkurse sind gestiegen, der Außenwert des US-Dollar hat zugelegt, die Zinsen sind angezogen – und, vor allem auch als Ausdruck nachlassender Unsicherheit, ist der Goldpreis merklich gefallen…

Allerdings herrscht nach wie vor Unklarheit darüber, wie denn die Wirtschafts- und Außenpolitik von Präsident Trump konkret aussehen wird. Für Anleger besteht in der Tat noch reichlich Raum für positive wie auch negative Überraschungen. Im Folgenden sollen (1) die Faktoren betrachtet werden, die für die weitere Entwicklung der Finanzmärkte und damit auch für die Edelmetallmärkte von besonderer Bedeutung sind. Daran anschließend soll (2) der Frage nachgegangen werden, ob eine Wiederholung des „Goldpreis-Crash“ in den frühen 1980er Jahren wahrscheinlich ist. Abschließend sollen (3) die Aussichten für die Zins- und Aktienmärkte unter der Trump-Präsidentschaft eingestuft werden, und zwar ebenfalls mit Blick auf die künftige Preisentwicklung des gelben Metalls.

Trump-Präsidentschaft

Selfmade-Man Trump, für viele die Verkörperung des „American Dream“, ist nicht nur finanziell unabhängig. Als US-Präsident wird er mächtig sein: Die Republikaner kontrollieren in den kommenden beiden Jahren beide Kammern des US-Kongresses – Senat und Repräsentantenhaus. Trump kann nicht nur Obamas Reformen (wie zum Beispiel die Pflichtversicherung „Obamacare“) rückgängig machen. Er kann weitreichende Änderungen auf den Weg bringen – in der amerikanischen Wirtschafts- und vor allem auch in der Außenpolitik –, die wiederum weitreichende Effekte hätten für viele Regionen in der Welt.

Außenpolitik

Trump will Amerika wieder groß machen („Making America great again“). Dazu will er – und das ist in den Medien nicht immer klar übermittelt worden – den Stier bei den Hörnern packen: Er will gegen das – wie er es nennt – korrupte Washington vorgehen, dem Establishment das Handwerk legen, der Bereicherung von Großbanken und -industrie, die die US-Administration für ihre Interessen gekapert haben, ein Ende setzen, will das Volk wieder zum Souverän über ihre außer Kontrolle geratene Regierung machen („We want our country back“). Trump zählt nicht zu den Globalisten. Er will keine neue Weltordnung. Das lässt erwarten, dass Amerika künftig außenpolitisch weniger aktivistisch-interventionistisch sein wird als unter seinen Vorgängerregierungen.

Insbesondere gegenüber Russland wird Trump wohl eine im Vergleich zur ObamaAdministration versöhnliche(re) Haltung einnehmen wollen. Eine Entschärfung der internationalen Spannungen, etwa im Syrien- und Ukrainekonflikt, erscheint dadurch als mögliches Szenario, vielleicht sogar Friedensfortschritte im Nahen und Mittleren Osten.

Wirtschaftspolitik

Wirtschaftspolitisch wird für Trump das Schaffen von Arbeitsplätzen und Einkommen an erster Stelle stehen. Welchen Weg er dazu beschreiten will, ist allerdings noch recht unklar. Dass das aber in einer keynesianischen Deficit-Spending-Politik münden wird, wie vielfach bereits erwartet wird, ist alles andere als gewiss.

Schließlich ist Trump angetreten, um dem – wie er es unverblümt benennt – korrupten Washington-Establishment und seinen Günstlingen das Handwerk zu legen. Wenn er dieser Zielsetzung treu bleibt, hat das wirtschaftspolitische Folgen. Trump als Immobilienmogul hat vermutlich eine recht klare Vorstellung davon, was der Staat kann und was nicht, und was der Staat tun sollte und was nicht. Dass er, der sich gegen das Establishment auflehnt, eben diesen Staat stärken will, wie es in vorangegangenen Präsidentschaften immer wieder der Fall war, ist unwahrscheinlich. Im Gegenteil. Trump dürfte bestrebt sein, den Expansionsdrang des amerikanischen Staates zu stoppen oder gar umzukehren. Dazu passen keine großangelegten schuldenfinanzierten Ausgabenprogramme. Eher eine angebotsseitig ansetzende Politik, die für einen „Trump-Boom“ sorgt. Er hat ja bereits weitreichende Steuersenkungen für Unternehmen und Arbeitnehmer in Aussicht gestellt. Vielleicht verbindet er das mit einer umfassenden Reduktion der Staatsausgaben.

