Der Funken Wahrheit der in einer Explosion endet

4. August 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Die Beschreibung der Lage an den internationalen Finanzmärkten erinnert an 2007. Es gibt reichlich Liquidität, sinkendes bis nicht vorhandenes Interesse an Anlagen in klassischen Papieren wie Staatsanleihen, Risiken werden ignoriert und die Hoffnung auf zukünftige Erträge kennt keine Grenzen. 

Das alle führt zu einem Verhalten, dass leider zu einer anderen Zukunft als der erhofften führen wird. Das einzig ungewöhnliche am aktuellen Zyklus sind nicht die üblichen Begründungen, warum es ewig so weiter geht. Lediglich das Ausmaß und die Dauer sind bemerkenswert. Howard Marks von Oaktree und sein Sohn haben einige Punkte zusammengetragen, die die aktuelle Situation charakterisieren.

Eine positives Umfeld

Gute Ergebnisse lullen die Investoren ein. Gewinne der Vergangenheit ermutigen die Investoren dazu, derartige Erträge auch in der Zukunft einzufahren. Auf den Gedanken, dass der Preis dieser Gewinne eine zukünftig niedrigere Rendite ist kommen nur wenige.

Ein Funken Wahrheit

Der Boom in bestimmten Sektoren basiert auf einem wahren Kern. Dieser ist durchaus relevant, nur die Bewertung dieses Kerns wird maßlos übertrieben. Beispiele kennt man aus der Techblase, aus den zerplatzten Immobilienbooms oder aktuell bei den FAANG Aktien oder aus dem Bereich der „Cryptocurrencies“.

Frühe Erfolge

Die Gewinne der ersten Investoren ziehen Nachzügler an. Auf den „wise man in the beginning“ folgt der „fool in the end“. Ein übliches Muster an den Finanzmärkten. Wie viele Investoren starren jetzt auf den Kurs der Amazon-Aktie und wie wenige schauen sich Wal Mart oder andere Titel aus geprügelten Sektor wie etwa der Schifffahrt an.

Mehr Geld als Ideen

Investoren wollen anlegen oder reden sich ein sie müssten anlegen. Dabei wollen sie die Renditen der Vergangenheit wiederholen und jagen scheinbar attraktiven Renditen hinterher. Daraus resultieren wie immer übermäßige Risiken. Das ist gut zu erkennen, beispielsweise an Private Equity Investments von minderbegabten Firmen und Pensionskassen, aggressiven Aktienquoten, illiquide Anlagen oder an sorglos gehaltenem Emerging Market oder High Yield-Exposure. Risiken werden verharmlost, Risikostandards zur Unzeit gelockert.

Sinkende Bereitschaft zur gesunden Skepsis

Das Streben nach hohen Renditen überdeckt die Analyse möglicher Probleme. Jeder noch so absurde Wachstumsstory wird geglaubt, keine Geschichte ist zu gut um wahr zu sein.

Ablehnung klassischer Bewertungsmaßstäbe

Anleger gehen davon aus, für ein bestimmtes Unternehmen sei jede Bewertung gerechtfertigt.

Die Suche nach dem „Neuen“

Bekannte Anlageideen und Produkte gelten als uninteressant und als altmodisch. Die größten Gewinne werden im Boom temporär von denjenigen eingefahren, die die Kehrseite der Medaille nicht kennen und daher schmerzfrei zu jeder Bewertung kaufen. Das geht so lange gut wie es gut geht. Um es mit den Worten von Chuck Prince zu sagen: As long as the music plays you have to dance. Das Ergebnis ist bekannt: Wenn die Musik dann ausgeht, ist mancher pleite.

Der „virtuous cycle“ oder die Hausse nährt die Hausse

Kaum jemand kann sich das Ende eines bestimmten Booms ausmalen oder auch nur vorstellen. Es gibt keine Grenzen für die Preise bestimmter Anlagen und es wird in der Breite akzeptiert, dass es im Grunde, wenn auch ab und zu unterbrochen, nur nach oben gehen kann.

