Der Regenbogen zwischen den Zahlen

24. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

Gastbeitrag von „The German Perspektive“

Es regnete als ich den ICE 583 von Hamburg Richtung München bestieg. Im Abteil der 1. Klasse hatte ich einen Platz in Fahrrichtung reserviert (gegen die Fahrtrichtung wird mir immer übel). Noch im Bahnhof setzte sich ein schwer beschäftigt wirkender Anzugträger (Typ Jack Walsh „auf dem Weg nach oben“) neben mich…

Umgehend installierte dieser sein Notebook und einen dicken Packen Akten auf dem Tisch vor sich. Die Bügelfalten seines Anzugs waren ebenso scharf wie sein Blick auf das Notebookdisplay. Da mich Zugreisen traditionell immer ermüden, dauerte es nicht lange bis ich wunderbar schläfrig wurde und sanft einschlief. Genau deshalb fahre ich immer gerne mit dem Zug – scheinbar nirgendwo kann man so wunderbar schlafen.

Als ich nach einiger Zeit wieder erwachte, waren die Bügelfalten meines Nachbarn etwas aus der Form gegangen, andere Falten hatten sich hinzugesellt, seine Hemdsärmel waren nach oben gekrempelt und der Aktenberg über den gesamten Tisch verteilt.

So kam ich während des Wachwerdens nicht umhin meinen Blick über die Zahlen, Fakten und Tabellen schweifen zu lassen. Mein Mitfahrer arbeitete offenbar bei einem großen ausländischen Mischkonzern und hatte mit ziemlich üblen Zahlen zu kämpfen. Aber wer hat das heute nicht?

Vor dem Fenster zog die norddeutsche Tiefebene vorbei. Es hatte aufgehört zu regnen. Es deutete sich ein schöner Sommerabend an, den unser Schienenfahrzeug mit 250 km/h gen Süden durchschnitt.

Im leicht schläfrigen Blick in die Ferne bemerkte ich einen Regenbogen der sich am Horizont abzeichnete.
Da der arme Jack Walsh Typ neben mir beim Wälzen seiner Akten zwischendurch immer wieder seufzte und während ich schlief offenbar durchgearbeitet hatte, beschloss ich ihn durch eine Pause aufzuheitern. Ich stieß ihn sanft an, zeigte auf den Regenbogen und sagte: „Schauen Sie mal dort, ein Regenbogen!“.

Ein paar rötlich gefärbte Augen huschten fahrig in meinen Blick und der aufgeschreckte Manager entgegnete kurz: „Wie?“. Ich wies nochmals mit meinem Finger in Richtung des Regenbogens am Horizont und schob nach: „Ein Regenbogen!“. Doch Chainsaw Jack machte seinem Namen alle Ehre und erwiderte harsch: „Wen zum Teufel interessiert das jetzt?“.

Von dieser doch recht minderfreundlichen Reaktion vollends rüde aufgeweckt, konnte ich mir eine Erwiderung nicht verkneifen. Ich warf den jetzt schrumpeligen Bügelfalten eine volle Plättung entgegen und merkte an, dass: „…ich eigentlich niemanden kenne der dieses optische Phänomen für totalen Schrott hält. Regenbögen waren immer Teil menschlicher Mythologie und gerade Kinder freuen sich immer enorm über Regenbögen. Früher suchte man nach Schatzkisten am Ende des Regenbogens.

Und nur weil seine Zahlen in der Kraftwerkssparte deutlich unter Ziel liegen, darf der Herr nicht davon ausgehen, dass alle anderen auch keine Freude mehr an solchen Naturereignissen haben.

Und vielleicht, aber nur vielleicht, könnten sporadische Pausen im Arbeitsfluss einen mentalen Fortschritt erzeugen. Vielleicht verliert man vor seinem lächerlich kleinen Notebookbildschrim den Blick aufs große Ganze. Vielleicht übersieht man deshalb was um einen herum passiert. Vielleicht hat das auch Einfluss auf das nachlassende EBITDA der Kraftwerkssparte, weil man nicht erkennt warum sich das Umfeld so verhält wie es sich verhält?

Aber kein Problem – noch ein paar mehr Stunden starren auf das Display wird sicherlich die Lösung bringen. Sie haben Recht. Es interessiert niemanden. Machen Sie weiter!“

Danach wendete ich meinen Blick wieder aus dem Fenster und war fertig mit dem Aufbügeln. Da geriet neben mir der Arbeitsfluss plötzlich ins Stocken und kurz darauf wurde ein Notebook blitzartig zugeklappt.

Beim Ausspruch meines jetzt offenbar ebenfalls aufgewachten Sitznachbarn „Stimmt, da ist tatsächlich ein Regenbogen…“ konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen.

In den folgenden Minuten schauten wir zuerst schweigend diesen Regenbogen an. In den folgenden Stunden sprachen wir über Arbeitsbelastung, den Blick aufs Wesentliche und erst sehr spät über die Veränderungen im Markt für Großkraftwerke und warum es im Umfeld der Energiewende und Fragmentierung der Märkte zunehmend schwerer wird, diese teils sehr ineffiziente Technologie in Europa abzusetzen.

Es stellte sich heraus, dass es mit dem Wesentlichen oder Kraftwerken irgendwie tatsächlich so ist wie mit dem Regenbogen. Sie alle können nur in einem Umfeld, einer Atmosphäre gedeihen die ihre Entstehung begünstigt. Sind diese Umstände nicht oder nicht mehr gegeben, entsteht nichts, kein Kraftwerk und auch kein Regenbogen.

Und genau deshalb macht es großen Sinn von Zeit zu Zeit aufzublicken und das Umfeld zu betrachten in dem man sich befindet. Vielleicht übersieht man sonst einen Regenbogen und dann ist der Zug schnell abgefahren.

 

5 Kommentare auf "Der Regenbogen zwischen den Zahlen"

  1. Walter Hatever sagt:

    Schön, sehr schön, danke.

  2. Erich Paus sagt:

    „… teils sehr ineffiziente Technologie in Europa abzusetzen …“?
    Ja, offensichtlich lassen sich in Europa nur noch ineffizientere Technologien absetzen!

  3. FDominicus sagt:

    Das ganze wäre durchaus effizienter, aber wie schreib Erich Paus, die Politik will ja keine Effizienz, will keine Verlässlichkeit, will einfach nur ein abstruses Ziel erreichen was nur Politiker und „angebliche Naturschützer“ die man mit Sicherheit Menschenhasser nennen darf „angeht“. Wenn wir deren Agenda nicht folgen wird minimal die Welt untergehen. Das die Erde schon weitaus unruhigere Zeiten erlebte, daß es fürchterliche Eiszeiten gab – Schwamm drüber….

  4. Alexander Zorob sagt:

    Brilliant.

  5. Denker sagt:

    Danke für Ihren treffenden Artikel. Welch schöner Ausdruck: „Den unser Schienenfahrzeug .. gen Süden durchschnitt.“
    Im schnöden Wirtschaftsleben großer Firmen gilt allerdings immer mehr blanker Opportunismus, ansonsten Degradierung. Chancen und Risiken abwägen war gestern, Ideologie und „Ich habe Recht“ heute. Kommando- und Lobbywirtschaft in Verbindung mit vorauseilendem Gehorsam – gegen Ideen und Kundenwünsche: Referentenentwurf für ein „Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende“. Mobiltelefone haben sich ohne staatliche Förderung überwiegend marktwirtschaftlich durchgesetzt, Elektroautos und Anderes nicht.

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