Der schöne Schein

8. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Die Bürger bekommen täglich ihre mediale Dosis Europa serviert. Offenbar genießen die Bewohner Deutschlands so viele Vorteile von unermesslicher Pracht, dass sie laufend darauf hingewiesen werden müssen. An vorderster Stelle steht zumeist der Hinweis auf die gefühlt tausendjährige Demokratie, beziehungsweise das, was davon übrig ist…

Besonders lange hält dieser so bezeichnete Zustand zwar bisher nicht an. Möglicherweise aber fühlen sich die Damen und Herren in Brüssel dem General Franco oder der ehemaligen portugiesischen Diktatur ja politisch näher als man denkt. So kann man die entsprechenden Zeiträume folgerichtig im Ordner „Frieden“ ablegen.

Noch kruder wird es bei den vermeintlichen wirtschaftlichen Erfolgen. Diese ließen sich nicht bewerten, lägen aber per Definition immer höher als die höchstmöglichen Kosten. Ein beeindruckendes Perpetuum mobile, dieses Europa der Euromantiker. Eine Wachstumsmaschine, die, einmal eingeführt, nicht mehr abgeschafft werden kann, weil dann alles zusammenbräche.

Angesichts der wenig schmeichelhaften Situation vieler Eurostaaten sollte man diese Einschätzung anzweifeln, was jedoch in der Medienwelt nur sporadisch geschieht.

Schon bei der Beurteilung der Ursachen des zwar gelebten, aber keinesfalls bezahlten Wohlstands verlieren die meisten Berichterstatter die Lust. Anders lässt es sich schwer erklären, dass man die Konsumwut feiert, ohne auf deren Bezahlbarkeit hinzuweisen. Die Art und Weise, wie zahlreiche Berichterstatter alljährlich die „Weihnachtseinkäufe“ als wichtigen Wirtschaftsindikator hochhalten, ist ebenso unverdaulich wie so manch fette Mastgans.

Es mag den einen oder anderen freuen, wenn die Menschen viele bunte Dinge kaufen. Noch schöner freilich wäre es, wenn diese Artikel auch ohne Sonderkredit bezahlt werden könnten. Aber derartiger Konsumdefätismus erfüllt sicherlich schon bald den Tatbestand des Wohlstandsverrats.

Ein Blick auf die Daten von Eurostat zeigt die wachsende Diskrepanz zwischen dem, was die Menschen in Europa sich leisten können, und dem, was sie sich kaufen. Die Gäste belieben zu speisen, nehmen es aber mit der Rechnung nicht allzu genau.

In den USA stieg die entsprechende Kennzahl seit 1995 von 85% auf 115%. Der höchste Wert von 130% wurde 2007 erreicht. Seither enthebeln sich die US-Haushalte schleichend, die einen freiwillig durch Tilgungen, die anderen unfreiwillig über eine Insolvenz.

Nun sind US-Amerikaner nicht als Konsumverweigerer bekannt, doch stellen die Dänen und Niederländern sie locker in den Schatten. Im Vergleich zu den Verschuldungsgraden und dem Verschuldungswachstum der letzten Jahre in diesen Ländern erscheint Johnny Sixpack beinahe knauserig. So wenig diese Entwicklung in den USA durchzuhalten war, so wenig wird dies auch in Dänemark und Holland der Fall sein.

Die ersten Zuckungen an den dortigen Immobilienmärkten zeigen sich bereits, stärkere Anstiege der faulen Kredite sollten niemanden überraschen. Daran ändert der zunehmende Erfindungsreichtum der Finanzierer nichts, bestenfalls verlängert er die Leidenszeit… (Seite 2)

 

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29 Kommentare auf "Der schöne Schein"

  1. topperhopper sagt:

    Schöner Artikel.
    Das größte Problem der HSH Nordbank sind neben den alten Schiffskrediten mittlerweile die niederländischen Immobilienschulden…

    VG

  2. FDominicus sagt:

    Traurig und wahr. Es ist wirklich erstaunlich wie man durch „verbrauchen“ reich werden „will“. Die einfache Tatsache, daß man auf Dauer nicht mehr verbrauchen kann als man produziert fiel vielleicht noch Erhard auf:
    “ Die Menschen haben es zwar zuwege gebracht, das Atom zu spalten, aber nimmermehr wird es ihnen gelingen, jenes eherne wirtschaftliche Gesetz aufzusprengen, das uns verbietet, mehr zu verbrauchen, als wir erzeugen.“

    Nun Weltweit wird daran gearbeitet Erhard zu widerlegen, was das für alle bedeuten wird, dürfte allen Nichtpolitkern eher klar sein als einem unsere „Berufsbetroffenen“ Vollzeit und Ganzlebenspolitikern.

    • 4fairconomy sagt:

      ” Die Menschen haben es zwar zuwege gebracht, das Atom zu spalten, aber nimmermehr wird es ihnen gelingen, jenes eherne wirtschaftliche Gesetz aufzusprengen, das uns verbietet, mehr zu verbrauchen, als wir erzeugen.”

      Ist das Problem heute nicht eher dies, dass die Mehrheit der Menschen immer mehr erzeugen müssen, um ihren Job behalten zu können, als sie mit ihrem Einkommen konsumieren können?

    • pat sagt:

      Die Menschen verbrauchen nicht mehr als sie erzeugen. Woher sollten denn die verbrauchten Güter kommen? Aus der Zukunft in díe Gegenwart gebeamt?

      Nein wir verbrauchen so viel (teilweise weniger) wie erzeugt wird, nur haben es die Banken geschafft, dass wir uns für den Konsum dieser Güter bei ihnen verschulden.

      Ohne die Verschuldung würden entweder die Preise nach unten, oder die Löhne nach oben gehen und alles erzeugte könnte konsumiert werden, ohne sich zu verschulden.

      • 4fairconomy sagt:

        @ pat

        Kommt auf das System an, auf dem sich die Aussage bezieht, nämlich ob es sich um ein geschlossenes (Weltwirtschaft, abgeschottete Insel) oder offenes (Staat, Individuum) handelt.

        Bezüglich Weltwirtschaft haben Sie recht. Bezüglich Individuum oder Staat ist es durchaus möglich, über längere Zeit mehr zu verbrauchen als man herstellt. Siehe USA.

        Allgemeingültige ökonomische Aussagen über Zusammenhänge sowie ökonomische Rezepte, sollten sich auf ein geschlossenes System beziehen, welches möglichst ohne (ressourcenabhängiges) Wachstum auskommt.

        Ein offenes System kann nicht ewig auf Kosten anderer funktionieren. z.B. die Exportförderung als allgemeines ökonomisches Heilmittel anzupreisen, funktioniert auf Ebene Weltwirtschaft nicht, da nicht alle immer mehr exportieren als importieren können.