Die Angst etwas zu verpassen

Viele Menschen können es besser ertragen gemeinsam arm zu sein als zwar reich, aber nicht so reich wie sein Nachbar zu sein. Am Finanzmarkt können sich nach einem langen Anstieg nur wenige vorstellen, dass es auch mal wieder abwärts gehen kann. Der Optimismus breitet sich aus und der einzig vorstellbare Fehler, den viele sehen, ist es, nicht an Bord zu sein.

Derzeit ist die Risikoaversion trotz über Jahre gestiegener Assetpreise sehr gering. Das führt zu skurrilen Annahmen und Verhaltensweisten. Manch einer verwechselt gar Dividenden mit Zinskupons von Anleihen. Der Glaube an einige Tech-Aktien, die oft weniger mit Tech als mit Konsumprodukten zu tun haben, ist unerschütterlich und selbst Walter Kuballa von nebenan ist Experte für Machine Learning und weiß, warum Amazon oder Google oder beide bald die Welt beherrschen.

Diese Weltherrschaft wurde vor 17 Jahren noch ganz anderen Firmen zugesprochen, darunter Yahoo!, Cisco oder AOL, aber damals waren die Annahmen eben falsch, heute hingegen müssen sie ja richtig sein. Während viele Unternehmen zur Zeit wundervolle Ideen und einige auch tragfähige Geschäftsmodelle haben, ist niemals jede Bewertung gerechtfertigt. Wir verweisen hier noch einmal auf unseren Artikel zum Kampf zwischen Wal Mart und Amazon (LINK). Viele überrascht es erstaunlicherweise immer noch, dass Wal Mart im online Handel deutlich schneller wächst als Amazon, einen Haufen Geld verdient und nicht von Holzköpfen geführt wird. Anders ist es nicht zu erklären warum Wal Mart zwar nicht günstig aber im Vergleich zu Amazon geradezu lächerlich niedrig bewertet ist. Man könnte einfacher sagen, Amazon ist lächerlich hoch bewertet. Aber Sie wissen ja, die Weltherrschaft und so weiter…

Abschließend sei noch auf einen Denkfehler hingewiesen, den viele Anleger machen, wenn sie über passives Investieren nachdenken. Es hat einen Grund warum etwa Warren Buffet Anlegern empfiehlt, einen breiten Index-ETF, z.B. den Total Market ETF zu wählen. Es geht nicht darum, nur irgendeinen ETF zu kaufen und davon auszugehen, mit dem Kauf eines ETF sei man generell auf der sicheren Seite.

Wer sich die irrsinnige Vermehrung der Anzahl der ETFs anschaut, dem fällt rasch die zunehmende Granularität auf. Es gibt mittlerweile unzählige ETFs, die einen kleinen Sektor oder einen anderen winzigen Ausschnitt des Gesamtmarktes abbilden. Wer sich für einen kleinen Ausschnitt des Marktes entscheidet, wählt zwar ein passives Produkt, entscheidet aber dennoch aktiv. Er hat damit das Risiko auch deutlich schlechter abzuschneiden als ein aktiver Manager. Vorsicht also vor ungewollten Klumpenrisiken.

Ansonsten bleibt alles beim Alten. Die letzten beiden Bärenmärkte im S&P 500 und im Euro Stoxx 50 sorgten für eine schmerzhafte Auflösung vieler Buchgewinne.

Zwischen 2000 und 2003 verlor der S&P 500 vor Kosten sämtliche Gewinne, die in den 14 Jahren zuvor angefallen waren. Nimmt man ein Prozent Kosten an, so wurde der Anleger 20 Jahre zurückgeworfen. Beim Dax lösten sich vor Kosten die Gewinne von 20 Jahren in Luft auf.

Zwischen 2007 und 2009 verlor der S&P 500 vor Kosten sämtliche Gewinne, die in den 14 Jahren zuvor angefallen waren. Nimmt man ein Prozent Kosten an, so wurde der Anleger 20 Jahre zurückgeworfen. Beim Dax lösten sich vor Kosten die Gewinne von 20 Jahren in Luft auf.

