Der letzte Schrei aus Paris – Spendierhosen à la Hollande!

11. Mai 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(vom Smart Investor) Europa driftet erkennbar auseinander. Während die einen versuchen, wenigstens halbwegs solide zu wirtschaften, gewinnen jene die Wählergunst, die weiter das Schlaraffenland auf Kosten Dritter versprechen. Unsere Chartanalyse zeigt zudem die prekäre Situation an den Aktienmärkten…

Weder plötzlich noch unerwartet

Der vergangene Wahlsonntag (Frankreich, Griechenland, Schleswig-Holstein) war eine „Überraschung“ mit Ankündigung. Schon im Vorfeld war klar, dass jene Länder, die schon bisher über ihre Verhältnisse lebten, dies auch weiterhin tun wollen. Die „Tugend der Sparsamkeit“ ist einer Bevölkerung, die über Jahrzehnte mit Wahlgeschenken und „leichtem Geld“ betäubt wurde, nicht mehr zu vermitteln. Auch für die Normalbürger lautet die ganz weit oben abgeschaute Devise: Rausholen, was rauszuholen ist! Die breite Bevölkerung hat ohnehin kaum Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge und wählt den Kandidaten mit den vermeintlichen größten Spendierhosen. Dabei bedeutet „Sparen“ schon lange nicht mehr das, was die Älteren vielleicht noch darunter verstehen. Ein „moderner“ Staat, der spart, verlangsamt lediglich den Anstieg seiner Verschuldung.

Dass nun ausgerechnet das „Friedensprojekt“ Euro in den ersten Ländern (Griechenland) wieder die Rattenfänger von ganz links und ganz rechts nach oben spült, ist zwar ein grimmiger Witz der Geschichte, aber ebenfalls alles andere als unerwartet.

Alleine auf weiter Flur

Damit ist seit dem vergangenen Sonntag nun auch offiziell, dass der Fiskalpakt ein noch lächerlicherer Papiertiger sein wird, als es Maastricht-Kriterien und No-Bailout-Klausel schon waren. Ein solcher Wegfall der Geschäftsgrundlage würde eigentlich den zur Ratifizierung anstehenden ESM-Vertrag hinfällig werden lassen – eigentlich. Denn auch beim Euro selbst ist die Geschäftsgrundlage durch die permanente Missachtung der Stabilitätskriterien und sonstigen Sicherungen längst entfallen – inzwischen klar erkennbar für jeden, der es erkennen will. Dennoch wird das gescheiterte Währungsexperiment bis zum bitteren Ende künstlich am Leben erhalten. Die Position der Kanzlerin jedenfalls ist nun ebenso einsam wie aussichtslos.


Politische Börsen

Politische Börsen, so heißt es, hätten kurze Beine – eine Eigenschaft, die man, nebenbei bemerkt, auch Lügen nachsagt. Am Montag nach der Wahl zeigte sich dieser „Kurze-Beine-Effekt“, als die Märkte zunächst auf Tauschstation gingen, um sich noch in derselben Sitzung auf wundersame Weise zu erholen (vgl. Abb.1 – DAX). Vordergründig hätte man dies für ein Zeichen besonderer innerer Stärke halten können. Wir tun das nicht. Schon die Umsatzentwicklung ließ erahnen, wie halbherzig die Gegenbewegung eigentlich war. Bei einem bedeutungsvollen Umkehrtag sind in der Regel über- und nicht unterdurchschnittliche Umsätze zu verzeichnen. Diese Erholungsbewegung scheint jedoch hauptsächlich durch technische Effekte entstanden zu sein: So wurde etwa das zur Eröffnung entstandene Abwärts-Gap im Tagesverlauf geschlossen. Im Ergebnis haben wir es mit einem sich ausweitenden Dreieck zu tun. Diese Formation ist deshalb so zermürbend, weil sie die Marktteilnehmer durch vermeintliche Ausbrüche immer wieder auf die falsche Fährte lockt, nur um unmittelbar danach die Gegenrichtung einzuschlagen. Wir haben diese Reihe von Fehlsignalen im letzten Weekly (Nr. 18/2012) bereits aufgezeigt und müssen mit dem Montag dieser Woche ein weiteres Fehlsignal hinzufügen. Allerdings, was sich bereits mit der unterdurchschnittlichen Umsatzentwicklung vom Montag andeutete, bestätigte sich an den Folgetagen. Es erfolgte kein kraftvolles Zurückschnalzen, wie es der Standarderwartung nach einem echten Umkehrtag entspräche, sondern ein erneutes Abbröckeln der Kurse – am Dienstag sogar mit ansteigenden Umsätzen.

Selektive Wahrnehmung

Dennoch sollte man auch betrachten, was an anderen Aktienmärkten geschieht, um gleichsam ein großes Bild zu bekommen. Auf unsere Rubrik „Charttechnik“ im Smart Investor 5/2012 erhielten wir einen kritischen Leserbrief, der die selektive Wahrnehmung bei der Auswahl kritisierte (chinesischer Shenzhen-A und spanischer IBEX). Die subjektive Wahrnehmung ist stets ein Thema, gerade, wenn man antritt, um Argumente, oder zumindest Beispiele für eine These zu finden. Andererseits demonstrieren gerade die Indizes mit Schwächevorlauf, was denjenigen, die sich derzeit noch leidlich halten, bald blühen dürfte.
Unabhängig von diesen Überlegungen wollen wir im Folgenden zwei der stärkeren Indizes herausgreifen: Den amerikanischen S&P-500-Index, weil er den größten Aktienmarkt der Welt repräsentiert und den indonesischen JKSE-Index, der zu den stärksten Aktienindizes gehört.

„Amerika, du hast es besser“?

Zunächst nach Amerika, wo sich die Aktien jüngst vergleichsweise besser hielten als in vielen europäischen Märkten. Zwar sieht der S&P-500-Index (vgl. Abb. 2) noch deutlich stärker aus, als der heimische DAX, die Ermüdungserscheinungen sind jedoch auch hier nicht zu übersehen. Die seit dem Tief vom Oktober 2011 währende Aufwärtsbewegung ist seit April in eine trendlose Phase übergegangen. Diese Trendlosigkeit könnte jedoch auch die sprichwörtliche „Ruhe vor dem Sturm“ sein, denn tritt man einen Schritt zurück, hat die Kursentwicklung seit April viele Eigenschaften einer Topp-Bildung. Negativ ist auch, dass das Hoch aus dem Mai zwar überschritten wurde, sich daran aber keinerlei Dynamik nach oben anschloss, wie man es an solchen Punkten eigentlich erwarten würde. Amerika hat es also in dieser Frage nicht besser, sondern dürfte aufgrund der derzeit relativen Ruhe im USD-Raum lediglich später in den Abwärtstrend einmünden.

Fazit

Die Wahlen des vergangenen Wochenendes brachten den erwarteten Ruck zu Populismus, Umverteilung und Extremismus. Für Anleger sehen wir weiter ungemütliche Zeiten voraus.

©Ralf Flierl, Ralph Malisch Homepage vom Smart Investor


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.