Der Feldzug gegen den Zins und die Folgen für den Goldpreis

9. November 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die weltweit extrem niedrigen Zinsen sind nicht „natürlich“: Sie sind Folge der Zentralbankpolitiken. Eine Rückkehr zu „normalen Zinshöhen“ ist so bald nicht zu erwarten, vor allem nicht im Euroraum. Die Niedrigzinspolitik verursacht Probleme – und sie könnte eine andauernde Wachstumsschwäche befördern. Für Sparer und Anleger im Euroraum bleibt Gold eine „Impfung“ gegen die Widrigkeiten des Euro-Fiat-Geldprojektes.Vorsichtige Schätzungen deuten an, dass der aktuelle Goldpreis eher „zu niedrig“, nicht aber zu hoch ist…

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Quelle: Robert Shiller (September 2015), Thomson Financial

Warum die Zinsen so niedrig sind

Weltweit befinden sich die kurz- und langfristigen Zinsen auf oder nahe historischen Tiefständen. Wie kommt das? Eine Erklärung lautet wie folgt: Es gäbe weltweit sehr große Ersparnisse, die die Investitionsnachfrage überstiegen. Das Resultat wären sehr niedrige Marktzinsen. Eine andere Erklärung ist, dass es die

Zentralbanken sind, die mit ihren Politikmaßnahmen die Marktzinsen künstlich nach unten drücken. Für Letzteres spricht viel.

In den Vereinigten Staaten von Amerika, in Europa und in Japan gibt es einen Feldzug gegen den Zins. Die Leitzinsen der Zentralbanken befinden sich seit geraumer Zeit auf oder nahe der Nulllinie. Das zieht das gesamte Zinsniveau nach unten. Denn zwischen Kurz- und Langfristzinsen besteht ein, in der Regel, enger Zusammenhang. Wird auf den Finanzmärkten erwartet, dass die Zentralbank die Kurzfristzinsen herunterdrückt, beziehungsweise niedrig hält, folgen die Langfristzinsen üblicherweise dieser Vorgabe.

Hinzu kommt, dass viele Zentralbanken mittlerweile Schuldpapiere aufkaufen. Die Nachfrage der Zentralbanken treibt die Kurse der Papiere in die Höhe, und entsprechend sinken die Renditen ab. Dadurch manipulieren die Zentralbanken die Marktzinsen herunter: Sie drücken sie auf ein Niveau, das niedriger ist, als das Niveau, das sich einstellen würde, wenn die Zentralbanken keine Schuldpapiere kaufen würden.

Zwar mag es durchaus sein, dass verminderte Wachstumsaussichten zu niedrigeren Zinsen beigetragen haben. Aber in jedem Falle drücken die Zentralbanken die Zinsen zusätzlich nach unten. Das derzeit sehr niedrige Zinsniveau ist daher alles andere als „natürlich“. Die Gründe, warum es überhaupt zu der aktuellen Tiefzinspolitik gekommen ist, finden sich in der Konstruktion des ungedeckten Papiergeldsystems.

Der Wunsch, den Boom in Gang zu halten

Ob US-Dollar, chinesischer Renminbi, Euro, japanischer Yen oder britisches Pfund: Sie alle sind ungedecktes Papiergeld (oder: Fiat-Geld), das durch Bankkreditvergabe „aus dem Nichts“ geschaffen wird: Durch Bankkreditvergabe, die durch keinerlei „echte Ersparnis“ gedeckt ist, wird neues Geld in Umlauf gebracht. Diese Form der Geldmengenvermehrung führt anfänglich zu einem künstlichen Aufschwung (Boom).

Die künstliche Kredit- und Geldmengenausweitung senkt auf dem Kreditmarkt den Zins herab. Das wiederum macht es beispielsweise für Unternehmen attraktiv, Investitionen anzugehen, die ohne die künstliche Zinssenkung, aufgrund mangelnder Rentabilität, nicht angegangen worden wären. Gleichzeitig entmutigt der gesunkene Zins das Sparen und ermutigt den Konsum. Die Volkswirtschaft beginnt, über ihre Verhältnisse zu leben.

Früher oder später merken Unternehmen, dass sie Preise für die nötigen Produktionsmittel zahlen müssen, die höher sind, als sie in ihrer Kalkulation ursprünglich angenommen hatten. Der abgesenkte Zins hatte ihnen fälschlicherweise vorgegaukelt, dass es ausreichende Ersparnisse gäbe, mit denen die Produktion erfolgreich durchgeführt werden könnte. Doch es zeigt sich, dass die erforderlichen Produktionsmittel (wenn überhaupt) nur zu höheren Preisen eingekauft werden können.

Unternehmen beginnen, ihre Investitionen einzustellen, beziehungsweise zu liquidieren. Sie bauen die Arbeitsplätze ab, die sie zuvor geschaffen haben. Der Boom schlägt in einen Bust um. Angesichts der einsetzenden „Bereinigungsrezession“ werden Rufe laut, die Zentralbank solle doch den drohenden Abschwung „bekämpfen“ mit Zinssenkungen und einer weiteren Ausweitung der Kredit- und Geldmengen. Das mag das ein oder andere Mal auch gelingen. Aber irgendwann landen die Zinsen auf der Nulllinie. Banken sind dann nicht mehr in der Lage oder willens, neue Kredite zu vergeben.