        Genau so verhält es sich mit dem Sparen, also mehr einzunehmen als auszugeben. Die meisten heutigen ökonomischen Lehren sind – soweit ich das überblicken kann – blind für die Tatsache, dass das Sparen saldenmechanisch nicht unproblematisch ist. Deshalb ist breiter Wohlstand auch nicht möglich, wenn eine Minderheit immer reicher wird, was v.a. neoliberale Ökonomen immer wieder wie ein Mantra versprechen.

        Die Folgen ihrer Wirtschaftspolitik ist, dass wenige immer reicher werden während die anderen immer ärmer, wenn man deren Verschuldung anschaut, inklusive Staatsverschuldung als kollektiver Konsum auf Pump und inklusive Ressourcenverbrauch und -belastung als Raub an die zukünftigen Generationen.

        Entsprechend lässt sich die Schuldenkrise bzw. Systemkrise nur lösen durch eine mindestens proportionale Beteiligung entsprechend der Vermögenssituation. Heute wird im Gegenteil versucht die Krise zu lösen, in dem man die Reichsten vor Verlusten schützt. Das kann nur in eine Katastrophe münden – oder in einem planwirtschaftlichen System, in dem die Reichen sich den Staat einverleiben und die Menschen mit Brot und Spiele zufrieden stellen und das System mit Eingriffe ohne Ende über Wasser halten. Trotzdem werden immer mehr Menschen in die Armut und Abhängigkeit getrieben. Menschen, die man sich in letzter Konsequenz als Kostenfaktor am liebsten entledigen würde.

        • pat sagt:

          Ich würde mal etwas provokant behaupten, dass die wirklich Reichen die Banken sind, da sie das Geldschöpfungsprivilig haben (und die Leute die sie kontrollieren).

          Durch die Geldschöpfung profitieren als allererstes die Banken und „verwässern“ damit die Währung und treiben durch das zusätzliche Geld die Preise in die Höhe.

          Die oft zitierte tragbare Verschuldung von 60% des Bruttonationaleinkommens für Staat, Private und Firmen bedeutet bei einem Zinssatz von 6%, dass 10.8% (0.6*3*0.06) der Wertschöpfung an das Bankensystem durch Zinsen abgeführt werden.

          Da sind wir dann wieder beim uralten Zehnten an den Machthaber angekommen. Und das ist möglicherweise der Zweck der ganzen Veranstaltung. Das ist so geschickt eingefädelt, dass es den meisten nicht einmal auffällt.

          Die Diskussionen über die Armen und Reichen sind für mich eher Scheingefechte die von den eigentlichen Profiteuren im Bankensystem ablenken sollen. Die echten Profiteure besitzen kein Geld sondern sie kontrollieren es um damit den Lauf der Welt zu beeinflussen. Für sie bedeutet Geld nicht Reichtum, sondern Macht.

      • FDominicus sagt:

        Nun sehen wir es mal anders. Kredit ist vorgezogener Konsum und damit kennen sich Staaten sehr gut aus. Der vorgezogene Konsum von Staaten muß „natürlich“ irgendwo ausgeglichen werden und diesen Ausgleich bezahlen eben diejenigen die nicht „staatsnah“ mit Geld versorgt werden. Glauben Sie die steigenden Lebensmittelkartenbezieher in den USA sind dafür kein Signal? Wir schreibt ein andere Kommentar hier:
        Wahnsinn

  3. Lickneeson sagt:

    Just Imagination…tralala.Ja, sehr schöner Artikel.Mir gefallen vor allem die Schöpfungen „Wohlstandsverrats“ und das Wirtschafts-Viagra „Sparin“.Letzteres dürfte den Pharma-Preis 2013 erhalten.

    Zu den skurilen „Rettungsaktionen“ zu denen sich wohl auch das Gerücht einer Fusion zwischen Peugeot u. Opel gesellen dürfte, fällt mir nichts mehr ein.

    Europa war nie etwas anderes als eine Fusion von Grosskonzernen
    mit dem Ziel des maximalen Profits über neue Absatzmärkte.Wirtschaftlich gesehen nachvollziehbar, aber ohne jegliche soziale Struktur oder Strategie.

    Den Arbeitnehmern wurden mit dem Wegfall der Grenzkontrollen und dem Währungstausch sowie freier Arbeitsplatzwahl in Europa lächerliche Vorteile feilgeboten.Die Rechnung wird nicht aufgehen, aber zahlen dürfen ja die üblichen Verdächtigen.

    Ein saftiger Nährboden für Nationalismus und Protektionismus.Ein politisches Europa ist so nahe wie eine Marslandung.

    MfG

  4. Skyjumper sagt:

    „Ein saftiger Nährboden für Nationalismus und Protektionismus.Ein politisches Europa ist so nahe wie eine Marslandung.“

    Alles eine Frage der Sichtweise 🙂
    Die EU bedeutet immerwährender Friede und auf dem Mars ist man ja nun längst gelandet. Zwar nur Roboter und keine Menschen, aber wer hat behauptet dass es um die Menschen ginge?

  5. Gandalf sagt:

    Jetzt decken auch noch die Jungs von der „Boston Consulting Group“ eine Verschwörungstheorie auf: „Die Finanzwelt ist ein Schneeballsystem und die Schulden können (doch) nicht mehr zurückgezahlt werden..“

    huhu

    Ein Schelm…
    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/12/27/boston-consulting-internationale-finanzwelt-ist-ein-schneeball-system/

  6. 4fairconomy sagt:

    Man stelle sich vor, was geschehen wäre, wenn all der Konsum auf Pump nicht gewesen wäre, wie viel weniger Absatzmöglichkeiten dies bedeutet hätte…

    Letztlich kann die Krise nur durch einen Schuldenschnitt gelöst werden. D.h. die Gläubiger sollen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten. Prof. Sinn: es gibt keine andere Möglichkeit, weil es sonst niemanden gibt, der die Schulden begleichen könne:

    http://www.youtube.com/watch?v=Ui0NOk_lSbU&feature=player_embedded

    Und was bedeutet dies? Dass im Nachhinein den Konsumierenden auf Pump z. T. die Kaufkraft zugestanden wird, die sie mehrheitlich (!) erarbeitet haben aber um die sie systembedingt betrogen wurden um die Kapitalakkumulation vor allem bei einer Minderheit zu finanzieren.

  7. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo fair4conomy,

    Bei einem Forderungsverlust verliert derjenige Geld, der dem Kreditnehmer die Rückzahlung aus welchem Grund auch immer zugetraut hatte. Alternativ verliert derjenige, der meinte, er müsse derartige Forderungen kaufen.

    Der spanische Käufer eines Hauses, das er sich nicht leisten konnte, zahlt ja in diesem Falle weniger zurück als er sich geliehen hatte, weil er nicht mehr hat. Das Haus ist er natürlich los, wie sollte es auch anders sein?

