Der Murx mit der Abgeltungssteuer

16. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Aktien sollen anders besteuert werden. Wieder einmal. Aber erst ab 2017, schließlich möchte weder Schwarz noch Rot die wenigen noch verbliebenen Aktionäre schon vor der nächsten Bundestagswahl vergrätzen. Kleinvieh – pardon, die dezimierte Schar der Kleinaktionäre – macht auch Mist…

Konkret: Die erst 2009 eingeführte Abgeltungsteuer in Höhe von 25 Prozent zuzüglich Soli und gegebenenfalls Kirchensteuer soll dem persönlichen Einkommensteuertarif weichen. Cui bono, hat sich da der Sachverständigenrat gefragt und vorsorglich gegen die Abschaffung der Abgeltungsteuer gewettert.

Cui bono, wem nützt es, wenn aus 25 Prozent 30, 40 oder 50 Prozent werden? Dem Staat als Steuereintreiber? Wohl kaum, denn mit 30 bis 40 Prozent träfe er die Leistungsträger der Republik, die sich dann anderen Geldanlagen mit geringeren Steuerabzügen zuwenden dürften, im In- wie im Ausland. Und mit 50 Prozent stieße er wahrscheinlich vollends ins Leere, weil derart hoch in der Progression stehende Anleger mithilfe ausgebuffter Steuerexperten erfahrungsgemäß immer eine Lücke finden, durch die sie dem Fiskus entkommen. Internationale Konzerne, aber auch Steuersparer wie Franz Beckenbauer oder Claudia Schiffer, haben ihnen das ja längst vorgemacht.

Warum die Abschaffung der Abgeltungsteuer ausgerechnet jetzt zu einem Diskussionsthema wird, entbehrt nicht einer gewissen Komik: Nach langwierigen Verhandlungen ist eine internationale Vereinbarung zum automatischen Informationsaustausch zustande gekommen. Sie richtet sich gegen Steuerstraftäter. Ihre Umsetzung in die Praxis ist allerdings frühestens 2017 zu erwarten. Was die Abgeltungsteuer mit ihr zu tun hat, bleibt derweil ein Rätsel.

Der deutsche Fondsverband BVI, dem man in diesem Fall Neutralität zubilligen kann, macht anhand eines einfachen Beispiels klar, was die Steuer auf Kapitalerträge anrichtet: Angenommen, eine Aktie werfe 100 Euro Gewinn ab. Davon gehen je 15 Prozent Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer weg, zusammen also 30 Prozent. Dann beträgt die Dividende 70 Euro. Nach Abzug von 25 Prozent Abgeltungsteuer zuzüglich Soli (zusammen 26,4 Prozent) bleiben 51,52 Euro übrig.

Vergleicht man dieses Aktienbeispiel mit einem Anleihenbeispiel, fällt auf, dass die Ausgangsbasis im zweiten Fall günstiger ist; das heißt, auf Anleihen fällt weder Körperschaft- noch Gewerbesteuer an. Folglich wird die Abgeltungsteuer nicht von 70, sondern von 100 Euro abgezogen, sodass einem Anleger in diesem Fall 73,60 statt nur 51,52 Euro zustehen.

Ist bereits die Abgeltungsteuer ungerecht, muss es ein höherer Einkommensteuertarif erst recht sein. Doch darum wird sich die nächste Bundesregierung wohl kaum scheren. Mit einem so diffizilen Thema den kommenden Wahlkampf zugunsten von Aktien zu bestreiten, entspräche ohnehin politischem Selbstmord. Es sei denn – und das belegen die seit Jahrzehnten anhaltenden stümperhaften Versuche zur Aktienbesteuerung -, man dreht den Spieß zulasten von Aktien um. Dann sind die ach so bösen Kapitalisten an allem schuld, fertig ist der Wahlkampfslogan.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit offenbart, dass sich vermutlich Wirrköpfe mit Steuern auf Aktien beschäftigt haben: Kursgewinne aus Aktien und anderen Wertpapieren waren mal schon nach einem halben, mal erst nach einem Jahr steuerfrei.

Es kam zur Körperschaftsteuergutschrift und zum Halbeinkünfteverfahren. Beide wurden wieder abgeschafft, und schließlich kam es Anfang 2009 zur Abgeltungsteuer. Wer mit Aktien fürs Alter vorsorgen wollte, tat gut daran, ein Depot bis Ende 2008 zusammenzustellen und dann einfach liegen zu lassen. Kursgewinne aus so einem Depot sind und bleiben auch in Zukunft steuerfrei.

Wie das Rechenbeispiel mit der unterschiedlichen Besteuerung von Aktien und Anleihen belegt, kann der Staat anscheinend kein Interesse daran haben, die Förderung von Aktien voranzutreiben. Allein die Tatsache, dass er sich, abgesehen von Steuereinnahmen, überwiegend mit Anleihen aller Art finanziert, spricht für diese These.

Dass über die Hälfte der im Dax enthaltenen Aktien Anlegern aus dem Ausland gehört, spricht jedoch dagegen. Denn ausländische Investoren mit ihrer Jagd nach Performance, die zu vergleichsweise starken Kursschwankungen führt, können den traditionellen Aktiensparern das Geldanlegen ziemlich vermiesen. Darunter leidet nicht zuletzt auch die Altersvorsorge mit Aktien. An ihre Stelle tritt der Riester-Renten-Murks – eine Schande.
© Manfred Gburek – Homepage

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2 Kommentare auf "Der Murx mit der Abgeltungssteuer"

  1. astroman sagt:

    Damit kommen dann auch die klassischen Rentenprodukte wieder besser nach vorne in den Makler-Rechnern: „Damit haben Sie super Steuervorteile im Vergleich zu Aktien.“

    Richtig abstrus wird es dann, wenn dank des Weich-Euros Deutsche kaum noch Anteile mehr an deutschen Firmen kaufen können und diese sukzessive an ausländische Investoren wandern.

    Zum Glück sind Staatsanleihen aber auch irgendwie Anteile am Produktivkapital, so über den Umweg Staat/Steuer fast-direkt an den Unternehmen und Bürgern. Und so schön gehebelt mit 0,5% Zinsen und mit ganz wenig Ausfallrisiko. (Deswegen brauchen wie schnell die Eurobonds, Leute – dann sinkt das Risiko sogar auf 0%!!! 0% Risiko, 0% Zins – das ideale Sparprodukt, wenn es kein Bargeld mehr gibt und Negativzins auffem Girokonto läuft und Aktien mit 103,5% besteuert werden.)

    So schließen wir auch gekonnt die Rentenlücke.

    Und gehen dann mit 70 für ausländische Investoren in den Firmen im eigenen Land arbeiten. Hat doch auch was. Wird uns wenigstens nicht langweilig.

    Strategen dürfte man in diesem Land vergebens in der politischen Landschaft suchen.

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