Weitere Wachstumspotenziale könnte er heben, indem es eine Steueramnestie für Auslandsguthaben amerikanische Firmen gibt, soweit sie das Geld für Investitionen in Amerika verwenden. Die Möglichkeiten sind enorm, mit Steuersenkungen internationales Kapital anzulocken, Amerika zu reindustrialisieren und auch in zukunftsweisenden Industrien nach vorn zu bringen. Es gibt ein prominentes Vorbild für Trumps Steuersenkungspolitik: US-Präsident Ronald Reagan (1911 – 2004) senkte die Steuern deutlich in der Hoffnung, dass so das Wachstum angetrieben würde, und dass das erhöhte Wachstum die Steuereinnahmen steigen lasse und auf diesem Wege das Budgetdefizit schließe.

Bis heute gibt es unter Ökonomen einen Streit, ob „Reaganonomics“ funktioniert hat oder nicht. Die Amerikaner genossen ab 1983 eine Phase sehr hohen Wachstums, einhergehend mit sinkender Arbeitslosigkeit – allerdings blieb das Staatsdefizit (für damalige Verhältnisse) hoch.

Gefahr des Protektionismus

Gefahrvoll wird es allerdings, wenn die neue US-Administration zu handelsbeschränkenden, protektionistischen Maßnahmen greift – und von solchen Vorhaben war im Wahlkampf einiges zu hören. Denn nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt profitiert von Arbeitsteilung und Freihandel. Ohne sie wäre der heutige Wohlstand nicht möglich. Aus kurzfristigem politischen Kalkül mag es verlockend sein, durch Handelsbarrieren die heimische Wirtschaft zu fördern, mittel- bis langfristig schädigt das aber den Wohlstandszuwachs.

Geldpolitik

Bei seinen „Aufräumarbeiten“ wird Trump natürlich auch die US-Zentralbank (Fed) ins Blickfeld geraten. An ihrem Tropf hängt die US-Wirtschaft und auch alle anderen großen Volkswirtschaften der Welt: Die Fed herrscht über die US-Dollar-Notenpresse, mit der sie in den letzten Jahrzehnten eine weltweite Schuldenpyramide genährt hat, die mittlerweile immer mehr Kredit, Geld und niedrigere Zinsen benötigt, damit sie nicht in sich zusammensackt. Das Ausweiten der ungedeckten Papiergeldmengen, das weltweit unter der Führungsrolle der Fed erst möglich geworden ist, hält einen künstlichen Boom in Gang, der bei einem Abbremsen der Kredit- und Geldmengenexpansion ins Stolpern geraten und früher oder später in einem Bust enden würde.

Verwunderlich wäre es daher nicht, dass Trump – wie schon viele Präsidenten vor ihm – es scheut, sich sofort und unmittelbar mit der Fed und dem internationalen Bankenapparat in Sachen Geldmengenvermehrung anzulegen. Macht die US-Geldpolitik weiter wie bisher –, schafft sie also neue US-Dollar per Kreditvergabe „aus dem Nichts“, steht natürlich auch eine konjunkturelle Belebung in Amerika auf tönernen Füßen. Es wird weiterhin auf Pump gelebt (entweder durch kreditfinanzierte Ausgaben des Staates oder der Privaten), und Fehlallokationen stellen sich ein. Früher oder später wird der Boom von einem Bust eingeholt.

Also auch wenn die Zeichen und Erwartungen zunächst auf eine Verbesserung der Wirtschaftslage deuten, so ist doch die Gefahr einer erneuten Wirtschafts- und Finanzkrise alles andere als gebannt.

Goldpreis-Crash in den 1980ern – wiederholt er sich?