Auch die Kreditnachfrage der Privaten schwindet, wenn die Schuldenlasten zu groß geworden sind. Dann belebt selbst ein sehr niedriger Zins die Kreditnachfrage nicht mehr. Ebbt das Kreditwachstum ab, lässt auch der Geldzustrom in der Volkswirtschaft nach. Dann ist es meist schon vorbei mit dem Boom. Die Unternehmen machen Verluste, die Arbeitslosigkeit steigt. Schuldner sind nicht mehr in der Lage, ihren Schuldendienst vollumfänglich zu leisten.

Keine Anpassungsrezession

Das Problem, das in der Boom-Phase aufläuft, ist nicht, dass es zu einem „zu hohen Wachstum“ kommt. Vielmehr stellen sich Kapitalfehllenkungen ein: Die Güterproduktion geht an der Güternachfrage vorbei, und sie kann mit den vorhandenen Ersparnissen auch nicht erfolgreich abgeschlossen werden. Tritt das zutage, rufen Unternehmen und Arbeitnehmer nach noch niedrigeren Zinsen.

Aber vor allem rufen auch die Staaten danach. Denn sie sind es, die in besonderem Maße abhängig geworden sind von der Schuldenfinanzierung zu niedrigen Zinsen. Sie würden von einem Bust ganz besonders hart getroffen. In einem Bust sinken die Steuereinnahmen, gleichzeitig steigen die Transferzahlungen für zum Beispiel Arbeitslosenunterstützung und Subventionen. Den Schuldendienst zu leisten, wird zum akuten Problem.

Mittlerweile richten die Zentralbanken daher enger denn je ihre Geldpolitik an den Bedürfnissen der Staaten und insbesondere des Banken- und Finanzsektors aus. Als Monopolisten der Geldproduktion verfügen sie über die unumschränkte Macht, strauchelnden Schuldnern jede gewünschte Geldmenge (per Kredit) bereitzustellen. Sie können quasi jederzeit politisch unerwünschte Zahlungsausfälle abwehren.

Davon wird in die Tat umgesetzt, sobald sich ein öffentlicher Konsens herausgebildet hat, dass man keine Anpassungsrezession zulassen darf und soll. Bleibt die Anpassungsrezession aus, werden auch die aufgelaufenen Fehlentwicklungen nicht korrigiert. Das wiederum kann die Wachstumskräfte der Volkswirtschaften schwächen, weil nicht mehr sichergestellt ist, dass knappe Mittel in die Hände der besten Wirte gelenkt werden.

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Quelle: Thomson Financial, eigene Berechnungen
Der „Urzins“ kann nicht negativ sein

Eine Feinunze Gold heute ist mehr wert als eine Feinunze Gold in einem Jahr. Der Wertabschlag, den ein Zukunftsgut (eine Feinunze Gold in einem Jahr) gegenüber einem Gegenwartsgut (eine Feinunze Gold heute) erleidet, ist Ausdruck des „Urzinses“. Er ist aus dem menschlichen Handeln nicht wegzudenken. Die Begründung liegt auf der Hand: Handeln erfordert immer Zeit. Weil Zeit als Mittel zur Erreichung von Zielen knapp ist – das eine zu tun bedeutet stets etwas anderes nicht zu tun –, zieht der Handelnde eine frühere Erfüllung seiner Ziele einer späteren vor.

Der Urzins ist immer positiv. Er kann (aus logischen Gründen) nicht auf null Prozent, geschweige denn darunter fallen. Ein Urzins von null Prozent würde bedeuten, dass der Handelnde niemals konsumiert, dass er fortwährend seinen Konsum immer weiter in die Zukunft verlagert. Eine absurde, irreale Vorstellung. Was ein negativer Urzins bedeutet, lässt sich gedanklich gar nicht begreifen. Jeder handelnde Mensch trägt einen positiven Urzins in sich. Ihn gibt es in einer Marktwirtschaft genauso wie im Sozialismus, und es wird ihn morgen genauso geben, wie es ihn gestern gab.

Auf dem freien Markt bildet sich durch Angebot und Nachfrage nach Ersparnissen ein (nicht direkt beobachtbarer) volkswirtschaftlicher Urzins heraus. Er ist Teil der (direkt beobachtbaren) nominalen Marktzinsen, die neben dem Urzins auch noch Inflations- und Kreditausfallprämien enthalten. Die Zentralbank kann die Marktzinsen in den Negativbereich drücken. Etwa indem sie Anleihen zu einem Preis kauft, der höher ist als die Summe aller Coupon- und Tilgungszahlungen der Anleihe.

