Der niedrigste Zinssatz in 5000 Jahren

14. Oktober 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Ägäisches Meer – Mit einem Luxus-Kreuzfahrtschiff auf den Spuren der antiken Geschichte zu sein ist spannend, doch es ist nicht der Hauptgrund für diese Reise gewesen.

Der Hauptgrund war eine Einladung meiner Kollegin Merryn Somerset Webb. Mit ihr und anderen Analysten aus dem Londoner Büro wollte ich über aktuelle Katastrophen sprechen, nicht nur über die im alten Griechenland.

„Kein Zentralbanker wollte jemals runter zu dieser ‚Null-Fessel'“, erklärte Merryn. (Die „Null-Fessel“ beschreibt das theoretische Limit für Leitzinsen – bei 0% – das so viele Zentralbanker dieser Tage beschäftigt.)

„Das sind keine Idioten. Sie wussten, dass es Verzerrungen auslösen würde. Und sie wussten, dass es sich festfahren würde.“

Merryn zeigte einigen Investoren eine bemerkenswerte Grafik. An jedem anderen Ort wäre das wirklich lächerlich unangebracht gewesen. Doch seit wir die 6.000 Jahre alten Ruinen besichtigt hatten, erschien es absolut angebracht.

„Das zeigt den Verlauf der Zinssätze über die letzten 5.000 Jahre. Wie man vor so langer Zeit den Leitzins festgelegt hat, weiß ich allerdings nicht. Doch was uns diese Grafik deutlich zeigt ist, dass seit der Erbauung der ägyptischen Pyramiden – man kann also sagen schon immer – der Leitzins niemals so niedrig gewesen ist wie heutzutage.“

„Wenn Sie an irgendeine finanzielle Entscheidung denken, die Sie getroffen haben… oder wenn Sie versuchen irgendeinen Kurs zu analysieren, müssen Sie immer daran denken, dass dies in dem Kontext der niedrigsten Zinsen in der Geschichte zu sehen ist.“

Im Allgemeinen bedeuten niedrige Zinssätze höhere Asset-Kurse. Der Grund ist, dass je tiefer die Zinsen sinken, desto mehr steigen andere Aktivposten im Vergleich.

Die Rache der Götter

Doch wehe dem Zins-Fixierer, der die Leitzinsen zu lange zu niedrig hält und dann versucht sie anzuheben. Das ist das Dilemma, in dem Janet Yellen sich wiederfindet. Sie ist verdammt, wenn sie das macht – dafür, dass sie Billionen von Dollar aus dem Wertbestand von Aktien und Anleihen auslöscht.

Sie ist auch verdammt, wenn sie es nicht tut – dafür, dass sie die Situation noch verschlimmert, indem sie noch mehr Geld in unangemessene Asset-Kurs Konjunkturen steckt.

Für mich ist das Okay. Yellen verdient es, verdammt zu sein. Sie hat bewusst und bereitwillig versucht zu tun, was nur die Götter tun können: den richtigen Preis für Kredite = Zins festlegen. Sie hätte es besser wissen sollen.

Der Zinssatz, den die Götter festlegen würden, wenn sie es alleine tun, könnte bei 2% liegen. Vielleicht auch bei 4%. Auch 1 % wäre denkbar. Oder 4,5%. Doch er läge sicher nicht bei null. Ein Leitzins von 0% impliziert, dass Kapital – Ersparnisse – keinerlei Wert haben.

Als Yellens Vorgänger, Ben Bernanke, ihn dort festlegte – tiefer, als er vor 5.000 Jahren gewesen ist – muss das bei den Göttern ein Lachen ausgelöst haben. Nun suchen sie ihre Rache.

Menschen können erfolgreich Autos reparieren. Sie können Wege herausfinden, wie man ein Casino schlägt und Emissionstests bezwingt. Doch Zinssätze erfolgreich festlegen, das können sie nicht. Und genauso wenig können sie die Götter besiegen.

Heute ist die Insel von Santorin (benannt nach der Heiligen Irene) wieder einmal bevölkert. Esel schleppen ausgewachsene Touristen die Klippenwand hinauf. Weiße Häuser sitzen auf dem Rand des Kraters, wie das Topping auf einem Cupcake.