Es wurde bereits befürchtet, ein geldpolitischer Kurswechsel in Amerika könnte zu einem starken Rückgang des Goldpreises führen – wie es Anfang der 1980er Jahre zu beobachten war. Was war damals geschehen? Zur Beantwortung dieser Frage muss man etwas ausholen. Bereits Anfang 1968 begann der Marktpreis des Goldes – er lag bei 35 US-Dollar pro Feinunze – über die offizielle Parität zu steigen. Der Grund: Die Zweifel wuchsen, ob die Vereinigten Staaten von Amerika noch in der Lage seien, der Goldeinlösepflicht des US-Dollar nachzukommen. Sie waren es nicht. Um den Abzug des Goldes zu stoppen – immer mehr Länder präsentierten ihre US-Dollar und wollten sie im Gegenzug in Gold eintauschen –, beendete US-Präsident Richard Nixon (1913 – 1994) am 15. August 1971 die Einlösbarkeit des US-Dollar in Gold.

Was folgte war ein drastischer Anstieg des Goldpreises, denn nicht nur der US-Dollar, sondern auch alle anderen Währungen der Welt waren nun vom Gold gelöst. Die Regierungen und ihre Zentralbanken missbrauchten das, um eine Inflationspolitik zu betreiben – verbunden mit dem ersten und zweiten „Ölpreisschock“. Am 21. Januar 1980 erreichte der Goldpreis kurzzeitig 850 USD/oz – und entsprach damit einem Anstieg von rund 2429 Prozent gegen- über der ursprünglichen offiziellen Parität. Doch danach setzte ein merklicher Rückgang des Goldpreises ein. Was waren die Gründe?

Die US-Zentralbank machte sich unter Paul Volker – dem neuen Zentralbankchef, den US-Präsident Ronald Reagan nominiert hatte – daran, die hohe Inflation, für die sie zuvor gesorgt hatte, abzusenken. Dazu erhöhte sie die Zinsen. Und zwar so stark, dass die realen Zinsen (also Nominalzinsen abzüglich der Inflation) deutlich positiv wurden. Die Nachfrage nach US-Dollar und anderen ungedeckten Papierwährungen stieg wieder an und schmälerte die Nachfrage nach Gold. Der Goldpreis fiel. Ist die Wiederholung der frühen 1980er Jahre – ein markanter Rückgang des Goldpreises – wahrscheinlich? Vor allem zwei Gründe sprechen dagegen.

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(1) Der Goldpreisanstieg, der in den frühen 1970er Jahren Fahrt aufnahm, war gewaltig – viel stärker als der Goldpreisanstieg, der mit Beginn des 21. Jahrhunderts einsetzte (siehe hierzu die nachstehende Grafik). Die Sorge um den Kaufkraftverfall des Geldes war damals groß, viel größer, als es in den vergangenen 16 Jahren zu beobachten war. Die offizielle Inflation der Konsumentenpreise war in den 1970er und frühen 1980er Jahren für alle sichtbar und ihre Kosten spürbar. In den letzten 16 Jahren war das anders: Die Inflation der Konsumentengüter ging zurück, und es war die Inflation der Vermögenspreise, die in die Höhe ging (die jedoch viele Menschen nicht als „echte Inflation“ begreifen). Als sich die Inflationssorgen zurückbildeten, war in den frühen 1980er Jahren das Rückschlagspotenzial beim Goldpreis entsprechend groß.

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(2) Die Fed schickte die US-Wirtschaft Anfang der 1980er Jahre in eine „Stabilisierungsrezession“, um die Inflationserwartungen zu brechen und den allgemeinen Preisauftrieb zu senken. Eine solche Geldpolitik war damals durchaus möglich: Die ausstehenden Schulden waren noch relativ niedrig. Heute stehen die Dinge jedoch anders: Die Verschuldung ist extrem stark angeschwollen. Ein starkes Ansteigen der (Real-)Zinsen würde das Konjunkturgebäude und die Finanzmärkte einbrechen lassen. Eine Rezession, möglicherweise auch eine ausgewachsene Depression, stünde ins Haus. Dass die Fed ein Zinsmanöver vollzieht wie in den frühen 1980er Jahren, ist daher sehr unwahrscheinlich… (SEITE 2)

 

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