Der Urzins – das Wertphänomen, das allem menschlichen Handeln innewohnt – kann jedoch nicht verschwinden, er lässt sich nicht auf oder unter die Nulllinie zwingen. Man nehme einmal an, den Zentralbanken gelänge es tatsächlich, alle Marktzinsen in den Negativbereich und damit unter den Urzins zu zwingen. Das kapitalistische Sparen und Investieren würde aufhören, es käme zu Kapitalverzehr. Es wäre das Ende der arbeitsteiligen, produktiven und damit auch friedvollen gesellschaftlichen Kooperation national wie international.

Ein Schreckensszenario. Dennoch verbreiten einflussreiche Ökonomen eifrig die Botschaft, der „neue Urzins“ (sie sprechen vom „neutralen Zins“) sei nunmehr negativ. Es sei daher die Aufgabe der Zentralbanken, die Zinsen unter die Nulllinie zu zwingen, damit Wachstum und Beschäftigung in den Volkswirtschaften wieder in Gang kommen. Doch die Idee, der Urzins könne negativ sein, ist eine babylonische Denkverwirrung. Sie öffnet Politiken Tür und Tor, die bei unverfälschter Darstellung der Dinge keine öffentliche Akzeptanz finden. Hinter ihr verbirgt sich – denkt man die Dinge konsequent zu Ende – eine freiheitsfeindliche Gesinnung; eine, die die unumstößliche Wahrheit verneint, dass der Mensch handelt.

Sie degradiert das Gemeinwesen gedanklich auf ein zu steuerndes, zu planendes Kollektiv, in dem „Sozialplaner“ das individuelle Wollen beiseitezuschieben, notfalls auch zu beugen haben, damit die „höheren Ziele“ erreicht werden können. Das Bestreben, das weltweite ungedeckte Papiergeldsystem vor dem Kollaps zu bewahren, erfordert immer drastischere Maßnahmen. Dazu gehört auch die geistige Vernebelung, die vermutlich schärfste Waffe: Sie will die Vernunft, das logische Denken, außer Kraft setzen. In diesem Licht muss man wohl auch die Aussage sehen, der Urzins sei negativ geworden… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Der Feldzug gegen den Zins und die Folgen für den Goldpreis"

  1. tm sagt:

    „Die weltweit extrem niedrigen Zinsen sind nicht „natürlich“

    Stimmt, der natürliche Zins – also der Zins, bei dem die Volkswirtschaft angemessenes Wachstum, Vollbeschäftigung und die Zielinflationsrate aufweist – wäre derzeit klar negativ.
    Dass die Zinsen nicht so stark fallen können, wie nötig, ist zudem eher ein Argument gegen Gold. Ein sinkender Zins und damit sinkende Opportunitätskosten wirken sich positiv auf den Goldpreis aus. Kann der Zins nicht mehr weiter sinken, fehlt dieser Impuls.

    „Das wiederum macht es beispielsweise für Unternehmen attraktiv, Investitionen anzugehen, die ohne die künstliche Zinssenkung, aufgrund mangelnder Rentabilität, nicht angegangen worden wären.“

    Ja, genau das ist der Sinn der Zinssenkung, Investitionen sollen attraktiver werden. Das schöne ist, dieses „Argument“ kann man immer anwenden, egal wie hoch der Zins auch ist.

    „küstliche Geldmengenausweitung“

    Nunja, das Geldmengenwachstum in der Eurozone ist seit Ausbruch der Krise historisch niedrig und in den USA liegt es zumindest klar unter dem langfristigen Durchschnitt.

    Seit wieviel Jahren wird nun die Hyperinflation prognostiziert? Jahr um Jahr war die Prognose nun falsch und es gibt ja letztlich auch gar keine Argumente dafür: hohe Arbeitslosigkeit in der Eurozone, unterausgelastete Kapazitäten, stagnierende Löhne und extrem niedriges Geldmengenwachstum. Wo soll da die Inflation herkommen? Aber da diese das Hauptargument pro Gold ist, muss der Goldhändler Degussa dieses Argument eben immer und immer wieder anführen.

  2. Uli sagt:

    Hallo zusammen,

    auf Seite 3 des Artikels wird wie folgt verwiesen:

    „Auf der folgenden Seite sind die Ergebnisse in grafischer Form dargestellt (die Erklärungen dazu finden sich unter den Grafiken).“

    Leider kann ich die Seite nicht aufrufen/finden.

    Können Sie das bitte nachliefern?

    Mfg Uli

  3. Leviathan sagt:

    Eine Verständnisfrage:

    Verstehe ich es richtig, dass jede Euro-Geschäftsbank quasi ein Zwangskonto bei der EZB hat? Das am Ende eines jeden Tages die Bank einen Liquiditätssaldo bildet, und dieser dann automatisch bei der EZB entweder anzulegen ist, aktuell zu Negativzinsen (Überschussliquidität), oder zu funden ist (á Spitzenref-satz)?

    Bildlich gesprochen das Geschäftsbanken also sozusagen Individuuen in einer Welt ohne „Bargeld“ sind und ihr Konto bei der EZB haben.

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