Doch die Stadt ist so voll mit saisonalen Besuchern, dass man kaum einen Weg durch die schmalen Gassen findet. Gruppen in Shorts folgen Tour-Guides, die mit erhobenen Schildern in der Hand versuchen, ihre Gruppe in der richtigen Richtung zu halten. „Brat Pitt und Angelina Jolie haben ein Haus hier“, verkündete Spiros stolz.



Bei solch niedrigen Zinssätzen sind Unfälle praktisch vorprogrammiert
von Bill Bonner

Ich habe darüber geschrieben, wie man, durch radikale Wege, seine Lebenshaltungskosten senkt.

Das monatliche Budget waren 500 Dollar. Ich finde das einfach faszinierend. Doch wenn ich als das Feedback bewerte, dass ich erhalten habe, haben es einige Leser so gemacht!

Interessanterweise berichten die meisten von ihnen, dass von so wenig Geld zu leben, die glücklichste Zeit ihres Lebens war!

In diesem Augenblick gibt Ihr Autor erheblich mehr aus als 500 Dollar im Monat. Ich sitze auf dem Balkon meiner Kabine des Crystal Serenity Luxus-Kreuzfahrtschiff und überblicke den Hafen von Rhodos. (Normalerweise) sind Kreuzfahrtschiffe gar nicht mein Ding, doch ich war eingeladen auf einem Meeting für Analysten und Investoren zu sprechen.)

Zu meiner Rechten befindet sich der Ort, wo sich einst eines der Sieben Weltwunder befand, der Koloss von Rhodos – eine riesige Bronzestatue des Sonnengottes Helios. Die Menschen in Rhodos haben sie erbaut, um den Sieg über den Herrscher von Zypern – Antigonus, der Einäugige – zu feiern.

Der Koloss stand dort 54 Jahre lang, bis er von einem Erdbeben im Jahr 226 v.Chr. zum Einsturz gebracht wurde.

Vier Jahrhunderte später nahm eine arabische Flotte unter dem muslimischen Kalifen Muawiya I., Rhodos ein… zerlegte die eingestürzte Statue… und verkaufte die Bronzeteile an einen jüdischen Kaufmann.

Wie man sich erzählt, war es so viel Bronze, dass es auf insgesamt 900 Kamele geladen werden musste.

Bei so niedrigen Zinssätzen…

Doch ich will Sie mit der Geschichte verschonen und zu meinem Thema zurückkommen: Schmierentheater. Jawohl, die Welt ist zu einem Witz geworden.

Der Dow ist gerade wieder über die 17.000 Marke gestiegen. Was ist los? Korrektur vorbei? Segelt er gerade aus… über die 20.000… und direkt zum Mond?

Auf dem Deck über meinem Balkon verschaffen sich meine Mitreisenden Bewegung, in dem sie das Schiff umrunden. Was höre ich denn da? Ich bemerke eine Stimme…

„Nun, bei so niedrigen Zinssätzen….“, sagte die vertraute Stimme. Es war Tim Price, ein professioneller Investment Manager und ein Kollege aus meinem Londoner Büro.

Tim ging über das Deck und sprach mit einem Freund. Es dauerte ein paar Minuten, bis eine Runde auf dem Deck beendet ist. So bekam ich nur Schnipsel dieser Konversation mit…

„Eines der Dinge, die am schwersten zu verstehen ist…“ war die Phrase, die ich bei der zweiten Runde aufschnappte.

„Natürlich wissen wir nicht, was passieren wird….“, vernahm ich in Runde drei.

Wie ein Archäologe, der ein antikes Gefäß zusammensetzt, werde ich die fehlenden Teile selbst einfügen müssen.

„Bei solch niedrigen Zinssätzen, ist jeder Asset-Kurs fragwürdig“, könnte er gesagt haben.

Oder aber: „Bei solch niedrigen Zinssätzen sind Unfälle praktisch vorprogrammiert.“

Und wie Tim es gesagt hat, „wissen wir natürlich nicht, was passieren wird.“

Quelle: Kapitalschutz Akte
Der niedrigste Zinssatz in 5000 Jahren (von Bill Bonner)
Bei solch niedrigen Zinssätzen sind Unfälle praktisch vorprogrammiert (von Bill Bonner)
Weitere Informationen: Investor Verlag

 

Ein Kommentar auf "Der niedrigste Zinssatz in 5000 Jahren"

  1. FDominicus sagt:

    Es gibt keinen Markt für Geld mehr und daher geht das Geld (auch) den Bach runter. Man kann eben ohne Preise nicht kalkulieren.

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