Der Finanzmarkt: Ein Spiegelkabinett

20. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

7. Seit etwa Mitte 2014 sinken die chinesischen Währungsreserven. Offen-sichtlich verlässt Kapital das Land, und die chinesische Regierung versucht, sich gegen eine Abwertung des Renminbi-Wechselkurses zu stemmen. Zwar hat sie Mitte August eine Abwertung von etwa 3 Prozent gegenüber dem US-Dollar zugelassen. Ob damit schon der Abwärtsdruck von der chinesischen Währung genommen wurde, ist jedoch unwahrscheinlich.

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Eine weitere Abwertung des Renminbi wäre folgenreich für die Weltwirtschaft: Sie würde die Wettbewerbssituation vieler Unternehmen in der westlichen Welt verschlechtern – mit negativen Folgen für Aktienkurse und Kreditrisiken.

8. Die Handelsaktivitäten in vielen Finanzmarktsegmenten haben abgenommen, vor allem auch weil sich Banken (aufgrund der anwachsenden Regulie-rung) aus Geschäftsbereichen zurückgezogen haben. Der kometenhafte Aufstieg des S&P 500 seit März 2009 ist einhergegangen mit einem Rückgang der Anzahl der gehandelten Aktien. Dies lässt tendenziell auf rückläufige Marktliquidität schließen.

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Dies legt nahe, dass in einer möglichen Korrekturphase die Aktienkurse stark zurückgehen könnten: Bei einer kräftigen Verkaufswelle findet der Aktien-markt sein neues Gleichgewicht nur bei merklich niedrigeren Kursen.

9. Die Liquidität eines Marktes lässt sich auch mit der Spanne zwischen An- und Verkaufspreisen bemessen. Je geringer (höher) die Spanne ausfällt, desto liquider (weniger liquide) ist der Markt. Ein Blick auf den physischen Goldmarkt zeigt hier ein recht positives Bild: In den letzten Jahren ist die Spanne tendenziell abgesunken (wenngleich es auch hier zeitweilig einige Ausschläge gegeben hat).

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Es scheint also um die Liquidität des physischen Goldmarktes gut bestellt zu sein – und das stützt den populären Ausspruch, dass Gold immer als Geld akzeptiert wird, auch und gerade in schwierigen Marktphasen.

Der Fluch des Papiergeldes

Konsequenzen

Der vorangegangene Blick auf ausgewählte aktuelle Geschehnisse in den Fi-nanzmärkten hat einige Anomalien und Verzerrungen aufgezeigt. Das sollte für Anleger ein Warnsignal sein. Die Geldpolitik der extrem niedrigen Zinsen und der Geldmengenvermehrung, verbunden mit einer Vielzahl von Regularien, scheint das traditionelle Preis- und Marktgefüge stark zu verzerren.

Vor allem die Niedrigzinsen, für die die Zentralbanken sorgen, verfälschen die Finanzmarktpreise und damit letztlich auch alle anderen Preise in der Volkswirtschaft. Unter diesen Bedingungen laufen Fehlentwicklungen auf. Sie treten solange nicht in Erscheinung, wie die Zinsen nicht steigen – beziehungsweise wie sie daran gehindert werden, auf ihr „natürliches Niveau“ zurückzukehren. Ein Anheben der Zinsen, wie es die US-Zentralbank (Fed) jetzt in Aussicht stellt, wird wohl nicht möglich sein, ohne erhebliche Verwerfungen in den Finanzmärkten und Konjunkturen zu verursachen. Beide hängen nämlich mehr denn je von der Niedrigzinspolitik und dem Zufluss von mehr Kredit und mehr Geld ab – wie die nachstehende Grafik beispielhaft illustriert.

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Die Entscheidung, den Kreditboom und damit das Weltfinanzsystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren, ist bereits im Jahr 2008 gefallen – als die US-Zentralbank in die ultralockere Geldpolitik eingestiegen ist. Das Motto in den wichtigen Zentralbanken der Welt lautet nunmehr „Weiter so“.

Das macht eine wirkliche Abkehr von der Niedrigzinspolitik im Grunde unmöglich. Früher oder später wird ersichtlich werden, dass die US-Leitzinsen nicht, oder wenn, dann nur in einer homöopathischen Dosis, angehoben werden. Und spätestens dann dürfte sich auch die Nachfrage nach Gold wieder beleben und den Goldpreis in die Höhe befördern.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

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Ein Kommentar auf "Der Finanzmarkt: Ein Spiegelkabinett"

  1. Incamas SrL sagt:

    EZB-Chef Mario Draghi hatte ja erst jüngst die Tore für neue Variationen, für neue unkonventionelle Maßnahmen weit geöffnet. Falls erforderlich biete das Anleihen-Kaufprogramm genügend Flexibilität bei Umfang, Zusammensetzung und Dauer, so der Italiener. Alle geldpolitischen Instrumente würden geprüft. Und demnach könnten also bald auch Kommunen und Regionen im Euro-Raum auf Krisenhilfe der Europäischen EZB hoffen. Die EZB prüfe Reuters zufolge nämlich eine Ausweitung ihres Anleihen-Kaufprogramms auf Bonds von Gemeinden und Bundesländern.

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