Der Karren im Dreck

19. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Erst mussten wir uns an die Troika und die Dicke Bertha gewöhnen, 2012 garniert mit dem Draghi-Versprechen „whatever it takes“. Irgendwann begriffen wir alle, dass es im Wesentlichen um die finanzielle Rettung eines unrettbaren Eurolands ging, eben Griechenland…

Kaum glaubten wir verstanden zu haben, was sich hinter ESM und Soffin verbarg, da kamen OMT und ELA daher. Der Grexit rückte immer näher, je nach ökonomischem Glaubensbekenntnis dann aber doch wieder nicht. Schließlich kriegt die EZB gerade noch eine Brückenfinanzierung hin, und schon können wir uns über den Griechenland-Soli aufregen.

Der unerträgliche Begriffswirrwarr verdeckt die Verzweiflung, ja Ohnmacht, mit der man in Berlin, Brüssel, Frankfurt und Washington einer Lösung des Problems näher zu kommen gedenkt. In Washington sogar doppelt, weil dort neben der US-Regierung auch der Internationale Währungsfonds beheimatet ist. Beide machen unverhohlen Druck auf Berlin und Brüssel, wobei das politische Motiv unausgesprochen im Vordergrund stehen dürfte – Griechenland deckt in Europa ja die Südostflanke der Nato ab.

Finanziell betrachtet ist der Karren längst in den Dreck gefahren. Das liegt bekanntlich daran, dass der Euro von vornherein eine Fehlkonstruktion war: Zu seiner Geburt träumten vor allem deutsche und französische Politiker vor sich hin, indem sie die Möglichkeit des Abschieds eines Landes aus der Eurozone ignorierten. Sie führten zwar Strafen für den Fall ein, dass ein Land sich nicht an die sogenannten Konvergenzkriterien hielt; aber als es dann zu Verstößen gegen diese Kriterien kam – nicht zuletzt auch vonseiten Deutschlands -, führte man kurzerhand Ausnahmeregelungen ein. Heute lachen sich Politiker und Ökonomen insgeheim kaputt, wenn sie an Konvergenz denken.

Es gab noch eine Reihe weiterer Euro-Schwachstellen. Hervorzuheben ist besonders, dass der Vertrag von Maastricht, sozusagen die Euro-Geburtsurkunde, eine systemrelevante Finanzkrise wie die von 2008/09 einfach nicht in Erwägung gezogen hatte. Als diese über uns hereinbrach, wurde gerettet, was zu retten war. Dazu gehörte, dass angeschlagene Banken wie Commerzbank, Bayern LB, Sachsen LB, IKB und – ein ganz schlimmer Fall – Hypo Real Estate auf dem Umweg über den Staat und damit letztlich zulasten der Steuerzahler am Leben erhalten werden mussten. Der Gipfel der vermeintlichen Rettung bestand im Versprechen von Angela Merkel und Peer Steinbrück, notfalls für das Geld der Bank- und Sparkassenkunden geradezustehen.

Der Finanzkrise, deren Ursprung auf die USA zurückging und deren Auslöser die Pleite der Bank Lehman Brothers war, folgte schon 2010 die Griechenland-Krise, die zunächst nur die Eurozone zu erfassen schien. Dementsprechend gestalteten sich die Rettungsversuche ziemlich vage. Die EZB durfte ihren Statuten gemäß nicht einschreiten, weil man ihr dann womöglich verbotene Staatsfinanzierung vorgeworfen hätte – indes, spätestens am vergangenen Donnerstag ist sie mit ihrer massiven Griechenland-Hilfe de facto zur Staatsfinanzierung übergegangen.

Warum jubeln darüber, wie bereits in den Tagen zuvor, die Börsianer? Um es drastisch auszudrücken: Weil sie sich einen Dreck darum scheren, ob Deutschland in absehbarer Zukunft mit 100 oder 200 Milliarden Milliarden Euro für die finanziellen Schlampereien anderer Euroländer aufkommen muss (nicht nur für die der Griechen), Hauptsache, EZB-Chef Mario Draghi hält die Geldschleusen weiter sperrangelweit offen, sodass die Flut sich erst einmal in der Gegenwart über die Börse ergießt.

Wie lange noch? Niemand kennt die Antwort. Die Mehrheit der Börsianer folgt dem Herdentrott, solange sie sich gegenseitig mit der angeblichen Alternativlosigkeit der Aktien anstacheln. Schlimm wird es erst, wenn die Aktienkurse nachhaltig nach unten drehen. Das kann schon in der kommenden Woche passieren. Oder in einem Monat. Oder viel später. Als Auslöser bieten sich die bekannten Konflikte an, besonders in der Ukraine, rund um Russland, zwischen Japan und China – und natürlich in der Eurozone. Entscheidend wird das Überraschungsmoment sein. Und falls Sie wissen wollen, ob im Gegenzug zum Abdrehen der Aktienkurse nach unten die Preise von Gold und Silber einschließlich der Edelmetallaktien eher nach oben drehen dürften: Ja, nach Auswertung des letzten CFTC Commitments of Traders Report spricht einiges dafür, trotz – oder besser: wegen – des Goldpreisrückgangs vom Freitag…
Manfred Gburek – Homepage



 

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.