Der Irrsinn landet

14. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Während beim Blick auf die Staatsfinanzen oft nur die Relation „Neuverschuldung zum BIP“ betrachtet wird, ist es wesentlich aufschlussreicher, den Anteil der neuen Schulden an den jährlichen staatlichen Gesamtausgaben zu beziffern. Dieses Verhältnis drückt aus, wie sehr man im laufenden Betrieb auf neue Schulden beziehungsweise gedrucktes Geld angewiesen ist. Wie so viele andere Krisenkennzahlen der US-Volkswirtschaft notiert auch diese nahe den historischen Höchstständen…

Das ganze Ausmaß der Misere zeigt der Blick auf die entsprechenden Daten seit den 50er Jahren. Eine derartige Verwerfung, wie sie heute zu sehen ist, muss man erst einmal hinbekommen. Ohne das bestehende Petrodollar-System hätte man wohl seit längerem eine veritable Währungskrise.

Mit den neuen Schulden ist es bekanntlich nicht getan, fehlen doch in diesen Daten wie andernorts auch die Veränderungen der ungedeckten Zahlungsversprechen für Sozialprogramme, das Gesundheitssystem und etwaige Pensionslasten. Das gibt das US-Finanzministerium unumwunden zu.

(US Department of the Treasury )…the Government’s responsibilities to make future payments for social insurance and certain other programs are not shown as liabilities according to Federal accounting standards…These programmatic commitments remain Federal responsibilities and as currently structured will have a significant claim on budgetary resources in the future…The reader needs to understand these responsibilities to get a more complete understanding of the Government’s finances.”

Insgesamt sind die Lasten von Social Security (öffentliches Rentensystem und eine Menge anderer Beihilfen) und Gesundheitssystem erdrückend. Allein die projizierte Unterdeckung aus den drei entsprechenden Programmen beläuft sich auf mehr als $200.000 pro US-Bürger. Das lässt sich auch per Umverteilung nicht mehr schönrechnen, denn wenn man dieses Geld irgendwo auftreibt, fehlt es danach an anderer Stelle. Wie schon bei der Rente gilt einmal mehr, die nominalen Auszahlungen mögen sicher sein, was das in realen Zahlen bedeutet, steht auf einem anderen Blatt.

Viele Menschen, die diesseits des Atlantiks den Wanderprediger Obama von einer Ausweitung der Krankenversicherung schwadronieren hören, halten alle, die sagen, das sei nicht drin, für hartherzige Eisblöcke. Das Problem ist, dass die USA nicht deshalb ein Problem mit dem Gesundheitssystem haben, weil sie zu wenig dafür ausgeben. Die Probleme mit dem Gesundheitssystem existieren, obwohl die Amerikaner pro Kopf mehr als jedes andere Land in ihr ineffizientes System pumpen. Nur weil man plant, mit größeren Kübeln Wasser in ein Nudelsieb zu schütten, wird es sich nicht füllen. Nicht grundlos wird der US-Pharma- und Gesundheitssektor mit seinen Abhängigkeiten von dauernd steigenden öffentlichen Ausgaben an mancher Stelle als aufgeblasen bezeichnet. Auch wenn man das Wort „Blase“ mittlerweile im Zusammenhang mit dem Finanzmarkt öfter hört als beim Urologen ist die Einschätzung zu Big Pharma nicht von der Hand zu weisen…

Die vom Congressional Budget Office (CBO) vorgeschlagenen Maßnahmen zur Stabilisierung des Systems – von einer Gesundung mag man nicht sprechen – sind auch für Europäer nicht neu. So sollen etwa die Altersgrenzen für den Einstieg in Medicare sowie den Bezug von Mitteln aus dem Social Security-Programm heraufgesetzt werden. Des Weiteren soll eine Anpassung dieser Zahlungen an die Entwicklung der Preise erfolgen und sich diese nicht mehr an der Gehaltsentwicklung orientieren. Besonders interessant ist auch der Vorschlag, die Hypothekenzinsen künftig nicht mehr von der Steuer absetzen zu können. Das ist in der Tat ein sinnvoller Gedanke. Leider dürfte dies im aktuell angeschlagenen Bausektor und bei dessen Lobby auf wenig Gegenliebe stoßen. Das ist kein rein amerikanisches Problem. Fragen Sie doch mal in den Niederlanden nach, was man dort von derartigen Vorschlägen hält. Mit fragwürdigen Finanzierungsmodellen kennt sich auch der holländische Immobilien-Höker bestens aus.