    So weit so gut. Problematisch wird es dann, wenn die Halter der Forderungen vom Steuerzahler gerettet werden. Dann zahlt derjenige der kann zum einen für die, die zuviel konsumiert haben und für die, die Geld ohne Prüfung investiert haben. Das Geld wird dann da eingetrieben, wo soviel vorhanden ist, dass es sich lohnt, aber nur so wenig, dass es nicht fliehen kann. Vereinfacht gesagt: Die Mitte ist die Zitrone.

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  8. 4fairconomy sagt:

    Hallo Banhaus Rott

    Nett, wie Sie mich umgetauft haben… (also ist wirklich nicht böse gemeint).

    Die Mitte ist die Zitrone.

    Wie gut ausgedrückt! Unten gibt es nichts mehr zu holen. Also müssen die Kosten auf Mitte und Oben aufgeteilt werden. Die bisherige Aufteilung sagt wohl einiges auf über die Machtverhältnisse.

    Die Rettung durch die Steuerzahler ist doppelt problematisch. Nicht nur wegen der Belastung an Investitionsentscheide Unbeteiligter, sondern weil damit auch jegliche zukünftige „Disziplinierung“ verloren geht. Das Signal ist dann: ist egal, ob man das Geld jemandem ausleiht, der pleite ist bzw. mit dem Geld nicht umgehen kann – Hauptsache es ist jemand, für den letztlich die Steurzahler bürgen. Die Folgen sind katastrophal: Werteschaffende Unternehmen ohne Staatsgarantie erhalten Kredite zu viel zu teuren Konditionen, während bankrotte Konsum-Staaten auf Pump und Unternehmen, welche mehr Werte zerstören als schaffen, weiter Kredite zu viel zu günstigen Konditionen erhalten. Solcher ökonomischer Unsinn wird auf Dauer nicht aufgehen. Das ist Planwirtschaft, wie sie schlimmer nicht sein könnte.

  9. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo 4fairconomy,

    pardon, wir wollten Ihnen keinen falschen Namen unterjubeln 🙂

    Beste Grüße
    Bankhaus Rott

  10. MARKT sagt:

    @ FDominicus

    also steigt mit der Anzahl der „staatsnah“ mit Geld versorgten Lebensmittelkartenempfänger die Anzahl der „Krisenproifiteure“?
    Habe ich Sie so richtig verstanden?

    Übrigens Kredit ist bei weitem nicht immer vorgezogener Konsum, sondern vielfach Liquidität für Zins und Zinseszins.

    • FDominicus sagt:

      Ich schreibe nirgendwo etwas von mit Geld versorgen Lebensmittelempfängern.
      Sondern das diejenigen die zuerst das Geld bekommen die Profiteure sind.

      Wenn Sie es aber ganz böse sehen profitieren auch die Lebensmittelempfänger, denn offenbar muß denen ja etwas gegeben werden was anderen weggenommen werden mußte. Ich meint es mit den Lebensmittelfempfängern aber anders.
      Diese Leute haben keine Arbeit und können sich nicht mehr selbst versorgen weil der vorgezogenen Konsum des Staates eben auch Ihre Arbeitsplätze vernichtet hat. Nehmen Sie jedem nur genügend weg, wird es mit einer Anstellung immer unwahrscheinlicher. Dazu noch die diversen Beschränkungen Arbeit wirklich anbieten zu können und Sie bekommen eine immer größere Schar an Arbeitslosen, weil nur die am Produktivsten noch in der Lage sind mit Ihre Arbeit „Geld zu verdienen“. Simple Regel je höher die Abgaben umso mehr muß man verdienen um das was man braucht wirklich kaufen zu können. In D sind wir schon irgendwo um 50 % der zeit die nur dafür aufgewandt werden muß den Umverteilungsapparat Staat in Gang zu halten. Und auch die USA sind schon irgendwo um die 40 – 45 % bei allen Abgaben. Sie brauchen schon externe Hilfe in Form schöner hoher Ölpreise und/oder Rohstoffpreise um noch höhere Abgabequoten „tragen“ zu können.

      Kurz die Lebensmittelempfänger sind das direkte Opfer der Kredite und des vorgezogenen Konsums der Staaten. Habe ich mich jetzt verständlicher ausgedrückt?

      Kredit ist immer vorgezogener Konsum, egal für was Sie es ausgeben. Sie haben heute das Geld nicht um etwas zu bezahlen, also „borgen“ Sie sich etwas und verbrauchen es direkt und/oder investieren es irgendwo. Stellen Sie diesen Kredit bereit, sine Sie eben auch bereit auf den heutigen Konsum des gegebenen Kreditbetrages zu verzichten. Verbraucht wird Ihr Geld aber trotzdem ob Sie dieses Geld wiedersehen ist wahrscheinlich aber nicht sicher.

      • 4fairconomy sagt:

        @ FDomenicus: ohne diesen Umverteilungsapparat Staat – ob USA oder EU – wäre 08/09 das Jahr des grossen Ressets gewesen und es gebe vermutlich noch etwas mehr Arbeitslose. Nicht, dass ich diesen Umverteilungsapparat befürworte, ganz im Gegenteil. Dieser Umverteilungsapparat ist aber nur ein Symptom anderswo liegender Ursachen der Krise. Und diese sind auch die Ursachen für das Symptom Arbeitslosigkeit.

        Prof. Edmund Phelps Untersuchungen der verschiedenen Einflussfaktoren auf die Höhe der Arbeitslosigkeit ergab, dass die Höhe des Realzinses bei weitem den grössten Einfluss hat, dann kommt an 2. Stelle der Ölpreis. Phelps konnte kein Einfluss u.a. der Staatsquote auf die Arbeitslosigkeit erkennen. (siehe sein Buch Structural Slumps: The Modern Equilibrium Theory of Unemployment, Interest, and Assets, 1994).

        Interessant in dem Zusammenhang: „Die ganze Diskussion um negative Leitzinsen ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. In einer internen Analyse der Fed, die der „Financial Times“ vorliegt, beziffern die Währungshüter den optimalen Zinssatz auf derzeit Minus fünf Prozent. Die Berechnung fußt auf der „Taylor-Regel“. FTD 28.04.2009

        http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/anleihen-devisen/:geldpolitik-fed-wuenscht-zins-von-minus-fuenf-prozent/505988.html

        Die Hauptursache der Misere, in der unser heutiges System steckt, ist eine Zinsskala, welche bei 0% endet und somit die rasche und problemlose Bildung von Gleichgewichts-Zinssätze für unternehmerische Investitionen verunmöglicht, sobald diese zu nahe an die 0%-Grenze gelangen. Weitere wesentliche Ursachen sind der Boden als Geldanlagemöglichkeit sowie die Kreditschöpfungsmöglichkeiten bei den Geschäftsbanken. Vieles sind dann Fehlentwicklungen und Symptome, welche sich aus diesen problematischen Rahmenbedingungen ergeben. Zu diesen Fehlentwicklungen kann auch ein überdimensioniertes, kreditfinanziertes, auf kurzfristige Spektulation ausgerichtetes und von extremer Gier getriebenes Finanzsystem gesehen werden. Wobei zwar Vermögen rasch vermehrt wird, aber keine entsprechenden realen Werte geschaffen werden. Und jede gesamtwirtschaftliche Vermögensvermehrung ohne, dass dafür entsprechende Werte geschaffen werden, zwingt früher oder Später zu einer Korrektur, d.h. Vernichtung von Vermögen.

      • 4fairconomy sagt:

        @ FDomenicus: P.S.: Der Staat nimmt nicht nur, sondern gibt auch entsprechend: schafft Einkommen und Nachfrage. Deshalb hat die Staatsquote keinen wesentlichen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit, wie die Untersuchungen von Phelps gezeigt haben.

        • Bankhaus Rott sagt:

          Hallo 4fairconomy,

          mit der Taylor Rule ist wie mit der Auslegung von Keynes durch verschiedene politische Lager. Das deficit spending wird in schlechten Zeiten propagiert, mit der Zurückhaltung in guten Zeiten nimmt man es allerdings nicht so genau.

          Der „Taylor-Zins“ wäre derzeit auch in vielen Staaten der Eurozone deutlich negativ. Allerdings wäre er seit dem Beginn der Währungsunion bis 2008 in diesen Staaten auch um einige Prozentpunkte höher gewesen. Das war bekanntermaßen unerwünscht, seither bekommen wir häppchenweise die Quittung ausgestellt. Mit ökonomischen Realitäten hatten die Euromantiker schon damals nicht am Hut. Schade.

          Man mag von Umverteilung und deren Ausmaß halten was man will. Ein Staat schafft durch Umverteilung jedoch keine Nachfrage und kein Einkommen. Diese wird, wie der Name sagt, umverteilt und fällt in veränderter Form (etwa andere Produkte) und an anderer Stelle an.

          Beste Grüße
          Bankhaus Rott

          • 4fairconomy sagt:

            Hallo Bankhaus Rott

            Der Taylor-Zins ist auch nur ein Modell, allerdings interessant, dass dieses von der FED und bedeutenden Ökonomen akzeptiert wird, wobei es mit der 0%-Zinsuntergrenze kollidiert. Entweder stimmt das Modell nicht oder die 0%-Zinsuntergrenze stellt ein Problem dar.

            Natürlich sollte der Zins als wichtigsten Gleichgewichtspreis einer Volkswirtschaft in keiner Richtung manipuliert werden. Idealerweise stellt er stets ein Gleichgewichtspreis dar zwischen Geldangebot (Ersparnisbildung) und Geldnachfrage von Unternehmen. Es beeinflussen ihn aber viele Rahmenbedingungen. Diese müssten in dieser Hinsicht genauer angeschaut werden.

            Absolut einverstanden, dass mit seiner Umverteilung der Staat netto (!) keine Nachfrage und Einkommen schafft. Er vernichtet aber netto auch keine, jedenfalls nicht in dem Masse, wie immer wieder behauptet wird.

            Die Problematik sehe ich in der Ineffizienz und Bevormundung bzw. Verringerung der individuellen Freiheiten. Dies wiederum dürfte sich negativ auf Entwicklungen auswirken, welche auf Eigeninitiative von freien Individuen beruhen.

            Damit aber solche Entwicklungen stattfinden können, müssten sich die Ansprüche von der Kapitalseite her den gesellschaftlichen Entwicklungen unterordnen statt wie bisher umgekehrt. So darf das Investieren von Ersparnissen nicht unterbleiben, nur weil die Renditen nicht mehr attraktiv genug erscheinen. Dann sollte, wenn schon kein Interesse da ist am Investieren, weniger gespart und mehr konsumiert werden. Dies unterstützt wenigstens von der Nachfrageseite her die unternehmerische Tätigkeit. Sparen ohne zu Investieren ist hingegen Gift dafür.

            Wenn die Märkte gesättigt sind und die Menschen nicht immer mehr produzieren und konsumieren wollen, sondern z.B. zwecks Erhöhung der Lebensqualität mehr Zeit haben wollen, mehr in (vordergründig!) „unproduktivem“ investieren wollen (z.B. Künste, Wissen, Nachhaltigkeit u.a.)so müssten die Ersparnisse, welche getätigt werden (Altersvorsorge, Konsumverschiebung, Anlagebedarf höher als Konsumbedarf u.a.), sich zu dem Preis für Investitionen zur Verfügung stellen, welcher der Markt hergibt.

            Wenn dies nicht funktioniert sondern sich die Ersparnisse dem Investitionsprozess verweigern, ist der Staat praktisch dazu gezwungen einzugreifen um die Ersparnisse zurück in den Kreislauf zu führen. Ansonsten droht rasch eine deflationäre Entwicklung.

            Je mehr jemand bzw. eine Firma oder ein Gewerbe sich leisten kann, insbesondere wenn er beliebig Geld aus dem Nichts schöpfen kann, ist für ihn die Frage nach immer mehr materiellem Wohlstand immer unwichtiger. Dann steigt der Bedarf nach Macht. Eine bekannte und einfache Methode, sich Macht zu verschaffen, ist die Verschuldung der Menschen. Die Schuldenkrise und Geldschöpfung bei den Geschäftsbanken sollte auch auf diesem Hintergrund betrachtet werden. Die Verschuldung führt zu einer enormen Machtverschiebung von der Politik, von der Demokratie hin zu den Gläubigern.

            Und hier frage ich mich immer wieder, was die Sozialdemokraten sich dabei denken, wenn Sie bereit sind, eine immer höhere Staatsverschuldung in Kauf zu nehmen, um den Sozialstaat zu finanzieren. Ein überschuldeter Staat kann letztlich kein Sozialstaat sein, schlimmer noch, kein demokratischer. Auf diesem Hintergrund sollte man auch die Bildung der europäischen Schuldenunion betrachten. Auf diesem Hintergrund käme ein Schulden & Vermögensschnitt einer Revolution gleich bzw. einer Abdankung von Macht.

            Wenn sich Ersparnisse Investitionen nicht mehr verweigern können – was den Staat bzw. die Gesellschaft zwingen, sich übermässig zu verschulden – wird einer möglichen Machtverschiebung durch Verschuldung die Grundlage entzogen. Die Sicherstellung, dass Ersparnisse stets zu Marktpreisen ihren Weg zu Unternehmen finden, ist letztlich Voraussetzung zum Erhalt einer funktionierenden Marktwirtschaft und Demokratie. Zudem ist dies auch Voraussetzung zum Werterhalt der Ersparnisse, in dem in Werte schaffenden Unternehmen investiert wird.

            Hinter der Kritik an der 0%-Zinsuntergrenze (sowie an der Geldschöpfung durch Geschäftsbanken) stehen weiterreichende ökonomische und gesellschaftliche Überlegungen. Womit wir wieder bei der Taylor-Regel wären, welche ideologisch unverdächtig und rein ökonomisch die 0%-Zinsuntergrenze in Frage stellt.

          • FDominicus sagt:

            “ Ein Staat schafft durch Umverteilung jedoch keine Nachfrage und kein Einkommen. Diese wird, wie der Name sagt, umverteilt und fällt in veränderter Form (etwa andere Produkte) und an anderer Stelle an.“

            In der Tat. Und eben die „veränderte Form“ ist das Problem. Es werden damit Anreize gesetzt in Bereiche zu investieren die O H N E die Umverteilung niemals (oder in weitaus geringerem Umfang) als lukrativ gegolten hätten. Unter Garantie hätte sich keine solche Wohlfahrtsindustrie entwickelt.

        • FDominicus sagt:

          So etwa wie hier beschrieben?
          http://www.freitum.de/2013/01/markt-oder-ausbeutung-freiheit-oder.html

          Der Staat kann niemals Einkommen schaffen er kann nur Eigentum nehmen und es dann umverteilen. Das es diese einmalige Anmassung ist, beliebig nach Mehrheitsentschdeidung Leute zu berauben, ist genau d a s Problem.

          Und das perfekte Mittel dazu ist neben dem Gewaltmonopol das Zahlungsmittelmonopl des Staates. Müsste der Staat seine ganzen Abenteuer mit etwas „Realem“ bezahlen, wäre es offensichtlich.

          Bastiat hatt es verstanden, die Dinge die man sieht und die Dinge die man nicht sieht. Subventionen hier, sind tödlich woanders und das kann eben nur passieren weil Staaten es können….

          • 4fairconomy sagt:

            Steuern nur als Enteignung und Raubzug des Staates zu betrachten ist einfach zu einseitig.

            Im verlinkten Artikel z.B. steht:

            „Freiheit:
            – Selbstbestimmung
            – Eigentums- bzw. Naturrecht auf den eigenen Körper, das eigene Leben und die Früchte der eigenen Arbeit“

            Wer sichert das Recht auf Eigentum, wer definiert, was Eigentum ist bzw. sein kann, wer sichert das Recht auf die Früchte der eigenen Arbeit? Und mit wessen Geld? Private Sicherheitsunternehmen – entsprechend der Kaufkraft des Auftragsgeber? Und was ist bei Uneinigkeit?

            Zumindest als Rechtsstaat hat der Staat seine Daseinsberechtigung. Alles was darüber hinausgeht darf aber sehr wohl in Frage gestellt werden.

            Nur eben: das Recht auf die Früchte der eigenen Arbeit – wie ist das, wenn 20-30% des Sozialproduktes – Tendenz steigend – zur Finanzierung von Kapitalerträgen aufgewendet werden muss? Sind Kapitalerträge für die Empfänger in jedem Fall auch „Früchte der eigenen Arbeit“?

            Wie kann jemand durch eigene Arbeit zu mehreren Mrd.-Vermögen gelangen, wenn pro Mrd. ein normaler Erwerbstätiger dafür während 40 Jahren ca. 12’000 pro Arbeitsstunde auf die hohe Kante legen können müsste – nach Steuern und allen Abzügen?

            Könnte es sein, dass hier mit dem Recht, mit den Rahmenbedingungen welche die Verteilung der Früchte regeln, etwas nicht stimmt? Und zwingt die ungleiche Verteilung der Früchte dann nicht zu staatlichen Korrekturmassnahmen, weil sonst das System an der Verteilungsungleichheit rasch kollabieren würde?

            Ich gehe davon aus, dass es ein Rechtsstaat braucht. Dieser sollte aber die Regeln bzw.das Recht so auslegen, dass wirklich alle von den Früchten der eigenen Arbeit profitieren können und niemand sich diese aneignen kann – insbesondere nicht auf Grund seiner Besitzverhältnisse. Diese sind Früchte seiner Arbeit genug und sollen kein Anspruch darstellen, dafür mit Früchten der Arbeit anderer weiter belohnt zu werden – auch nicht, wenn er die Früchte seiner Arbeit, welche er selbst nicht verwenden kann, anderen zur Nutzung zur Verfügung stellt.

            Früchte im Keller vergammeln. Das zuviel an geernteten Früchten, welche jemand für später sparen möchte, kann er gegen das Versprechen ausleihen, nach Jahren, dieselbe Menge und Qualität in der Zukunft zurück zu erhalten (oder Waren zum entsprechenden Wert).

            Wenn allerdings die Nachfrage nach auszuleihenden Früchte das Angebot übersteigt, dann ist es nicht zu verhindern, dass der, welcher seine Früchte ausleiht, etwas mehr wird verlangen können als er ausleiht. Das wird aber Nachahmer auf den Plan rufen, bis wieder alle Ausleiher von Früchten soviel verlangen werden können, wie sie auch anbieten.

            Und wenn die Ernte überreichlich ausfällt, dass es mehr Früchteannbieter als Abnehmer gibt, dann gibt’s für die Früchtekreditnehmer eine Extrafrucht als Dank dazu für die Dienstleistung, die sonst faulenden Früchte mit dem Versprechen gleichwertiger Zurückzahlung in der Zukunft, entgegen zu nehmen.

            Die Früchte der Arbeit wirklich als Früchte zu denken ist eigentlich eine sehr fruchtbare Idee um wirtschaftliche Zusammenhänge darzustellen.

  11. Bankhaus Rott sagt:

    Hallo 4fairconomy,

    im ersten Schritt findet keine Vernichtung statt, die resultierende Fehlallokation kann aber langfristig zu erheblichen Verwerfungen führen.

    „Ansonsten droht rasch eine deflationäre Entwicklung.“

    Den Menschen wird so oft eingeimpft, eine deflationäre Entwicklung sei schlimm. Warum eigentlich? Liegt es daran, dass Deflation mit der US-Depression in den 30ern gleichgesetzt wird.

    Warum eine schleichende Vernichtung der Kaufkraft hingegen positiv sein soll, erschließt sich uns nicht. Das Argument, die Menschen würden dann heute nichts mehr kaufen, weil ja „morgen alles billiger würde“ ist in unseren Augen vollkommener Unfug. Wenn es danach ginge, hätte sich seit 20 Jahren niemand mehr ein elektronisches Gerät gekauft.

    Inflation wird in der Regel von denen gepredigt, denen außer Schulden machen nichts einfällt.

    „Die Problematik sehe ich in der Ineffizienz und Bevormundung bzw. Verringerung der individuellen Freiheiten.“

    Ja, das sehen wir auch so. Eigenverantwortung ist das Zauberwort, und zu dieser gehört die Einsicht, dass man für gute und schlechte Resultate seines Handelns Verantwortung übernimmt.

    Beste Grüße und allen Lesern einen guten Wochenstart
    Bankhaus Rott

  12. 4fairconomy sagt:

    Hallo Bankhaus Rott

    Eine deflationäre Entwicklung ist deshalb schlimm, weil damit die Zinsuntergrenze real auf über 0% angehoben wird (was dies für die Arbeitslosigkeit bedeutet siehe die Arbeit von Phelps). D.h. Sparen ohne zu investieren wird real belohnt. Unternehmen müssen immer mehr produzieren zur Bedienung der steigenden Zinsen und zur Tilgung der Schulden. Ebenfalls steigen real die Löhne, wie alle Nominalverpflichtungen, werden diese nicht der Deflation angepasst. Eine Deflation ist Gift für unternehmerische Tätigkeit. Soviel ich weiss (und das dürfte mehr sein…), sind stabile, breiten Wohlstand herbeiführende deflationäre Phasen in der Geschichte selten zu finden, hingegen deren viele, welche schwere wirtschaftliche Zeiten kennzeichnen.

    Die Preise der Unterhaltungselektronik enthalten in Anbetracht der Produktionskosten/Einheit extrem hohe Margen, deshalb sind Investition und Produktion attraktiv trotz sinkender Preise. Auch sind die Produkte extrem kurzlebig. Aber kaum ein Käufer dieser Produkte könnte zu dem Lohn überleben, welcher für die Herstellung bezahlt wird. Dass ist aber ein wichtiges Merkmal für eine gut funktionierende Wirtschaft, dass die Erwerbstätigen mit ihrer Kaufkraft zu einem möglichst grossen Teil zur Markträumung beitragen können (dann braucht es dazu weniger Staat).

    Das Argument, die Menschen würden dann heute nichts mehr kaufen, weil ja “morgen alles billiger würde” kennzeichnet das Problem einer Deflation nur unzureichend. In einer Deflation kaufen aber die Menschen nicht sicher genügend immer mehr, dass es sich für Unternehmen rechnet, zu real steigenden Kosten in die Produktion zu investieren. Eine Kosten-/Ertragsplanung wird praktisch unmöglich. Für Sparer werden Unternehmensfinanzierungen risikoreich und unattraktiv in Anbetracht der sicheren realen Rendite der Liquiditätshaltung.

    Inflation ist im heutigen Geldsystem die einzige Möglichkeit, die 0%-Zinsuntergrenze real nach unten zu drücken. Wird diese abgeschafft, braucht es keine Inflation mehr und eine Deflation ist auch nicht mehr zu befürchten. Sowohl Inflation wie auch Deflation schaden einer unverzerrten, durch die menschlichen Bedürfnisse bestimmten wirtschaftlichen Entwicklung.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo 4fairconomy,

      tja, ein spannendes Thema. Wenn Sie bei Phelps nachschlagen, liegen die entsprechenden Schlüsse nahe.

      Halten Sie den fehlenden „Zwang zu Investieren“ für die Lösung? Führen nicht gerade künstliche Anreize mit schöner Regelmäßigkeit zu Fehlallokationen und den bekannten Folgen?

      Man darf die Probleme die eine deflationäre Entwicklung für hochverschuldete Personen, Unternehmen oder Staaten mit sich bringt, nicht der Deflation in die Schuhe schieben. Wenn jemand nackt in den Alpen wandern geht und erfriert, ist nicht allein das Wetter schuld. Hat die deflationäre Phase in Japan zu größere Ungleichheit und einem tieferen Wohlstandsniveau geführt, als die inflationäre in den USA? Uns – Ihnen vermutlich auch – fallen sehr viele inflationäre Perioden ein, die im Chaos endeten.

      Warum sollte eine Investition sich nicht mehr lohnen? Unternehmensfinanzierungen werden nicht durch Deflation risikoreich, sie sind generell risikoreich, auch wenn das gerne vergessen wird. Auch das Problem der veränderten Planbarkeit von Erträgen sehen wir so nicht. Schließlich steigt auch der reale Wert der Einnnahmen, nicht nur der der Kosten.

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      Inflation ist im heutigen Geldsystem die einzige Möglichkeit, die 0%-Zinsuntergrenze real nach unten zu drücken. Wird diese abgeschafft, braucht es keine Inflation mehr und eine Deflation ist auch nicht mehr zu befürchten.
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      Welche reale 0% Zinsuntergrenze meinen Sie?

      Schlussendlich bleibt die Frage, wem Inflation nutzt und wem sie schadet. So ist es ist nicht erstaunlich, wenn ausgerechnet Regierungen, die nachweislich nicht zu einem nachhaltigen Umgang mit finanziellen Mitteln (a) willens, (b) in der Lage oder (c) beides sind.

      Wenn nun versucht wird, den Menschen eine Inflation von 2% als geradezu „natürlich“ und wünschenswert anzupreisen, ist eher die Not als die Vernunft Vater des Gedanken.

      Verstehen Sie uns nicht falsch, das alles soll kein Plädoyer für Deflation sein. Wir sehen nur die Verharmlosung der Inflation als sehr gefährlich an.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • 4fairconomy sagt:

        Hallo Bankhaus Rott

        Sie schreiben: „Halten Sie den fehlenden “Zwang zu Investieren” für die Lösung? Führen nicht gerade künstliche Anreize mit schöner Regelmäßigkeit zu Fehlallokationen und den bekannten Folgen?“

        Es soll kein Zwang zu investieren geben – nur eine Abschaffung des „künstlichen Anreizes“ Liquidität zu horten, gegeben durch garantierte 0% Zins.

        Ich war in den Ferien auf einem Landwirtschaftlichen Betrieb, da hat der Landwirt eine Alp mit Kühen betrieben nur wegen der Subventionen. Die Milch hat er weggeworfen. Wenn man nun diese Subventionen abschafft, würde man von einem Zwang sprechen, dass der Bauer nun seine Milch zu marktüblichen Preisen verkaufen muss, dass sich das Geschäft lohnt? Und ist es nicht natürlich, dass wenn er Verluste macht, er die Produktion einstellt und ein anderes Geschäftsmodell sucht?

        Warum soll die Allgemeinheit die Zurückhaltung von Liquidität als Anlageform subventionieren, in dem mindestens 0% garantiert wird?

        Weil etwa das Geld die Frucht getaner Arbeit ist und dessen Wert als Eigentum garantiert werden muss? Welche Arbeitserzeugnisse lassen sich ohne Kosten (Lagerungskosten, Abschreibungen usw.) in beliebiger Menge horten? Gibt es kein naturgegebener Anreiz, die Früchte seiner Arbeit anzubieten um sie gegen andere Waren zu tauschen? Wenn Geld als Tauschmittel funktionieren soll, muss es sich gleich den Früchten der Arbeit verhalten: es muss ein Anreiz geben, es loszuwerden um etwas anderes zu erwerben. Sonst kann logischerweise kein störungsfreier Güterumlauf stattfinden, wenn sich Geld (kostenlos) dem Umlauf verweigern kann. Die Vorteile einer Geldwirtschaft gegenüber einer Warentauschwirtschaft werden so gemindert.

        Dass die Haltungskosten für Liquidität unter Null liegen müssen, lässt sich auch damit begründen, dass der Zins stets ein Gleichgewichtspreis darstellen muss zwischen Ersparnisbildung (Geldangebot) und Geldnachfrage. Liegen die Haltungskosten für Liquidität bei 0% kann dieser Markt nur ab ca. 2 bis 3% und darüber richtig funktionieren. D.h. die Geldnachfrage muss stets genügend über dem Geldangebot liegen. Dies erzwingt ein Kredit- und letztlich Wirtschaftswachstum. Steigt das Geldangebot durch immer mehr Zinserträge, welche anfallen und erneut angelegt werden wollen, muss entsprechend die Kredit- bzw. Geldnachfrage wachsen – d.h. exponentiell. Entsprechend muss auch die Wirtschaft wachsen. D.h., das Wachstum muss genügen, dass der Gleichgewichtspreis nicht zu nahe von 0% gerät.

        Damit sich der (Referenz-)Zins als Gleichgewichtspreis stets der Wirtschaftsentwicklung anpasst statt umgekehrt, muss sich dieser auch um 0% oder sogar darunter frei bewegen können.

        Sie schreiben „Hat die deflationäre Phase in Japan zu größere Ungleichheit und einem tieferen Wohlstandsniveau geführt, als die inflationäre in den USA?“

        Ist Rheuma zu haben besser, weil Krebs schlimmer ist? Weder Inflation noch Deflation sollten auftreten.

        Sie schreiben: „Schließlich steigt auch der reale Wert der Einnnahmen, nicht nur der der Kosten.“

        Sofern der Unternehmer seine Waren zu immer denselben Preisen verkaufen kann, d.h. für die Konsumenten zu real steigenden Preisen. Wenn er die Preise nicht mit der Deflation senkt, wird er sehr wahrscheinlich immer weniger verkaufen können. Wenn er die Preise senkt, wird er immer mehr verkaufen müssen, um den Ausfall zu kompensieren. Er sitzt in der Zwickmühle.

        In einer Deflation steigt die Kaufkraft des Geldes, weshalb immer weniger ausgegeben werden muss für den gleichen Warenkorb. Bei nominal gleichem Einkommen kann immer mehr gespart werden, was wegen der sinkenden Preise attraktiver ist, als noch mehr zu konsumieren. D.h. aber, die Unternehmen können trotz sinkender Preise nicht mehr verkaufen. Die Leute sparen mehr. D.h. die Nachfrage nimmt nominell weiter ab usw. Ein schwer zu durchbrechender Selbstläufer.

        „Welche reale 0% Zinsuntergrenze meinen Sie?“ Ich wollte sagen, dass die heute existierende nominelle Zinsuntergrenze bei 0% liegt und diese nur durch eine Inflation real gesenkt, d.h. unter 0% gedrückt werden kann.

        „Wir sehen nur die Verharmlosung der Inflation als sehr gefährlich an.“ Das sehe ich weitgehend auch so, wobei ich eine Deflation als noch gefährlicher einschätze. Was nicht bedeutet, dass ich eine Inflation befürworte. Die Währung sollte ihre Funktion als Wertmassstab auch über die Zeit behalten.

        • Bankhaus Rott sagt:

          Guten Abend, 4fairconomy.

          Erst einmal Danke für Ihre Diskussionsbeiträge! Was wäre die Welt ohne verschiedene Meinungen.

          „Ich war in den Ferien auf einem Landwirtschaftlichen Betrieb, da hat der Landwirt eine Alp mit Kühen betrieben nur wegen der Subventionen. Die Milch hat er weggeworfen. Wenn man nun diese Subventionen abschafft, würde man von einem Zwang sprechen, dass der Bauer nun seine Milch zu marktüblichen Preisen verkaufen muss, dass sich das Geschäft lohnt? Und ist es nicht natürlich, dass wenn er Verluste macht, er die Produktion einstellt und ein anderes Geschäftsmodell sucht.

          Ja, das sollte er tun. Aber was hat dieser durchaus interessante Fall schwachsinniger EU-Subventionen mit dem Zwang zum Investieren und Deflation zu tun? Anders wäre es wenn man dem Bauern sagt, das Geld was Du hast ist morgen futsch, wenn Du nicht Milch produzierst, die Du dann verbrennst. Das ist nicht der Fall. Niemand ist rechtlich dazu gezwungen, Subventionen zu beantragen.

          Warum soll die Allgemeinheit die Zurückhaltung von Liquidität als Anlageform subventionieren, in dem mindestens 0% garantiert wird?

          Die Allgemeinheit subventioniert in schöner Regelmäßigkeit nicht das Sparen sondern die Auswirkungen von Fehlinvestitionen die oft nicht viel schlauer sind als der genannte Bauernhof mit der Produktionsmethode „vom Euter zum Ofen“. Sparen soll Reserven bilden, Investieren hingegen ist kein Selbstzweck.

          Weil etwa das Geld die Frucht getaner Arbeit ist und dessen Wert als Eigentum garantiert werden muss? Welche Arbeitserzeugnisse lassen sich ohne Kosten (Lagerungskosten, Abschreibungen usw.) in beliebiger Menge horten? Gibt es kein naturgegebener Anreiz, die Früchte seiner Arbeit anzubieten um sie gegen andere Waren zu tauschen? Wenn Geld als Tauschmittel funktionieren soll, muss es sich gleich den Früchten der Arbeit verhalten: es muss ein Anreiz geben, es loszuwerden um etwas anderes zu erwerben. Sonst kann logischerweise kein störungsfreier Güterumlauf stattfinden, wenn sich Geld (kostenlos) dem Umlauf verweigern kann. Die Vorteile einer Geldwirtschaft gegenüber einer Warentauschwirtschaft werden so gemindert.

          Wenn ich mehr Geld verdiene als ich benötige, kann ich es weglegen und sollte dies auch dürfen. Warum sollte es besser sein, wenn ich als Handwerker heute eine Stunde arbeite und mit dem verdienten Geld in 10 Jahren nur noch eine Viertelstunde eines anderen Handwerkers bezahlen kann?

          Aus dem Sparen direkt den Untergang der Warenwirtschaft abzuleiten führt uns dann doch etwas zu weit. Bei den Worten „wenn sich das Geld (kostenlos) dem Umlauf verweigern kann“ sträuben sich uns nicht nur die Nackenhaare. Das ist unserer Meinung nach nicht weniger planwirtschlaftlich als staatliche Preisfixierungen.

          Niemand sollte jemand anders zwingen können, sein Geld auszugeben. Wenn einem aktuell keine Investition lohnend erscheint, sollte es straffrei sein, zu warten. Sonst wandert das Geld in ebensolche Betriebe, die nicht nur Milch sondern das Geld gleich mitverbrennen.

          Ein negativer Zins ist nichts anderes als eine schleichende Enteignung und führt dazu, dass sich die Menschen über kurz oder lang ein anderes Mittel zum Werterhalt suchen. Eine Unternehmensbeteiligung oder eine andere Investition ist kein Ersatz für Cash.

          Damit sich der (Referenz-)Zins als Gleichgewichtspreis stets der Wirtschaftsentwicklung anpasst statt umgekehrt, muss sich dieser auch um 0% oder sogar darunter frei bewegen können.

          Wie gesagt, auch der Nominalzins kann unter Null fallen, dies ist nicht nur in der Schweiz zu beobachten.

          Sie schreiben „Hat die deflationäre Phase in Japan zu größere Ungleichheit und einem tieferen Wohlstandsniveau geführt, als die inflationäre in den USA?“ Ist Rheuma zu haben besser, weil Krebs schlimmer ist? Weder Inflation noch Deflation sollten auftreten.

          Ja, das sehen wir auch so. Wir wollten nur auf Ihr Argument in der ersten Antwort eingehen, das nahelegte, dass sie die Inflation für weniger gefährlich halten. Die Frage der Auswahl zwischen Pest und Cholera lässt sich umgedreht exakt auch für den anderen Fall stehen. Am besten man hat beide nicht.

          Sie schreiben: „Schließlich steigt auch der reale Wert der Einnnahmen, nicht nur der der Kosten.“
          Sofern der Unternehmer seine Waren zu immer denselben Preisen verkaufen kann, d.h. für die Konsumenten zu real steigenden Preisen. Wenn er die Preise nicht mit der Deflation senkt, wird er sehr wahrscheinlich immer weniger verkaufen können. Wenn er die Preise senkt, wird er immer mehr verkaufen müssen, um den Ausfall zu kompensieren. Er sitzt in der Zwickmühle.

          Im umgekehrten Falle müsste er immer mehr verkaufen um real das Gleiche zu verdienen. Die Ergebnisse dieses Zwangs sind ebenfalls bekannt bis hin zu den Auswüchsen der geplanten Obsoleszenz.

          „In einer Deflation steigt die Kaufkraft des Geldes, weshalb immer weniger ausgegeben werden muss für den gleichen Warenkorb„

          Die Menschen geben in dem Fall nominal weniger aus, aber nicht real. Zudem ist dies – wie in der Wirtschaft üblich – keine Endlosschleife. Natürlich kann dies zu schwierigen Zeiten führen, was aber auch für Inflationen üblich ist.

          „Welche reale 0% Zinsuntergrenze meinen Sie?“ Ich wollte sagen, dass die heute existierende nominelle Zinsuntergrenze bei 0% liegt und diese nur durch eine Inflation real gesenkt, d.h. unter 0% gedrückt werden kann.“

          Was auch des Öfteren der Fall ist, der Vernunft bei Allokationsentscheidungen leider selten weitergeholfen hat. Zu negativen Zinsen siehe oben.

          „Wir sehen nur die Verharmlosung der Inflation als sehr gefährlich an.“ Das sehe ich weitgehend auch so, wobei ich eine Deflation als noch gefährlicher einschätze. Was nicht bedeutet, dass ich eine Inflation befürworte. Die Währung sollte ihre Funktion als Wertmassstab auch über die Zeit behalten.

          Und so sind wir uns zum guten Schluss doch fast wieder einig.

          Beste Grüße
          Ihr Bankhaus Rott

          • 4fairconomy sagt:

            Guten Abend Bankhaus Rott

            Der Dank für die Diskussion ist ganz meinerseits.

            Wenn Inflation und Deflation erfolgreich verhindert werden können sollen, ist dies mit einer 0%-Mindestzinsgarantie für die Liquiditätshaltung kaum zu bewerkstelligen. Jedenfalls sehe ich nicht wie.

            Wie soll eine Deflation verhindert werden können, wenn ausgerechnet in Krisenzeiten die Präferenz der Geldhortung zunimmt (wobei die einsetzende Deflation die Geldhortung immer attraktiver werden lässt und gleichzeitig wegen der sich verstärkenden Krise immer weniger investiert wird)?

            Im heutigen System kann eine Deflation nur durch Ausweitung der Staatsausgaben und/oder mit einer Geldmengenausweitung verhindert oder bekämpft werden.

            Die Idee hinter einem Geldsystem mit einer Zinsuntergrenze unter null ist die, dass die Geldmenge möglichst knapp gehalten wird während mit einem negativen Zins auf Liquidität der Geldhortung entgegen gewirkt wird. D.h. bezüglich der Quantitätsgleichung, dass die Geldumlaufgeschwindigkeit V durch (prozyklisches) Geldhorten nicht beeinflusst wird und entsprechend die Geldmenge M dies nicht kompensieren muss.

            Damit soll niemand gezwungen werden, in wertvernichtenden Projekte zu investieren. Wie heute sollen Anleger breit diversifizieren und ihre Investition bezüglich Gewinn und Risiko optimieren. Zur Not können für kurze Zeit auch Negativzinsen in Kauf genommen werden, Liquiditätshaltung wäre nicht verboten. Oder es können Edelmetalle, Fremdwährungen usw gekauft werden, was aber die Tauschmittel wieder frei gibt, damit diese der Markträumung zur Verfügung stehen.

            Eine Deflation ist allerdings auch mit Negativzinsen auf Liquidität nicht auszuschliessen, wenn Liquidität immer mehr dazu benutzt wird, Anlagen wie Edelmetalle, Währungen usw. zu kaufen während sich deren Preise nach oben bewegen, d.h. wenn Liquidität immer mehr der Alimentierung von Blasen dient statt der Markträumung. Je nach Ausmass hat dies für die Realwirtschaft denselben Effekt wie die Geldhortung. Ebenfalls deflationär oder inflationär wirkt sich die prozyklische Geldschöpfung der Geschäftsbanken aus. Deshalb sollten Geschäftsbanken auch kein Geld schöpfen können.

            Im allerschlimmsten Fall, wenn sich trotz negativ verzinster Liquidität eine Deflation abzeichnen sollte, müsste auch da die Notenbank die Notenbankgeldmenge vorübergehend erhöhen. Eine solche Geldmengenerhöhung mit umlaufgesicherter Liquidität hätte eine stärkere antideflationäre Wirkung, so, dass kein allzu grosses Inflationspotential aufgebaut werden müsste. Die Blasen werden auch früher platzen, wegen der insgesamt geringer vorhandenen Liquidität. Auf keinen Fall sollte die Notenbank deren Alimentierung fördern, sondern im Gegenteil, deren möglichst frühzeitige Platzen unterstützen. Solche Lektionen sind nötig, damit die Attraktivität sinkt, auf solche Blasenbildungen bei der Geldanlage auszuweichen.

            Letztlich wäre die Senkung der Zinsuntergrenze für Liquidität auf deutlich unter 0% für die Marktteilnehmer eine günstige Massnahme zur nachhaltigen Vermeidung von Inflation und Deflation.

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