Diese Zahlen sollte man im Hinterkopf haben, wenn man seine Risikoneigung einschätzt. Schafft man es seiner Strategie treu zu bleiben, wenn das Ersparte von 100.000 Euro auf 50.000 Euro oder gar 25.000 Euro fällt? Hat man noch Zeit genug eine etwaige mehrere Jahre in Anspruch nehmende Erholung abzuwarten oder muss man von seinem Geld schon bald und gegebenenfalls zur Unzeit etwas abziehen?

Das alles sollte man sich immer wieder fragen und ehrlich beantworten. Denn es wird auch dieses Mal nicht anders sein. Das ist die einzige Sicherheit die es gibt.

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8 Kommentare auf "Der Funken Wahrheit der in einer Explosion endet"

  1. Don_Juan_Matus sagt:

    Das Bankhaus Rott & Meyer gehören noch zu den mäßigen (aber regelmäßigen) Warnern.
    Wer aber Zerohedge liest, der sieht immer mehr, immer schneller aufleuchtende rote Warnlampen. „Tesla Ignores Q2 Record Cash Burn…“
    Etliche amerikanische Pensionsfonds sind eigentlich pleite, genauso wie etliche Staaten und der US-Staat sowieso. Im Herbst fährt man gegen die Obergrenze…
    Der Automarkt kollabiert, Immobilienpreise fallen, besonders dramatisch in Kanada.
    Das PE-Ratio einiger Firmen sind schwindelereregend – Facebook 36.6; Amazon 250(!) – wie könnte man den Wahnsinn besser bemessen? Wenn man FANG erweitert, kann man einen treffenden Ausdruck formen: FANGTASIA

    Aber die fabrizierten Booms gäbe es halt nicht, wenn alle Spekulanten vernünftig wären.
    Dieses ganze Gezocke ist halt ein gigantisches Casino – und „Gier frisst Hirn“.
    Hat eigentlich schon irgend jemand mal untersucht, wieviel Spekulanten/Broker unter Spielsucht leiden???

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Don_Juan_Matus ,

      danke für Ihren Kommentar. Im Stillen hoffen wir freilich inständig, Sie meinten „maßvoll“ und nicht „mäßig“ 😉

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. Monti sagt:

    Liebes Bankhaus Rott,

    seit nun fast 2 Jahren lese ich Ihre Beiträge still mit, mit wachsendem Verständnis und Begeisterung. Sie sind stilistisch ein Genuß, v.a. aber habe ich mir ein realitätsbezogenes Wissen über Geld(system), Börsenmarkt und Geldanlage aufbauen können. Vorher fühlte ich mich als Leser des FAZ-Finanzteils gut informiert, musste aber einsehen, dass ich niemals angefangen habe, über das Gelesene wirklich nachzudenken und es zu hinterfragen. Halbwissen ist schlimmer als Nullwissen, weil Halbwissen den Anschein von Wissen erzeugt und man gar nicht auf die Idee kommt, grundlegend nachzubohren.

    Das wäre was, wenn mehr Menschen anfangen würden, über Geld nachzudenken… Ich wollte mal aus der Anonymität heraus ein herzliches DANKE SCHÖN sagen, für Ihre unermüdliche Arbeit, die Klarheit Ihrer Gedanken und den Esprit, wider den Stachel der Konformität zu löcken.

    Ich hoffe und freue mich auf viele weitere anregende Beiträge!

  3. Aristide sagt:

    „As long as the music plays you have to dance.“

    Jepp, ist wie bei „Reise nach Jerusalem“. Allerdings fehlt hier mehr als nur ein Stuhl, wenn die Musik aufhört zu spielen. 😉

  4. Aristide sagt:

    „der einzig vorstellbare Fehler, den viele sehen, ist es, nicht an Bord zu sein.“

    Hach ja, ich bin auch nicht an Board und schaue dem Schiff, das ich verpasst habe, sehnsuchtsvoll nach, dessen Namen ich nur noch teilweise lesen kann. Irgendwas mit „Tit….“ 😉

  5. Aristide sagt:

    „Hat man noch Zeit genug eine etwaige mehrere Jahre in Anspruch nehmende Erholung abzuwarten oder muss man von seinem Geld schon bald und gegebenenfalls zur Unzeit etwas abziehen?“

    DAS ist die richtige Frage. Denn es gilt noch immer „Langfristig sind wir alle tot.“ 😉

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