Der große Bluff

3. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Solange die Börsen noch nicht eingebrochen sind, warne ich vor blindem Optimismus. Was bedeutet, dass ich mich wiederholen muss, denn man kann den Zeitpunkt einer Trendwende nicht vorhersehen. Sind sie dann eingebrochen, warne ich vor dem rabenschwarzen Pessimismus, der dann die Masse erfasst. Was bedeutet, dass ich mich immer wieder in sofern ins Fettnäpfchen setze, weil ich genau das Gegenteil dessen ankündige, was die Mehrheit gerade denkt. Oder zu denken glaubt. Das macht nicht gerade beliebt…

Aber es ist, angesichts der Unmenge an Narren und/oder Ganoven (man hört, man könne beides sein), die den Leuten nach dem Munde reden und dabei dreist deren Herdentrieb zu ihrem eigenen Vorteil nutzen, dringend erforderlich. Was hinsichtlich dieser Kolumne bedeutet: Wer als Opportunist ohne Sachverstand ein glückliches Leben führt, wenn möglich immer auf Kosten anderer und ohne den Hauch einer Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen, liest gefälligst ab hier nicht weiter und möge gerne beleidigt sein. Die übrig gebliebenen drei Personen darf ich einladen, weiterzulesen.

Ich will zunächst darlegen, um was es mir in dieser Kolumne geht: Die meisten Menschen in den USA und Europa sind dem größten Bluff aufgesessen, den die Menschheitsgeschichte erlebt hat, und treibt dadurch blendender Laune auf einen Eisberg zu, dessen Dimension ausreicht, um nicht nur eine Titanic, sondern ganz Nordamerika und Europa absaufen zu lassen. Das ist schon mal das Fazit für die Ungeduldigen, denn ich weiß, Sie haben keine Zeit. Die hat ja heutzutage niemand. Vor allem dann nicht, wenn es darum geht, sich selbst mal im Spiegel zu beobachten. So, nachdem die Opportunisten und die Eiligen weg sind, hole ich (weil es nötig ist) weiter aus und kann womöglich nun den Singular verwenden:

Eine Welt voller Fachleute

Lieber verbliebener Leser, sind Sie auch, wie angeblich 70% der Bundesbürger, der Ansicht, dass Herr zu Guttenberg nicht hätte zurücktreten sollen? Und teilen Sie die Meinung der Mehrheit, er sei ein guter Verteidigungsminister gewesen? Und er solle zurück kommen, obwohl er noch keine zwei Tage weg ist? Dann freue ich mich für Sie, denn wer im warmen Strom der Masse mitschwimmt und ihre Meinungen adaptiert, dem kann ja nichts passieren … zumindest so lange, bis er plötzlich überraschend im Abfluss landet.

Ich persönlich kann nicht beurteilen, ob Herr zu Guttenberg ein guter Verteidigungsminister war. Gut, ich habe sehr lange in der Bundeswehr gedient und trage den Rang eines Hauptmanns der Reserve (den ich nicht über 27 Reserveübungen geschenkt bekommen habe). Darüber hinaus verlangt meine Tätigkeit, mich permanent und ausführlich auch im politischen Bereich zu informieren und dabei neutral zu bleiben. Trotzdem kann ich mir darüber kein Urteil erlauben. Ich knie in Demut vor all den Fachleuten im Lande, die zwar nie Soldat waren und ihre politisches Fachwissen aus der Boulevardpresse beziehen, aber genau darüber dennoch präzise Bescheid wissen. Und nicht nur das: sie behalten das nicht wenigstens für sich, sondern teilen auch mir mit, wie ich darüber zu denken habe. Ist das nicht seltsam?

Übrigens, wissen Sie noch, wer Rudolf Scharping ist? Der war auch mal Verteidigungsminister. Im Jahr 2002 musste er zurücktreten, weil er seinen Urlaub nicht abbrach und in Mallorca badete, während die Bundeswehr vor ihrem ersten Kampfeinsatz seit ihrer Gründung (in Mazedonien) stand. Nicht, dass da ohne ihn nichts gegangen wäre, aber „man“ fand das zutiefst unpassend. Der öffentliche Druck wurde immer heftiger, sodass ihm nur der Rücktritt blieb und er heute politisch nicht mehr von Bedeutung ist. Lieber Leser, ich frage Sie: Warum musste Scharping wegen einer angeblichen Taktlosigkeit zurücktreten, währen heute Volkes Stimme einem Mann zujubelt, der entweder betrogen oder gelogen hat – oder, alternativ, nicht wusste, wie man eine Doktorarbeit schreibt oder wie man sie schreiben lässt, ohne erwischt zu werden?

Ganz einfach: Scharping wirkte nüchtern und trocken, zu Guttenberg volksnah (obwohl er von Adel ist, was die Leute schon immer besonders toll fanden), jugendlich, tatkräftig … also schlicht „cool“. Wenn man jemanden zu mögen glaubt (denn persönlich kennen tut ihn ja kaum jemand seiner Fans), ist man gerne bereit, mal eben all die Grundsätze über den Haufen zu werfen, die man vorher zu haben glaubte.

Glauben Sie aber nicht, dass es den Leuten bewusst wäre, dass sie mit zweierlei Maß messen! Und genau da wird es bitterernst. Denn dieses Denken und Verhalten, das man bei der Mehrheit der Menschen hinsichtlich Herrn zu Guttenberg beobachtet, ist es auch, das entscheidend dazu beiträgt, dass die allgemeine Grundstimmung ebenso wie die Börsenkurse mit der Realität nichts mehr zu tun haben … es aber bald wieder haben werden!

Sagen wir es doch einfach mal unverblümt: Leute, die nicht mal kapieren, dass sie sich selbst verarschen, merken wohl kaum, wenn man sie geschickt manipuliert, oder? Und genau das passiert bereits seit vielen Jahren. Beispiele…

Immer wieder mit Wonne manipuliert

Glauben Sie wirklich, der Wahnsinn der Jahre 1999/2000, als alle auf einmal glaubten, ein neues Zeitalter werde beginnen und die Börsen ewig steigen, sei zufällig entstanden? Natürlich haben sich die Naiven damals gegenseitig in diesen Wahn hineingesteigert … aber wurden sie nicht durch die Banken via Analysten und Massenmedien dorthin getrieben? Erinnern Sie sich an die Schlagzeilen der damaligen Zeit? Falls ja … warum sind Sie denn heute bereit, diesen Leuten zu glauben, was sie Ihnen weismachen?

Noch Ende 2007 behaupteten nicht nur die fachlich ja nicht kompetenten Politiker, dass keine Gefahr für eine Rezession bestehe, da die Probleme am US-Immobilienmarkt weder die anderen Wirtschaftssegmente noch andere Länder tangieren würden. Nein, auch die Banken und selbst die US-Notenbank unterstrichen diese angeblich sichere Erkenntnis. Unzählige Anleger kauften erleichtert wie im Wahn bis zum Januar 2008 Aktien. Und dann kam die Realität auf ein Bier vorbei … und Panik brach aus. Panik, ja. Aber hat sich die Erkenntnis, dass es besser wäre, selber nachzudenken, dadurch verfestigt? Ha!…. —–>

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