Der kleine Kevin und die Börse

14. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Robert Gehrt) Dieser Marktkommentar dreht sich durchaus um die Börse, aber die heutige Thematik erschließt sich über einen Umweg. Stellen wir uns einen jungen, aufstrebenden Bundesbürger vor, den wir einfach mal Kevin nennen. Kevin zählt fünf Lenze und mag sein Essen nicht. „Nun ist doch das Fleisch, Kevin“ mag die Mutter einwenden…

Doch Sohnemann verlegt sich auf eine stete Verweigerungshaltung. „Nein“. „Aber das ist ein Schnitzel und mit Kartoffelbrei und Sauce, so wie du es magst!“. „Nein!“ „Iss jetzt gefälligst, was anderes gibt’s nicht!“ „Mir doch egal!“ An dieser Stelle mag nun der Vater beherzt eingreifen: „Wenn Du nicht sofort deinen Teller leer isst, gibt es auch heute Abend nichts mehr für dich!“

Kommt Ihnen das bekannt vor? Sicherlich. Aber erinnern Sie sich auch daran, dass Sie selber früher auch so waren? Oder gehören Sie zu denen, deren Erinnerung sich so sehr den eigenen Wünschen nach der „richtigen“ Realität angepasst hat, dass sie nicht nur gegenüber aller Welt, sondern sogar gegenüber sich selbst behaupten, dass sie ein braves Kind waren? Mir begegnet so etwas oft. Menschen meines Alters regen sich über das Nerven zerrüttende Geräusch von Rollern auf und würden bei jedem Klingelspaß am liebsten sofort die Polizei rufen. Nicht mehr im Bewusstsein ist, dass sie selbst Mofas mit abgesägtem Auspuff fuhren und die Klingeltouren damals noch die harmlosesten der „Späße“ waren, die man so drauf hatte. Was hat das mit der Börse zu tun? Nun, alles!

Diese Beispiele zeigen Eigenschaften von Menschen (und Anleger sind Menschen), die das Kursgeschehen an der Börse scheinbar so irrational und kompliziert machen. Zum einen die im realen Leben manchmal sogar heilsame Fähigkeit, sich selektiv nur an das zu erinnern, woran man sich erinnern will. Zum anderen die Fähigkeit zur eselsartigen Sturheit, auch, wenn diese bei einer nüchternen Betrachtung zu fatalen Konsequenzen führen würde.

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die „Hoffnungs-Staffel“ insbesondere an den Aktienmärkten, die seit dem Sommer, beginnend mit ersten verbalen Interventionen, über die neuen Anleihe- Kaufprogramme der großen Notenbanken, über eine Zinssenkung in Europa, über quartalsweises Window Dressing und Verfalltermine bis hin zu der momentanen Hoffnung auf hervorragende Quartalsergebnisse führt. Es gibt immer irgendetwas, worauf die Anleger hoffen, weil die Tatsache, dass sie mehrheitlich auf steigende Kurse setzen, sie unbewusst dazu zwingt, von einer hoffnungsvollen Erwartung zur nächsten zu stolpern. Und die Sturheit und selektive Erinnerung sorgt dafür, dass man sich dabei erfolgreich jedweder rationalen Argumentation verschließt und imstande ist, tatsächlich zu vergessen, dass ein solches Verhalten in den vergangenen Jahrzehnten immer in die Hose ging.

Die nur noch wenigen Bären hingegen verhalten sich ebenfalls stur und uneinsichtig, gehen seit Monaten immer und immer wieder Short und vergessen, dass zu große Ungeduld hinsichtlich einer sicherlich unumgänglichen, abrupten Abwärtswende mehr kostet, als es am Ende einbringen wird. Ja, egal, ob sie nun bullish oder bearish sind, dieser stetige Kursanstieg entgegen einem Umfeld ungelöster Probleme und schwacher Konjunkturdaten beeinflusst die Wahrnehmung.

Wer hätte nicht das Gefühl, der Höhepunkt der Eurokrise sei nunmehr überwunden? Nicht, weil die Konjunkturdaten das andeuten würden, nein, die permanente, optimistische Litanei der Politiker dringt unbemerkt ins Unterbewusstsein ein (und soll es ja auch), wenn man nicht aufpasst (was man eben nicht soll, wenn es nach der Politik geht). Da fällt nicht einmal auf, wenn der scheidende Eurogruppenchef Juncker diesen Behauptungen widerspricht, wie am Donnerstag geschehen.

Und der DAX? Steigt der nicht schließlich ebenso seit Jahresbeginn Tag um Tag – und die US-Börsen auch? Ist das nicht der Beweis dafür, dass die Politiker recht haben und es wieder aufwärts geht? So wird es in der Tat von nicht wenigen empfunden. Aber erstens IST der DAX ebenso wie die US-Indizes in Wahrheit noch gar nicht über das gleich am ersten Tag des Jahres erreichte Kursniveau hinausgekommen. Es „fühlt sich nur so an“. Und zweitens ist diese Argumentation, dass die Börse ein Barometer der wirtschaftlichen Realität sei, ein weiteres Glanzstück aus der großen Sammlung selektiver Wahrnehmungen. Denn wäre dem wirklich so, würden die Kursbewegungen wirklich das wirtschaftliche „Ist“ wiedergeben, die Charts der letzten zwanzig Jahre würde man nicht wiedererkennen…(Seite 2)

(Homepage von Ronald Gehrt)

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