Der Mythos vom billigen US-Gas (I.)

15. April 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Vor allem die USA drängen die EU zu schärferen Sanktionen gegen Russland. Sollte sich die EU als verlängerter Arm der Staaten auf das Spiel einlassen, darf man sich auf empfindliche Störungen der Energieversorgung einstellen. Der allgegenwärtige Glaube an die Rettung durch das billige US-Gas wird sich als gefährlicher Irrweg entpuppen…

Die Entwicklung des so genannten Shale Gas Booms in den USA folgt einer Choreographie, wie man sie von der Wall Street gewohnt ist. Zunächst wird ein Thema medial platziert. Dann werden  hohe Erwartungen geweckt und Wertpapiere verkauft, deren Käufer sich vom Eintreffen der Prognosen Profite versprechen. Um diese Erwartungen in der Anfangszeit zu erfüllen, wird ohne Rücksicht auf die reale finanzielle Lage und die Kosten der Unternehmen expandiert, investiert und gefördert. Optionsprogramme dienen einigen Entscheidern dabei als Denkhilfe. Die Expansion wird durch den Verkauf neuer Aktien, Anleihen oder strukturierter Vehikel (VPP) finanziert. Geradezu grotesk hohe Erschöpfungsraten der Gasfelder, die die bei den Investoren (und Politikern) vorherrschenden Erwartungen vollends lächerlich wirken lassen gesellen sich zu einer nicht annähernd kostendeckenden Produktion. Von Politikern ist man Denken in Legislaturperioden gewöhnt, von Investoren sollte man mehr erwarten dürfen.

Als neuer Heilsbringer für die finanziell angeschlagene Branche wird auch der Export des in den USA geförderten Gases nach Europa diskutiert. Die Prämisse ist jedoch eine andere als die der Großstrategen in Europa. Während man diesseits des Atlantiks von billigem Gas träumt, weil die Preise drüben (noch) billiger sind als hier, hofft man in den Staaten auf ein paar Sondereinnahmen auf Grund der in Europa höheren Gaspreise. Diesen Unterschied hat man hier offensichtlich noch nicht verinnerlicht. Dabei könnte jeder leicht darauf kommen. Warum sollte jemand, der sein Produkt wegen zu niedriger Preise nicht vor Ort kostendeckend verkaufen kann, es zu diesen niedrigen Preisen andernorts verkaufen, wenn horrende Kosten für den Transport und die Komprimierung zu LNG hinzukommen? Abgesehen davon sind die Voraussetzungen weder für einen Export noch für eine kostendeckende Produktion vorhanden und die träumerischen Prognosen zu den „hundertjährigen“ Reserven lösen sich derweil in heiße Luft auf.

Die billige Energieversorgung durch Shale Gas ist ein Mythos. Je eher man dies einsieht, desto weniger Geld wird man verbrennen und desto weniger außenpolitisches Porzellan zerschlägt man leichtfertig.

Den hohen Kapitalbedarf der Firmen wollte oder konnte man nicht über stetig neue Aktien decken. Was viele Investoren im Rohstoffsektor gerne vergessen ist der Verwässerungseffekt, den neue Aktien mit sich bringen. So wundern sich noch immer zahlreiche Käufer von Minenaktien, warum eigentlich der Kurs nicht so recht auf die Beine kommen will. Die Erweiterung des Sichtfeldes und die Einbeziehung der Marktkapitalisierung der jeweiligen Firma ist da hilfreich. So zeigt sich, dass viele Unternehmensbewertungen nicht so tief gefallen sind, wie es der Aktienkurs suggeriert. Vielmehr wurde durch ständiges Begeben neuer Aktien die Zahl der ausstehenden Anteilsscheine zum Leidwesen der Besitzer alter Aktien drastisch erhöht.

Im Rahmen des von der Wall Street bemerkenswert orchestrierten Shale Gas Booms suchte man nach Alternativen zum Verkauf immer neuer Aktien. Man wurde fündig, in dem man alten Wein in neue Flaschen füllte. Heraus kamen die so genannten Volumetric Production Payments (VPP). Bei dieser Art der Finanzierung erhält das Unternehmen von einem Käufer Kapital und verkauft im Gegenzug Anrechte an der zukünftigen Förderung. So bleibt das Unternehmen Eigentümer der Assets, verkauft aber einen Teil der Produktion im voraus.

Für die Aktionäre ist dies natürlich ebenfalls kein Glücksfall. Zwar wird das Aktienkapital nicht verwässert, aber die zukünftigen Erträge werden geschmälert. Diese Art der Finanzierung ähnelt klassischen Royalty-Strukturen und ist nicht neu. Sie erlebte schon in den 20er und 30er Jahren sowie in den 50er und 60er Jahren Blütezeiten. Rohstoffkäufer können über die Produkte im Vorhinein große Fördermengen erwerben. Einzige Bedingung ist dabei, dass die erwarteten Mengen auch wirklich gefördert werden können. Beim Schiefergas gibt es allen Grund daran zu zweifeln.

Gemäß Surge Capital finden sich bekannte Firmen aus anderen Rohstoffsegmenten unter den Anwendern dieser Strukturen.

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Bemerkenswert ist der jeweilige Anteil der verkauften Produktion. Sollte sich ein Aktionär wundern, warum auch in wieder besseren Zeiten weniger als erwartet bei ihm landet, findet sich hier eine der Erklärungen. Aufschlussreich ist auch die Gegenüberstellung des Gesamtwertes der Produktion anhand des Verkaufspreises für die genannten Anteile.