Neben den mittlerweile bekannteren Daten, wie etwa den Zahlen der Lebensmittelmarkenempfänger, gibt es weitere unschöne Statistiken. Eine darunter ist die Zahl der Empfänger der US-Renten und Hilfszahlungen aus dem Social Security Program. Die letzten vorliegenden Werte beziehen sich auf den April des laufenden Jahres. Mehr als 56 Millionen US-Amerikaner beziehen mittlerweile Gelder aus diesem Topf, darunter sind mittlerweile nur wenig mehr als 36% im „vorgesehenen“ Rentenalter. Bei einer mittleren monatlichen pro-Kopf-Transferzahlung in Höhe von $1.125 fließt die erkleckliche Summe von $63 Mrd. in dieses Programm – Monat für Monat. Pro Jahr kommt so mehr zusammen als etwa das BIP der Schweiz.

Den Ausgaben stehen Einnahmen gegenüber, die aber bereits seit dem Jahr 2010 nicht mehr ausreichen. Die zuständige Behörde rechnet mit einer deutlichen Verschlechterung der Lage. Mit einer Deckung der Ausgaben durch die Einnahmen rechnet man dabei für die gesamte  Projektionsperiode nicht mehr. Dieser Zeitraum umfasst die kommenden 75 Jahre.

Social Security’s expenditures exceeded non-interest income in 2010 and 2011, the first such occurrences since 1983, and the Trustees estimate that these expenditures will remain greater than non-interest income throughout the 75-year projection period. The deficit of non-interest income relative to expenditures was about $49 billion in 2010 and $45 billion in 2011, and the Trustees project that it will average about $66 billion between 2012 and 2018 before rising steeply as the economy slows after the recovery is complete and the number of beneficiaries continues to grow at a substantially faster rate than the number of covered workers.

Im Falle eines Defizits werden Mittel aus den Rücklagen und den Einnahmen aus selbigen eingesetzt. Solange die Zins- und Kapitaleinkünfte höher liegen als das Defizit, bleiben die Reserven unverändert. Im aktuellen Nullzinsumfeld tut sich der Geldverwalter zwangsläufig schwer, die nötigen Mittel aufzubringen. Schon eine tolle Sache, so eine künstliche hingebastelte Zinskurve.

The trust fund ratio, which indicates the number of years of program cost that could be financed solely with current trust fund reserves, peaked in 2008, declined through 2011, and is expected to decline further in future years.

Auch die Kostenseite macht, vor allem im Verhältnis zu den Erwerbseinkommen, einen dramatischen Wandel durch.

Under current projections, the annual cost of Social Security benefits expressed as a share of workers’ taxable earnings will grow rapidly from 11.3 percent in 2007, the last pre-recession year, to roughly 17.4 percent in 2035.

Alle wundervollen Annahmen über die Möglichkeiten, die fehlenden Mittel über höhere Steuern einzutreiben, sollte man nicht ganz so ernst nehmen. Die vermeintlich in der Zukunft sprudelnden Mehreinnahmen finden sich in der Agenda jedes defizitären Staatsprogramms. Dann fehlt der Steuerdollar in diesem Falle halt andernorts, und man verkleinert das eine Loch, indem man ein anderes vergrößert. Wenn alle öffentlichen Programme ihre neuen Steuermittel auch erhielten, käme im Mittel beim Steuerzahler ein negatives Nettogehalt heraus. Aber wer weiß, sollten die Zinsen wie in der Schweiz noch negativ werden, kann man ja auch durch die Aufnahme eines Kredites Geld verdienen. Damit ergäben sich fraglos vollkommen neuartige Perspektiven …

Man kann darüber streiten, ob man beim Militär, bei der Behandlung der Terrorismusparanoia oder bei einem der zahlreichen Geheimdienste sparen sollte. Aber wer will schon kleinlich werden wegen der paar Milliarden. Schon lange interessiert es die meisten Parlamentarier nicht mehr, woher das Geld eigentlich kommt, das sie ausgeben. Gerade der öffentlichen Hand macht das Ausgeben seit jeher mehr Spaß als das Rechnen und werbewirksamer ist es allemal. Man könnte das System – mit Kapitalismus hat es offensichtlich wenig zu tun – vielleicht Dirigistische Konsumokratie nennen. Sie dürfen alle paar Jahre wählen, wer Ihr Geld ausgibt und sich für Sie verschuldet. Vielleicht kann man auch im Privaten von derartigem Verhalten lernen. Wenn Sie das nächste Mal ein Glas Wasser vor sich stehen haben, dann zum Teufel mit der Bescheidenheit! Trinken Sie es einfach zweimal aus.


