Der Herr Draghi mal wieder. Oder: Wie die EZB sich ihre „Scheinwelt“ bastelt.

9. Mai 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

vom Smart Investor

Sinkende Leistung – steigende Steuern… Wie in der Vorwoche beschrieben, trübt sich die wirtschaftliche Lage weiter ein. Neu an dieser Abkühlungsphase ist allerdings, dass Deutschland nicht länger der kurzfristige(!) Profiteur an der Seitenlinie ist. Vielmehr rückt das dicke Ende der ausufernden „Rettungsschirm“-Politik unweigerlich näher…

Auch die Exportindustrie kommt zunehmend unter den Druck eines unfairen Währungswettbewerbs, wie ihn derzeit ganz besonders Japan betreibt. Die altehrwürdige Wirtschaftswoche mag den regierungsamtlichen Schalmeien, die von der überwundenen Krise künden, jedenfalls auch nicht recht Gehör schenken und titelte diese Woche: „Ab mit Schwung“ – gezeigt wird das große Passagierschiff „GERMANIA“, dessen Bug bereits die Abrisskannte eines Wasserfalls erreicht hat.

Obwohl das Land gerade noch Rekordsteuereinnahmen verzeichnete, zieht eine Partei wie „Die Grünen“ mit einem beispiellosen Steuererhöhungsprogramm in den Bundestagswahlkampf. Das spricht Bände, denn Steuererhöhungen sind bei Politikern, die sich vor Wahlen gerne in Spendierhosen präsentieren, normalerweise tabu. Die Lage ist also offensichtlich ernst. Zwar vergöttern die Politiker aller etablierten Parteien den Euro wie ein „Goldenes Kalb“, keine Partei tut dies aber so rückhaltlos und nachhaltig wie „Die Grünen“.

Vor dem Hintergrund der bereits von der aktuellen Politik auf dem Altar des Euro stark beschädigten, wenn nicht direkt geopferten Errungenschaften wie Souveränität, Rechtsstaat, Demokratie, Gewaltenteilung und Vertragstreue, erscheint der nun zusätzlich geplante Griff in fremde Taschen geradezu als lässliche Sünde – zumal diese Taschen außerhalb der eigenen Klientel vermutet werden. Dabei könnte man jenseits des Rheins, beim sozialistischen Bruder im Geiste, François Hollande, doch einmal mehr studieren, dass hohe Steuersätze nicht mehr Steuereinnahmen bedeuten und steigende Abgabenlasten eben gerade kein Vorbote wirtschaftlicher Prosperität sind.

Unter Politikern scheint aber die fixe Idee, dass Geld ihren Händen, denen der „Classe parasitaire“, besser aufgehoben wäre, als bei denen, die es erwirtschaftet haben, nicht auszurotten zu sein – aus naheliegenden Gründen.

Draghi und der DAX

Trotz der prekären Lage der Realwirtschaft kennt der DAX wieder nur noch einen Weg – den nach oben. Im Zuge dieser Bewegung wurde gestern ein neues Allzeithoch erreicht und schon heute wieder überboten. Als Initialzünder bzw. Brandbeschleuniger dieser Bewegung darf einmal mehr EZB-Chef Mario Draghi gelten, der den Leitzins am vergangenen Donnerstag um weitere 0,25% auf rekordtiefe 0,5% gesenkt hatte.

In diesen Bereichen ist das wohl nur noch Symbolpolitik. In der Realwirtschaft scheint die Maßnahme jedenfalls kaum zu verfangen, denn schon gestern – also nicht einmal eine Woche nach der Zinsmaßnahme – wusste die Süddeutsche in ihrer Online-Ausgabe zu berichten, dass Draghi nun auch ernsthaft über Strafzinsen für Einlagen nachdenkt – zumindest für solche der Banken bei der Notenbank. Auf die symbolischen 0,25% jubelten die Aktienmärkte, denn sie verschärfen den Anlagenotstand der Sparer weiter.

Insbesondere die Deutschen sparen fleißig in Nominalwertanlagen – auch vor dem Hintergrund der jahrzehntelang relativ stabilen DM – und leiden daher besonders unter Draghis Niedrigzinspolitik. Es ist geradezu ein Treppenwitz, dass sich die Notenbanken – als sogenannte Währungshüter – nun auch noch selbst zu „Opfern“ ihrer eigenen Politik stilisieren. Für ihre Reserven, so klagen sie, ließen sich keine geeigneten Anlagen finden, weshalb sie sich laut einer Umfrage vermehrt in erstklassigen Aktien engagieren wollen. Was harmlos klingt, ist nichts anderes als die schleichende (Teil-)Verstaatlichung der besten Unternehmen auf dem kleinen Dienstweg. Billiger als mit selbstgedrucktem Geld lassen sich Anlagen in der realen Welt tatsächlich nicht tätigen… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Der Herr Draghi mal wieder. Oder: Wie die EZB sich ihre „Scheinwelt“ bastelt."

  1. wolfswurt sagt:

    Geradezu notwendig ist die Entscheidung der Entscheider mit noch mehr Geld das System stützen zu müssen, steigert sich dadurch doch die Geschwindigkeit des Zusammenbruchs eines morschen Gebildes.

    Alle Handlungen folgen dem naturbedingten Niedergang einer Zivilisation.

