Der Geldraum – Unendliche Weiten

20. Dezember 2010 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer
Wir befinden uns gleich in einer fernen Zeit. Auf der Internetseite der EZB kann der Laie Notenbanker spielen und mit einem Knopf das Geld-All steuern. So eine Notenbankzentrale hat es in sich – wie ein Steuerungsmodul einer Rakete. Wohin das Teil fliegt? Um die Erde? Am Mond vorbei oder hinter den Mars? Mal sehen… Ein Selbstversuch…

Nicht dass ich viel von Geldpolitik verstünde. Da das EZB-Onlinespiel (LINK) unter „Education“ angeboten wird, kann man bestimmt etwas lernen. Im Spiel benutzt man einen einzigen Knopf – den Zinsknopf. Dass das mit der Realität heute nichts mehr zu tun hat, versteht sich von selbst. Da man das Spiel auch in englischer Sprache spielen kann, wäre zu vermuten, dass auch die US-Notenbanker in ihrer Mittagspause etwas Geldpolitik üben. Und als Belohnung für erfolgreiches „Zähmen der Inflation“ winken Sterne in der „Hall of Fame“. Ist „Fame“ etwa der Begriff für ein Schaumbad? Keine Ahnung!

Wie dem auch sei- frisch ans Werk! Zwei Prozent Inflation gilt es zu halten. Null Prozent wären mir lieber, aber fragt mich jemand? Die Leute wünschen sich stabile Preise – auch meine Oma. Und auch ihre Rente sollte auch später noch ausreichen. Was in der Theorie funktioniert, hat im Alltag so seine Schwächen. Das Leben ist viel teuer geworden, vielleicht sogar viel stärker, als es einem die Statistik weismachen möchte. Wer etwas anderes empfindet, muss wohl ein Dummkopf sein. Nun, man kann viele Leute für eine Zeit lang dumm halten, aber nicht alle Leute für alle Zeit. Das sagte zumindest ein amerikanischer Präsident.

Los geht`s…! Wir schreiben Sternzeit Dezember 2010. Die Inflationsrate beträgt gerade 2,5 Prozent. Zinssatz: 3,75 Prozent. Ooops! Der echte Zinssatz liegt doch bei 1,0 Prozent! Also runter mit den „Key Interest Rates“. Mal sehen, was passiert…

Winter 2011

Die Inflation sinkt auf 2,3 Prozent. Ich sehe schon neidische Blicke der Kollegen Notenbanker. Yeah! Die Zinsen belasse ich weiter bei einem Prozent. Schließlich gilt es doch, die Wirtschaft anzukurbeln. Zudem ist die Inflationsrate auch noch nicht bei den erwünschten „um die zwei Prozent“. Doch helfen Sie mir… Wo ist der Knopf, mit dem ich Staatsanleihen aufkaufen kann? Unauffindbar. In der Theorie und in den Statuten der EZB ist so etwas ja auch nicht vorgesehen. Besteht der „Instrumentarienkasten“ wirklich aus einem einzigen Knopf? Die wollen mich bestimmt veräppeln, gerade jetzt, wo halb Europa unter Dingen ächzt, die ein Notenbanker mit „Unsicherheit“ beschreiben würde. Der Knopf für Verbalintervention fehlt auch. Wie stümperhaft! Ich tu jetzt erst mal gar nichts. Was lässt sich ohne Zusatzknöpfe heute noch stemmen?

Sommer 2011

Einen Quartal später sinkt die Inflationsrate auf 1,7 Prozent – etwas zu niedrig. Da die nächste Beförderung hinter der Tür lauert wie der April mit all seinen Scherzen, fahre ich die Politik der ruhigen Hand bei aller Wachsamkeit weiter. Ich mache einfach gar nichts, wie unsere Kanzlerin. Zudem gelten im Allgemeinen niedrige Zinsen als Lösung jeden Übels. M e i n e Zinsen bleiben unten. Basta! Klick!

Herbst 2011

Volltreffer! Die Inflation hat sich bei 2,1 Prozent eingefunden. Die Arbeitslosigkeit sinkt auf 6,6 Prozent. Doch wo? Alles wird gut, höre ich Nina Ruge sagen und klicke weiter. Zu Weihnachten 2011 ist die Inflation auf 2,7 Prozent gestiegen. Ich sollte mal die Zinsen erhöhen. Was die Banken wohl dazu sagen? Vielleicht erlebt der DAX einen Brechanfall? Machen europäische Finanzminister in Stress? Egal. Ich bin ja unabhängig. Gesagt. Getan. Klick! Auf einmal läuft die Kaffeemaschine an. Vielleicht war es doch der falsche Knopf. Und mal ehrlich, eine Politik der ruhigen Hand, der kleinen verlässlichen Schritte ist doch vertretbarer als eine wilde Zinsspielerei. Oma ist stolz auf ihren Enkel.

Frühjahr 2012

Notenbanker zu sein, war bislang ein Kinderspiel. Vielleicht wird es deshalb auf der EZB-Internetseite angeboten. Übrigens hat diese leichte Zinserhöhung die Inflation auf 2,5 Prozent sinken lassen. Der Trend setzt sich auch im Sommer 2012 fort. Im Herbst hebe ich die Zinsen auf 1,5 Prozent an. Wieso? Nur so. Nur aus Spaß. Ein lauter Jubel tönt jetzt aus dem PC-Lautsprecher. Ich wäre auf dem richtigen Weg, steht geschrieben. Na? Wer sagt es denn? Ich bestätige täglich meine Wachsamkeit klicke vier Mal weiter, bis ich im Winter 2013 angekommen bin.

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