 

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15 Kommentare auf "Der Irrsinn landet"

  1. FDominicus sagt:

    Danke, dieses Verschleiern der Schulden durch BIP ist wirklich ätzend. Ich habe das für mich einfach auch mal für Spanien angeschaut und komme dort auf ebenso „erstaunliche“ Werte und offenbar habe ich mich nicht „verrechnet.“ Der Wahnsinn hat wirklich Methode. Ich denke es wäre gut diese Zahlen für die ganze Welt zu sammeln und zu veröffentlichen. Der ganze Irrsinn wird nur auf diese Weise unübersehbar.

    • konnt_ja_keiner_ahnen sagt:

      Naja, prinzipiell doch längst bekannt. Und läuft doch auf nichts anderes raus, als dass für jeden Dollar, der „echt“ erwirtschaftet wird, mindestens 2 Dollar aus der Luft dazugepustet werden müssen. Im Endeffekt gründen diese ganzen -ich nenne es mal- Beispiele des Wahnsinns (Target2 ist auch so was schönes) auf dem simplen Prinzip des Schneeballsystems, auf das wir uns eingelassen haben -äh, nee, falsch-, es muss heißen: auf das wir uns eingelassen wurden.

      • Fnord23 sagt:

        Genau, diese ganzen Argumente hätte man auch schon zu Beginn dieses Zinseszinszykluses bringen können. Das war damals genau so richtig. Hätte aber keiner verstanden.
        Das ist nun mal eine mathematische Notwendigkeit. Und gut.

        Die Frage ist: Wie geht es anders?

        VG

        • FDominicus sagt:

          z.B. Abschaffung des Fiat-Geldes und er Zentralbanken, keinerlei Schulden von Staaten, weniger oder keine Umverteilung. Keine „Wahlgeschenke“. Staatsmonopole gar nicht erst „auftreten“ lassen. Eigentumsrechte stärken und Handelshindernisse abbauen.

          Ich denke also so ziemlich das Gegenteil was uns heute so als „Lösung“ aufgetischt wird. Mehr Kontrolle, mehr Staatseingriffe, mehr Gesetze, mehr Steuern und natürlich viel weniger Eigentumsrechte und viel weniger Freiheit…

          • Avantgarde sagt:

            🙂

            Das ist wohl eher das Rezept für ein sofortiges Game Over…

          • FDominicus sagt:

            Und Sie wollen gerne noch in die Nachpielzeit? Sehen Sie es mal ganz einfach. Das Spiel ist vorbei, jetzt geht es nur noch darum wie schlimm es wird und mit den derzeitigen Aktionen wird es mit Sicherheit nicht besser. Klar bitter wenn man sieht wie ein Kartenhaus zusammenstürzt, das Kartenhaus des Irrglaubens „Schulden spielen keine Rolle“…

        • Bankhaus Rott sagt:

          @konnt_ja_keiner_ahnen
          Tja, im Prinzip ist so vieles bekannt und ennoch kommt im Großen und Ganzen bei der so genannten „Kapitalismuskritik“ außer der Verwechslung von Sachverhalten oft nicht viel heraus. Zumindest aber wird sich so manch korrupter Apparatschik über die Kritik an einem „System“ freuen, dann hat er ja nichts falsch gemacht, ist halt alles systemimmanent. Ob das die Kritiker beabsichtigt haben, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

          @Fnord23
          Dann muss nur die kumulierte gesamte Ausfallrate so hoch steigen wie die kumulierte Verzinsung und schon ist alles in Butter mit dem Zinseszins 🙂

          Beste Grüße
          Bankhaus Rott

          • konnt_ja_keiner_ahnen sagt:

            Ich hab da jetzt -ehrlich gesagt- die Aussage nicht so ganz erfasst, aber spontan würde ich erwidern:

            Sind wir nicht alle ein bisschen Apparatschik? 😉

            Will sagen, ich denke, dass die Segnungen des Systems anfänglich von jedermann gern angenommen wurden und vor allem (zumindest in der westlichen Welt) auch bei (fast) jedem angekommen sind.
            Korruption bzw. würde ich es lieber Überdehnung in Tateinheit mit Raffgier nennen, war darin von vornherein gar nicht unbedingt angelegt (mal abgesehen vom viel gescholtenen Zinseszins, aber dagegen gibts ja die ebenso viel gescholtene Inflation…) und hat sich gaaaanz langsam eingeschlichen. Da wundert es dann auch nicht mehr, dass die Damen und Herren der Politik sich gar nicht bewusst sind, mit was sie es zu tun haben. „Beweis“ habe ich auch für meine Theorie: C. W., BP a.D., q.e.d.

          • Fnord23 sagt:

            Hallo Bankhaus Rott,

            interessanter Gedanke..aber was hat das mit Butter zu tun?

