Der Finanzmarkt: Ein Spiegelkabinett

20. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die Eingriffe der Politik haben in den Finanzmärkten Verzerrungen und Anomalien hervorgerufen. Anleger sollten Vorsicht walten lassen. Die internationale Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2008/2009 die Weltwirtschaft erfasst hat, ist nicht vorbei – auch wenn sich die Konjunktur in vielen Ländern seither scheinbar erholt hat…

Die Besserung ist nämlich durch eine ungewöhnliche Politik zustandegekommen, die die Zinsen extrem herabgedrückt und die (Basis-)Geldmengen kräftig vermehrt hat. Zudem wurde die Regulierung kräftig ausgeweitet.

Das alles hat die Finanzmarktpreise verfälscht. Sie gaukeln etwas vor, das in der Realität, bei klarer Sicht der Dinge, keine Entsprechung hat. Die Finanz-märkte sind zu einem Spiegelkabinett mutiert.

Aber nicht nur die Preise der Finanztitel sind verzerrt. Mittlerweile sind es vermutlich auch deren Werte: Es wird immer schwieriger zu sagen, was eine A-lage – ob Aktie, Anleihe oder Gold – denn wirklich wert ist.

Um Orientierung zu finden, werden im Folgenden auffällige Geschehnisse in den internationalen Finanzmärkten aufgezeigt. Wir beginnen mit der wohl wichtigsten Größe im Finanzmarkt: dem Zins.

1. Die langfristigen US-Marktzinsen, die maßgeblich das weltweite Zinsumfeld bestimmen, befinden sich nach wie vor auf sehr niedrigen Niveaus – obwohl die US- Zentralbank (Fed) Zinserhöhungen in Aussicht gestellt hat.

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2. Künstlich niedrig gedrückte Zinsen bedeuten inflationierte Anleihekurse. In den Bilanzen der Finanzinstitute werden Scheingewinne ausgewiesen, wenn Anleihen zu Marktwerten („mark-to-market“) ausgewiesen werden.Hinzu kommt, dass auf den Kreditmärkten Staatsanleihen zu Besicherungs-zwecken eingesetzt werden. Dadurch wird die Inflationierung der Staatsschul-den in alle anderen Kredit- und Derivativmärkte hingetragen.

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3. Die sogenannten „Swap“-Zinsen sind mittlerweile unter die Zinsen der US-Staatsanleihen gefallen. Das ist eine große „Anomalie“ – schließlich gelten doch die US-Staatsanleihen als die sichersten Papiere. Swap-Zinsen – eine ganz wichtige Größe in den Kreditmärkten – werden von Banken, Unternehmen und Staaten gezahlt, um feste Zinszahlungen in variable zu tauschen. Fallende Swap-Zinsen verbilligen die Verschuldungskosten.

Warum liegen die Swap-Zinsen unter den Zinsen für US-Staatsanleihen? Ver-mutlich spielen neue Regularien eine entscheidende Rolle: Banken wollen we-niger Anleihen halten – und vermehrt Transaktionen über die Derivatmärkte und nicht über die Kassa-Anleihenmärkte abwickeln.

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4. Investoren sind wieder zurückhaltender geworden, europäischen Banken US-Dollar zu leihen. Offensichtlich sehen sie die Euro-Banken als zusehends ri-sikoreicher an. Für Euro-Banken ist es wieder schwieriger beziehungsweise teurer geworden, sich US-Dollar auf dem Kreditwege zu beschaffen. Ihr Zugang zur internationa-len Reservewährung hat sich verschlechtert.

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Der Fluch des Papiergeldes

5. Der chinesische Aktienmarkt hat jüngst eine heftige Berg- und Talfahrt gezeigt. Auffällig dabei war der Gleichlauf zwischen Aktienkursen und kreditfinanzierten Aktienkäufen („Margin Debt“).

polleit-2015-11-20-5Die Verdopplung der Aktienkurse von November 2014 bis Mitte Juni 2015 war besonders eng verbunden mit einem beträchtlichen Anwachsen der auf Kredit finanzierten Handelsaktivitäten. Die Korrektur, die ab Mitte 2015 einsetzte, scheint nun vorüber zu sein. Seit Ende September steigen jedoch die kreditfinanzierten Käufe wieder an – und mit ihnen steigen die Aktienkurse wieder in die Höhe.

polleit-2015-11-20-66. Nicht nur für die Aktienmarktentwicklung in China scheint der Rückgriff auf günstigen Kredit von großer Bedeutung zu sein. Gleiches gilt auch mit Blick auf die Konjunkturlage. Spätestens seit Anfang 2010 ist allerdings die Wachstumsrate des chinesischen Bruttoinlandsproduktes (BIP) gefallen, während die Verschuldung pro BIP merklich angestiegen ist. Das lässt zweierlei Deutungen zu.

polleit-2015-11-20-6Die eine ist, dass die chinesische Wirtschaft immer mehr Kredit braucht, um einen Prozentpunkt Wachstum zu erzielen. Die andere ist, dass die aufgelaufene Verschuldung das Wirtschaftswachstum belastet… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Der Finanzmarkt: Ein Spiegelkabinett"

  1. Incamas SrL sagt:

    EZB-Chef Mario Draghi hatte ja erst jüngst die Tore für neue Variationen, für neue unkonventionelle Maßnahmen weit geöffnet. Falls erforderlich biete das Anleihen-Kaufprogramm genügend Flexibilität bei Umfang, Zusammensetzung und Dauer, so der Italiener. Alle geldpolitischen Instrumente würden geprüft. Und demnach könnten also bald auch Kommunen und Regionen im Euro-Raum auf Krisenhilfe der Europäischen EZB hoffen. Die EZB prüfe Reuters zufolge nämlich eine Ausweitung ihres Anleihen-Kaufprogramms auf Bonds von Gemeinden und Bundesländern.

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