Der Investor, der zum Lernen bereit ist, kann auch hier erkennen, wie wenig es wert sein kann, wenn ein Unternehmen „schuldenfrei“ ist. Sowohl die dauerhafte Verwässerung als auch der irreversible Verkauf zukünftiger Produktion schadet dem Anleger. Wer nicht nur kurzfristige Bewegungen handeln will, sondern an längerfristigen Anlagen interessiert ist, dem sei ein genauerer Blick in ein paar Geschäftsberichte dringend angeraten.

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6 Kommentare auf "Der Mythos vom billigen US-Gas (I.)"

  1. bluestar sagt:

    Danke liebes Bankhaus für diesen aufschlussreichen Artikel.
    Unter Beachtung dieser Faktenlage frage ich mich allerdings, ob die GROKO-Leute einfach nur dumm sind oder das deutsche Volk vorsätzlich schädigen. Unfassbar was hier abläuft.

    Beste Grüße

  2. Avantgarde sagt:

    Danke für den und auch dem vorherigen zum Thema Schiefergas und den politischen Irrungen.

    Schiefergas ist wohl mehr eine Verzweiflungstat als eine echte Innovation.
    Nach etwa einem Jahr hat sich die Förderquote der Quelle bereits halbiert – und erreicht nicht etwa wie beim Erdöl oder einer konventionellen Gaslagerstätte nach ein paar Jahren das Fördermaximum.

    Über ein paar Generationen gedacht ist es ohnehin fraglich, ob sich für ein paar wenige Jahre Gas die Gefahr einer dauerhaften Grundwasserkontamination überhaut eingegangen werden sollte.
    Wer denn bitte sollte denn da im Zweifelsfall jemals Entschädigung zahlen – falls es denn überhaupt mit Geld zu bezahlen ist?

    Ja ich glaube auch, daß die Amis jetzt dringend nach europäischen oder asiatischen Investoren Ausschau halten müssen bevor die Blase in wenigen Jahren platzt – hat bei den Häusern ja auch geklappt………

    Und egal wie man den Putin einschätzt – bisher hatte sich der Westen ja auch nie an Diktatoren, die die Menscherechte mit Füßen treten gestört.
    Der Sadam war jahrelang enger Verbündeter, Gaddafi hat mit Berlusconi und Sarkozy rauschende Feste gefeiert, die CIA hat bei Assad foltern lassen……..ich könnte unendlich weiter machen.
    Also völlig gleichgültig ob man mehr oder weniger zart beseitet ist – Russland hat billiges und dauerhaft förderbares Gas – und Europa braucht welches.
    Punkt.

    Falls sich Europa weiterhin so dumm anstellt machen die Chinesen noch das Geschäft ihres Lebens.

    • Michael sagt:

      Heißt Schiefergas, da man sich einen Schiefer(n) einzieht vermutlich (Span). Wenn der raus will, dann schwillt der Finger an – das ist die Balse. Deswegen heißt es Schiefer(n)gas.

      Es würde mich in Erstaunen versetzen, käme Gas und wäre es preiswert. Selbst wäre es preiswert, bekäme es der Konsument nicht günstiger – darauf ist Verlass.

      In Österreich gibt es dazu eine klare Meinung. Selbst würde das Gas geliefert müsste mal jemand Infrastruktur errichten …

      Die Amis Melken Europa jahraus und jahrein. Eine Alternative zu haben ist gut, aber schön pomali und keine Wellen schlagen.

      Politiker laufen im Kreis. Die Stärke der U.S. Politiker besteht darin allein darüber zu reden … selbiges zu tun.

      Mir schaut Schiefergas nach einer Investoren Abzocke im großen Stil auf der Ebene Unternehmensansiedlung usw… genauso wie die Beschaffung von Geldern für die Finanzierung.

  3. bluestar sagt:

    Kann mir jemand hier im Forum bitte einmal helfen ?
    Gibt es irgend etwas Positives, Fortschrittliches in Sachen Marktwirtschaft, Freiheit,
    Demokratie und Menschenrechte was in den letzten 15 Jahren aus den USA gekommen ist ???
    Bei Cashkurs gab es einen interessanten Beitrag von Marcus Brumme, engagierter Transatlantiker und US-Fan. Sei kühles Urteil:
    Die USA sind antiamerikanisch geworden und haben o.g. Werte verraten. Damit ist deren Untergang eingeläutet.
    Wieso nur lassen sich die Europäer da mit herunterziehen ? Vielleicht weil hier dieselbe
    Clique wie in den USA die Fäden in der Hand hält ?

  4. Skyjumper sagt:

    Es geht zwar nicht um´s Gas. Aber wie wir alle ja immer wieder lesen und hören durften werden die USA ja nicht nur zum Gasexporteur, sondern auch zum weltweit größten Ölexporteur. Mindest aber zum Selbstversorger! Sagt und schreibt wer? Natürlich die Experten von der IEA, der International Energy Agency. Und natürlich plappert die Mehrzahl der Medien solch Expertenwissen unreflektiert nach (wovor uns das Bankhaus Rott ja immer wieder warnte).

    Und nun? Überraschung: Im Falle Kaliforniens (und zunächst einmal nur für Schieferöl)gesteht man nun ein, sich um unbedeutende 96% geirrt zu haben. Es sind nicht 13,7 Mrd. Barrel, sondern doch nur 0,6 Mrd. Barrel. Na so ein Pech aber auch.

    Quelle:http://www.businessinsider.com/eia-monterey-shale-2014-5?nr_email_referer=1&utm_source=Triggermail&utm_medium=email&utm_content=emailshare

    • Avantgarde sagt:

      …..und bei den restlichen 4% sind die Förderkosten dann so hoch wie die Erlöse….
      🙂

      Wir werden sehen.
      Ich halte von all dem Fracking-Zeugs wenig bis nichts.
      Das sind längerfristig zum großen Teil Verzweiflungstaten.

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