            Ja, das ist das Problem:
            Die Verwurschtelung verschiedener Sachverhalte und deren kausaler Zusammenhänge zu einer leicht verdaulichen toten Oma. Auf das es dem Volk wohl bekomme. Mahlzeit!

            Was hinten raus kommt, sehen wir ja…

            @konnt_ja_keiner_ahnen
            Das ist doch keine Theorie. Das ist eine Beobachtung der Realität:-)

            VG aus dem Erzgebirge!

            PS: Tote Oma nennt bei uns der Volksmund gebratene Blutwurst. Nichts für schwache Mägen:

            h t t p://autoimg.kochbar.de/kbrezept/172049_163877/400×266/rezept-gruetzwurst-tote-oma-bild-nr-3.jpg

  2. wolfswurt sagt:

    Blasen der westlichen Hemnisphäre:

    Nahrungsmittel-Blase
    Fahrzeug-Blase
    Schulden-Blase
    Guthaben-Blase
    Wohnraum-Blase
    Konsumgüter-Blase
    daraus resultiert die
    Müll-Blase
    Produktivitäts-Blase
    Büroraum-Blase
    Menschen-Blase
    daraus resultiert die
    Lebensraumverschmutzungsblase
    Energie-Blase
    usw. usw.

    Nur die Blase der Intelligenz läßt sich nicht ausmachen…

  3. Avantgarde sagt:

    Jedenfalls besser ein „Wanderprediger Obama“ als ein religiöser Irrer wie beim letzten Mal…

    Immerhin hat Obama versucht das Trennbankensystem wieder zu beleben – und scheiterte an den Neo-liberalen Republikanern.

    Ich finde es absolut richtig, daß Obama versucht wenigstens einen Mindeststandard was die Krankenversicherung betrifft einzuführen.
    Es ist einfach ein Skandal, daß in diesem Land eine deratige soziale Schere sich auftut – viele Menschen leben dort nicht besser als in einem Dritte-Welt-Land.

    Es gibt ein extremes Steuererhöhungspotential für die symbolischen 1% – selbst der Buffet lästert ja bereits.
    So würden die überflüssigen Milliarden der Reichen wenigstens noch einen guten Zweck erfüllen und ganz nebenbei auch das BIP erhöhen.

    Weiterhin wäre den Amis ein Umlagesystem als Alterssicherung zu empfehlen.
    Dann ist die Kaufkraft jetzt sofort vorhanden und die Menschen sind nicht mehr in diesem Masse gezwungen an den Börsen zu spekulieren.

    • Bankhaus Rott sagt:

      @Fnord23

      Die Redensart mit der Butter soll aus dem Mittelalter stammen hat also nichts mit den bekannten EU-Butterbergen zu tun …

      Die „Tote Oma“ sieht ziemlich gehaltvoll aus. Die alte Dame nimmt es sicher locker mit so manch Lebendigen auf. Hoffentlich gibt es dazu den passenden Rachenputzer 😉

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo avantgarde,

      es ist halt ein ugly contest, man darf auch beide Seiten nicht mögen.

      Die Trennung zwischen Investmentbanken und Geschäftsbanken, eine in der Tat sinnvolle Sache, wurde von William Clinton aus der demokratischen Partei aufgehoben. Die Subventionierung der Banken zur Vermeidung weiterer Pleiten führte sogar dazu, dass die klassischen reinen Investmentbanken wie Goldman Sachs sich in eine Mischung aus IB und Geschäftsbanken wandelten und so Steuergelder erhalten konnten.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

      • Avantgarde sagt:

        Billy Boy Clinton hat tatsächlich dies und noch ein paar andere dämliche Sachen verbrochen.

        Aber aktuell sehe ich bei der Republikanern einfach gar kein Licht.
        Bereits die Kandidaten aus der Nominierung waren überwiegende Katastrophen – es gibt diverse youtube-clips…eigentlich zu Lachen – aber wenn ich mir vorstelle, daß einer von denen den roten Knopf bedienen darf vergeht mir selbiges.

        Wie auch immer man Obama sieht – er ist vielleicht das kleinere Übel oder aber möglicherweise tatsächlich eine Hoffnung.
        Und scheint zumindest ein paar grundsätzliche Probelme erkannt zu haben.

        Amerika hat aber generell ein Problem mit Wahlen und Demokratie.
        Der, der das meiste Geld hinter sich vereinen kann gewinnt in aller Regel.
        Denn hinter dem Geld stehen die Fernsehsender, Unternehmen und religiöse Gruppen.
        Von den Wahlzählautomaten mal noch gar nicht zu reden…

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