    „Die Räder der Naturgesetze, zwischen welche die Römer geraten waren,zermalten das Reich langsam, aber gründlich“
    E.Knaul, „Rom – Weltmacht biologisch gesteuert“

  2. purity sagt:

    „Notenbanken: …weshalb sie sich laut einer Umfrage vermehrt in erstklassigen Aktien engagieren wollen.“
    Gibt es dazu Zahlen? Welche Notenbanken sind am Aktienmark aktiv? Und veröffentlichen die ihre prozentualen Anteile an den Unternehmen?

    • Avantgarde sagt:

      Tja – die Scheinwelt so mancher Verschwörungstheoretiker ist wohl noch sehr viel größer als die des Herr Draghi.
      🙂

      Definitiv darf die Bank of Japan – und nutzt das auch ausgiebig.

      Die Pöse Fed und Bank of England dürfen es (als sehr wichtige Zentralbanken neben der BoJ) N-i-c-h-t !!

      Bei der EZB bin ich nicht ganz sicher ob sie es nicht theoretisch dürfte – glaub es aber nicht.
      Sie besitzt und besaß nie Aktien.
      Falls ich mich hier täuschen sollte und es eine rechtliche Grundlage für Aktenkäufe gäbe lerne ich freilich gerne dazu.

      Von den 3-4 entscheidenden Zentralbanken greift also nur die BoJ zu Aktien.

      Zu nennen wäre wegen der Grenznähe die SNB – die darf und tut das auch.

  3. samy sagt:

    Was haben wir eigentlich in den letzten Jahren alles erlebt? Die Konten von Sparern können „abgezypert“ werden, somit sind Bankeinlagen samt Bankaktien unsicher.
    Anleihen werfen niedrigste Zinsen ab und können rasiert werden. Somit unrentabel bzw. unsicher.
    Die EZB redet von Negativzinsen, ein Szenario das die FED mindestens seit 2006 durchdenkt (einmal „Robert Blumen“ und „negativ rates“ googeln).

    http://www.fondsprofessionell.de/news/news-products/nid/notenbanken-im-aktienkaufrausch/newskategorie/alle/newsseite/1/gid/1009473/

    Aus dem Artikel:

    „Aktien sind die letzte verbliebene Anlagekategorie“ und „ … Und im Januar meldete schließlich die chinesische Devisenbehörde, dass sie auf der Suche nach „innovativen Verwendungen“ für ihre 3,4 Billionen US-Dollar an Reserven sei – allerdings ohne ausdrücklich Aktienkäufe anzugeben… „

    (@Avantgarde, wenn die Chinesen & Co. mit den Zinseinahmen aus Anleihen Aktien shoppen gehen -also uneinbringbare Forderungen z.T. gegen Sachvermögen umschichten- dann wirst du sehen wie auch die FED und BoE diese Gesetze sehr schnell ändern wird. Es wird medial schlicht als eine patriotische Pflicht verkauft werden, dass volkswirtschaftliche Tafelsilber vor den Zugriff Fremder zu sichern. Das wird bei jedem Crash der Fall sein, denk an die 401k Programme. Die Mittelklasse darf nach 2007 nicht wieder zur Ader gelassen werden.)

    So, steigen die Aktien müssen die Anleihezinsen steigen, damit diese Abnehmer finden. Können sie aber nicht, bei Japan ist zur Zeit bei ca. 2,5% der Kollaps geplant. Also werden die Anleihen nebst den Aktien auch noch verstärkt in die Bilanz geparkt (die FED nimmt eh schon 80% der eigenen US-Anleihen auf), damit die Anleihezinsen unten bleiben. Das versaut das klassische Geschäft der Lebensversicherer, eine weiter klassische Anlage gerät in Verruf.
    Dann würden also sowohl die Anleihemärkte als auch die Aktienmärkte von den ZB’s aufrecht erhalten. Der Wahnsinn hat System.

    So, wenn dann die ersten zu hohen KGV zu Gewinnmitnahmen verleiten, werden Aktien auf den Markt geschmissen. Dann müssen die ZB verstärkt diese Aktien aufkaufen, schon um sich nicht die eigene Bilanz zu versauen? Dort schlummern dann ja Aktien, die eigentlich ansonsten niedriger bewertet werden müssten und auch ZB können pleite gehen.

    Fazit: Konservativste Anlageformen wie Anleihen, Aktien, Bankeinlagen werden langfristig „verrückt“.

    Jetzt würde ich mir mal Exeter’s Pyramide durch den Kopf gehen lassen. Vieles ist seit 2007 bereits eingetreten.

    http://i30.tinypic.com/1zmkpj5.jpg

    Wenn die ZB’s verstärkt Aktien kaufen sollten, dann wird der EM-Markt noch eine Weile flau bleiben. Vielleicht 1-5 Jahre. Aber dann, wenn wirklich jede konservative Anlage unsicher geworden ist (Anleihen, Aktien, Lebensversicherungen, Bankeinlagen, Banknoten … ), dann wird ein großer Teil -natürlich nicht alles- auch in den Sachwert EM fliessen. Der Bullenmarkt für EM ist nicht vorbei. Der Bullenmarkt wäre nur dann vorbei, wenn die ZB ihre Anleihen usw. auf den Markt werfen können, ohne das dieser Markt crasht und die ZB-Bilanz somit ruiniert. Also wenn dieser Markt wieder unabhängig von staatlichen Eingriffen würde. Das sehe ich bei weitem nicht.

    VG

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