Der Geisterfahrer und ich

16. April 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Haben Sie schon mal einen Geisterfahrer live erlebt? Ich hatte jüngst das „Vergnügen“. Man hört ja immer wieder mal von solchen Vorfällen. Wenn man dann aber selbst involviert ist, erkennt man erst, welch Drama sich dahinter verbirgt…

Kurz erläutert: Zweispurige Autobahn, 100 km/h Höchstgeschwindigkeit, ich fahre auf der inneren (Überhol-)Spur, rechts ein Sattelschlepper, der gleichschnell unterwegs ist, d.h. ein Ausweichen nach rechts ist nicht möglich…

Plötzlich taucht in etwa 400 Metern Entfernung ein Auto auf – mir entgegen kommend – Scheinwerfer an – ganz innen an der Mittelleitplanke entlang fahrend – mit etwa 70 bis 80 km/h unterwegs – es bleibt keine Zeit mehr zum Bremsen. Der Moment, in dem man sich dessen gewahr wird, dürfte in etwa mit demjenigen vergleichbar sein, wenn man einen Blick in den Abgrund der Hölle werfen „darf“. Also nochmal: zwei Autos fahren aufeinander zu und teilen sich dabei eine Spur! In einem solchen Moment kann man nicht mehr klar denken… man reagiert nur noch… oder lässt alles fahren:

Der Geisterfahrer hielt sich ganz links (aus meiner Sicht) an der Leitplanke… und ich mich ganz rechts am Sattelschlepper – und das ganze bei 170 Sachen, mit denen wir aufeinander zurasten (100 + 70). Und dann… als wir auf gleicher Höhe waren… habe ich vermutlich die Augen geschlossen… irgendwie… ich weiß nicht wie… ging der Kelch an mir vorüber – und auch an dem Geisterfahrer, denn weder ich noch mein Wagen bekamen auch nur einen Kratzer ab.

Aber warum erzähle ich das? Erstens weil es mich so tief berührt hat, und zweitens, weil die derzeitige Situation an der Börse nicht ganz unähnlich ist. Smart Investor geht derzeit von einem Crack-up-Boom aus. Das bedeutet, dass die Börsenkurse steigen, obwohl sich die volkswirtschaftlichen und politischen Daten tendenziell immer weiter verschlechtern: Die Misere der Südländer, abschwächendes Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern, schwacher Arbeitsmarkt in USA, Ukraine-Krise, Euro-Krise, ISIS usw. und dennoch geht es mit den Aktienkursen weiter nach oben. Der Dax markiert ein neues Rekordhoch, „Problembörsen“ wie Russland beginnen wieder zu laufen und im amerikanischen Wahlkampf werden seit dem Startschuss am Sonntag Rekordsummen verpulvert – allen Warnungen zum Trotz geht also alles wie gehabt seinen Gang.

2,5 Mrd. USD für Hillarys Präsidentschaft

Zwar passen politische Dynastien nicht ohne weiteres zu den Grundgedanken der amerikanischen Verfassung, schließlich ist darin die Gleichheit der Bürger vor dem Staat fest verankert. Auch die Chancen auf die Wahl in ein politisches Amt sollten daher allen Amerikanern gleichermaßen offenstehen. In der Realität scheint sich dies jedoch ganz erheblich zu relativieren, denn mit der Kandidatur von Hillary Clinton stehen die Chancen nicht schlecht, dass die frühere Gattin des 42. Präsidenten nun selbst den Platz im Oval Office einnehmen könnte.

Ihr Konkurrent im Wahlkampf könnte übrigens Jeb Bush, der Sohn des 41. und gleichzeitig Bruder des 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten, werden. Das Weiße Haus sollte also in Familienhand bleiben. Kandidaten ohne Background in der richtigen Sippschaft scheinen dagegen kaum mehr Chancen zu haben, was auch an der notwendigen Finanzierung des Wahlkampfes liegt.

Während die notwendigen Ausgaben 2012, als Barack Obama zum zweiten Mal gewählt wurde, pro Kandidat bei „lediglich“ rund 1 Mrd. USD lagen, wird nun darüber spekuliert, dass Hillary Clinton bis zu 2,5 Mrd. USD (!) in ihre Kampagne stecken könnte. Die notwendigen Ausgaben, um die Wähler zu erreichen, haben sich also innerhalb von lediglich einer Amtsperiode um satte 150% erhöht. Ein Spiel, bei dem offensichtlich nur noch bestens vernetzte Spendensammler mitspielen können. Und vernetzt sind die Clintons und Bushs auf jeden Fall gut genug.

Die notwendigen Mittel sollten diese beiden Kandidaten also spielend zusammenkommen. Stellt sich an sich also nur die Frage, warum überhaupt eine solche Summe notwendig ist und warum der Wahlkampf in den letzten vier Jahren so ungewöhnlich teuer wurde? Schließlich ist die Zahl der zu adressierenden Wähler kaum größer geworden.



Der Preistreiber dürfte also eher von der Einnahmeseite kommen, schließlich wird erneut ein großer Teil der Spenden aus der New Yorker Finanzwirtschaft und diversen Großkonzernen stammen. Also genau dem Teil des Wirtschaftskreislaufes, der am meisten von der herrschenden Liquiditätsflut profitiert. Warum also nicht die vorhandenen Mittel nutzen um durch entsprechende Einflussnahme für eine weitere Fortsetzung der Liquiditäts-Party zu sorgen? Wahlkampf-Kosten sind im Übrigen nicht im Warenkorb der offiziellen Inflationsstatistik enthalten, schließlich ist es ja nur ein relativ elitärer Kreis, der die Kandidaten mit den großen Spendenschecks unterstützt. Uneigennützig dürften die wenigsten derartigen Geschenke sein, die große Rechnung dürfte also jedem potentiellen Sieger präsentiert werden, der im Herbst 2016 das Weiße Haus erobern wird.

