Der schöne Schein

8. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Die Bürger bekommen täglich ihre mediale Dosis Europa serviert. Offenbar genießen die Bewohner Deutschlands so viele Vorteile von unermesslicher Pracht, dass sie laufend darauf hingewiesen werden müssen. An vorderster Stelle steht zumeist der Hinweis auf die gefühlt tausendjährige Demokratie, beziehungsweise das, was davon übrig ist…

Besonders lange hält dieser so bezeichnete Zustand zwar bisher nicht an. Möglicherweise aber fühlen sich die Damen und Herren in Brüssel dem General Franco oder der ehemaligen portugiesischen Diktatur ja politisch näher als man denkt. So kann man die entsprechenden Zeiträume folgerichtig im Ordner „Frieden“ ablegen.

Noch kruder wird es bei den vermeintlichen wirtschaftlichen Erfolgen. Diese ließen sich nicht bewerten, lägen aber per Definition immer höher als die höchstmöglichen Kosten. Ein beeindruckendes Perpetuum mobile, dieses Europa der Euromantiker. Eine Wachstumsmaschine, die, einmal eingeführt, nicht mehr abgeschafft werden kann, weil dann alles zusammenbräche.

Angesichts der wenig schmeichelhaften Situation vieler Eurostaaten sollte man diese Einschätzung anzweifeln, was jedoch in der Medienwelt nur sporadisch geschieht.

Schon bei der Beurteilung der Ursachen des zwar gelebten, aber keinesfalls bezahlten Wohlstands verlieren die meisten Berichterstatter die Lust. Anders lässt es sich schwer erklären, dass man die Konsumwut feiert, ohne auf deren Bezahlbarkeit hinzuweisen. Die Art und Weise, wie zahlreiche Berichterstatter alljährlich die „Weihnachtseinkäufe“ als wichtigen Wirtschaftsindikator hochhalten, ist ebenso unverdaulich wie so manch fette Mastgans.

Es mag den einen oder anderen freuen, wenn die Menschen viele bunte Dinge kaufen. Noch schöner freilich wäre es, wenn diese Artikel auch ohne Sonderkredit bezahlt werden könnten. Aber derartiger Konsumdefätismus erfüllt sicherlich schon bald den Tatbestand des Wohlstandsverrats.

Ein Blick auf die Daten von Eurostat zeigt die wachsende Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen in Europa sich leisten können, und dem, was sie sich kaufen. Die Gäste belieben zu speisen, nehmen es aber mit der Rechnung nicht allzu genau.

In den USA stieg die entsprechende Kennzahl seit 1995 von 85% auf 115%. Der höchste Wert von 130% wurde 2007 erreicht. Seither enthebeln sich die US-Haushalte schleichend, die einen freiwillig durch Tilgungen, die anderen unfreiwillig über eine Insolvenz.

Nun sind US-Amerikaner nicht als Konsumverweigerer bekannt, doch stellen die Dänen und Niederländern sie locker in den Schatten. Im Vergleich zu den Verschuldungsgraden und dem Verschuldungswachstum der letzten Jahre in diesen Ländern erscheint Johnny Sixpack beinahe knauserig. So wenig diese Entwicklung in den USA durchzuhalten war, so wenig wird dies auch in Dänemark und Holland der Fall sein.

Die ersten Zuckungen an den dortigen Immobilienmärkten zeigen sich bereits, stärkere Anstiege der faulen Kredite sollten niemanden überraschen. Daran ändert der zunehmende Erfindungsreichtum der Finanzierer nichts, bestenfalls verlängert er die Leidenszeit… (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar