Der Ritt der Aktien auf der Rasierklinge

21. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Man darf sich in jeder Lebenslage wünschen, dass alles gut geht, keine Frage. Wenn jedoch dieser Wunsch dazu führt, alle kritischen Aspekte auszublenden, wird aus Hoffnung und Optimismus blanker Leichtsinn bis hin zur Dummheit…

Die Börsen starteten diese neue Woche mit massiven Kursgewinnen. Warum? Es gibt nur eine Erklärung: Ein Teil der Marktteilnehmer glaubt erkannt zu haben, dass die kritischen Situationen in Japan und Libyen jetzt wieder im grünen Bereich sind und kaufte – und der Rest der Herde rannte hinterher, weil sie Angst hatte, etwas nicht mitbekommen zu haben, was diese Rallye rechtfertigen würde. Daraus wird eine Stampede aus erklärten Bullen … aus solchen, die es plötzlich durch die Rallye unversehens geworden sind … und aus Baissiers, die erschrocken ihre Shortpositionen eindecken.

Es ist nun wirklich nicht das erste Mal, dass dergleichen Kauflawinen auftreten. Und es wäre nicht das erste Mal, wenn sich diese Bewegung entgegen aller Fakten einfach noch ein, zwei Tage fortsetzen würde. Aber es wäre ein seltenes Ereignis, wenn alleine eine solch blinde Reaktion zum Wochenbeginn einen tragfähigen Aufwärtsimpuls zustandebringen würden, solange nicht wirklich positive Nachrichten diese Rallye der Verwirrten nachträglich untermauern würde …

… und die haben wir nicht. Auf den allerersten Blick wirkte die Nachrichtenlage zum Wochenstart positiv. Aber eben nur auf den ersten, hoffnungsvollen, rosa gefärbten Blick derer, die sich so sehr wünschen, dass alles beim alten bleibt und schlimme Dinge schnell wieder gut werden. Wie hieß es doch gleich am Freitag? Die Zeit in Fukushima wird knapp, will man eine Kernschmelze verhindern. Wobei viele Gelehrte sicher sind, dass dem längst so ist. Aber wenn nicht, müssten spätestens bis zum Sonntag die Kühlsysteme wieder laufen, erklärten uns Wissenschaftler. Laufen sie?

Offensichtlich nicht, sonst hätte der Betreiber dies der Welt mitgeteilt, da können Sie sicher sein. Dass die einzelnen Meiler alle wieder Strom haben, ist nicht das selbe. Es wurde aber von den Hoffenden so aufgenommen. Diese Form des Optimismus ist brandgefährlich. Darüber hinaus toben zahlreiche Organisationen, weil sie weder eigene Messungen vornehmen können noch taugliche Bilder erhalten. Man muss dem Betreiber des AKW glauben, was er uns mitteilt, meist dann noch einmal gefiltert durch die japanischen Behörden. Denkt man an Tschernobyl zurück, denkt man daran, dass wie überall auch in Japan Verantwortliche herumlaufen, die versuchen, die Lage zu schönen, so lange es geht, sollte man besser gar nichts glauben. Und selbst wenn: Die dringend bis heute nötige Erfolgsmeldung bleibt aus. Und das ist schlecht.

Die Aktien aber, die steigen heute, weil alle Reaktoren angeblich wieder an die Stromversorgung angeschlossen sind. Und sie steigen, weil die Lage in Libyen jetzt unter Kontrolle ist, seitdem westliche Flugzeuge über dem Land operieren. Wie wunderbar, nicht?

Genau. Nicht. Zuerst war mir ja die Schamröte ins Gesicht gestiegen, als ich hörte, dass Deutschland sich hier völlig raushalten werde. Aber so langsam kommt mir der Verdacht, dass die Bundesregierung eventuell einfach etwas genauer nachgedacht haben könnte als die Verantwortlichen anderer Länder. Denn was in aller Welt kann man durch gezielte Bombardements und das Ausschalten der libyschen Luftwaffe erreichen? Das Militär als solches bleibt handlungsfähig. Und die möglich Bewaffnung fanatisierter Ghadafi-Anhänger würde, so es denn geschieht, die Lage für die Regimegegner noch mehr verschärfen. Wenn Hinz und Kunz eine Waffe in die Hand bekommen, wenn der Mob regiert, sind Massaker unausweichlich. Denn dann werden sich nicht wenige daran erinnern, dass sie auch noch ein paar andere Rechnungen offen haben.

Nein, das ganze wirkt, als wollten die eingreifenden Länder nur ihr Gewissen beruhigen, nach außen so tun, als hätte man getan, was man konnte, auf dem Rücken der dadurch noch mehr gefährdeten Regimegegner. Will man die Lage wirklich kontrollieren und steuern, sind Bodentruppen unumgänglich. Und dann hätten wir vergleichbare Schwierigkeiten wie im Irak oder Afghanistan zu erwarten. Das, was bisher getan wurde, scheint entweder unüberlegt oder die Vorstufe zu einer längst geplanten Intervention mit Bodentruppen. Was von beidem es ist – ich weiß es nicht. Aber ich weiß, was es nicht ist: ein Grund zur Freude am Aktienmarkt…. —>

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2 Kommentare auf "Der Ritt der Aktien auf der Rasierklinge"

  1. Reiner Vogels sagt:

    Wie die Entwicklung in Lybien verlaufen wird, weiß man natürlich nicht. Dass jedoch die Entwicklung in Japan keineswegs zu einem Supergau und zu großflächiger radioaktiver Verseuchung führen wird, kann man wissen, wenn man die Fachleute konsuliert.

    Unter „Fachleuten“ verstehe ich dabei nicht die „Atomexperten“ von Greenpeace % Co, die in den letzten Tagen im Fernsehen reichlich Gelegenheit hatten, ihre an den Haaren herbeigezogenen Horrorgeschichten zu verbreiten, sondern die Fachleute, die wirklich etwas von Kernkraftwerken verstehen.

    Diese haben nämlich von Anfang an gesagt, dass die Auswirkungen der Havarien in Fukushima gering und lokal bleiben würden. Sie haben dies nicht deshalb erklärt, weil sie darauf gesetzt hätten, dass die Japaner Glück haben würden, sondern weil sie wussten, dass moderne Kernkraftwerke so gebaut sind, dass selbst bei einer Kernschmelze die Auswirkungen begrenzt bleiben.

    Wenn Fukushima etwas zeigt, dann dies, dass moderne Kernkraftwerke so sicher sind, dass ihr Sicherheitskonzept sogar eine extreme Naturkatastrophe so weit standhält, dass eine Katastrophe wie in Tschernobyl vermieden wird. Nur die berühmte German Angst verhindert es in unserem Land, dass man die Realität zur Kenntnis nimmt.

  2. klaus-martin sagt:

    es ist mal wieder so: „kaufen, wenn die kanonen donnern“. allerdings ist noch gar nicht absehbar, welche wertschöpfungsketten das Erdbeben in Japan zerstört hat.

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