Politik aus dem Glashaus

Im Zuge des Ukraine-Konflikts wurden der Rubel und der russische Aktienmarkt zu den Hauptverlierern. Auch die Ölpreise sackten genau in jener Phase ab, als die Einnahmen in Russland hochwillkommen gewesen wären. Das Dreigestirn Rubel, RTX und Rohöl bewegte sich phasenweise Hand in Hand und im freien Fall nach unten. Dann ist es still geworden – und das alleine ist für die betroffenen Märkte schon eine gute Nachricht.

2015-04-15_RTX

Das Russland-Bashing der westlichen Medien war ohnehin nicht mehr zu steigern. Gewiss, den bösen Herrn Putin hätte man noch zum „wirklich bösesten Putin aller Zeiten“ – also so einer Art „böPaZ“ – hochschreiben können. Das Problem mit solchen Superlativen aber ist, dass sie sich abnutzen, sie ermüden die Empfänger, vor allem wenn in der Folge nicht „geliefert“ wird. Und Putin hatte überhaupt keine Absicht zu liefern.

Also begnügte man sich damit, aus Nebensätzen des russischen Präsidenten immer mal wieder das Bild eines aggressiven und rückständigen Landes wachzuhalten. Dieses Bild wurde dann mehr oder weniger gekonnt mit den aktuell propagierten „westlichen Werten“ kontrastiert. Die aber, das zeigt die Geschichte, sind ohnehin jederzeit austauschbar, wenn es passt.

Dem Dauerfeuer folgte also die relative Stille. Eine Stille, in der der eine oder andere Anleger erkannte, wie preiswert russische Unternehmen im Zuge des Absturzes geworden waren. Darunter auch Top-Investor Jim Rogers, der den russischen Aktienmarkt sogar zu einem seiner Favoriten erklärt hatte. Seit dem Tief im Dezember 2014 ist der RTX bis heute – gemessen in Euro – um mehr als 100% angestiegen. Ähnlich positiv sieht es für den Rubel aus, der im Vergleich zu US-Dollar und insbesondere Euro geradezu als Ausbund der Solidität gelten kann.

Die Staatsverschuldung ist im „rückständigen Russland“ jedenfalls kein Problem – ganz im Gegensatz zu den überdehnten Budgets der ach so modernen Schuldenkönige des Westens. Auch hier schaffte es die Propagandamaschine, eine Währung mit an sich positivem Datenkranz in Grund und Boden zu schreiben – buchstäblich aus dem Glashaus heraus. Diese Politik aus dem Glashaus setzt sich bei der – nun stillschweigend verlängerten – Politik der Sanktionsnadelstiche gegen Russland fort. Die Russen verkaufen ihre Energieträger dann einfach vermehrt Richtung Osten, wo sie dankbare Abnehmer finden. Operation misslungen, Patient tot. Risikolos ist das Thema Russland dennoch nicht. Jederzeit muss nämlich mit einer erneuten Eskalation des Konflikts „aus heiterem Himmel“ gerechnet werden. Die Geschwindigkeit mit der die Anleger an die Moskauer Börse zurückgekehrt sind, dürfte zudem einigen Sanktionspolitikern durchaus missfallen. Daher liegen die Gefahrenherde für Russland-Anleger auch nicht primär in Moskau, sondern in Washington und dem treu ergebenen Brüssel bzw. Berlin.

DAX mit Allzeithoch

Allzeithochs sind im DAX dieses Jahr zur Normalität geworden. In der abgelaufenen Woche war es wieder einmal so weit. Der deutsche Aktienindex erreichte am vergangenen Freitag mit 12.390,75 Punkten eine neue Rekordmarke. Das kam nicht unerwartet, ist trendbestätigend und grundsätzlich positiv. Dennoch sollte man nicht überschwänglich oder sorglos werden. Trotz unserer grundsätzlich positiven Haltung zum deutschen Aktienmarkt sind in den untergeordneten Zeitebenen immer auch wieder Rücksetzer möglich – dies besonders, da Aktien mittlerweile landauf, landab als „alternativlos“ angepriesen werden. Es gibt immer eine Alternative. Der Aufwärtstrend wäre durch solche Rücksetzer aber tatsächlich noch lange nicht gefährdet.

Fazit

Der Geisterfahrer an der Börse ist zurzeit der nicht investierte Anleger. Denn trotz aller Gefahren, die den Anlegern derzeit entgegen kommen, scheinen sich die Gefahrensituationen immer wieder in Wohlgefallen aufzulösen.

© Ralf Flierl, Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor



 

Ein Kommentar auf "Der Geisterfahrer und ich"

  1. Pichel sagt:

    „Zweispurige Autobahn, 100 km/h Höchstgeschwindigkeit, ich fahre auf der inneren (Überhol-)Spur, rechts ein Sattelschlepper, der gleichschnell unterwegs ist, d.h. ein Ausweichen nach rechts ist nicht möglich…“

    na holla, anzeigen den Sattelschlepperfahrer, denn der darf nur 80 fahren!

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